Die Cover kamen in grellen, fluoreszierenden Farben – orange, gelb, rot, blau, türkis, aber auch pechschwarz. Oben standen die meist kurzen Titel, unten die Namen der Autorinnen und Autoren. Eine Gruppe von schwarz gekleideten Demonstrierenden, die Fahnen der anarchistischen Bewegung schwenkten, hatten sich 2010 mit diesen Objekten – überdimensionierten Papp-Nachbildungen von Büchern – gerüstet, um sich der ständigen Polizeipräsenz im Londoner Stadtzentrum entgegenzustellen.
Einen Monat zuvor hatten Studierende, die in Italien gegen Silvio Berlusconis Bildungsreformen protestierten, das Konzept »Book Block« erfunden. Damals füllten sich die Straßen Roms mit Werken wie Platons Republik, Tausend Plateaus von Deleuze und Guattari, aber auch Melvilles Moby Dick, Cervantes’ Don Quijote, Petronius’ Satyricon oder Luther Blissetts Q.
Der spätere »Book Block« in London war eine Reaktion darauf, dass die konservativ-liberale britische Regierung harte Kürzungen für den Bildungssektor und eine Erhöhung der Studiengebühren angekündigt hatte. Auch hier war das Spektrum der Autorinnen und Autoren breit gefächert. Zu sehen waren Rachel Carsons Der stumme Frühling, Herbert Marcuses Der eindimensionale Mensch, Theodor W. Adornos Negative Dialektik und Ivan Illichs Entschulung der Gesellschaft – allesamt Klassiker der Gegenkultur.
Neben diesem Kanon der Neuen Linken der 1960er und 70er Jahre waren auch einige neuere Anschaffungen darunter, von denen Mark Fishers Kapitalistischer Realismus ohne Alternative eine der auffälligsten war. Das 2009 erschienene Buch wurde von der Kritik gelobt und gut verkauft und ist schon jetzt ein Klassiker der Studierendenbewegung von 2010.
Irgendwo zwischen einer dadaistischen Performance und einer Guerilla-Offensive angesiedelt, bildete der Book-Block-Protest, der Fishers Essay mit sich führte, eine Momentaufnahme einer spezifisch neuen Linken, der Millennial Left: akademisch, intellektuell, theorieinteressiert, aber immer noch offen kämpferisch. Sie glaubte an transformativen Wandel und den Aufbau von Institutionen – ganz im Gegensatz sowohl zu der subironischen Sensibilität, die die frühere Gen-Z-Kohorte plagte, als auch zum ostentativen Konformismus der Babyboomer.
PAYWALL
Nur wenige Autorinnen und Autoren haben die Millennial Left so nachhaltig inspiriert wie Fisher. In den 2000er Jahren war sein Blog k-punk ein Hort des kritischen Denkens in einem Miasma aus neoliberalem und akademischem Gruppendenken, ein Vorposten einer reifen, digitalen Gegenkultur. Sein Buch Kapitalistischer Realismus ohne Alternative bot eine Momentaufnahme der politischen und sozialen Landschaft, die die Finanzkrise hinterlassen hatte und in der die konservative Regierung Cameron ihren Sparkurs eingeleitete. Spätere Bücher wie Gespenster meines Lebens erwiesen sich als verspätete Klassiker.
»Der Linkspopulismus war eine kurzfristige Folge des Crashs und zugleich eine langfristige Folge der Desorganisation.«
Seine Schriften inspirierten die britische Studierendenbewegung in den Jahren 2010 und 2011, die daraufhin die Tory-Zentrale im Zentrum Londons stürmte. Fishers Einfluss war jedoch nie ausschließlich britisch, sondern speiste sich stetig aus der tieferen Dynamik des Protests, der sich in den langen 2010er Jahren weltweit ausbreitete.
Im Jahr 2011 schien die sogenannte populistische Explosion der 2010er Jahre noch überwiegend eine Angelegenheit der Rechten zu sein. Der Begriff »Populismus«, der zuvor bereits unermüdlich auf rechte Politikerinnen und Politiker in Europa und Nordamerika angewandt wurde, bezeichnete immer häufiger auch Linke. Von Griechenlands Syriza über Spaniens Podemos bis hin zur Labour Party unter Jeremy Corbyn in Großbritannien und Bernie Sanders in den USA – auf beiden Seiten des Atlantiks setzte nach 2008 ein linkspopulistischer Hype ein. Sie alle brachen mit dem Konservatismus des Dritten Weges der Sozialdemokratie und dem Sektierertum kleinerer linker Parteien.
Wie bei so vielen zeitgenössischen Phänomenen lassen sich auch hier die Wurzeln bis zum Urknall von 2008 zurückverfolgen, dessen Auswirkungen Fisher in Kapitalistischer Realismus diagnostizierte. Allerdings hatte schon lange vor der Finanzkrise eine tiefgreifende politische und psychische Transformation eingesetzt: der säkulare Niedergang der Kollektivität, der sich auch in dem langsamen Abstieg der Massenparteien in allen entwickelten Demokratien ausdrückt. Der Linkspopulismus war eine kurzfristige Folge des Crashs und zugleich eine langfristige Folge dieser Desorganisation.
Kein Entweder–Oder
Vor fünfzehn Jahren brach dem globalen Finanzsystem der Boden unter den Füßen weg. Das Epizentrum lag in den USA, aber die Nachbeben erreichten schnell Europa und erschütterten die Kernarchitektur der Eurozone. Als die europäischen Eliten begannen, harte Sparprogramme umzusetzen, ging eine neue Generation von Aktivistinnen und Aktivisten auf die Straßen und Plätze und forderte ein besseres Leben. Die etablierten Parteien hatten ihre Mitglieder verloren und ihre Unterstützung eingebüßt.
Von Occupy über die Indignados und die Proteste auf dem Syntagma-Platz bis hin zur britischen Bewegung gegen Studiengebühren – diese Proteste florierten neben den sozialdemokratischen Parteien, die ausgetrocknet waren und sich verkauft hatten, oder sie versuchten, die betreffenden Parteien zurückzuerobern. Ihre Art des Engagements hatte sich bereits in den »Nicht-Bewegungen« angekündigt, die aus der frühen Arbeitermilitanz des Arabischen Frühlings hervorgingen.
Im Jahr 2012 wurde den meisten dieser Bewegungen jedoch klar, dass ihre Forderungen nicht erfüllt werden würden; die Energie der Protestierenden auf den Plätzen verflüchtigte sich. Die Austeritätspolitik wurde unvermindert fortgesetzt. Linke Figuren von Pablo Iglesias bis Jean-Luc Mélenchon beschlossen, zu einem neuen Werkzeugkasten zu greifen: Inspiriert von lateinamerikanischen Vorbildern und den Schriften von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe beschloss die atlantische Linke, die Lobgesänge auf die horizontale Organisierung bei Toni Negri und Michael Hardt hinter sich zu lassen und populistisch zu werden.
Auch Fisher wurde immer mehr zu einem natürlichen Bezugspunkt für eine neue Generation von Radikalen. Doch wie diese Millennial Left, die er inspirierte, war auch Fishers eigenes Werk und linkspopulistische Einstellung von chronischer Instabilität gekennzeichnet. Einerseits knüpfte sein Denken an die Epigonen des von Alberto Toscano so bezeichneten »73 thought« an – in erster Linie frankofonen Autoren, die in der Verlangsamung der Kapitalakkumulation nach der Ölkrise ein Anzeichen darauf sahen, dass das Kapital wieder zu einem konservativen Modus zurückkehrte: Die Wachstumsraten sanken, der Konsumismus war aus der Mode gekommen. Anstatt sich an ein überholtes Modell des staatlich gelenkten Kapitalismus zu klammern, mussten die Arbeiterinnen und Arbeiter in die Offensive gehen und die kapitalistische Dynamik beim Wort nehmen. Sie mussten das Kapital dazu drängen, fortschrittlicher zu sein, als es sein konnte.
Fisher hatte wenig übrig für den romantischen Antikapitalismus, der eine adamitische Welt feudaler Unschuld vor der marktwirtschaftlichen Revolution beschwor – eine Tendenz innerhalb eines Sektors der Neuen Linken, der er stets misstrauisch gegenüberstand und für die Teile der ökologischen Bewegung beispielhaft waren. Fisher stand dieser Neuen Linken bedingt kritisch gegenüber, und bezog sich in seinen eigenen Schriften doch stark auf ihre theoretischen Errungenschaften und Anliegen, von Herbert Marcuse bis Jean-François Lyotard, von Félix Guattari bis Angela Davis.
»Wir müssen uns nicht zwischen Klassenpolitik und Antiautoritarismus entscheiden, genauso wenig wie wir uns zwischen Gramsci, Deleuze und Guattari entscheiden müssen«, stellte Fisher 2014 fest. »Die Klassenpolitik muss erneuert und wieder aufgenommen werden«, schrieb er, »sie darf nicht wiederbelebt werden, als sei nichts geschehen. Im Sinne Gramscis müssen wir Institutionen wieder ernst nehmen. Noch immer wird unser Sinn für die Wirklichkeit in den Mainstream-Medien produziert; und trotz all der Rede vom Dahinwelken des Staates hat das Parlament vermittels des Militärs, des Gesundheits- und des Sozialsystems immer noch die Macht über Leben und Tod. Doch diese Institutionen können nicht von innen erneuert werden – es ist notwendig, die Institutionen von außen neu zu denken und unsere Kräfte dort zu sammeln.« Dies war ein heikler Versuch, das Beste der Alten und der Neuen Linken zu vereinen und zugleich die Millennial Left aus dem Morast des »kapitalistischen Realismus« herauszuziehen.
»Der antiorganisatorische Enthusiasmus der Neuen Linken schien den neoliberalen Rückbau des Staates stillschweigend zu billigen.«
Fishers Schreiben vollzog einen ständigen Balanceakt zwischen zwei linken Vermächtnissen. Da er selbst kein Millennial war, eröffnete ihm sein Altersabstand zur Corbyn-Generation den Blick für ein politisches Panorama zwischen zwei organisatorischen Momenten, deren Übergang er in vollem Umfang selbst erlebt hatte. Dabei war er beiden gegenüber gleichermaßen kritisch eingestellt.
So war sich Fisher beispielsweise der stillschweigenden und zuweilen sogar offenen Konvergenz bewusst, die die Neue Linke mit der neoliberalen Ordnung eingegangen war. Sie hatte die anti-institutionellen Energien des späteren neoliberalen Moments vorweggenommen und versucht, die Grenzen von gender, race, Nation und Klasse niederzureißen, die die Arbeiterklasse in ihren fordistischen Käfig gesperrt hatten. Die Neue Linke war wohl kein direkter Faktor, der die neoliberale Wende verursachte, und Fisher warnte davor, es so darzustellen. Er merkte an, dass man nur einer Handvoll Opportunisten solche Komplizenschaft vorwerfen könnte, deren Liebäugelei mit der Linken immer eher ödipal gegen ihre bürgerlichen Vorväter gerichtet war. Doch eine wesentliche Kompatibilität – oder besser gesagt, eine unbequeme Bequemlichkeit – war unbestreitbar: Zwar stellte sich die Neue Linke der neoliberalen Konterrevolution entgegen, jedoch trug sie auch dazu bei, jene Gegenkräfte zu schwächen, die die Vermarktlichung des Sozialen hätten aufhalten können.
Mehr noch, der antiorganisatorische Enthusiasmus der Neuen Linken schien den neoliberalen Rückbau des Staates stillschweigend zu billigen, in der Hoffnung, dass die Thatchersche »Ent-Stratifizierung« der linken Militanz Raum verschaffen würde. Das Endergebnis war natürlich ein anderes: Anstatt neue Räume für linke Militanz zu eröffnen, neutralisierte der Neoliberalismus die Massenpolitik als solche und schränkte den Raum auch für radikale Aktionen massiv ein.
Da der Neoliberalismus nicht in der Lage war, das Wachstum anzukurbeln oder echte Innovation zu stimulieren, und die nun unorganisierte Opposition ihn nicht disziplinieren konnte, nutzte er zunehmend den Staat, um seine Vorstellung von Freiheit durch Marktwirtschaft durchzusetzen. Wirtschaftlich bedeutete dies eine Nullsummenausweitung des Mietverhältnisses, bei der ehemalige Sozialwohnungsbesitzer Häuser kauften und die Lohnstagnation durch Mieteinnahmen ausgleichen konnten.
Auf der Ebene der Populärkultur brach die Hegemonie, die die Arbeiterklasse in der Nachkriegszeit errungen hatte, immer mehr in eine nebulöse »Massenkultur« zusammen, in der Fernsehen, Musik und Kunst von einer anhaltenden Retromanie erfasst wurden – einer Leidenschaft für das Alte, die sich als Sucht nach dem Neuen maskierte. Nachdem die Sozialleistungen gekürzt wurden, die es der Arbeiterklasse ermöglicht hatten, sich in der Kunst zu betätigen, wurde die Welt der Kultur von der oberen Mittelschicht radikal rekolonisiert.
Dass die Bedrohung durch die Arbeiterklasse, die sie gezwungen hatte, kulturell die Führung zu übernehmen, nicht mehr existierte, lähmte jedoch zugleich ihre Fähigkeit zur kulturellen Selbsterfindung und Gestaltung. Stattdessen ahmte sie parasitär die Stile einer früheren Phase der populären Moderne nach. In der Musik der Arctic Monkeys, der Kaiser Chiefs und sogar der früheren Britpop-Sensation Oasis sah Fisher eine fade Wiederverwertung einer untergegangenen Massenkultur, die nun die Regel war.
Fischers Familientherapie
Fisher hat jedoch nie die Neue Linke für diese weltgeschichtliche Stagnation verantwortlich gemacht oder deswegen abgetan. Vielmehr erkannte er die Neue Linke als rationale Antwort auf die Versteinerung und »Überstaatlichung« der Alten Linken. Dies gilt sowohl für wirtschaftliche als auch für politische Fragen. Dass sie in Sachen industrieller Entwicklung auf das Brotverdienermodell setzte, marginalisierte Menschen, die imperial oder patriarchal vom fordistischen Regime ausgeschlossen waren. Zudem stützte sie sich auf ein starres Modell des Humanismus und des kulturellen Fortschritts, das das bürgerliche Erbe des Westens als das primäre Erbe der Arbeiterklasse ansah, das von einer asketischen proletarischen Kultur gepflegt und sogar neu erfunden werden sollte.
Der ursprüngliche fordistische Kompromiss, den diese Alte Linke geschlossen hatte, konnte die libidinösen Energien, die er hervorbrachte, nicht fassen. Nach der gescheiterten Weltrevolution von 1917–23 schlossen die globalen Arbeiterklassen (oder, um genau zu sein, ihre Vertretungen) einen Pakt mit ihren jeweiligen nationalen Bourgeoisien. Anstatt den Kapitalismus zu überwinden, versuchten sie, ein Modell der sozialen Bürgerschaft innerhalb der Grenzen einer kapitalistischen Ordnung zu konstruieren.
Nicht die sozialistischen Revolutionäre, sondern die nationalen Arbeiterbewegungen entpuppten sich als die späten Scharfrichter der sich hartnäckig haltenden alten Ordnungen. Stalins Neuaufteilung der Junkerländereien, die Zerschlagung der alten habsburgischen Stände durch die österreichische Sozialdemokratie und die weitere Abwicklung der Bauernschaft in Frankreich brachten die alte Ordnung tatsächlich an ihr Ende – eine Aufgabe, zu der sich die liberale Bourgeoisie als unfähig erwiesen hatte. Diese Errungenschaft sollte nicht unterschätzt werden, wie Fisher stets betonte. Dass das allgemeine Wahlrecht eingeräumt, ein rudimentärer Wohlfahrtsstaat aufgebaut und die gewerkschaftlichen Freiheiten anerkannt wurden, markiert einen Sieg innerhalb der Niederlage der Arbeiterklasse des 20. Jahrhunderts: Der enge Horizont des Kapitalismus konnte zwar nicht überwunden werden, aber das Proletariat konnte ein gewisses Maß an Menschlichkeit innerhalb eines unmenschlichen Systems erkämpfen.
»Die konsumistischen Rechte, die die nationalen Arbeiterbewegungen errungen hatten, brachten eine neue Jugendkultur hervor, die nicht willens oder in der Lage war, sich in den Fordismus zu integrieren.«
In den späten 1950er Jahren – als der Anteil der Industriearbeiter seinen Höhepunkt erreichte – wurden die Risse in diesem Konsens jedoch bereits deutlich sichtbar. Die konsumistischen Rechte, die die nationalen Arbeiterbewegungen errungen hatten, brachten eine neue Jugendkultur hervor, die nicht willens oder in der Lage war, sich in den Fordismus zu integrieren. Die »Integration«, für die ihre Vorfahren indirekt gekämpft hatten und die zugleich deren Niederlage anzeigte, war für sie unerreichbar.
Fishers eigenes Werk kann als ein vorsichtiger therapeutischer Versuch angesehen werden, diese Spannung zu verarbeiten. Der Neoliberalismus hatte die widersprüchlichen Energien der Neuen Linken eingehegt und ihren Anti-Institutionalismus in eine Neutralisierung der Politik als solcher kanalisiert. Dass die Politik individualisiert, die alten Kollektive zertrümmert und die soziale Bürgerschaft zerschlagen wurde, hatte eine allgemeine Demobilisierung zur Folge. Gleichzeitig war eine Rückkehr zum starren Ökonomismus der Alten Linken nicht möglich.
Die übliche Antwort darauf war eine Art »depressiver Hedonismus«, der erst durch den Schock von 2008 teilweise durchbrochen wurde, als der linke Populismus versuchte, sich die Fragen der Neuen und der Alten Linken neu anzueignen. Was blieb, war der bloße Druck der Negativität: »So« kann es nicht weitergehen, »das« werde ich nicht ertragen. Mit seiner Unterstützung für die Labour Party, seinem vorsichtigen Optimismus in Bezug auf den Brexit und seinem Enthusiasmus für den Linkspopulismus sah Fisher eine Linke, die sich endlich wieder der Machtfrage zuwandte.
In einem Beitrag für die Platypus Review aus dem Jahr 2020 hat Ephraim Carlebach versucht, diese Facetten in Fishers Denken weiter herauszuarbeiten. Carlebach zufolge hat ein Teil der Millennial Left Fishers Einsichten absichtlich »vergessen« und sich für eine Seite des Widerspruchs entschieden, ohne sich jemals mit deren Spannung auseinandergesetzt zu haben. Fishers Versuch, »die Alte und die Neue Linke wieder zusammenzubringen«, war seiner Ansicht nach »kein Akt des Erinnerns, sondern ein Akt des Vergessens: Vergessen wurde, dass es der alten Labour-Linken, die von der stalinistischen Kommunistischen Partei unterstützt wurde, nie darum ging, den Kapitalismus zu überwinden, sondern nur darum, wie Fisher es ausdrückt, ›seine schlimmsten Auswüchse zu mildern‹.«
Wie Carlebach feststellt, war Fisher »empfänglich für die Schockwellen des Jahres 2016«, da seine Theorie und seine Kritik »in einem solchen Ausmaß vom (Anti-)Neoliberalismus ausgingen, dass die Krise des Neoliberalismus seine frühere Umsicht wegschmolz«. Er suchte daher nach »Alternativen für den Postneoliberalismus« in einer »sanft-linken Sozialdemokratie«, kombiniert mit der Sensibilität der Neuen Linken. Um eine Form des »deflationären Bewusstseins« zu bekämpfen, versuchte Fisher dann, »sich unter der Überschrift ›acid communism‹ – dem Titel des Buches, welches er zum Zeitpunkt seines Suizids plante – Formen des ›consciousness raising‹ zuzuwenden, die er von der Neuen Linken der 1960er und 70er Jahre herüberrettete«. Dabei handelt es sich Carlebach zufolge um »eine bemerkenswerte Umkehrung seiner früheren Position«, nach der eine Dialektik der Niederlage dazu geführt habe, dass die Gegenkultur im Neoliberalismus kulminierte.
Carlebach weist zu Recht darauf hin, dass Fishers Problem ein inhärent politisches war. Anstatt jedoch diese Tendenzen als intellektuelle Abweichungen darzustellen, lassen sie sich als Ausdruck zweier politischer Momente, zweier unterschiedlicher Ausprägungen eines anderen Kapitalismus verstehen. Die Millennial Left zeichnete sich als Erbin zweier blutsverwandter, aber immer noch ödipal miteinander verflochtener Linien aus: einer Alten Linken, die sich dem Aufbau von Institutionen, der Würde der Arbeit und der Arbeiterbewegung verschrieben hatte, und einer Neuen Linken, die der Institutionalisierung ablehnend und der Arbeit skeptisch gegenüberstand und lieber die »Bewegung der Bewegungen« als eine monolithische Arbeiterbewegung vertreten wollte.
Abstinenz und Drogenkonsum, Disziplin und Spontanität, Planwirtschaft und Grundeinkommen, Reterritorialisierung und Deterritorialisierung konkurrieren hier um die Vorherrschaft in ein und demselben ideologischen Gehirn. Aaron Bastanis Träume von der Vollautomatisierung, Peter Frases weird socialism, Jodi Deans Verteidigung der Genossenschaft gegen das Netzwerk, eine neo-foucaultsche Gefängniskritik gepaart mit Wohlfahrtsstaatsnostalgie, Asad Haiders Versuch, »Klasse« und »Identität« in Einklang zu bringen, und Jeremy Gilberts acid communism verbinden sich hier mit einem Plädoyer, zu Partei und Wahlen zurückzukehren.
Der Linkspopulismus – das Projekt der Millennial Left – war der bedeutendste Versuch, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen. Einerseits entstand er gerade aus Ablehnung dieser »antipolitischen«, bewegungsorientierten Impulse, die den Occupy-Moment antrieben. Die Idee, man könne »die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen«, erschien nun gefährlich und sogar lächerlich, durchbrochen von der sich verlierenden Energie der Indignados-Märsche. Irgendwann würden die Proteste im Sande verlaufen. Sie würden nicht mehr sein als ein »karnevaleskes Hintergrundgeräusch«, der neoliberalen Globalisierung.
»Fisher hoffte, dass die Millennial Left sowohl den Platz als auch das Parlament, den Blog und die Arbeiterzeitung, Twitter und die alten Medien besetzen könnte.«
Wenn die Linke es mit der Macht ernst meinte, musste sie über die Politik jenseits der Straße nachdenken: im Rathaus, im Parlament, in der Partei, in der Zentralbank und in den Geschäftsstellen. Das bedeutete aber auch, sich auf die Themen der alten Linken rückzubesinnen und die Fragen nach Disziplin und Vertikalität, die lange Zeit verbannt waren, neu zu stellen. Dieser Effekt ließ nicht lange auf sich warten. Gleichzeitig passte die Kombination aus Disziplin und Rückbesinnung auf alte Formen der Genossenschaft schlecht zusammen mit der Marginalität, in der sich die Linke in den langen Jahren seit dem Ende der Geschichte versteckt hatte.
Fishers Bewusstsein für dieses Spannungsverhältnis kam am deutlichsten in seinen Schriften über das Phänomen der »cancel culture« zum Vorschein, zum Beispiel in seinem 2014 erschienenen Artikel »Raus aus dem Vampirschloss«. Einerseits erschien ihm die Dynamik des Online-Engagements auf Facebook und Twitter, bei dem Sprachcodes streng kontrolliert und selbst kleinste Übertretungen registriert werden, geradezu totalitär. Fisher erkannte sie als eine Form von rigider Parteidisziplin ohne eine tatsächliche Partei – ein Versuch, eine Kultur der internen Disziplin zu schaffen, ohne eine Weltanschauung festzulegen, nach der diese Kultur zu funktionieren hatte. Dass diese Debatten Klasse ausblendeten oder ein Unbehagen mit dem Thema an den Tag legten, war andererseits ein unglückliches Produkt des Pluralismus, den die Neue Linke gegenüber dem monistischen Arbeitertum der Alten Linken vertrat.
Im Gegensatz zur abstumpfenden, monologischen Fernsehkultur der 1990er Jahre war das Internet dialogisch und eröffnete neue Diskursräume. Fishers eigene Nostalgie für eine frühere, grenzüberschreitende Phase des Internets, in der akademisches Schreiben im Blog von seiner jargonartigen Enge befreit werden konnte, zeugt davon.
Doch das neue Internet nach 2008 schien auch dieses emanzipatorische Versprechen zunichtezumachen, indem es den Raum für Experimente reduzierte und stattdessen auf eine panoptische Kontrolle ohne Zentrum hinauslief. Das Ergebnis war das, was Fisher als »Stalinismus ohne Utopie« bezeichnete: eine asketische Ethik mit strikten Regeln für den zwischenmenschlichen Umgang, rigider Durchsetzung sexueller Normen und freizügiger Enthaltsamkeit – jetzt vermittelt durch neue digitale Plattformen –, aber ohne das utopische Kalkül, das die Grausamkeit der Kommissarin und des Parteifunktionärs rechtfertigen könnte. Die »aggressive Verletzlichkeit«, wie Pavlos Roufos sie nennt, ist Ausdruck einer hochgradig individualisierten politischen Kultur, in der kollektive Solidarität und Kontrolle nur durch moralische Ermahnung erreicht werden können.
Fisher hoffte, dass die Millennial Left sowohl den Platz als auch das Parlament, den Blog und die Arbeiterzeitung, Twitter und die alten Medien besetzen, das Grundeinkommen und die allgemeine Gesundheitsversorgung, den acid communism und das abstinente Arbeitertum unterstützen könnte. Es gab immer eine perverse und eine positive Version dieser Fusion: den anti-utopischen Stalinismus der Extremisten im Internet einerseits und andererseits den Corbynismus, der 2017 beinahe eine Mehrheit im Unterhaus errungen hätte.
Hart und hohl
Der linkspopulistische Versuch, die Alte und die Neue Linke zu synthetisieren, bewegte sich in einem Rahmen, den er nicht selbst geschaffen hatte. Der neoliberale Staat, der infolge der Niederlagen der Alten und Neuen Linken entstand und dem nun die Millennial Left gegenüberstand, lässt sich als »hart und hohl« bezeichnen. Die Ära der Post-Geschichte und des »kapitalistischen Realismus« sah eine weitreichende Schwächung der »inneren Souveränität« des Staates – der Verknüpfungen, die Staaten mit Institutionen wie Gewerkschaften, Kirchen und Parteien verbinden und es letzteren ermöglichen, Macht über die ersteren auszuüben. Die Staaten erschienen mächtig und geräumig, vor allem in ihrer Exekutive, aber isoliert von jeglichem substanziellen Druck von unten, wie er von der älteren, organisierten Linken ausgeübt wurde.
Wie Fisher und andere feststellten, bestand das Ziel des zeitgenössischen Linkspopulismus darin, Mobilisierung für ein Zeitalter der Demobilisierung neu zu denken. In diesem Sinne war der Populismus das Produkt eines »harten und hohlen« Umfelds, ein Versuch, den eisernen Griff des neoliberalen Staates zu brechen, ohne dass dafür die nötigen Mittel zur Verfügung standen. Der neoliberale Staat begann als interventionistisches Experiment, um den Markt von der Massendemokratie abzuschirmen; das war seine »harte« Seite. Aber er konnte dies nicht tun, wenn er gleichzeitig einer Vielzahl von Interessengruppen aus der Bevölkerung verpflichtet blieb, die verlangten, dass eben dieser Markt kontrolliert werde. Aus diesem Grund musste er auch »hohl« sein, das heißt seine Bindungen zu diesen sozialen Akteuren lösen. Die Massenparteiendemokratie behinderte einen neuen Anlauf der Kapitalakkumulation. Die einzige Lösung bestand darin, den Staat zu neutralisieren und ihn aus einem aktiven Akteur in einen unparteiischen Schiedsrichter zu verwandeln.
Dieser Schnitt war auf der Rechten ebenso drastisch wie auf der Linken. James Heartfield beschreibt es so: »Um die Herausforderung durch die Arbeiterklasse in den 1970er Jahren abzuwehren, zerriss die Elite die alten Institutionen, die die Massen an den Staat banden. Der Klassenkonflikt war unter dem alten System institutionalisiert, das nicht nur den Widerstand der Arbeiterklasse eindämmte, sondern auch der herrschenden Klasse half, eine gemeinsame Perspektive zu formulieren. Was in den 1980er Jahren als Offensive gegen die Solidarität der Arbeiterklasse begann, untergrub die Institutionen, die die Gesellschaft zusammenhielten. Nicht nur die Gewerkschaften und die sozialistischen Parteien wurden unterminiert, sondern auch die rechtsgerichteten politischen Parteien und ihre traditionelle Basis in der Kirche und der Bauernschaft. Die Berufsgruppen der Mittelschicht verloren ihre privilegierte Stellung.«
Das Ergebnis war die berüchtigte »Leere«, die Peter Mair beschreibt – eine »demobilisierte« Bürgerschaft, die auf den Markt zurückgeworfen war, um Sinn und Überleben zu sichern, und die vom Staat nur noch Hinweise erhielt, wie sie ihre Wettbewerbsposition maximieren konnte. Die kollektive Handlungsfähigkeit wurde der Globalisierung überlassen, die Institutionen waren passé. In den 1990er Jahren beteiligte sich die Mehrheit der Linken willentlich an dieser Verschiebung und tauschte die Arbeiterklasse gegen die »Multitude« und den Markt gegen das »Netzwerk« ein.
Der Linkspopulismus versuchte, der neuen Situation Rechnung zu tragen, indem er auf dieser Lücke aufbaute. Wie Fisher feststellte, ist dies wiederum nicht überraschend: Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber nicht unter Umständen, die sie selbst gewählt haben, wie schon Marx wusste. Eine Kritik des Linkspopulismus, die dieser Tatsache nicht Rechnung trägt, hilft wenig.
Der wissenschaftliche Begriff für dieses »harte und hohle« Umfeld lautet »Disintermediation« – das Durchtrennen der zwischengeschalteten Bindungen, die die Individuen horizontal untereinander, aber auch vertikal mit größeren Institutionen höherer Ordnungen verknüpfen. Parteien verkümmerten, Gewerkschaften verloren Mitglieder, Kirchen blieben leer. Auch nach 2008 hat sich dieser Prozess nicht wirklich umgekehrt. Die Linke hoffte zunächst, dass das Massenelend zu Massenmilitanz führen würde, doch dies blieb aus.
Als keine mobilisierte Klasse zustande kam, schien eine kollektive Collage von Identitäten Zuflucht zu bieten, wie Benjamin Fife und Taylor Hines anmerken. Doch eine solche Collage war stets stark antimaterialistisch ausgerichtet und verfehlte daher den Kern des Austeritätsmoments. Sie stellen fest: »Weil Linkspopulisten Unterdrückung nicht als Ergebnis nicht-subjektiver struktureller Dynamiken verorten« und »Klasse nur als eine weitere Identitätskategorie sehen, ergibt das linkspopulistische Projekt nicht eine Konfrontation zwischen Klassen«, sondern »eine Art amorpher Schrei nach Anerkennung, der, wenn wir daran glauben, die Kultur auf magische Weise verändern wird.« Von Occupy bis zur Clownstruppe war das affirmative Festival die wichtigste Figur dieser Ära.
Die Antwort des Linkspopulismus auf den Neoliberalismus erscheint in dieser Erzählung als eine zwanghaft optimistische Verteidigung, die die bestehende Ordnung stillschweigend akzeptiert, indem sie alle zu einem platten Bacchanal einlädt, in der Hoffnung, dass die Einheit verschiedener unterdrückter Gruppen unabhängig von Klasse einen Agenten der Veränderung entstehen lässt. Auch wenn die Mitglieder einer solchen Koalition gegensätzliche wirtschaftliche Interessen haben mögen, wenn wir uns alle gegenseitig in der Kontingenz »erkennen« und unsere Identität gegenseitig legitimieren können, dann wird in unserer kollektiven Ekstase eine positive neue Realität entstehen. Die Quintessenz dieser linkspopulistischen Überführung des depressiven Hedonismus in zwanghafte Glückseligkeit ist eine Haltung nach dem Motto: »Alle sind so aufgeregt, so glücklich, zusammen zu sein, und so mitgerissen von ihrer gemeinsamen emotionalen Erfahrung, dass es einfach keinen Platz für strategische Spitzfindigkeiten gibt.«
»Der ›harte‹ Teil des neoliberalen Staates neigt sich vielleicht dem Ende. Aber der ›hohle‹ Teil wird voraussichtlich fortbestehen. Die Leere weitet sich eher aus, als dass sie sich schließt, und verschlingt immer mehr Raum.«
Wie Fife und Hines anmerken, »enden die aufgeregten Bacchanalien der gehypten linkspopulistischen Party oft in vorhersehbaren Tränen – mit Vorwürfen der Verkennung und der aktiven Ausgrenzung derjenigen, die nicht mit dem schwebenden Signifikanten mithalten können oder wollen, der das Wissen um das neueste Glied in Laclaus ›Kette der Äquivalenzen‹ markiert.« Am Ende seines Lebens bewegte sich Fisher von einer Seite der dialektischen Spannung weg, von der altlinken Arbeiter-Disziplin zum acid communism. Diese Tendenz erlebte nach der Niederlage des Corbyn-Moments im Dezember 2019 einen Aufschwung. Ihr Fokus auf die libidinöse Befreiung als Ziel der Politik und ihre Abneigung gegen vermittelnde Strukturen schien sich auch mit der antirassistischen Protestwelle von 2020 zu verbinden.
Fisher hätte diese Welle wahrscheinlich als heilsam und notwendig begrüßt, aber auch ihre Grenzen gegenüber der vorangegangenen linkspopulistischen Episode erkannt: ihr fehlender organisatorischer Wille, ihr institutioneller Agnostizismus, die Restpräsenz eines militanten Liberalismus in ihren Reihen und ihre Unfähigkeit, eine breite Unterstützung für ihr Programm aufzubauen. Anfang 2021 schien die Verschmelzung dieser antirassistischen Sensibilität mit einer früheren Welle der Unterstützung für die palästinensische Befreiung die Linke zurück in die Zukunft zu schicken. Der Protest erinnerte an die Alter-Globalisierungs-Proteste der 2000er Jahre, allerdings nicht in neuem Glanz und ohne Bewusstsein für die populistische Zwischenphase.
Auch die Corona-Krise schien sich erheblich von der Krise von 2008 zu unterscheiden. Wenn es 2008 darum ging, nach einem Stromausfall das Licht zu dimmen, so wurde während der Coronakrise einfach der Stecker gezogen. Bei den Festivals der 2000er ging es darum, in einem Zeitalter nach der Massenpolitik die Illusion der »Massenhaftigkeit« zu erzeugen. Die Corona-Krise war jedoch das endgültige Lösungsmittel für die »Massen«. Schließlich könnte das wahre Trauma der Linken darin bestehen, dass der Neoliberalismus gestorben ist, ohne dass sie ihn getötet haben. Damit würde Fishers Ausstieg aus dem kapitalistischen Realismus verzögert und stattdessen ein früherer kapitalistischen Unrealismus vertieft. Die Linke wartete ein Jahrzehnt darauf, dass endlich jemand das neoliberale Übereinkommen zu Grabe tragen würde. Doch es tauchte niemand mit ausreichender Macht auf, und dann kam ein nicht-menschlicher Akteur und tat mehr dazu, als sie es vermocht hatte.
Raus aus dem zyklischen Irrsinn
Der Kapitalismus hat seit jeher »private« und »öffentliche« Momente. Wie Howard Brick in seinem Buch Transcending Capitalism feststellt, »hat die kapitalistische Gesellschaftsentwicklung eine Doppelseitigkeit, die gleichzeitig sozialisiert und privatisiert«. Die Zweideutigkeit der kapitalistischen »sozialen Entwicklung« besteht darin, dass sie »einen illusorischen Glauben an das fortschrittliche Versprechen des Status quo hervorbringen kann, aber sie fördert auch die Zuversicht, die den Kern von Marx historischer Vision bildet, dass ein Durchbruch zu einer neuen, wirklich ›assoziierten‹ Produktionsweise auf der Grundlage der vom Kapitalismus selbst bereitgestellten institutionellen Ressourcen erfolgen kann«.
Während der Corona-Pandemie schienen die Staaten tatsächlich von einem privaten zu einem öffentlichen Kapitalismus überzugehen. Es ist verlockend, den Moment wie Karl Polanyi zu betrachten, der in den faschistischen »Gegenbewegungen«, die in den 1930er Jahren aufkamen, eine verdrehte Hoffnung sah. Gerade die Spannung zwischen Eigentums- und Produktionsverhältnissen ist es, die das System vorantreibt; Kontraktionen und Expansionen sind Teil seiner Natur. Fisher versuchte, aus dieser Spannung ein gewisses Maß an Handlungsfähigkeit zu gewinnen, indem er die Alte und die Neue Linke miteinander verband.
Zweifellos bleiben die öffentlichen Momente des Kapitalismus für die Linke objektiv interessanter als die privaten, wie Fisher in Bezug auf jene emanzipatorischen Wege, die in der Nachkriegszeit eröffnet wurden, selbst erkannte. Aber sie werden immer eine unzureichende, wenn auch notwendige Bedingung für einen positiven Wandel sein. Notwendig sind natürlich auch eine linke Strategie und Organisierung. Die linken Populistinnen und Populisten waren der Meinung, Klassenpolitik würde nicht ausreichen, und versuchten daher, eine klassenübergreifende Koalition gegen die Austerität zu schmieden. Diese Strategie unterschätzte sowohl den Wunsch nach Normalität in einem Teil der Bevölkerung als auch den Wunsch nach Handlungsfähigkeit in einem anderen Teil (siehe Biden beziehungsweise Trump).
Die Linke würde jede Bewegung in Richtung eines »öffentlichen« Kapitalismus wohl begrüßen, und auch Fisher hätte das Potenzial eines frühen pandemischen Etatismus erkannt. Aber »Vergesellschaftung« kann sowohl »von oben« als auch »von unten« geschehen, so wie Polanyis »Gegenbewegungen« sowohl von sozialistischen als auch von faschistischen Impulsen ausgehen können. Fischers Linke brauchte mehr als die richtige Art von Verwaltung oder eine Abmilderung der kapitalistischen Exzesse, so wie sie in den 2010er Jahren mehr als eine Ansammlung von Identitäten brauchte.
Der Linkspopulismus war ein Versuch, in einer Zeit nach der Geschichte Politik zu machen, in der Klassenkampf und das Aushandeln von Interessen sowohl institutionell als auch intellektuell unmöglich schienen. Der »harte« Teil des neoliberalen Staates neigt sich vielleicht dem Ende. Aber der »hohle« Teil wird voraussichtlich fortbestehen. Die Leere weitet sich eher aus, als dass sie sich schließt, und verschlingt immer mehr Raum. Es könnte eine Weile dauern, bis die Geschichte aufs Neue beginnt.
Sigmund Freud diagnostizierte in Trauer und Melancholie eine genau solche Instabilität. »Die merkwürdigste und aufklärungsbedürftigste Eigentümlichkeit der Melancholie«, so notierte er, »ist durch ihre Neigung gegeben, in den symptomatisch gegensätzlichen Zustand der Manie umzuschlagen. In seinem daraus resultierenden »zyklischen Irresein« befällt den Patienten nun eine »regelmäßige Abwechslung von melancholischen und manischen Phasen«, die beide »mit demselben ›Komplex‹ ringen« – dem traumatischen Verlust seines »libidinösen Objekts«. Nach der Niederlage der Alten und der Neuen Linken oszillierte eine neue Millennial Left zwischen Manie und Melancholie, schwankte zwischen zwanghaftem Optimismus und Untergangsstimmung. Niemand hat diese Zirkularität – Optimismus, der in Fatalismus umschlägt, Melancholie, die in Manie umschlägt und wieder von vorn – besser analysiert als Mark Fisher. Das Schicksal linker Politik im 21. Jahrhundert hängt nach wie vor davon ab, dass sich diese Spannung löst.