2010 war ein gutes Jahr für Michel Houellebecq. Während in Nordafrika angesichts der hohen Lebensmittelpreise die Proteste des Arabischen Frühlings ausbrachen und sich bis nach Südeuropa ausbreiteten, gewann sein Roman Karte und Gebiet den Prix Goncourt, den renommiertesten französischen Literaturpreis. Seine Satire auf die zeitgenössische Kunstwelt führte in den folgenden Monaten die Bestsellerlisten des Landes an. Das Buch verkaufte sich hunderttausendfach. Endlich erhielt Houellebecq die öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung, auf die er so lange gewartet hatte. Später fasste er das Jahr in seiner gewohnt lakonischen Art zusammen: »2010 gewann ich den Prix Goncourt, Frankreich schnitt bei der Fußball-WM nicht besonders gut ab und Apple brachte sein iPad auf den Markt.«
Doch schon Anfang 2011 wurde Houellebecqs literarischer Erfolg von einem ungewöhnlichen Konkurrenten überflügelt – einem 20-seitigen Pamphlet eines 93-jährigen Résistance-Veteranen namens Stéphane Hessel. Sein Essay Empört euch! schlug einen zutiefst un-houellebecqschen Ton an. So rief er die Menschen im Westen auf, sich gegen die Eliten aufzulehnen. Hessel betonte, gewisse Dinge in der Welt seien »inakzeptabel«, wobei Gleichgültigkeit »das Schlimmste« sei. Denn durch diese beraube man sich selbst der grundlegenden menschlichen »Fähigkeit zur Empörung«.
Der Coup verlief gnadenlos und schnell: Hessels Manifest verkaufte sich in den ersten Monaten satte 500.000 Mal. Kurz später übernahm die Indignados-Bewegung, die bereits während des Sommers des Arabischen Frühlings auf den Plätzen europäischer Städte sichtbar wurde, die Forderung des Buchtitels. Sowohl die Indignados als auch der Arabische Frühling waren Spätfolgen der Finanzkrise von 2008. Diese hatte Währungskrisen in Nordafrika sowie Staatsschuldenkrisen im Süden Europas ausgelöst.
Einige Beobachterinnen und Beobachter erkannten in Houellebecqs »Niederlage« gegen Hessel eine Symbolik: Der empörte Großvater übertrumpft den mittelalten Zyniker. »Zu einer Zeit, in der dieses unheilvolle Orakel [Houellebecq] mit seinem neurasthenischen, museal anmutenden Frankreichbild auf dem Vormarsch ist, führt dieses überraschende Büchlein [...] die Verkaufscharts an«, so der Kommentar einer französischen Journalistin. Zu Beginn der populistischen Ära schien der literarische Prototyp der 1990er- und 2000er-Jahre – Dekaden, die von relativer politischer Zurückhaltung geprägt waren – politisch und kommerziell am Ende zu sein.
Die Entdeckung des Rechtspopulismus
Die neuen Empfindungen flossen langsam in Houellebecqs eigenes Œuvre ein. In den Folgejahren gab es weniger Bücher über unehrliche Künstler oder verschlossene Eremiten und mehr über wütende Aktivisten und Bauern. 2015 veröffentlichte Houellebecq seinen Roman Unterwerfung – seine Darstellung einer islamistischen Machtübernahme in Frankreich, inklusiver polygamer Eheschließungen und Sittenwächtern, die auf den Pariser Boulevards patrouillieren. In dem Roman wird auf eine Welt zurückgeblickt, in der Wahlen »so uninteressant waren, wie man es sich nur denken konnte« und die Mittelmäßigkeit der politischen Angebote »wirklich frappierend« war.
PAYWALL
2019 schrieb Houellebecq in Serotonin über eine Gruppe rebellischer Landwirte, die Polizeikräfte auf französischen Straßen angreifen, und Charaktere, die laut über den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union nachdenken. In seinem jüngsten Romanwerk, Vernichten, taucht eine rechtsextreme Schwester der Hauptfigur immer wieder auf und beklagt, dass Frankreich seine ursprünglichen Wurzeln verloren habe. Der innere Seismograf des französischen Schriftstellers hatte offensichtlich das Ende einer historischen Ära registriert: Der Populismus war zu einer historischen Kraft geworden, die man von nun an auf dem Schirm haben musste.
Fünf Jahre nach Serotonin war die Protestwelle der 2010er Jahre allerdings schon verebbt. Der Linkspopulismus, den Hessel mit auf den Weg gebracht hat, scheint in den 2020er Jahren am Ende seiner Kräfte zu sein; und das von ihm gewünschte »Zeitalter der Empörung« zeigt sich vor allem im Wahlerfolg der Rechten und/oder außerparlamentarischen Aktionen sowie in den Social Media Feeds. Dabei hat sich das Klassengefälle im Westen nicht verändert und die geopolitischen Spannungen nehmen tagtäglich zu.
»Houellebecq liefert mit seinen Visionen eines bevorstehenden zivilisatorischen Kollapses eine literarische Argumentation für die nativistische Rückeroberung Europas.«
Wenig überraschend wird Houellebecq in diesem Kontext von vielen als Wegbegleiter einer nationalistischen Internationale der Rechtsradikalen verstanden: Er liefert mit seinen Visionen eines bevorstehenden zivilisatorischen Kollapses eine literarische Argumentation für die dementsprechend notwendige nativistische Rückeroberung Europas. Zwar hat er nie dazu aufgerufen, Marine Le Pen zu wählen (obwohl er laut seinem Freund und Übersetzer ins Englische, Gavin Bowd, 2013 kurz davor zu stehen schien), seine Romane wurden in rechtsextremen Kreisen aber stets mit Wohlwollen aufgenommen.
In einem Interview prophezeite Houellebecqs mit Blick auf die französische Politik kürzlich eine »Revolte des Volkes gegen die Eliten«. Allerdings zeigt er sich auch desillusioniert von der radikalen Rechten und ihren Aussichten auf politische Machtübernahme. Seiner Ansicht nach ist der Liebling der französischen Rechten, Jordan Bardella, so »besessen von der Idee, nichts zu sagen, was als schlecht aufgefasst werden könnte, dass er einfach gar nichts sagt«. Marine Le Pen hält er für »weder sonderlich intelligent noch sonderlich kompetent«.
Unzufrieden macht ihn auch, dass sich bei den jüngsten Stichwahlen in Frankreich erneut ein »republikanischer Block« aus linken und zentristischen Kräften gebildet hat, um die Machtübernahme des Rassemblement National zu verhindern. Laut Houellebecq wäre es »besser gewesen, wenn der Konflikt jetzt offen ausgebrochen wäre«.
In seinem Privatleben hatte Houellebecq indes mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Im Winter 2022 wurde der Romanautor von KIRAC (Keeping It Real Art Critics) kontaktiert, einem niederländischen Kunstkollektiv mit einer Vorliebe für Skandalenthüllungen in der Kunstszene. Die Gruppe hatte sich mit Dokumentarfilmen einen Namen gemacht, in denen sie Kunsthändlerinnen, Kritiker und gelegentlich auch Grenzgänger aufs Korn nehmen. Spätestens seit dem Film Honey Pot aus dem Jahr 2021 eilt ihnen der Ruf als Profi-Provokateure voraus.
Darin wird Sid Lukkassen, ein bekannter niederländischer Rechtsextremer, gedemütigt: Lukkassen antwortet auf die Anfrage einer jungen linken Philosophiestudentin, die die politischen Spannungen im Land durch »Nächte der Versöhnung« überwinden wolle – eine Linke trifft einen Rechten im Schlafzimmer. Lukkassen ging in die Falle, scheiterte aber darin, seine Fähigkeiten als Liebhaber zu beweisen, wurde live vor der Kamera bloßgestellt und tauchte vor dem Kinostart des Films vorübergehend ab. Lukkassen hatte unter anderem Houellebecqs Romane als visionäre Beschreibungen eines Europas am Rande des »rassischen« Selbstmordes gelobt.
Houellebecqs eigene Erfahrungen mit KIRAC waren kaum weniger katastrophal. Nach der Veröffentlichung seines (wie er angekündigt hatte) letzten Romans erhielt Houellebecq die Anfrage, an einem Sex-Experiment mit der Studentin, der Lukkassen auf den Leim gegangen war, sowie mit Houellebecqs Frau und einer weiteren Freiwilligen teilzunehmen. Houellebecq stimmte zu, behauptet aber, er habe nicht gewusst, dass der Regisseur geplant hatte, das daraus resultierende Filmmaterial auf der Website OnlyFans zu veröffentlichen.
Seine Erfahrungen aus dieser Zeit hielt er in der kurzen Abhandlung Einige Monate in meinem Leben fest. Das Buch kann als einer von Houellebecqs wichtigsten Beiträgen bezeichnet werden. Es zeichnet sich durch eine naive Offenheit und einen aufrichtigen Sinn für Tragik aus, die seine späten Romane vermissen lassen. Das gilt insbesondere mit Blick auf seine offenbar traumatische Einführung in die zeitgenössische Sexualmoral. Entgegen seiner Erwartung sei »OnlyFans keine kostenfreie Website«, hielt er fest. Die Frauen im KIRAC-Komplott hätten ihn nahezu in einen Zustand vollkommener Debilität versetzt. In Einige Monate gibt er ihnen äsopische Namen wie »die Forelle« und »die Henne«.
Aus diesen Erinnerungen spricht Houellebecqs tiefe Entfremdung von der aktuellen gesellschaftlich-politischen Öffentlichkeit, die sich ganz aktuell auch in seiner Ablehnung der zentristisch-linken »republikanischen Front« in Frankreich zeigt. Houellebecq ist angewidert von dem Vorgehen von KIRAC und wettert gegen die Perversionen der Pornografie, den moralischen Verfall des Westens sowie die Verblendung und Nutzlosigkeit der europäischen Eliten.
Ein moderner Balzac
Zu Houellebecqs Glück hat er den Rechtsstreit gegen KIRAC gewonnen und konnte das Recht auf Einsichtnahme vor der endgültigen Veröffentlichung des Films erstreiten. Er selbst versteht die Geschichte als weiteren Beweis für die zersetzende Dekadenz des freien Marktes, die schon seit den frühen 1990er Jahren prägendes Thema in seinem Werk ist und dank derer er nicht selten in die recht unerwartete Gesellschaft marxistischer Kritiker gerückt wurde.
Letzteres wirft tatsächlich eine ungewöhnliche Frage auf: Könnte Houellebecq mehr sein als nur ein literarischer Held der radikalen Rechten, sondern vielmehr auch der bedeutendste marxistische Romanautor unserer Zeit? Auf den ersten Blick mag die Frage absurd erscheinen. Und vielleicht sind die Vergleiche, die bereits gezogen wurden und die Houellebecq in die Nähe seiner erklärten Inspirationsquellen rücken, überzeugender: der Horrorschriftsteller H. P. Lovecraft, der französische Symbolist Joris-Karl Huysmans, der Pessimist Arthur Schopenhauer und der Prophet des Positivismus des 19. Jahrhunderts, Auguste Comte.
Auf Comtes Überlegungen zur Religion hat sich Houellebecq in seinen melancholischeren Momenten sehr oft bezogen. Bereits 1998 betonte er, sexuelle Bedürfnisse würden ihm zwar um einiges dringlicher erscheinen als spirituelle Bedürfnisse. Doch wenn man davon ausgehe, dass die sexuellen Bedürfnisse befriedigt werden würden und dass im Zuge dessen spirituelle Bedürfnisse entstünden, dann müsse man sich zu gegebener Zeit wieder mit Comte beschäftigen, dessen Hauptthema die Religion sei. Ein sich durchziehendes Motiv ist zu beobachten: Alle diese Schriftsteller, die sich (unter anderem) mit dem Verschwinden der Religion in der Moderne auseinandersetzten, sind potenzielle Vorbilder für Houellebecqs Schreiben.
Statt Houellebecq als Vertreter des Positivismus von Comte oder der rassistischen Gothic-Literatur von Lovecraft zu begreifen, erscheint er von links betrachtet als ein zeitgenössischer Honoré de Balzac. Der Autor der Menschlichen Komödie und weiterer Klassiker ist für seine Porträts der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt. Der erste, der den Balzac-Houellebecq-Vergleich offiziell anstellte, war Houellebecqs Freund Bernard Maris, ein Ex-Wirtschaftswissenschaftler und Opfer des salafistischen Angriffs auf Charlie Hebdo im Jahr 2015.
»Balzac schwärmte für die alte Aristokratie und die Könige, Houellebecq wiederum für die alten kommunistischen Parteien, die Landpfarrer und die gaullistischen Politiker.«
In seinem Buch Houellebecq, Ökonom konstatiert er, dass Houellebecq »der große Romancier in [einer Zeit] der eisernen Faust des Marktes und eines Kapitalismus, der sich zunehmend in den Todeszuckungen befindet« sei, während Balzac der Chronist der frühen Bourgeoisie und »des Triumphs des Frühkapitalismus« gewesen war. Der Autor Ryan Napier sieht Houellebecq in ähnlicher Weise als jemanden, der »im Zeitalter der totalen Dominanz« des Kapitalismus eine »fiktive Vision« schafft, die erst mit dem sogenannten »Ende der Geschichte beginnen konnte«.
Während Balzac den Aufstieg des Bürgertums nach der Revolution von 1789 dokumentierte, fokussiert sich Houellebecq auf die soziale Leerstelle, die sich durch die sogenannte zweite Revolution von 1989 auftat, als der neu entstehende globale Kapitalismus weltweit seinen zweifelhaften Triumph feierte. Wie der Literaturkritiker Peter Brooks 1999 über den »Monarchisten, den auch Marxisten lieben könnten«, bemerkte, hatte auch Balzac in »einem Zeitalter der Revolution gelebt, in dem der Niedergang der alten Ordnung deutlich spürbar war«.
Sowohl Balzac als auch Houellebecq seien scharfe Kritiker der jeweiligen neuen Gesellschaft und hätten andererseits eine überbordende Liebe und Präferenz für die alte. Balzac schwärmte für die alte Aristokratie und die Könige, Houellebecq wiederum für die alten kommunistischen Parteien, die Landpfarrer und die gaullistischen Politiker. »Es stimmt, dass die Kommunistische Partei nicht mehr das ist, was sie einmal war«, hatte Houellebecq 1994 noch betont. Dabei habe »ein Land, dessen Bevölkerung verarmt [und] spürt, dass es immer ärmer werden wird, und auch davon überzeugt ist, dass all sein Unglück auf den internationalen wirtschaftlichen Wettbewerb zurückzuführen ist«, etwas Besseres verdient.
Darüber hinaus stammen beide Autoren aus relativ bescheidenen Verhältnissen: Das aristokratische »de« hatte Balzac seinem Namen später selbst hinzugefügt; und Houellebecq verweist stolz darauf, er habe nicht den gleichen Background wie andere im Pariser Elfenbeinturm, in dem er heute lebt.
Die Analogien enden hier jedoch noch lange nicht. In den 1830er und 40er Jahren, als Balzac schrieb, war der vorherrschende Modus der sozialen Aktion die Petition, der Aufstand und der Straßenmarsch, denn die politische Kultur der Linken war noch nicht um Gewerkschaften, Parteien oder große Mitgliederorganisationen herum organisiert, wie Daniel Zamora erklärt. Balzacs Schreiben ist geprägt von Verwirrung und Angst mit Blick auf einen drohenden Zusammenbruch der sozialen Ordnung sowie auf ein verzweifeltes Streben nach Status. Doch zumindest war die Welt Balzacs noch sozial eingefärbt: Es war eine Welt mit Individuen, die jedoch Teil unterschiedlicher Klassen waren – und nicht die isolierten »Elementarteilchen« aus Houellebecqs frühem Werk.
Es gibt sogar historische Beispiele für eine marxistische Einschätzung und Bewertung reaktionärer Autoren: So schrieb Friedrich Engels in einem Brief an eine englische Freundin, er halte Balzac »für einen weit größeren Meister des Realismus als alle Zolas passés, présents et à venir«. Er habe von Balzac mehr gelernt »als von allen berufsmäßigen Historikern, Ökonomen und Statistikern dieser Zeit zusammengenommen« – auch wenn Balzac »politisch ein Legitimist« für eine Wiederherstellung der Bourbonen-Dynastie nach deren Ende 1830 gewesen war. Balzacs »großes Werk« sei ein »ständiges Klagelied über den unaufhaltsamen Verfall der guten Gesellschaft.
All seine Sympathien gehören der Klasse, die zum Untergang verurteilt ist«. Engels schließt: »Dass Balzac so gezwungen war, gegen seine eigenen Klassensympathien und politischen Vorurteile zu handeln; dass er die Notwendigkeit des Untergangs seiner geliebten Adligen sah und sie als Menschen schilderte, die kein besseres Schicksal verdienen; und dass er die wirklichen Menschen der Zukunft dort sah, wo sie damals allein zu finden waren – das betrachte ich als einen der größten Triumphe des Realismus und als einen der großartigsten Züge des alten Balzac.«
Houellebecqs Schreiben ist von einem ähnlichen künstlerischen Fatalismus gekennzeichnet, wie Maris anmerkte. Seine visionäre Klarheit ist allerdings schwer von seiner reaktionären politischen Haltung zu trennen, auch wenn es einige linke Fans seiner Romane immer wieder verzweifelt versucht haben. Gerade weil Balzac die neue Welt nach 1789 fremd und er ein Gegner der neuen liberalen Politik war, konnte er die Konturen dieser neuen Welt so klar und scharfsinnig erkennen. Ähnlich wie Balzac damals fehlt auch Houellebecq heute das politische Rüstzeug, um diese Krise zu überwinden: Er trauert um die alte Welt und ist gleichzeitig unfähig, das Entstehen einer neuen Welt zu erzwingen.
Dies erinnert an Balzacs ohnmächtigen Royalismus in den 1830er und 40er Jahren: die Hoffnung, dass die alte Dynastie sich irgendwie wiederbeleben und die dafür benötigte neue, breite Unterstützung im Volk aufbauen könnte. So verkündet Balzac seinen Mitstreitern in einem Pamphlet aus dem Jahr 1842, dass den Royalisten nur noch die Waffen blieben, die das 19. Jahrhundert hervorgebracht habe, nämlich die Presse und die Tribüne. Sie seien gezwungen, einen unumkehrbaren Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu akzeptieren und nun darin zu agieren. Das erinnert an Houellebecqs Kritik an Le Pen.
Diktat der Ambitionslosigkeit
Houellebecqs Werk bietet somit Erkenntnisse, die über unsere heutige Zeit hinausführen und die moderne radikale Rechte selbst betreffen. Es gibt gerade keinen konkurrierenden Gegenentwurf für eine andere Art der Regierungsführung, ethischen Renaissance oder Deglobalisierung. Immer größer werdende Anteile der westlichen Arbeiterklasse, die ihre Stimmen rechtsradikalen Parteien gegeben haben, sind offenbar gewillt, auf diese rein rhetorischen Alternativen zum Liberalismus zu setzen.
»Die heutige extreme Rechte will Europa nicht nach außen erweitern, sondern vor dem Rest der Welt abschirmen.«
Derweil – und anders als in den 1920er und 30er Jahren – ist der Aufstieg der heutigen radikalen Rechten größtenteils auf das Versagen des Liberalismus zurückzuführen und kein Zeichen für linke Stärke. Nazismus und Faschismus sind letztendlich als gescheiterte Revolutionen zu verstehen. Als sie die Arbeiterbewegungen zerschlugen, versprachen Adolf Hitler und Benito Mussolini ihren jeweiligen nationalen Eliten Äquivalente zu den Kolonialreichen der französischen und britischen Konkurrenz – die Idee war also, Mauern einzureißen, nicht sie zu errichten.
Im Gegensatz dazu will die heutige extreme Rechte Europa nicht nach außen erweitern, sondern vor dem Rest der Welt abschirmen. Die Rechte akzeptiert, dass der Kontinent im 21. Jahrhundert keine Hauptrolle mehr spielen wird. Das Beste, worauf man daher hoffen kann, ist radikaler »Schutz« vor den Horden, die vor den Toren Europas lauern. In Jean Raspails Roman Das Heerlager der Heiligen aus dem Jahr 1973 – in gewisser Weise ein Handbuch für die Rechte, das oft als schlechter Vorläufer von Houellebecqs eigenen Werken erachtet wird – geht es nicht mehr darum, Afrika zu erobern, sondern lediglich dafür zu sorgen, dass dessen Bewohnerinnen und Bewohner südlich des Mittelmeers verweilen.
Diese Tyrannei der niedrigen Ambitionen bestimmt den internationalen Ansatz der europäischen Rechten, angefangen beim Thema EU. Jahrzehntelang richteten die Rechtsaußenparteien ihren Zorn auf die undemokratischen Strukturen des Blocks und warben oftmals für einen Austritt aus der Union. Heute ist davon nichts mehr zu vernehmen. Während Hitler noch den Versuch wagte, eine angloamerikanische Weltordnung zu zerschlagen und selbst die Weltführung zu beanspruchen, begnügen sich die Autoritären im heutigen Europa damit, eine Nische innerhalb der bestehenden Machtstruktur zu besetzen. Für sie geht es nur noch darum, sich an den Niedergang anzupassen, nicht ihn umzukehren. In diesem Sinne ähnelt die neue europäische Rechte immer mehr der lateinamerikanischen: Sie ist äußerst pro-amerikanisch und eine Gefangene der unbeständigen Parteiensysteme, in denen es schwierig ist, loyale Wählerschaften und wirklich solide Institutionen aufzubauen.
Dies gilt auch an der Kulturfront: Während die neue radikale Rechte Europas über die importierten US-Kulturkriege jammert, ist sie mit ihren Tiraden gegen Wokeness oder »Trans-Ideologie« amerikanischer denn je – ähnlich wie Houellebecq, der selbst wie ein unbeholfener Teilhaber einer von Pornografie übersättigten Welt erscheint, die Amerika geschaffen hat. Die Lektion aus seinem Wirken, sowohl als Schriftsteller als auch als Ideologe, ist, dass es keine einfachen Wege aus den Enttäuschungen des 21. Jahrhunderts heraus gibt: Weder radikaler Islamismus noch fanatischer Kultur-Katholizismus noch rechtsextremer Protektionismus bieten im neuen Jahrhundert Lösungen oder zumindest tröstlichen Beistand.
Die Tatsache, dass der Liberalismus keine Antworten mehr hat, bedeutet im Umkehrschluss aber keineswegs, dass seine rechten Rivalen die richtigen (Gegen-) Fragen stellen. Das Alte mag tatsächlich im Sterben liegen, woran wir heute unermüdlich erinnert werden. Zumindest im Fall von Houellebecq drängt aber nichts Neues darauf, geboren zu werden. Die Zukunft riecht eher nach Verwesung statt nach Wiedergeburt. Wie Balzac in seiner Tragödie Cromwell feststellt: Hat der König einmal seinen Kopf verloren, lässt sich der Körper nicht wieder zusammensetzen.