2021 veröffentlichte das Survey Center on American Life eine Studie über Freundschaften in den USA. Der Bericht war alles andere als ermutigend. Er verzeichnete eine »Freundschafts-Rezession« und stellte fest, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner zunehmend einsam und isoliert leben: 12 Prozent von ihnen gaben an, keine engen Freundschaften zu haben. Im Jahr 1990 waren es gerade einmal 3 Prozent. Und fast 50 Prozent sagten, sie hätten während der Corona-Pandemie den Kontakt zu Freundinnen und Freunden verloren. Die psychosomatischen Folgen sind verheerend: Herzkrankheiten, Schlafstörungen, erhöhtes Alzheimer-Risiko. Die Freundschafts-Rezession hat potenziell lebensgefährliche Folgen.
Diese Studie bildet im Kleinen einen viel umfassenderen Prozess ab, der in den letzten dreißig Jahren auch andere Länder als die USA erfasst hat. Als Inbegriff freiwillig gewählter Gemeinschaften stehen Freundeskreise stellvertretend für andere Institutionen in unserem Sozialleben – Gewerkschaften, Parteien, Vereine. Der Philosoph Jean-Claude Michéa schreibt in seinen Memoiren, dass der Tag, an dem er herausfand, dass es im Dorf Menschen gab, die nicht Mitglied der Kommunistischen Partei waren, einer der bestürzendsten Momente seiner Kindheit war. »Das schien mir unvorstellbar«, erinnert er sich; es war, als würden diese Menschen »außerhalb der Gesellschaft leben«. Nicht umsonst verglichen die Studierenden im Pariser Mai 1968 das Verhältnis der Arbeiterschaft zur Kommunistischen Partei mit dem der christlichen Gemeinschaft zur Kirche. Die Gläubigen sehnten sich nach Gott, die Arbeitenden nach der Revolution. Stattdessen »bekamen die Christen die Kirche und die Arbeiterklasse die Partei«.
Als Kind kommunistischer Eltern verstand Michéa die Partei als Erweiterung der familiären Gemeinschaft. Freundschaftsmuster waren schon immer ein nützlicher Indikator für breitere gesellschaftliche Trends, und das Medienportal Vox war schnell dabei, die neuen Daten politisch zu bewerten. Die Kulturjournalistin Alissa Wilkinson bezog sich dabei auf Hannah Arendts Diktum, dass Freundschaft das beste Gegenmittel für Autoritarismus sei. Am Ende ihres 1951 zunächst in den USA erschienenen Buches Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft postuliert Arendt, dass im 20. Jahrhundert eine neue Form von Einsamkeit die Menschen im Westen befallen habe und sie daraufhin in neuen säkularen Kulten ihr Heil suchten. »Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt«, schreibt Arendt, »ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit«. Die Schlussfolgerung lag auf der Hand: Da die Menschen im 21. Jahrhundert immer mehr vereinsamten, lauere die gleiche totalitäre Versuchung auch heute wieder.
Putnams Warnung
Denjenigen, die Sozialwissenschaften studiert haben, mag diese Analyse sehr vertraut sein: Sie steht im Fokus von Robert Putnams Buch Bowling Alone aus dem Jahr 2000, einem Klassiker der Politikwissenschaften. Darin identifiziert der Autor ein merkwürdiges Muster: Gegen Ende des 20. Jahrhunderts begannen in den USA immer mehr Menschen, bowlen zu gehen – aber sie taten das zunehmend allein, was sich am direktesten durch den plötzlichen Niedergang vieler Bowling-Ligen erklären ließ. Diese Krise beschränkte sich aber keineswegs auf Sportvereine. Ob Kirchen, Gewerkschaften, Schützenvereine oder Freimaurerlogen – sie alle erlebten in den 1980er und 90er Jahren einen dramatischen Mitgliederschwund und begannen sich aufzulösen. Was blieb, war eine soziale Einöde.
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Für diese große Zersplitterung zog Putnam eine Vielzahl von Ursachen in Betracht. Zum einen wurde der Rückzug ins Private dadurch begünstigt, dass in den 1960er Jahren die Mittelschicht aus den Stadtzentren abwanderte. Diese Menschen lebten nun in Vorstädten, die in erster Linie für das Autofahren und oftmals ohne Fußwege konzipiert wurden. Sie verbrachten mehr Zeit in ihren Autos – eine mobile Privatisierung des öffentlichen Raums. Auch wurde während des Nachkriegsbooms der Konsum demokratisiert. Die Läden an der Ecke wurden abgerissen und Einkaufszentren errichtet. Bahntrassen wichen Autobahnen. Da die Frauen zunehmend in den Arbeitsmarkt eintraten, verloren die Vereine eine ihrer zentralen Stützen. Die Beschäftigten arbeiteten nun im Schnitt länger als die Generation vor ihnen und fanden kaum noch Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten. Und der Fernseher – das Emblem der Einsamkeit in der Nachkriegszeit – hielt die Menschen abends zu Hause.
»Für die Zukunft prognostizierte Putnam keine ›digitale Demokratie‹, sondern eine ›Cyberbalkanisierung‹«.
Putnam räumte auch mit einigen weit verbreiteten Irrtümern über die Krise der Zivilgesellschaft auf, etwa, dass der Wohlfahrtsstaat der wahre Schuldige sei. Die Verlagerung sozialer Dienstleistungen von der kommunalen auf die bundesstaatliche Ebene, so das Argument, bedrohe die Selbständigkeit der Bürgerinnen und Bürger. Putnam war da skeptisch. Denn ein Rückgang der Zivilgesellschaft war sowohl in starken Wohlfahrtsstaaten (wie in den skandinavischen Ländern) als auch in schwachen (wie den USA) zu beobachten – selbst in Frankreich und Belgien, wo einer »roten« Zivilgesellschaft gestattet wurde, einen Teil des Sozialversicherungshaushalts zu verwalten. Auch die Auseinandersetzungen über die Integration in den USA erwiesen sich als unzureichende Erklärung: Sowohl Schwarze als auch Weiße zogen sich aus den Vereinen zurück und das Misstrauen zwischen beiden Gruppen nahm in dieser Zeit ab.
Auch vertraute Putnam vermeintlichen Patentlösungen nicht. Er ahnte schon im Jahr 2000, dass das Internet einen schlechten Ersatz für die alten Vereinigungen darstellen und antisoziale Tendenzen verstärken würde. Im Jahr 2020, als er sich während der Pandemie in seinem Haus in New Hampshire verkrochen hatte, fügte er einer Neuausgabe von Bowling Alone ein Nachwort hinzu. Er schlägt darin – wie für ihn üblich – melancholische Töne an. Es gebe »keine Korrelation zwischen Internetnutzung und zivilgesellschaftlichem Engagement«. Für die Zukunft prognostizierte er keine »digitale Demokratie«, sondern eine »Cyberbalkanisierung«. Der Bestand an »sozialem Kapital« sei in der Zwischenzeit nicht wieder aufgefüllt worden.
Der Test der Zeit
Die Schwächen von Putnams Ansatz waren bereits in den frühen 2000er erkennbar. Zum einen schenkt Bowling Alone dem strukturellen Wandel der Zivilgesellschaft zu wenig Aufmerksamkeit – etwa dem Aufstieg neuer NGOs als Ersatz für Massenorganisationen, der Entstehung neuer Sportvereine und der Wiederbelebung evangelikaler Megakirchen und Schulen. Zudem ist Putnams Verständnis von sozialem Kapital höchst zweifelhaft. In dieser Hinsicht spiegelt das Buch die marktfreundlichen Empfindungen der späten 1990er Jahre wider: Zivilgesellschaftliche Gemeinschaften betrachtete er nicht als Ausdruck kollektiver Macht, sondern als nützliches Mittel für mehr soziale Mobilität. In seinen Augen machte sich zivilgesellschaftliches Engagement gut auf dem Lebenslauf und sei daher bei Bewerbungen für Hochschulen oder Praktika förderlich; dass es vielleicht ein Land verändern oder eine Revolution bewirken könnte, interessierte ihn nicht.
Diese Art von Ökonomismus erklärt auch eine eklatante Leerstelle in Bowling Alone: den extremen Machtverlust der Gewerkschaften zum Ende des Jahrhunderts. In dem fünfhundert Seiten starken Buch gibt es keinen Indexeintrag für »Deindustrialisierung«, Arbeit wird nur am Rande diskutiert. Putnam spricht nicht darüber, wie repräsentativ die Macht der Arbeiterklasse für die Zivilgesellschaft allgemein war und wie die Offensive des Kapitals zum Niedergang beider beigetragen hat. Dass die Gewerkschaften Mitglieder verloren, hatte nicht nur dramatische Folgen für die Linke, sondern verwirrte auch die Rechte – ein weiterer Aspekt der Geschichte, der in Bowling Alone kaum vorkommt.
Trotz dieser offensichtlichen Mängel hat Putnams Buch den Test der Zeit überstanden. Statistiken zeigen, dass die Mitgliederzahlen vieler säkularer Organisationen weiterhin stetig zurückgehen. Obwohl die Zustimmungswerte für Gewerkschaften in der US-Bevölkerung ansteigen, sank der Organisationsgrad im Jahr 2021 um einen halben Prozentpunkt auf 10,3 Prozent und ist damit auf den Stand von 2019 zurückgefallen. Die politischen Entwicklungen des letzten Jahrzehnts, von dem immer schnelleren Schrumpfen der klassischen Parteien bis hin zu den Corona-Lockdowns, haben Putnams Intuition ebenfalls bestätigt. Mehr noch, sein Buch wurde herangezogen, um den Aufstieg Donald Trumps zu erklären – demnach habe die kontrollierte Zerstörung der öffentlichen Sphäre in den 1980er und 90er Jahren die Entwicklung dieser neuen Form ressentimentgeladener Politik angetrieben.
»Zwar ist die Gesellschaft immer stärker politisiert und polarisiert, doch die Hebel für kollektives Handeln bleiben spröde.«
Auch die Hyperpolitik der 2010er Jahre hat Putnams These keineswegs widerlegt. Zwar wurde der monologische Fernseher durch das interaktive Internet ersetzt, doch die allgemeine Krise von Zugehörigkeit und Verankerung ist mit den neuen Medien nicht abgeklungen – im Gegenteil. Zwar ist die Gesellschaft immer stärker politisiert und polarisiert, doch die Hebel für kollektives Handeln – von Staaten über Gewerkschaften bis hin zu Gemeindegruppen – bleiben spröde. Obwohl die Arbeiterschaft in einigen Sektoren der Wirtschaft militanter geworden ist, hat die »Great Resignation« – also die Kündigungswelle, die den angespannten US-amerikanischen Arbeitsmarkt während der Pandemie erfasste – nicht zu einer Politik der kollektiven Stimme geführt, sondern eher zu einer Politik des individuellen »Ausstiegs«, wie der Soziologe Daniel Zamora es ausdrückt. In Europa haben die Gewerkschaften ein ähnliches Schicksal erlitten und Mitglieder an die Selbständigkeit verloren. Putnam wies zwar darauf hin, dass die Wahlbeteiligung 2020 gestiegen war, merkte jedoch an, dass diese Menschen im Gegensatz zum 19. Jahrhundert, »alleine wählen« gingen und nicht als Teil organisierter Gruppen.
Hier sind sowohl Push- als auch Pull-Faktoren am Werk. Seit den 1980er Jahren werden die Menschen durch gewerkschaftsfeindliche Gesetze und globalisierte Arbeitsmärkte aktiv aus den Organisationen verdrängt. Gleichzeitig haben sich die passiven Alternativen zur Gewerkschafts- und Parteienmacht – etwa billige Kredite, Kryptowährungen, Selbsthilfe oder Online-Foren – vervielfacht. Das Ergebnis ist eine zunehmend eingekapselte Welt, wie der Journalist Matthew Yglesias warnt. Unser Zuhause wird immer mehr zu einem Hort der Bequemlichkeit, den wir gar nicht mehr verlassen müssen, um mit anderen zu interagieren. »Alleine zu Hause zu sitzen, ist heute weit weniger langweilig«, schreibt Yglesias, der eine Welt entstehen sieht, in der wir alle »alleine streamen« können – mit katastrophalen Folgen für die Zivilgesellschaft.
Putnam von links
Hierin liegt also der rationale Kern von Putnams These: Weit über die Bowlingbahn hinaus wurde das gesellschaftliche Leben im Westen im Laufe der 1980er und 90er Jahre zunehmend atomisiert. Die wirtschaftlichen Beweggründe für diese Umstrukturierung sind offensichtlich und eine marxistische Interpretation erweist sich als nützliche Ergänzung dieser Analyse: Individualisierung ist ein Imperativ des Kapitals. Das kollektive Leben musste ausgedünnt werden, damit der Markt neue Wege der Kapitalakkumulation finden konnte. Um der drohenden Inflation zu entgehen und keine ausufernde Staatsverschuldung zu riskieren, entschieden sich 1980 viele Staaten dazu, ihre Verbindungen zu den bestehenden zivilgesellschaftlichen Organisationen zu kappen.
Diese Entscheidung hat mithin vorgezeichnet, wie die Staaten 2008 auf den Finanzcrash reagieren würden. Hinter dem kurzfristigen Chaos der Finanzkrise stand ein viel längerer Prozess: der langsame, aber stetige Niedergang der Parteiendemokratie seit der Ölpreiskrise von 1973. Parteien sind ein weiteres paradigmatisches Beispiel für die Entkopplung, die Putnam beschreibt. Als Festungen, die zwischen den Individuen und ihren Regierungen errichtet wurden, ermöglichten sie es der Bevölkerung das ganze 20. Jahrhundert hindurch, Einfluss auf den Staat auszuüben. Die Sozialdemokratische Partei Österreichs umfasste in den 1930er Jahren ein Kinderfürsorgewerk, Theater-, Radio- und Sportvereine, einen Radfahrverein, einen Feuerbestattungsverein und sogar einen Kaninchenzüchterverein.
Konservative beklagten diese Tradition als eine gefährliche Tendenz zur Politisierung, die die Menschen von der Wiege bis zur Bahre ideologisch überwache. Doch linke Intellektuelle wie Gáspár Miklós Tamás sahen in diesen neuen Parteien einen wesentlichen Bestandteil nicht nur sozialistischer Politik, sondern der Moderne insgesamt. Sie bildeten eine »Gegenmacht mit Gewerkschaften und Parteien der Arbeiterklasse, mit ihren eigenen Sparkassen, Gesundheits- und Pensionsfonds, Zeitungen, Volkshochschulen, Arbeiterklubs, Bibliotheken, Chören, Blaskapellen, intellectuels engagés, Liedern, Romanen, philosophischen Abhandlungen, wissenschaftlichen Journalen, Streitschriften, gut abgesicherten lokalen Regierungen, Temperenzlergesellschaften, ihren eigenen Sitten und Gebräuchen, ihrem eigenem Stil«.
Tamás beschrieb diese Parteien als moderne Institutionen par excellence. Im Gegensatz zu den mittelalterlichen Zünften war die Mitgliedschaft in einer Partei nicht obligatorisch – es handelte sich um eine freie Vereinigung, der Menschen beitreten und in der sie ihre Interessen vertreten konnten. Für Antonio Gramsci war die Partei damit das moderne Äquivalent des machiavellistischen Fürsten, der komplexe Situationen mit Taktgefühl und Einsicht bewältigen konnte. Diese Parteien funktionierten von oben nach unten, aber auch von unten nach oben.
In den letzten dreißig Jahren sind diese Säulen der Parteiendemokratie allmählich erodiert. Zwei Tendenzen sind symptomatisch für diesen Prozess. Der erste ist der Rückgang der Mitgliederzahlen aller Parteien bei gleichzeitigem Anstieg des Durchschnittsalters ihrer Mitglieder. Auf der Linken schrumpfte die SPD von einer Million Mitgliedern im Jahr 1986 auf 660.000 im Jahr 2003, die niederländische Partei der Arbeit von 90.000 auf 57.000. Die Mitgliedschaft der Kommunistischen Partei Frankreichs reduzierte sich von 632.000 im Jahr 1978 auf 210.000 im Jahr 1998 und die ihrer italienischen Schwesterpartei von 1.753.323 auf 621.670 im gleichen Zeitraum. Die britische Labour-Party zählte 1978 noch 675.906 Mitglieder, 2005 aber nur noch 200.000.
Dieser Trend ist bei der klassischen Linken zwar besonders markant, weil sie schon immer mehr auf Massenmobilisierung baute, lässt sich jedoch auch auf der Rechten beobachten. Die britischen Konservativen verloren zwischen 1973 und 1994 eine Million Mitglieder, während die französischen Gaullisten von 760.000 auf 80.000 zurückfielen. Die Tories – die erste Massenpartei in der europäischen Geschichte – erhalten heute mehr Geld aus Hinterlassenschaften toter Mitgleider als aus den Beiträgen lebender, wenn man einmal von den (inzwischen zurückgewiesenen) Zuwendungen russischer Oligarchen absieht.
Die USA wurden demgegenüber oft als Ausreißer betrachtet. Schließlich gibt es in den USA schon seit 1896 keine echten Massenparteien mehr. Die letzten Beispiele für eine Mobilisierung der breiten Massen waren der Kampf gegen die Sklaverei in den 1850er Jahren und der Aufstieg des Populismus und Sozialismus in den 1880er und 90er Jahren. Nach der Niederlage der People’s Party – im Süden durch Wahlfälschung und Gewehre, im Norden durch Wahlmüdigkeit – konstruierten die Eliten der Demokraten wie der Republikaner ein System, das es anderen Parteien praktisch verunmöglichte, sie ernsthaft herauszufordern. Doch auch diese beiden Parteien hatten einst eine Vielzahl von Basisorganisationen und waren in der Gesellschaft verwurzelt. Zur Zeit den New Deals war die Demokratische Partei, vertreten durch ein Vorfeld von Arbeiter-, Gewerkschafts- und Bürgerorganisationen, effektiv eine Art Massenpartei. Sowohl auf der Linken als auch auf der Rechten haben Arbeiter, Unternehmer und Ladenbesitzer ihre Interessen in lokalen Clubs, Ausschüssen, Innungen und Syndikaten vertreten.
Diese Infrastruktur bildete auch eine wichtige Basis für die Revolten, die die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre lostraten. Der Detroiter Gewerkschaftsführer Walter Reuther marschierte Anfang der 1960er Jahre zusammen mit Martin Luther King Jr.; und einer der wichtigsten Unterstützer von dessen des March on Washington im Jahr 1963 war A. Philip Randolph, ein radikaler Gewerkschafter, der seit den 1920er Jahren schwarze Arbeiterinnen und Arbeiter organisierte. Auch wenn die Demokratische Partei diese Kräfte stets stiefmütterlich behandelte, sorgten sie dennoch insgesamt dafür, dass sie eine »Partei der Arbeiterschaft« war, auch wenn sie niemals eine Arbeiterpartei wurde.
Ab den 1970er Jahren begann diese Landschaft auszutrocknen, sowohl passiv als auch unter aktiver Einwirkung. Die demokratische Verheißung, die Alexis de Tocqueville in den USA erblickt hatte und von der Generationen europäischer Reisender berichtet hatten, wurde von einer Realität verdrängt, in der Menschen alleine bowlen gingen. Anstelle von Massenorganisationen wandten sich freiwillige Vereinigungen zunehmend einem Non-Profit-Modell zu, um ihre Interessen in Washington zu vertreten.
Die Umstellung auf NGOs veränderte die personelle Zusammensetzung dieser Interessenvertretungen drastisch. Anstatt sich auf beitragszahlende Mitglieder zu verlassen, wandten sie sich an wohlhabende Spender, um ihre Kassen zu füllen. Als die Regierungen in den USA ihre Umverteilungsfunktion zunehmend aufgaben, eröffnete dies neue Betätigungsfelder für NGOs, da der Anteil der Bevölkerung, der auf ihre Leistungen angewiesen war, dadurch stetig wuchs. Die Logik lag auf der Hand: Organisationen, die praktisch wie Unternehmen funktionierten, aber keine Lust hatten, ihre Steuerpflichten gegenüber dem Staat zu erfüllen, sahen in dem Non-Profit-Modell eine Chance. Die Politikwissenschaftlerin Theda Skocpol bezeichnet sie als »Vertretungen ohne Mitglieder«: NGOs, die als Anwälte von stummen Angeklagten fungierten.
Der populistische Moment
Die Abkehr von den Massenparteien und die wachsende Entfremdung zwischen Politik und Bevölkerung kann nur vorübergehend durch Fernsehwerbespots und Marketingstunts überspielt werden. Im Jahr 2010 war klar, dass weder die klassische PR-Arbeit noch Protestpolitik ihre Versprechen halten konnten. Die Austerität dezimierte die Renten und den öffentlichen Sektor im gesamten Globalen Süden. Die öffentliche Verschuldung, die ihrerseits durch private Verschuldung angekurbelt wurde, stieg an. Angeregt durch die Indignados-Bewegung in Spanien begann sich im März 2013 eine Gruppe linker Akademikerinnen und Akademiker an der Universität Complutense von Madrid zu treffen. Ein Jahr später kandidierten sie als Podemos bei der Europawahl und gewannen Mandate. Im Jahr 2016 gründete sich nach ihrem Beispiel in Paris La France Insoumise.
Für Sozialistinnen und Sozialisten war der Übergang von Massen- zu Kartellparteien eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits eröffnete er ihnen die Chance, Wählerinnen und Wähler anzusprechen, deren Unzufriedenheit von den etablierten Parteien nicht mehr abgebildet wurde. Die Linke konnte so die vorherrschende Anti-Establishment-Stimmung politisieren und damit Antipolitik in Politik verwandeln. Andererseits verkleinerte dieser Übergang auch den Raum, in dem linke Politik selbst agieren konnte. Neoliberale Reformen hatten eine soziale Landschaft geschaffen, die sich nicht nur durch eine Entfremdung der Bevölkerung von den traditionellen Parteien auszeichnete, sondern auch durch einen Rückzug aus dem öffentlichen Raum als solchem, den das neue Medium Internet nur schlecht ersetzen konnte. Linkspopulisten mussten also zutiefst demobilisierte Gesellschaften mobilisieren.
Als erstes machte sich die populistische Wende in der Rhetorik dieser Kräfte bemerklich. Ab 2012 wurde »das Volk« für alte und neue linke Parteien zu einem zentralen Bezugspunkt. Die Übernahme einer klassenübergreifenden Sprache war nichts Neues für die Linke. Die Intellektuellen, die am stärksten mit dieser Entwicklung assoziiert werden – der Philosoph Ernesto Laclau und die politische Theoretikerin Chantal Mouffe – hatten ihre Thesen bereits Jahrzehnte zuvor formuliert. In der Welt des einsamen Bowlers kamen sie schließlich zur Anwendung.
Doch der Populismus von Laclau und Mouffe nahm in den 2010er Jahren sowohl in Europa als auch in den USA eine organisatorische Form an, die sehr speziell war – auch in Hinblick auf die Gruppen, die sie in einer Koalition zusammenzubringen versuchte. Die Linken sahen sich mit einer zutiefst desorganisierten Zivilgesellschaft konfrontiert, in der die Bevölkerung gänzlich aus der Politik verdrängt und das Verhältnis zwischen Eliten und Durchschnittsbürgern höchst unbeständig war. Die Krisen der 2010er Jahre stellten sie daher vor ein sowohl inhaltliches als auch organisatorisches Dilemma.
Zunächst stellte sich die Frage nach der sozialen Basis für ein linkes Programm und deren Zusammensetzung. Dieses Problem hatte sich bereits den sozialdemokratischen Parteien des 20. Jahrhunderts gestellt. Dem Politologen Adam Przeworski zufolge gab es eine klare Schwelle, jenseits derer linke Parteien nicht mehr von der Arbeiterklasse, sondern von »dem Volk« sprachen.
Die historische Sozialdemokratie hoffte, die Expansion der Industrie würde eine Arbeiterklasse hervorbringen, die groß genug wäre, um mit ihr allein Mehrheiten zu erringen, politische Ämter zu erobern und mit Reformen den Weg zum Sozialismus zu bahnen. Doch als diese Klasse stattdessen stagnierte und schließlich zu schrumpfen begann, brachte das die Sozialdemokratie in eine Zwickmühle: Sie konnte ihre Basis vergrößern, musste dann aber auch Zugeständnisse an die Mittelschicht machen, die mit ihren Steuern weiterhin den Wohlfahrtsstaat finanzieren und die gleichen öffentlichen Dienstleistungen in Anspruch nehmen sollte wie die unteren Klassen. Doch je mehr konsumorientierte Erleichterungen der Mittelschicht gewährt würden, desto kleiner würde der Spielraum der heimischen Industrie, womit auch die materielle Grundlage der proletarischen Stärke verkümmern würde.
Auf dieses Dilemma fand die Sozialdemokratie im Laufe ihrer Geschichte eine Reihe unterschiedlicher Antworten. Für den SPD-Theoretiker Karl Kautsky folgte daraus, dass man der Bauernschaft eine Landreform versprechen musste, während der Reformist Eduard Bernstein für ein taktisches Bündnis zwischen den neuen Mittelschichten und den arbeitenden Klassen plädierte – eine Brücke zwischen Büro und Fabrik. Antonio Gramsci argumentierte, man müsse der italienischen Bauernschaft die Hand zu reichen, die vom faschistischen Staat in Schach gehalten wurde und hauptsächlich im Süden des Landes lebte. Französische Denker wie Serge Mallet und André Gorz wiederum waren der Meinung, man müsse sich auf die Studierendenschaft konzentrieren und nicht auf das obsolet geglaubte Industrieproletariat. In all diesen Ansätzen ist die populistische Versuchung, die Arbeiterklasse gegen das Volk einzutauschen, bereits angelegt.
In den 2010er Jahren mussten linke Parteien die Arbeiterklasse erneut mit einer durch die Finanzkrise absteigenden Mittelschicht zusammenführen. Die meisten linkspopulistischen Projekte adressierten zunächst die letztere und wollten darüber die erstere erreichen, was einige Schwierigkeiten mit sich brachte. Auch die Zusammensetzung dieser Gruppen unterschied sich erheblich von der Arbeiterklasse und der Mittelschicht des 19. und 20. Jahrhunderts. Denn diesmal wurden sie nicht nur aus den Fabriken, sondern auch aus dem öffentlichen Leben an sich verdrängt. Hier stieß der Populismus auf das zweite, komplexere Dilemma, das mit Putnams Analyse in Bowling Alone zusammenhängt: Wie sollte die Linke auf die zunehmende Verarmung des politischen Lebens seit den 1970er Jahren reagieren, und welche Möglichkeiten der politischen Teilhabe konnte sie überhaupt anbieten?
Dieser Umstand verkomplizierte das Problem, das die Sozialdemokratie von Anfang an geplagt hatte. Während sie sich einst auf eine industrielle Arbeiterklasse und eine Mittelschicht stützen konnte, konnte sich der Linkspopulismus der Unterstützung keiner der beiden Gruppen sicher sein. Die Deindustrialisierung der 1980er Jahre und die daraus resultierende Krise der Zivilgesellschaft hatte die politischen Eliten grundlegend von der Bevölkerung entkoppelt. Aus der so entstandenen Lücke zwischen Gesellschaft und Staat erwuchs für linke Politik eine bleierne Herausforderung – denn in einer Welt, in der die Politik an sich in der Krise steckte, erschienen die Ziele der Linken wenig überzeugend, wenn nicht sogar schlichtweg unrealistisch. Um in dieser Zwangslage neu zu durchdenken, wie politische Mobilisierung im Zeitalter der Demobilisierung funktionieren kann, erfolgte der Rückgriff auf eine populistische Strategie – es ging darum, die gesellschaftliche Isolation zu durchbrechen.
Dies war keine leichte Aufgabe, und letztlich stellte sie die Linke vor eine lähmende Alternative. Sie konnte sich ganz dem Populismus verschreiben, indem sie die breite Masse der von der traditionellen Politik Ausgeschlossenen und von der Sozialdemokratie Enttäuschten adressierte. Doch damit lief sie Gefahr, die spezifischen historischen Verpflichtungen der Linken zu verwässern und die Menschen dazu zu verdammen, vereinsamt im Internet ihren Protest zu artikulieren. Diese Strategie ging mit einem sehr digitalen und von oben nach unten gerichteten Ansatz beim Aufbau von Koalitionen einher. Außerdem lief die Linke damit Gefahr, nicht genug organisatorische Macht aufzubauen, um es mit den Kräften des Kapitals aufnehmen zu können.
Andererseits könnte der Rückgriff auf eine klassische linke Identität Wählerinnen und Wähler abschrecken, deren Loyalität gegenüber der traditionellen Linken geschwunden war. Da die Sozialdemokratie ab den 1990er Jahren den neoliberalen Dritten Weg beschritt und sich nach 2008 an der Austeritätspolitik beteiligte, wurde diese Tradition zugleich zu einer Belastung. Der Kompromiss zwischen Arbeiterklasse und Mittelschicht, der die Sozialdemokratie von Anfang an beschäftigt hatte, aktualisierte sich nun im Kompromiss zwischen Sozialismus und Populismus.
Wie der Soziologe Dylan John Riley 2012 feststellte, »hat die heutige Politik in der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt kaum noch Ähnlichkeit mit jener der Zwischenkriegszeit«. Damals »organisierten sich die Bevölkerungen in Massenparteien der Linken und der Rechten«, während wir heute in einer Ära der »Krise der Politik als Form menschlicher Aktivität« leben, für die wahrscheinlich »weder Bernstein noch Lenin direkt anwendbare Lektionen anbieten können«.
Die Faschismus-Debatte
Wenn wir die heutige Politik als das Resultat der 2010er Jahre verstehen, dann müssen wir uns von einer Reihe von Rahmensetzungen verabschieden, die wir aus dem vergangenen Zeitalter geerbt haben. Dazu gehört insbesondere die Ansicht, dass in unserer Zeit der Faschismus wieder aufersteht. In den sechs Jahren, die seit der Wahl von Donald Trump vergangen sind, ist innerhalb der US-amerikanischen und europäischen akademischen Welt eine hitzig Debatte darüber entbrannt, ob er als Faschist einzustufen ist. Der Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 war zugleich schockierend und wenig überraschend.
Putnam hatte bereits davor gewarnt, dass soziales Kapital nicht an sich etwas Gutes ist, und nach ihm ist vielfach angemerkt worden, dass ein engmaschiges Netzwerk von Vereinen – wie etwa Sportclubs – für die Stärke der Nazis in den 1930er Jahren von entscheidender Bedeutung war. Putnam selbst schrieb mit Bezug auf einen schweren rechten Terroranschlag in den USA im Jahr 1995: »Es war soziales Kapital, das Timothy McVeigh ermöglichte, seinen Bombenanschlag auf das Alfred P. Murrah Federal Building in Oklahoma City zu verüben. McVeighs Netzwerk von Freunden, die durch eine Norm der Gegenseitigkeit miteinander verbunden waren, ermöglichte es ihm, etwas zu tun, was er allein nicht hätte tun können.«
Seitdem mehren sich Stimmen, die den Trumpismus als Vorboten einer neuen Ära der Verbände und Gemeinschaften verstehen. In einem kürzlich erschienenen Paper behaupten drei Sozialwissenschaftler, die Wählerschaft im ländlich geprägten Landesinneren der USA würde nicht mehr alleine bowlen, sondern »mit Trump golfen«. Sie argumentieren, dass »der Anstieg der Stimmen für Trump das Ergebnis eines langfristigen wirtschaftlichen und demografischen Rückgangs in Gebieten mit starkem sozialen Kapital« sei. Die Schlussfolgerung scheint unausweichlich: Da soziales Kapital dem Faschismus im Deutschland und Italien der 1930er Jahre schon einmal den Rücken stärkte, müsste dasselbe auch auf Trumps politisches Projekt zutreffen.
»Faschistische Parteien waren keine Kartenspielvereine, und mit Trump zu golfen, ist ein dürftiger Ersatz für faschistische Bootcamps.«
Es lassen sich sowohl gewissenhafte als auch weniger gewissenhafte Beispiele dieser Analyse finden. Aus Sicht des Historikers Timothy Snyder oder des Philosophen Jason Stanley stehen Donald Trump und Jair Bolsonaro in direkter Kontinuität zu den Machthabern der 1930er Jahre. Die Trump-Präsidentschaft stelle »die Ursünde der amerikanischen Geschichte in der Zeit nach der Sklaverei, unsere bisher nächste Berührung mit dem Faschismus« dar. Für Snyder war das immer noch »Prä-Faschismus«, denn »wenn ein Putsch im Jahr 2024 funktionieren soll, brauchen die Putschisten etwas, das Trump nie richtig hatte: eine wütende und organisierte Minderheit, die zu landesweiter Gewalt bereit ist und die Wahl mit Einschüchterungen begleiten kann. […] Vier Jahre des Insistierens auf einer großen Lüge [dass Biden die Wahl gestohlen habe] könnten Trump genau dies verschaffen.« Der Journalist Paul Mason und die Autorin Sarah Kendzior haben Texte verfasst, die uns erklären sollen, »wie man den Faschismus aufhält«, und die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright veröffentliche das Buch Faschismus: Eine Warnung.
Subtilere Versionen dieser These findet man etwa bei dem Historiker Gabriel Winant und dem Philosophen Alberto Toscano, die das Konzept des »racial fascism« vorschlagen, um den Trumpismus auf einer breiteren Zeitachse zu kontextualisieren. Ihrer Ansicht nach waren weiße Identitätspolitik und Faschismus schon immer miteinander verknüpft. Wie Winant feststellt, »war der wichtigste Faktor für den sozialen Zusammenhalt in Tocquevilles Amerika nichts anderes als die weiße Vorherrschaft. Angesichts dessen, dass diese Struktur überdauert hat, […] macht es wenig Sinn, sich unsere Gesellschaft als eine vorzustellen, die früher reich an Vereinigungen war, heute aber ihrer beraubt ist«. Mit Bezug auf einen Vorfall, bei dem ein Ehepaar mit einem Sturmgewehr und einer Pistole auf eine an ihrem Haus vorbeiziehende Black-Lives-Matter-Demonstration zielten, schreibt er, dass »die waffenschwingenden McCloskeys in St. Louis vermutlich nicht Mitglieder der gleichen Art von Bruderschaften sind, die im 19. Jahrhundert populär waren, […] jedoch immerhin Mitglieder einer Hausbesitzervereinigung«. Menschen wie sie verlassen sich demnach auf »Weißsein als eine Art primäres verbindendes Element, aus dem unter gegebenen historischen Umständen eine Vielzahl spezifischerer Vereinigungen erwachsen kann«.
Wenn Trump also wie ein »racial fascist« aussieht, wie einer schwimmt und wie einer quakt, dann ist er wahrscheinlich auch einer. In diesem Punkt haben sich Stimmen aus hohen Kreisen Winant angeschlossen. In einer Rede im vergangenen Jahr geißelte Präsident Joe Biden die Trumpistischen Republikaner als »Bedrohung für die Republik« und sah bei ihnen eine Tendenz zum »Semi-Faschismus«.
Diese Lesart sieht sich wiederum einem Chor von kritischen Stimmen gegenüber. Riley oder auch der Politologe Corey Robin sehen den Trumpismus eher als eine Form des Bonapartismus, der wenig mit den »superpolitisierten« Faschismen der Zwischenkriegszeit gemein hat. Vor allem fehlen die beiden entscheidenden Voraussetzungen für jede faschistische Bewegung: eine vorrevolutionäre Arbeiterklasse an der Schwelle zur Macht und die gemeinsame Erfahrung der Bevölkerung mit totalem Krieg, die einen Massenkörper schafft. Der Faschismus an der Macht habe einen hegemonialen Charakter und begnüge sich nicht damit, sich nur am Rande einzumischen. Ansonsten hätte er, wie Heiden in einer christlichen Welt, in der neuen Ordnung kaum Einfluss.
Eine der häufigsten Entgegnungen auf diese Kritik verweist auf Asymmetrien zwischen Links und Rechts. Während in den 1980er und 90er Jahren ein dramatischer Rückgang des linken zivilen Lebens zu verzeichnen war, habe die Rechte diese Zeit recht gut überstanden: Polizeigewerkschaften und Bürgerwehren haben den neoliberalen Angriff überlebt. Der Faschismus sei letztendlich die Mentalität des Streifenpolizisten, übertragen auf die Ebene staatlicher Politik – eine Art Gegenmobilisierung zu einer militanten Arbeiterklasse. Es sei deshalb nicht überraschend, dass Marine Le Pen in Frankreich überwältigende Unterstützung von Polizistinnen und Polizisten erhalten hat.
Ein ähnliches Argument wurde für die britischen Konservativen angeführt. Die Tories hätten ihre Bastionen in der Gesellschaft in Form von Privatschulen, Sportvereinen und Eliteuniversitäten behalten. Wie der Politologe R. W. Johnson 2015 anmerkte, hat »die Atomisierung und Zersplitterung der Labour-Wählerschaft« dazu geführt, dass »ganze Teile an die Scottish National Party und die UK Independence Party abgewandert sind«, während »die institutionelle Basis der Tories – Privatschulen, die anglikanische Kirche, wohlhabende Wohnviertel, der expandierende Privatsektor und das Wohneigentum im Allgemeinen – so gesund wie eh und je« sei. Das Ergebnis sei »ein einseitiger Verfall des Klassengegensatzes, wobei die Tories ihr altes Hinterland viel besser halten konnten als Labour«. Von Oxfords Bullingdon Club bis zu den Gilden der City of London ist es den konservativen Parteien weitestgehend gelungen, ihre elitären Brutstätten und damit auch ihre Personalpools zu erhalten.
»NGOs sind keine Festungen der Zivilgesellschaft. Sie sind wie körperlose Köpfe – sie rekrutieren Spender und nicht Mitglieder.«
Es ist jedoch nicht ersichtlich, inwiefern solche Aussagen Putnams ursprüngliche Hypothese entkräften. Die von seinen Gegnerinnen und Gegnern verwendeten Maßstäbe für soziales Kapital sind zum Beispiel seltsam schwammig. Werden NGOs und Hausbesitzervereinigungen in dieselbe Kategorie eingeordnet wie Parteien und Gewerkschaften, sagt das wenig über die relative Stärke der Institutionen der Zivilgesellschaft aus. NGOs sind keine Festungen der Zivilgesellschaft. Sie sind wie körperlose Köpfe – sie rekrutieren Spender und nicht Mitglieder.
Selbst wenn Trump und andere Nationalistinnen und Nationalisten sich tatsächlich auf ein dichtes Netz von Clubs und Vereinigungen stützen könnten, würde dies nichts an dem Kontext allgemeiner Demobilisierung ändern, in dem sie agieren. In einem politischen System wie den USA können sie sich nur an der Macht halten, indem sie die mehrheitsfeindlichsten Funktionen der Verfassung ausnutzen. Das ist Welten entfernt von der Verfassungsfeindlichkeit der Nazis, die die Staatsform der Weimarer Republik verachteten, weil sie unter dem Einfluss sozialistischer Kräfte entstanden war. Faschistische Parteien waren keine Kartenspielvereine, und mit Trump zu golfen, ist ein dürftiger Ersatz für faschistische Bootcamps.
Was ist mit den anderen Reserveinstitutionen der Rechten, vom »Weißsein« bis zum Wohneigentum? Es stimmt durchaus, dass es vielen rechten Institutionen im neoliberalen Zeitalter besser ergangen ist. Doch Argumente wie das von Winant verunklaren den Unterschied zwischen einer Person, die weiß ist, und einem Mitglied im Ku-Klux-Klan. Auch ist es nicht dasselbe, Unternehmerin zu sein oder Beiträge an einen Arbeitgeberverband zu zahlen. Nachdem die Segregation der Jim-Crow-Ära in den USA abgeschafft wurde, garantiert die ethnische Zugehörigkeit nicht mehr die Eingliederung in die Zivilgesellschaft. Eine Hausbesitzervereinigung ist keine Ortsgruppe der antikommunistischen, ultrakonservativen und libertären John Birch Society, so wie auch Bolsonaros Whatsapp-Gruppen nicht Mussolinis Schwarzhemden sind.
Der Ku-Klux-Klan und andere Organisationen der weißen Vorherrschaft können durchaus als die ersten wirklich faschistischen Organisationen der Geschichte gelten. Aber als Institutionen sind sie seit Jahrzehnten im Niedergang, und ihre Zeit als Sturmtruppen der weißen Vorherrschaft ist lange vorüber. Milizen wie die Proud Boys und die Boogaloo-Bewegung gedeihen stattdessen als »individualisierte Kommandos«, wie der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze es ausdrückte. Mit den deutschen Freikorps oder der pro-britischen Black and Tans in Irland sind sie kaum vergleichbar. Das waren hoch disziplinierte Formationen mit direkter Kampferfahrung, keine dumpfen Einzelgänger, die losziehen, um Autohäuser zu »beschützen«.
Das gilt ebenso für die europäischen Fälle. Die postfaschistische Partei Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni ist im vergangenen Jahr sprunghaft gewachsen, zählt jetzt über 100.000 Mitglieder und führt eine Regierungskoalition an. Dennoch wird sie nicht auf Stärke von 230.000 Mitgliedern heranwachsen, die ihre Vorgängerin MSI Anfang der 1960er Jahre vorzuweisen hatte, was einen Faschismus »ohne Kader, Uniformen und Baseballschläger« zur Folge hat. Sowohl zahlenmäßig als auch qualitativ ist die extreme Rechte nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst – ebenso wie die rechte Mitte.
Der Tory-Verein Primrose League wurde 2004 aufgelöst, und wer das ländliche Großbritannien besucht, dem fallen schnell die verblassenden Conservative-Club-Plakate ins Auge. Wie die alten Workingmen’s Associations dienen auch diese Clubs kaum noch zur Massenmobilisierung und wirken oft eher wie Altenheime (das Durchschnittsalter der Mitglieder der britischen Konservativen liegt nach Schätzungen bei 72 Jahren). Wie Tariq Ali von der New Left Review festgestellt hat, war diese organisatorische Selbstverbrennung ihrerseits ein Produkt der neoliberalen 1980er Jahre. Margaret Thatchers Marktreformen führten zur »Dezimierung der ländlichen Basis der Tories, die sich aus lokalen Adligen, Bankmanagern und Geschäftsleuten zusammensetzte, durch die von ihr ausgelösten Wellen von transatlantischen Übernahmen und Privatisierungen«.
Natürlich gibt es Ausnahmen von dieser Regel: die Anti-Obama-Bewegung der Tea Party, die sich Anfang der 2010er Jahre in Kellern traf, die Hindu-Jugendclubs von Narendra Modis Indischer Volkspartei oder die von der skandinavischen extremen Rechten organisierten migrationsfeindlichen »Verteidigungsligen«. Im Allgemeinen scheint das zivilgesellschaftliche Muster auf der Rechten genauso fragmentiert zu sein wie auf der Linken.
Die optimierte Oligarchie
Warum hat die Rechte in der Putnam-Ära dennoch besser abgeschnitten als die Linke? Der Grund dafür ist wenig überraschend: Die Rechte ist schon immer organisch aus der kapitalistischen Gesellschaft erwachsen und stützt sich auf die Standardformen der Vereinigung, die das Kapital hervorbringt. Wie Friedrich Engels in einem Bericht an britische Gewerkschafter im Jahr 1881 feststellte:
»Die Kapitalisten sind immer organisiert. In den meisten Fällen brauchen sie keinen formellen Verband, keine Statuten, keine Funktionäre etc. Ihre im Vergleich zu den Arbeitern geringe Zahl, der Umstand, daß sie eine besondere Klasse bilden, ihr ständiger gesellschaftlicher und geschäftlicher Verkehr untereinander machen das alles überflüssig; […] Die Arbeiter dagegen können von allem Anfang an nicht ohne starke Organisation mit genau festgelegten Statuten auskommen, die ihren Einfluß durch Funktionäre und Komitees ausübt.«
Die Krise der Zivilgesellschaft im letzteren Sinne stellt für die Linke ein größeres Problem dar als für die Rechte, weil die Messlatte für erfolgreiche sozialistische Politik prinzipiell höher liegt. Der Rechten genügt es meist, die Eigentumsverhältnisse zu erhalten oder zu stabilisieren. Nicht Militanz, sondern Trägheit und Resignation sind ihre großen Trümpfe. Nichtsdestoweniger sind Hausbesitzervereinigungen, QAnon-Gruppen und Golfclubs kein dauerhafter Ersatz für diese ältere zivilgesellschaftliche Infrastruktur.
»Die Republikanische Partei ist nicht so sehr eine faschistische Bedrohung als vielmehr eine abgespeckte Oligarchie.«
Die deutlichen Parallelen zwischen der heutigen Zeit und den 1930er Jahren dürfen natürlich nicht kleingeredet werden. Trump war, wie Hitler und Mussolini, ein eminent fauler Regent, der die Politik gern Spezialisten und hochrangigen Beamten überlässt, während er in der Menge herumstümpert wie ein digitaler Louis Bonaparte. Und wie diese Führer verdankte auch Trump seine Macht vor allem jener Gruppe willfähriger Konservativer unter den Republikanern, die versuchen, die extreme Rechte als Waffe gegen konkurrierende Oligarchen einzusetzen.
Doch danach verlaufen sich die Analogien. Trumps Macht stützte sich auf die entfesselte Exekutivgewalt, die seine Vorgänger Barack Obama und George W. Bush ihm hinterließen. Die Republikaner verdanken ihre Macht nicht einer Massenbewegung in einer straff organisierten Partei. Der langjährige Sprecher der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, beklagt immer wieder die nachlassende parlamentarische Disziplin glühender Trump-Fans wie der Kongressabgeordneten Marjorie Taylor Greene. Die Republikanische Partei zieht es also vor, ihre Macht aus den bestehenden Einrichtungen der US-amerikanischen Staates abzuleiten, der ungebrochen seit dem 18. Jahrhundert aggressiv elitäre Züge aufweist. Corey Robin spricht zu Recht von einem »Gonzo-Konstitutionalismus« – dem gnadenlosen Einsatz der antidemokratischsten Elemente der politischen Ordnung.
Der beunruhigendste Fakt über den Trump-Republikanismus ist, wie Robin schreibt, dass er »nicht auf die Schreckgespenster der Demokratie – nicht auf Demagogie, Populismus oder die Massen – aufbaut, sondern auf die verfassungsmäßigen Grundpfeiler, von denen wir in der Highschool in Staatsbürgerkunde gelernt haben«. Die Republikanische Partei gewann bei Präsidentschaftswahlen zuletzt nur im Jahr 2004 eine Mehrheit der Stimmen, als George W. Bush 50,7 Prozent erhielt. Ansonsten stärkte sie ihren Griff auf den Staatsapparat vor allem mittels Minderheitsmechanismen: durch die Ernennung von Richterinnen und Richtern für den Obersten Gerichtshof; durch das Gerrymandering, also die Manipulation von Wahlkreisgrenzen zum eigenen Vorteil; und den Filibuster, der es der Parlamentsminderheit erlaubt, Gesetzesvorhaben der Mehrheit zu blockieren.
Die Republikanische Partei ist nicht so sehr eine faschistische Bedrohung als vielmehr eine abgespeckte Oligarchie. Sie nutzt die letzten antimajoritären Hebel des US-amerikanischen Ancien Régime. »Unsere Wahlen auf nationaler Ebene zu regulieren, ist ein jahrzehntealtes Ziel der Demokratischen Partei, das ständig nach neuen Rechtfertigungen sucht«, erklärte McConnell im vergangenen Jahr im Senat und gab offen zu, dass bundesstaatliche Regelungen, die die Wahlbeteiligung niedrig halten, ein Segen für seine Partei sind. »Semi-Faschismus« mag ein rhetorisch dankbarer Begriff für dieses Verhalten sein – aber letztlich ist nicht alles, was schlecht ist, einfach das Gleiche.
Online und Offline
In den letzten zehn Jahren wurde quer durchs politische Spektrum nach technischen Lösungen für Putnams Krise gesucht. Die verlockendste war zweifellos die neue Online-Welt. Bereits vor zwei Jahrzehnten, als Putnam sein Buch veröffentlichte, fragte man sich, ob die neue globale Konnektivität des Internets, die im Schoß des amerikanischen Sicherheitsapparats entstanden ist, die Gesellschaft erneuern könnte. So wie Putnam, der schon damals bezweifelte, dass Online-Aktivität die alte Zivilgesellschaft ersetzen könnte, haben zwanzig Jahre später auch die Kinder des Internets wenig Vertrauen mehr in die Fähigkeit von Twitter oder Tiktok, Gutes zu bewirken.
Diese Skepsis spiegelt sich in einer Verwirrung über das angebliche politische Potenzial des Internets wider. Wenn die Skylla der Social-Media-Analyse der naive Utopismus der frühen 2000er Jahre war, so ist ihre Charybdis unser aktueller digitaler Pessimismus, der alle möglichen Probleme der Welt – von politischer Polarisierung über sexuelle Impotenz bis hin zu sinkenden Alphabetisierungsraten – sowohl als Ursachen als auch als Folgen davon betrachtet, dass wir zu viel im Internet unterwegs sind.
Doch die heutige Online-Kultur ist offensichtlich ein Produkt der Atomisierung, die die neoliberale Offensive in der Gesellschaft erzeugt hat. Es gibt inzwischen zahlreiche Studien, die eine Korrelation zwischen abnehmendem zivilgesellschaftlichem Engagement und Breitbandzugang belegen. Das Internet beschleunigt und verfestigt die soziale Atomisierung. Die Ein- und Ausstiegskosten dieser neuen, simulierten Zivilgesellschaft sind extrem niedrig – das Stigma, eine Facebook-Gruppe oder eine Twitter-Blase zu verlassen, ist nicht damit vergleichbar, als Streikbrecher aus einer Nachbarschaft wegziehen zu müssen.
Die extreme Marktorientierung der 1980er und 90er Jahre machte die Welt anfälliger für die Gefahren der sozialen Medien. Dass sich die Freiwilligenorganisationen auflösten, die fordistische Beschäftigungssicherheit erodierte, das religiöse Leben erstarb, die Amateursportvereine verschwanden, »die Massen« zerstreuten und eine »Multitude« aus Individuen an ihre Stelle trat – all diese Entwicklungen erzeugten die Nachfrage nach sozialen Medien, lange bevor es Produkte wie Facebook oder Instagram gab. Soziale Medien konnten nur in eine Lücke stoßen, die sie nicht selbst geschaffen hatten.
Das Kapital ist zersplittert
Das Internet lässt sich also am besten als pharmakon verstehen – ein griechischer Begriff, der sowohl Heilmittel als auch Gift bedeutet; ein vermeintliches Gegenmittel, das die Krankheit nur noch verschlimmert. Dies wirft auch für die Rechte heikle Fragen auf, zumal sich das Kapital in den letzten Jahrzehnten zunehmend uneins wurde. Wie der Amerikanist Paul Heideman in Catalyst anmerkt, beseitigte der Angriff auf die Arbeiterorganisationen in den 1980er Jahren auch die disziplinierenden äußeren Zwänge, die die Kapitalisten einst dazu anhielten, zusammenzuhalten und eine gemeinsame politische Agenda zu vertreten.
Ohne die Arbeiterbewegung als Gegner werden sich die internen Brüche auf der Kapitalseite wahrscheinlich noch vergrößern. Angesichts der »Schwächung der Parteien seit den 1970er Jahren und der politischen Desorganisation der US-Unternehmenswelt seit den 1980er Jahren« ist es, wie die Politologin Cathie Jo Martin argumentiert, »für die amerikanischen Arbeitgeber viel schwieriger, über ihre kollektiven langfristigen Interessen nachzudenken«. Anstelle von einem »Realignment«, also einer Neuausrichtung der Arbeiterklasse auf die Republikanische Partei, wie sie zwischenzeitlich diagnostiziert wurde, ist es die rücksichtslos fortschreitende Auflösung der Parteibindungen, das »Dealignment«, das dieses Zeitalter des politischen Tumults in den USA bestimmt.
»Trump hat Unmengen von Geld aus seinem Mob herausgepresst, ohne jemals eine Parteistruktur aufzubauen.«
Um die »populistische Explosion« zu begreifen, ist es weitaus hilfreicher, die Desorganisation der kapitalistischen Klasse ins Auge zu fassen, anstatt ahistorische Verweise auf den Autoritarismus der 1930er Jahre heranzuziehen. Wie der Suhrkamp-Lektor Heinrich Geiselberger im Guardian festgestellt hat, »können die Feinde des Sozialismus nur noch sein Gespenst beschwören«. Geiselberger spricht – mit Tamás – vorzugsweise von »Postfaschismus«: einem Versuch, die Staatsbürgerschaft enger zu fassen und sie auf nationale Grenzen zu beschränken, aber ohne die organisatorische Schlagkraft des Faschismus des 20. Jahrhunderts. Die Neue Rechte ist daher »atomisiert, volatil, schwarmartig, mit porösen Grenzen zwischen Gravitas und Ernst, Aufrichtigkeit und Ironie«.
Vor allem aber ist die neue Politik konsequent informell. Der Mob, der am 6. Januar 2021 seine bedingungslose Unterstützung für Trump zum Ausdruck brachte, verfügt nicht einmal über Mitgliederlisten. QAnon und die Bewegung gegen die Corona-Lockdowns bilden eine Subkultur, die vor allem auf Blogs, Instagram und in Facebook-Gruppen floriert. Natürlich gibt es prominentere und weniger prominente QAnon-Figuren – sozusagen Influencer. Doch ihre Führung ist weder durch Wahlen legitimiert noch offiziell. Es handelt sich nicht um eine militärisch gedrillte Masse, sondern um einen umherziehenden Schwarm, der durch eine Clique von Aktivistinnen und Aktivisten angestachelt wird, die sich selbst zu dieser Rolle auserkoren haben.
Diese Informalität manifestiert sich auch ökonomisch. Im vergangenen Jahr hat Trump Unmengen von Geld aus seiner Anhängerschaft herausgepresst, ohne jemals etwas wie eine klare Parteistruktur aufzubauen. Bereits 1920 stellte Max Weber fest, dass charismatische Führer ihre Gefolgschaft nicht mit festen Gehältern bezahlen, sondern ihnen Belohnung in Form von »Ehrengeschenk, Beute, Stiftung zufließen« lassen. Da überrascht es auch nicht, dass charismatische Führung als Herrschaftsform höchst instabil war: Politische Nachfolger konnte nicht so einfach garantiert werden, der Mob würde sich nach seinem nächsten Erlöser umsehen müssen.
Wie könnte eine praktikable Alternative aussehen, die unsere politische Gegenwart nicht in den Rahmen des Faschismus zu pressen versucht? Wie Riley bemerkt, finden wir in Karl Marx’ Bericht über die 1848er Revolution einen weitaus aussagekräftigeren Präzedenzfall für unsere heutige Situation. Zum Ende der Revolution scharte Louis Bonaparte eine apathische bäuerliche Bevölkerung um sich und befahl ihr, die Revolution niederzuschlagen. Marx beschrieb die französische Bauernschaft als einen »Sack von Kartoffeln«, für die die »Dieselbigkeit ihrer Interessen keine Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine politische Organisation unter ihnen erzeugt«. Und er schließt: »Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden« – in diesem Fall durch einen König.
Die Politik Bonapartes war keine, die durch den Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital strukturiert war. Sie war vielmehr eine Politik des Konflikts zwischen Schuldnern und Gläubigern – eine weitere Gemeinsamkeit mit den 2010er Jahren, als private Schulden, die auf öffentliche Konten übertragen wurden, die amerikanische und europäische Schuldenkrise anheizten. Bonapartes Bauernschaft ging es nicht um die Produktionssphäre, sondern um Zirkulation und Steuern. Anstatt in den 1930er Jahren nach Antworten zu suchen, müssen wir ein viel weiter zurückliegendes Zeitalter der Demokratie betrachten, um geeignete Parallelen zu unserer populistischen Ära zu finden.
Der Erklärungsrahmen des Faschismus birgt aber ein noch größeres Risiko, nämlich die Stärke des Sozialismus zu überschätzen. Der Faschismus setzt die Volksfront und strategische Bündnisse der Arbeiterbewegung mit dem Liberalismus, einschließlich Streikverzicht, voraus. Unsere Gegenwart vor dem Hintergrund des Faschismus zu interpretieren, wird unseren Blick auf die Krise des politischen Engagements, die für das 21. Jahrhundert so typisch ist, eher trüben als schärfen.
Putnam hatte Recht, aber aus den falschen Gründen: Vereinigungen sind wichtig für die Demokratie, aber nicht für das Kapital – dieses können sie sogar bedrohen. Für diejenigen, die sich in den USA eine erneute Kandidatur von Bernie Sanders im Jahr 2024 wünschen, scheint die Frage, welche zivilgesellschaftlichen Strukturen eine erneute Kampagne hinterlassen würde, von noch größerer Bedeutung zu sein, als was sie unmittelbar erreicht. Dabei wäre nur der Fall, in dem Bernie tatsächlich Präsident wird, ein echter Test für die Verfassungstreue des Kapitals; nur dann können wir beurteilen, wie sehr die Reichen der liberalen Demokratie verpflichtet sind. Da keine solche Bedrohung vorliegt, weder auf der Linken noch auf der Rechten, werden wir weiterhin alleine bowlen.