Wenn erwachsene Frauen eine Auszeit brauchen, Spaß haben oder sich gut fühlen wollen, dann müssen sie zu Mädchen werden – zumindest wenn es nach Trends der Popkultur geht: Sie können einen entspannenden »hot girl walk« machen, sie können sich liebevoll ein »girl dinner« anrichten oder sich mit ihren Freundinnen treffen, die selbstredend auch zu Mädchen werden, nämlich den »girlies«. Der populärste Film der letzten Jahre, der als zeitgeistiger Kommentar über das Leben als Frau in unserer Gesellschaft gefeiert wurde, war Greta Gerwigs Barbie. Ein beliebter Trend, der unter jungen Frauen Gemeinschaftsgefühle stiften soll und das Mädchensein ästhetisiert, nennt sich »girlhood«. Das Pop-Phänomen unserer Zeit ist Taylor Swift, die Lieder über Jungs schreibt, die ihr in der Highschool das Herz gebrochen haben.
Diese Romantisierung der Mädchenhaftigkeit könnte man als Symptom einer Gesellschaft deuten, die vielen erwachsenen Frauen keine sonderlich verheißungsvolle Perspektive zu bieten scheint: Unter vielen von ihnen hat sich ein anhaltender Erschöpfungszustand verfestigt. Aus einer Popkultur, die Frauen sagt: »Ihr seid nur Mädchen«, ist ein Trend entstanden, der diese Haltung in die Arena der Politik hineinträgt. Die Verniedlichung der Frau hat jetzt auch im Feminismus ein Pendant gefunden – auch der ist kleiner geworden. Mikrofeminismus nennt sich dieses Phänomen.
In dem millionenfach geklickten viralen TikTok-Video, das den Trend auslöste, spricht die Userin Ashley Cheney, ein selbsternanntes »girl’s girl«, über ihre persönliche E-Mail-Etikette am Arbeitsplatz. Wenn die Assistenz eines CEOs eine Frau sei, tippe sie die Mailadresse der Assistentin in der Adresszeile immer zuerst ein. Das bemerke vermutlich niemand, aber gebe ihr das Gefühl, der anderen Frau zu signalisieren: »Hey, ich sehe dich.« Mikrofeminismus zielt darauf ab, durch kleine Gesten im Alltag Sexismus und stereotype Geschlechterbilder zu demontieren.
Neben dem Arbeitsplatz ist vor allem auch das Privatleben Gegenstand vieler dieser Posts. Es geht um die Organisation des Alltags, die Beziehung, die Kinderbetreuung, die Hausarbeit. In einem Video, das mit verträumten Klavierklängen unterlegt ist, die ein wohliges Wellness-Gefühl versprühen, sieht man einen Mann, der Wäsche in eine Waschtrommel legt: »Er weiß, bei wie viel Grad gewaschen werden soll.« In einem anderen Post erzählt eine Mutter, ihr Partner würde vor Urlauben das Gepäck der gemeinsamen Kinder packen.
Viele Frauen werden sich in den thematisierten Situationen vermutlich wiedererkennen. Denn es sind größtenteils Frauen, die den Alltag regeln, sich um den Haushalt kümmern, Familienmitglieder und Kranke pflegen. Sie haben unzählige To-dos im Kopf, die unsichtbar bleiben. Die psychische Belastung dieses konstanten Geratters im Kopf – der sogenannte Mental Load – ist enorm, weil hier nicht einfach Erledigungen abgearbeitet werden, sondern die Verantwortung für andere Menschen auf einem lastet. Es sind Aufgaben, die man nie abhaken kann, weil sie laufend neu anfallen. All das ist wahr. Und es geht nicht darum, Frauen diese Erfahrungen abzusprechen.
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Die Sache ist nur: Hier wird ein gesellschaftliches Missverhältnis auf die Ebene des zwischenmenschlichen Austauschs verlagert – und damit in eine Sphäre, in der man dem Problem kaum beikommen kann. Neben der Selbstverzwergung ist das Hauptproblem des Mikrofeminismus, dass er die Gleichberechtigung von Frauen am Ende vom persönlichen Wohlwollen und Veränderungswillen individueller Männer abhängig macht. Echte Gleichberechtigung würde im Gegenzug bedeuten, Frauen aus der Abhängigkeit von Männern zu befreien, in die sie unsere Gesellschaft hineindrängt. Dieses Verhältnis lässt sich auf der individuellen Ebene nicht wirksam adressieren. Denn die Frage der Geschlechtergerechtigkeit ist am Ende eben auch eine der sozialen Gerechtigkeit.
Auf Verschleiß
»Ich kenne keine andere gesellschaftliche Gruppe, der man so eine Mehrarbeit zumuten würde«, erklärt Bettina Kohlrausch, die Direktorin des gewerkschaftsnahen Instituts WSI, in einem Interview über die Belastung von Müttern. Die wiederum hat in den letzten Jahren zugenommen – Stichwort Betreuungsnotstand. Kindertagesstätten gehören zu den vielen Einrichtungen der sozialen Daseinsvorsorge, die heruntergewirtschaftet wurden.
Die Probleme, die sich hier zeigen, sind aus anderen Bereichen bekannt: dürftige Finanzierung, Fachkräftemangel, Krankheitsausfälle, überlastete Beschäftigte. 57 Prozent der Eltern sind mit regelmäßigen Schließungen konfrontiert, 30 Prozent haben die Arbeit aufgrund der unzuverlässigen Betreuung reduziert, die meisten von ihnen sind, natürlich, Frauen. Diejenigen, die ihre Arbeitszeit nicht reduzieren, so zeigt Kohlrauschs Forschung, gleichen ihr Arbeitsvolumen anders aus: Diese Mütter legen nachts noch eine Schicht ein, sie arbeiten am Wochenende, wann immer es geht.
Frauen haben in dieser gesellschaftlichen Situation also zwei Optionen: Sie können die Erwerbsarbeit reduzieren, sich damit in die finanzielle Abhängigkeit von ihrem Partner begeben und das Risiko eingehen, im Alter in Armut zu leben, oder sie können sich konstant bis an die Belastungsgrenze verausgaben.
»Das Einzige, was die Hausarbeit verringerte, war noch mehr Arbeit.«
Hierin zeigt sich ein Grundproblem: Die Work-Life-Balance der meisten Frauen ist eine Work-Work-Balance – eine Balance zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit. Das ist keine polemische Zuspitzung, sondern erst einmal eine Tatsachenbeschreibung: Statistisch gesehen hat sich die Stundenzahl, die Frauen mit reproduktiver Arbeit verbracht haben, trotz technologischer Erneuerungen – wie etwa der Waschmaschine, der Spülmaschine oder dem Elektroherd – zwischen 1920 und 1960 nicht verringert. Arbeitssparende Geräte führten nicht dazu, dass Frauen mehr freie Zeit für sich gehabt hätten. Vielmehr stiegen die Ansprüche an Sauberkeit und Kindererziehung. Frauen begannen erst dann, weniger Stunden in den eigenen vier Wänden zu arbeiten, als sie massenhaft in den Arbeitsmarkt integriert wurden. Das Einzige, was die Hausarbeit verringerte, war noch mehr Arbeit.
Der Fortschritt bei der gerechten Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern ist trotz eines Wandels der Geschlechterbilder frappierend gering. Gerade deswegen verschärfen gesellschaftliche Krisen wie der Betreuungsnotstand vor allen Dingen die Überlastung von Frauen und verfestigen ihre ökonomische Abhängigkeit. Unser aktuelles gesellschaftliches Modell basiert darauf, diese Krisen einfach auszusitzen und darauf zu hoffen, dass Frauen das bis zur Rente schon aushalten werden. Was sollen sie auch sonst tun?
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt es im Grunde nicht. Das hat auch eine Correctiv-Recherche zum Betreuungsnotstand offenbart. Die Bilanz: Zehntausende Personalausfälle, Notbetreuung als Normalzustand, Erzieherinnen und Erzieher, die aufgrund der dauerhaften Überarbeitung unter Panikattacken und Burn-out leiden, Kinder, die eher verwahrt als betreut werden und Gewalt erleben. »Ich stehe mit beiden Kindern vor der Kita, bekomme eine Nachricht aufs Handy, dass die Kita geschlossen ist. Ich bin extrem gestresst, weil ich wirklich zur Arbeit muss, aber keine Betreuung habe. Also muss ich zum zigsten Mal beim Arbeitgeber absagen«, erzählt eine Mutter. Viele berichten davon, dass sie ohne die Unterstützung von Verwandten und Großeltern ihrer Arbeit nicht nachgehen könnten. Wer keine Verwandten in der Nähe hat, ist aufgeschmissen.
Die Politik lässt keine Absicht erkennen, daran etwas zu ändern oder die Problemlage überhaupt ernst zu nehmen. Es ist daher kaum verwunderlich, dass unter keiner anderen gesellschaftlichen Gruppe der politische Vertrauensverlust im Verlauf der Corona-Pandemie höher war als unter Müttern. Schließlich waren vor allem sie es, die die zusätzlich anfallende Sorgearbeit übernahmen. Viele von ihnen resignieren und gehen einfach nicht mehr wählen.
Es geht nicht nur um Rechte
Die Forderung nach familienfreundlicher Politik ist gerade für Feministinnen eine Kampfzone. In dem Anspruch schwingt ein reaktionärer Beiklang mit. Es gilt als feministische Prämisse, dass die Institution der Kernfamilie dem gesellschaftlichen Fortschritt entgegensteht und den Frauen sowieso: Sie zementiert die geschlechtliche Arbeitsteilung, sie ist heterosexistisch und eine Zelle bedrückender Konformität. Da ist es kaum verwunderlich, dass »die Abschaffung der Familie« in Teilen der Linken populär wurde.
Inzwischen muss die Abschaffung gar nicht mehr eingefordert werden. Die Familie stirbt auch so. Immer mehr Menschen leben alleine, durch die Presse geistert das Gespenst massiv eingebrochener Geburtenraten. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass Menschen weniger gesellschaftlichen Druck verspüren, eine Familie zu gründen. Kinder und die Ehe gelten nicht mehr als Nonplusultra eines gelungenen Lebens und das ist auch gut so.
»›My body, my choice‹ bleibt eine leere Phrase, wenn die reproduktiven Entscheidungen, die Frauen treffen, von ökonomischen Zwängen diktiert werden.«
Aber Teil der Wahrheit ist auch, dass ökonomische Unsicherheit, finanzielle Ängste und eine isolierte, vereinzelte Gesellschaft ihr Übriges getan haben. Denn die Umstände, unter denen Frauen Kinder bekommen, haben sich verschlechtert. Der Staat ist zu träge, um diese Bedingungen zu verbessern – und er muss es auch nicht. Denn nach Jahren der Lohnstagnation und Reallohnverlusten fürchtet kein Arbeitgeber mehr, dass sich eine Frau nach der Geburt gänzlich dem Arbeitsmarkt entzieht. Die Kosten, die Risiken und die Arbeit, die mit einer Familiengründung einhergehen, werden dadurch immer mehr auf Frauen selbst abgewälzt.
Diese Perspektive erklärt mitunter auch, warum der Fall der Mauer mit einem Geburtenknick in den neuen Bundesländern einherging. Die Geburtenrate im Osten sank in den ersten fünf Jahren nach der Wende von 1,57 auf 0,77 Kinder pro Frau – ein historischer Tiefstand. In der DDR hatte umfassende kostenlose Kinderbetreuung eine hohe Erwerbsquote ermöglicht, Abtreibung war längst legalisiert, eine Scheidung war unkompliziert und kostete nicht viel. Die Entscheidung, ein Kind großzuziehen, hing nicht primär davon ab, ob man nun in einer heterosexuellen Kleinfamilie lebte oder nicht. An diesen Gedanken sollten wir anknüpfen, wenn wir eine Familienpolitik fordern, die Sorgearbeitende unterstützt, anstatt Familien zu stigmatisieren und als Fußsoldaten des Patriarchats abzustempeln.
SisterSong, eine Gruppe Schwarzer Feministinnen in den USA, verband daher den Kampf um das Recht auf Abtreibung schon in den 1990ern mit dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Der Forderung nach »reproduktiven Rechten« setzten sie das Konzept der »reproduktiven Gerechtigkeit« entgegen und verlangten, das Recht, keine Kinder zu bekommen, genauso zu schützen, wie das Recht, Kinder unter sicheren und angemessenen gesellschaftlichen Umständen großzuziehen. »My body, my choice« bleibt eine leere Phrase, wenn die reproduktiven Entscheidungen, die Frauen treffen, von ökonomischen Zwängen diktiert werden.
Auf die Makroebene
Eine Redakteurin der Frauenzeitschrift Glamour schreibt über den Mikrofeminismus, dieser Trend würde vor allem diejenigen abholen, die der politische Anspruch des Feminismus abschreckt oder die feministische Forderungen für schlichtweg unrealistisch halten. Genau darin liegt das Kernproblem. Mikrofeminismus ist ein Trend gegen ein Ohnmachtsgefühl. Und er ist Ausdruck eines Gewöhnungseffekts: Mit der stetigen Korrosion unserer Gesellschaft und der sozialen Infrastruktur, die notwendig ist, um sie zu reproduzieren, scheinen wir uns einfach arrangiert zu haben.
Die liberale Gleichstellungspolitik hat auf diese Probleme keine Antworten. Auf Regierungsebene bekennt man sich meist nur dann zum Kampf für die Gleichberechtigung, wenn es nichts kostet. Die Ampel hat trotz großer Versprechen in puncto Geschlechtergerechtigkeit abgesehen von symbolischen Zugeständnissen kaum etwas geliefert. Die Abschaffung des Werbeverbots hat nicht dazu geführt, dass mehr Ärztinnen und Ärzte Abtreibungen anbieten. Die teilweise dramatischen Versorgungslücken bleiben bestehen, da sich die Anzahl der Gynäkologinnen und Gynäkologen, die den Eingriff durchführen, seit 2003 um satte 40 Prozent verringert hat. Und nach wie vor steht der Schwangerschaftsabbruch im Strafgesetzbuch und nicht dort, wo er eigentlich hingehört, nämlich im Leistungskatalog der Krankenkassen. Im Bereich bezahlbares Wohnen – ein zentraler Baustein im Kampf gegen häusliche Gewalt – wurde nichts erreicht. Die Kindergrundsicherung ist am Spardiktat gescheitert. Die Krise in den Kitas, Schulen und Pflegeeinrichtungen wurde praktisch nicht thematisiert, dabei könnte man mit Investitionen, Lohnsteigerungen, höheren Personalschlüsseln und einer Ausbildungsoffensive wirksam gegensteuern. Diese Liste ließe sich fortführen – und sie zeigt, warum der Feminismus in letzter Konsequenz nicht nur ein Geschlechterkampf, sondern auch ein Klassenkampf ist.
Der Mikrofeminismus, der ein kleines bisschen Unterstützung bei der Alltagsplanung zu einer feministischen Intervention hochjazzt, ist Symptom einer Gesellschaft, die die Hoffnung aufgegeben hat, dass es wirklich anders gehen könnte. Die Hürde für das, was als mikrofeministisch gilt, ist gering. Der erzielte Effekt aber auch. Männern ungefragt Tipps beim Einparken zu geben, ist kein kleiner Schritt in die richtige Richtung, sondern gar keiner. Die Herausforderungen sind groß – und sie übersteigen alles, was wir in der Enge der eigenen vier Wände erreichen können. Machen wir uns nicht klein. Wir haben alle etwas Besseres verdient.