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Die Freiheit, sich zu kümmern

In einer Gesellschaft, in der Fürsorge zur Bürde wird, sind wir nicht wirklich frei, zu lieben.

Die Freiheit, sich zu kümmern
»Was Liebe braucht, ist Großzügigkeit – doch was wir bekommen, ist Verknappung.«Illustration: Oleg Buyevsky

Beziehungslosigkeit erlebt gerade eine kulturelle Konjunktur. Durch Feuilletons geistert das Gespenst einer »Einsamkeitsepidemie«, insbesondere unter jungen Menschen. Studien wollen beweisen, dass alleinstehende Frauen glücklicher und gesünder sind. In den sozialen Medien fluten Videos unter dem Hashtag #livingalone die Feeds, in denen man Menschen dabei zusehen kann, wie sie in sanftem Mood-Lighting ihre Wohnung putzen, in aller Seelenruhe Tagebuch schreiben, ausgedehnt Sport treiben oder pedantisch ihre zehnstufige Hautpflege absolvieren – alles in ästhetisch eingerichteten, perfekt aufgeräumten, aber völlig menschenleeren Wohnungen. In einer Gesellschaft, die zunehmend vereinzelt, wirkt es auf den ersten Blick wie ein Triumph, sich selbst genug zu sein. Wer ausreichend »Selbstliebe« betreibt, so der Subtext, ist zumindest immun gegen Herzschmerz.

Ob das Anlass zur Sorge oder Ausdruck von Fortschritt ist, hängt ganz davon ab, wen man fragt. Auffällig ist aber: Beziehungslosigkeit wird vor allem auch als Befreiungsschlag von der Arbeit inszeniert, die Beziehungen machen: Endlich will keiner mehr was von mir. Es sind Momentaufnahmen einer überforderten Gesellschaft, in der Menschen so unter Druck stehen, dass die Zuwendung zu anderen zu einem weiteren Posten auf einer viel zu langen To-do-Liste verkommt. Was unter allem zu wabern scheint, ist am Ende weniger eine Absage an die Liebe an sich, sondern vor allem ein kollektiver Erschöpfungszustand.

Wenn man abends so überreizt und ausgelaugt nach Hause kommt, dass man zu kaum mehr imstande ist, als apathisch auf einen Bildschirm zu glotzen, dann kann man es den Leuten kaum verdenken, nicht auch noch massive Kapazitäten für andere Menschen zu haben, deren persönliche Bedürfnisse sich nicht so leicht terminieren lassen wie der Projektplan im Job. Wenn selbst die Erholung am Feierabend der strengen Choreografie einer »Abendroutine« folgen muss – damit Sport, Haushalt und Erholung in den eng getakteten Ablauf passen und man am nächsten Tag wieder funktionstüchtig ist –, dann erscheinen andere Menschen mit ihren unbeständigen, manchmal störrischen und vor allem grundlegend individuellen Bedürfnissen tatsächlich erstmal wie ein Störfaktor.

»Wer gelernt hat, dass nichts sicher ist – weder die Arbeit noch die Wohnung noch die Zukunft –, beginnt irgendwann, auch zwischenmenschlich zu haushalten.«

Es kommt nicht von ungefähr, dass in einer Gesellschaft, in der wir immer mehr Zeit mit unserer bloßen ökonomischen Existenzsicherung zubringen – 2023 wurde in Deutschland so viel gearbeitet wie noch nie seit der Wiedervereinigung –, immer weniger Raum bleibt für alles, was sich den Rhythmen der Erwerbsarbeit nicht nahtlos unterordnen lässt. Die Merz-Regierung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Arbeitgebern einen noch umfänglicheren Zugriff auf unsere Zeit zu verschaffen.

Das ist der Zweck ihrer Agenda, das Arbeitszeitgesetz zu reformieren und den Achtstundentag auszuhebeln. Besonders perfide daran ist, dass die Regierung das Ganze als »Flexibilisierung« verkauft, die es uns ermöglichen soll, selbstbestimmter und freier über unsere Zeit zu verfügen. In der Realität passiert durch diese Offensive genau das Gegenteil: Unsere Souveränität über unsere Lebenszeit schwindet noch weiter dahin, wenn unsere Arbeitgeber uns noch flexibler einsetzen können, weil die Regierung den hart erkämpften Schutz abmontiert, der jene Zeiträume vor den Händen unserer Chefs abschirmt, die wirklich uns gehören.

Was Liebe braucht, ist Großzügigkeit – doch was wir bekommen, ist Verknappung. In einer Gesellschaft, in der Menschen immer mehr arbeiten, nicht um aufzusteigen, sondern um nicht abzurutschen, wo jahrelang an sozialen Sicherheiten, an öffentlicher Fürsorge und an allem, was das Leben verlässlich macht, gespart wird, verengt sich nicht nur das Materielle, sondern auch das Zwischenmenschliche. Wer gelernt hat, dass nichts sicher ist – weder die Arbeit noch die Wohnung noch die Zukunft –, beginnt irgendwann, auch zwischenmenschlich zu haushalten. Man spart an Zeit, an Aufmerksamkeit, an Geduld, an Zuwendung – man spart aneinander. So greift die Logik der Knappheit irgendwann dorthin, wo sie eigentlich nichts zu suchen hat.

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Schau zu, wie du klarkommst

Der Psychoanalytiker und Marxist Erich Fromm definierte die Liebe nicht als ein passives Gefühl, das einen überkommt, sondern als aktive Tätigkeit: »Liebe«, so schreibt er, »ist die tätige Sorge für das Leben und das Wachstum dessen, was wir lieben.« Genau diese tätige Sorge umeinander – die Grundlage einer jeden Liebesbeziehung – gerät immer mehr unter Druck und wird zum Schlachtfeld ökonomischer Zumutungen.

Es sind Bedingungen, in denen wir unseren Impuls, für geliebte Menschen da zu sein, eindämmen, runterschlucken und wegorganisieren müssen – aus Zeitmangel und wirtschaftlichem Zwang. Das wird jeder schon einmal gespürt haben, wenn ein Mensch, den man sehr liebt, sehr krank wird. Oder wenn er alt wird. Oder wenn er eine Lebenskrise durchmacht. Oder wenn er noch sehr klein ist. Was man da braucht, ist vor allem Souveränität über die eigene Zeit – um so präsent sein zu können, wie es dem Bedarf des Anderen ebenso entspricht wie dem eigenen Bedürfnis nach Nähe und Bindung.

Momentan ist unsere Gesellschaft so eingerichtet, dass wir diesem Impuls nicht frei folgen können. Denn wer sich kümmert, der verliert: Lohn, Rentenpunkte, berufliche Anschlussfähigkeit, soziale Sichtbarkeit. Es gibt kein System, das Verdienstausfälle wirksam abfedert, wenn man selbst mehr da sein will. So wird aus dem Wunsch, sich zu kümmern, eine Armutsfalle.

Die schwarz-rote Regierung scheint es sich zur zentralen Aufgabe gemacht zu haben, an allen Ecken und Enden jene Unterstützung wegzukürzen oder auszuhöhlen, die Menschen mit Sorgeverantwortung überhaupt erst handlungsfähig macht: Pflegende Angehörige werden mit der Brutalität steigender Kosten alleine gelassen. Alleinerziehende werden mit Sanktionen in der Grundsicherung traktiert. Der hohen Kinderarmut begegnet man mit kühler Ignoranz. Das Elterngeld wurde seit 2007 nicht einmal an die Inflation angepasst und dadurch real um 38 Prozent entwertet. Die Pflegereform der Merz-Regierung begann mit dem zynischen Vorschlag, die Unterstützung für den niedrigsten Pflegegrad einfach komplett abzuschaffen.

»Es gibt kein Gesellschaftssystem, das einem die Arbeit abnehmen wird, kein Arschloch zu sein.«

Es ist kaum verwunderlich, dass eine solche Politik das Gefühl verstärkt, Beziehungen an sich seien eine Art Risikofaktor: Wer sich bindet, könnte am Ende mit den Verpflichtungen, die aus Beziehungen erwachsen, alleine dastehen. Das Problem ist in gewisser Weise, dass Liebesbeziehungen heute zum Stoßdämpfer für Umstände werden, die die Bildung dieser Beziehungen zunehmend erschweren. Das ist das Paradoxe am Neoliberalismus: Er macht intime Beziehungen zum Absicherungssystem für immer mehr menschliche Bedürfnisse, während er zugleich genau jene Bedingungen marodiert, die nötig wären, um sie zu pflegen.

Darin zeigt sich auch, wie invasiv dieses System bis in die privatesten Ecken unseres Lebens hineinregiert. Entgegen dem Klischee, es gehe bloß um die Entfesselung der freien Märkte und die Vorstellung, wir könnten in unseren Privatbeziehungen tun und lassen, was wir wollen, solange wir nur anständig arbeiten gehen, ordentlich konsumieren und fleißig am Finanzmarkt investieren, ist dieses System zutiefst normativ und mit der Idee einer wirklichen Gleichheit unter den Liebenden im Grunde unvereinbar. Das wird spätestens dann offenbar, wenn es ums Erben geht, ums Pflegen, ums Versorgtwerden im Alter, ums Aufziehen von Kindern.

Die bürgerliche Ehe ist steuerlich privilegiert, das Erbe sakrosankt, die Eigentumswohnung das private Heim im Alter. Dieses System interessiert sich sehr wohl dafür, in welchen Konstellationen wir füreinander da sind, und organisiert die Gesellschaft dementsprechend. Der orchestrierte Angriff auf die soziale Absicherung, den wir momentan unter der Merz-Regierung erleben, trifft daher nicht nur arme Menschen besonders hart, sondern auch alle, deren Beziehungsformen nicht mit der klassischen Kleinfamilie als betriebswirtschaftliche Minimaleinheit sozialer Absicherung kompatibel sind. Alles, was davon abweicht – Beziehungen, die nicht heterosexuell sind, oder Freundschaften, die zu Wahlverwandtschaften werden, oder Eltern, die keine Paare sind, oder Paare, deren Fürsorge nicht an eine Ehe gekoppelt ist, oder Menschen, die Kinder alleine großziehen – wird strukturell benachteiligt, ökonomisch erschwert und politisch delegitimiert.

Wenn der Kanzler heute Sozialkürzungen mit dem Satz zu rechtfertigen versucht, »Wir leben seit Jahren über unsere Verhältnisse«, dann ist damit in Wahrheit auch gemeint: »Wenn ihr euch nicht an das Liebesmodell haltet, das wir ökonomisch präferieren, dann könnt ihr meinetwegen auch vor die Hunde gehen.« Wer sich nicht durch ein »anständiges« Eheverhältnis und traditionelle Familienbeziehungen privat absichern kann, der hat demnach auch keine Absicherung verdient. So wird der Sozialstaat als eine Art verschwenderische Maximalleistung dargestellt, die Lebens- und Fürsorgemodelle subsidiert, die dieses System für nicht unterstützenswert erachtet. Und deswegen wird genau da jetzt mit neuer Brutalität alles eingekürzt, was noch irgendwie einzukürzen ist. Wie im Kapitalismus geliebt wird, wer wie für wen da sein kann, ist am Ende gerade keine Entscheidung, in der wir wirklich frei sind.

Liebe braucht Freiheit

In einer Gesellschaft, die immer mehr Arbeit von uns verlangt, während sie uns immer mehr soziale Unterstützung versagt, schwindet notwendigerweise auch die Energie dahin, die uns noch füreinander bleibt. Im Umgang mit diesem Überforderungsgefühl hat sich inzwischen auch ein gewisser Therapie-Duktus eingeschlichen: Wer sich ständig ausgelaugt fühlt, muss eben gesunde Grenzen setzen, so das Mantra.

Psychologische Ratgeber, die uns lehren, ohne Schuldgefühle »Nein« zu sagen, vermitteln den Eindruck, man könne auf diese Weise der eigenen Erschöpfung begegnen. Aber es macht eben doch einen Unterschied, ob man am Arbeitsplatz überfordernde Aufträge abwehrt, die einem von einem herrischen Vorgesetzten aufgebürdet werden, oder ob man eine Verabredung mit einem guten Freund absagt, weil man gerade keinen Nerv hat, sich nach Feierabend noch in die Kneipe zu schleppen.

Die Tatsache, dass einen in letzterem Fall ein nagendes Gefühl befällt, ist vielleicht kein Anzeichen dafür, dass man eine pathologische Jasagerin ist, sondern ein letzter Widerstand gegen die emotionale Verwahrlosung, die einsetzt, wenn man so dauergestresst durchs Leben hetzt, dass man anfangen muss, sich mit Selbstbehauptungsrhetorik von den Bedürfnissen von Menschen zu isolieren, die einem wichtig sind, weil man schlicht keine Energie mehr für sie übrig hat. Der Kapitalismus ist ein misanthropisches System – nicht nur, weil er Menschen ausbeutet, sondern auch, weil er den Selbstzweck menschlicher Beziehungen nicht anerkennt und unserem Bedürfnis danach mit kalkulierender Gleichgültigkeit begegnet.

»Frei ist, wer entscheiden kann, welchen Platz Beziehungen im eigenen Leben einnehmen sollen.«

Eine Gesellschaft, in der wir für einen stetig wachsenden Anteil unserer Lebenszeit mit unserer Existenzsicherung beschäftigt sind, bietet nicht sonderlich beziehungsfreundliche Bedingungen. Dass da die Feinfühligkeit füreinander, die Empathie und Großzügigkeit verkümmern, ist weniger Ausdruck davon, dass alle einander gleichgültiger werden, sondern davon, dass alle versuchen, unter diesen Umständen irgendwie zu funktionieren. Es sind Bedingungen, die Liebende zu kleinlichen Pedanten werden lassen, die menschliche Bedürfnisse zur Belastung erklären und Fürsorge zum Armutstreiber.

Damit soll nicht gesagt sein, dass wir uns in einer anderen, einer freieren Gesellschaft alle liebevoll in den Armen liegen würden. Schon Karl Marx und Friedrich Engels schreiben, wer den Kommunismus als eine Art »liebevolles Gegenstück zum Egoismus begreife«, als eine Art Gesellschaftssystem der gegenseitigen Liebe, der mache sich der »Liebessabbelei« verdächtig. Hinzu kommt: Liebe kann man nicht umverteilen. Sie ist kein öffentliches Gut, das man bedarfsgerecht vergeben kann, weil es hier um Menschen und ihre Gefühle geht. Es gibt kein Gesellschaftssystem, das einem die Arbeit abnehmen wird, kein Arschloch zu sein.

Und doch sind es gesellschaftliche Verhältnisse, die uns erst in die Lage versetzen – oder uns daran hindern – in unserer Liebe wirklich frei zu sein. Frei ist, wer entscheiden kann, welchen Platz Beziehungen im eigenen Leben einnehmen sollen. Frei ist, wer Fürsorge nicht wegdelegieren muss, sondern ihr nachgehen kann, wenn es dem eigenen Bedürfnis entspricht. Unfreiheit beginnt dort, wo diese Impulse durch ökonomische Zwänge blockiert, entwertet, verdorben und abgewürgt werden. Und der Weg in eine bessere, in eine freiere Gesellschaft beginnt damit genau da, wo wir nicht um jede Minute ringen müssen, um den Menschen gerecht zu werden, die uns das Wichtigste sind.

Astrid Zimmermann

Astrid Zimmermann ist Managing Editor bei JACOBIN.

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