Was ist eigentlich los mit dem Feminismus? Er ist überall und nirgendwo. Die These, dass er in seiner liberalen Version vereinnahmt wurde, muss hier nicht noch einmal rekapituliert werden. Aber es hat sich eine Müdigkeit breitgemacht mit dem Feminismus der 2010er Jahre, der irgendwie verkitscht wurde: Es war ein Feminismus, dessen Forderungen auf Demo-Schildern mit Glitzerstaub dekoriert wurden, dessen Provokation sich auf Männer-lol-Gags belief, der Ungerechtigkeiten moralisierte, anstatt sie zu analysieren. Der Feminismus schien seine Ernsthaftigkeit verloren zu haben.
Die Literaturwissenschaftlerin Lori Merish hat »Niedlichkeit« als die Ästhetisierung von Machtlosigkeit beschrieben. So ist es nicht verwunderlich, dass diese Überzuckerung einigen, die den Feminismus als solchen nicht verloren geben wollten, politisch suspekt wurde. Um den Feminismus gegen den Vorwurf der politischen Banalität zu verteidigen und überzeugend hervorzukehren, dass es sich bei der Emanzipation aller Frauen um eine nach wie vor ernstzunehmende Angelegenheit handelt, gingen viele marxistisch orientierte Feministinnen dazu über, genau das in den Vordergrund zu stellen: den nüchternen Ernst der Sache. Statt Gefühlskitsch also eine rigorose, materialistische Gesellschaftsanalyse, statt schwer quantifizierbaren Konzepten wie »Misogynie« empirisch belegbare sozialökonomische Fakten: Ungleichheit, unbezahlte Arbeit, Altersarmut. Der Fokus galt »gesellschaftlichen Strukturen«, nicht »toxischen Männern«.
Ich habe das für die längste Zeit auch so gehandhabt. Die Unterdrückung von Frauen ist eine gesellschaftliche Realität und keine Trivialität – also immer schön sachlich bleiben. Wenn man heute einen ehrlichen Blick auf unsere Gesellschaft richtet und sich fragt, was aus feministischer Perspektive eigentlich die dringendsten Anliegen sind, wird die Sache allerdings komplizierter. Denn es drängt sich ein Thema in den Vordergrund, das man mit der kühlen, ökonomischen Empirie allein nicht zu fassen bekommt: die Frage der Gewalt.
Kein Fortschritt ohne Widersprüche
Dass Gewalt gegen Frauen überhaupt als eine Angelegenheit gesellschaftlichen Interesses wahrgenommen wird und nicht als »Privatproblem«, ist eine vergleichsweise junge Entwicklung. Das erste Frauenhaus wurde in Westdeutschland 1976 eröffnet, im Fahrwasser der zweiten Welle der Frauenbewegung. Bis ins Jahr 1997 war eine Vergewaltigung in Deutschland kein strafbarer Tatbestand, solange Täter und Opfer verheiratet waren. Wie groß das Ausmaß häuslicher Gewalt in Deutschland ist, wissen wir überhaupt erst seit 2015, weil es zuvor keinerlei systematische Auswertungen gab.
Im vergangenen Jahr hat das Bundeskriminalamt (BKA) erstmals einen Lagebericht über Straftaten erstellt, die sich gegen Frauen richten. Das umfasst Sexualstraftaten, häusliche Gewalt, Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, Femizide und politisch motivierte Hasskriminalität gegen Frauen. Die Zahlen sind verstörend hoch – und steigen sogar. Um sie einmal plastisch zu machen: Im Jahr der Erhebung tötete in Deutschland alle zwei Tage ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Alle drei Minuten wurde eine Frau oder ein Mädchen Opfer häuslicher Gewalt.
Das BKA geht davon aus, dass das nur einen Bruchteil der tatsächlichen Fälle abbildet, da die Opfer den Täter in der Regel kennen und oftmals wiederholt Gewalt erfahren. Viele fürchten eine noch gewaltsamere Vergeltung – entsprechend hoch ist die Hürde, die Tat zu melden. Wer Schutz in einem Frauenhaus sucht, muss ihn meist selbst bezahlen, weil es keine einheitliche Finanzierung solcher Anlaufstellen gibt. Dabei ist längst belegt, dass dies das Risiko erhöht, dass Frauen in eine Wohnung zurückkehren, in der sie Gewalt ausgesetzt sind. Immer wieder werden Frauen abgewiesen, weil die Kapazitäten der Schutzräume erschöpft sind. Obwohl der Bedarf steigt, ist der Anteil von Frauenhäusern leicht rückläufig.
Gewalt gegen Frauen in Beziehungen ist derart weit verbreitet, dass statistisch gesehen jede vierte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner erlebt. Wer glaubt, geschlechtsspezifische Gewalt sei ein Randphänomen, weil man selbst im eigenen Umfeld keine solchen Fälle kennt, wird sich mit der unbequemen Wahrheit arrangieren müssen, dass es statistisch gesehen weitaus wahrscheinlicher ist, dass es diese Fälle durchaus gibt, aber die Betroffenen darüber nicht sprechen.
Wie nähert man sich diesem Problem, wenn man es nicht nur skandalisieren, sondern auch realistisch beheben will? Die klassische sozialistische Antwort würde lauten: Wir leben in einer Gesellschaft, die Frauen ökonomischen Zwängen aussetzt, die sie in die Abhängigkeit von Männern treiben. Daher braucht es vor allem mehr ökonomische Gleichstellung, um Frauen aus dieser Abhängigkeit zu befreien. Durch diese Linse betrachtet muss es uns also primär um den Kampf gegen Armut, gegen die Lohnlücke, den Ausbau von Schutzräumen und mehr bezahlbaren Wohnraum gehen. Das ist als politische Zielsetzung erstmal richtig und unbedingt notwendig.
»Wer glaubt, geschlechtsspezifische Gewalt sei ein Randphänomen, weil man selbst im eigenen Umfeld keine solchen Fälle kennt, wird sich mit der unbequemen Wahrheit arrangieren müssen, dass es statistisch gesehen weitaus wahrscheinlicher ist, dass es diese Fälle durchaus gibt, aber die Betroffenen darüber nicht sprechen.«
Gleichzeitig rennt man mit dem Kopf gegen die Wand, weil sich so allein noch nicht erklärt, warum sich das Problem gerade jetzt verschärft. Denn bei aller berechtigten Kritik an der Trägheit des gesellschaftlichen Fortschritts muss man anerkennen, dass sich in den letzten Dekaden durchaus etwas verschoben hat: Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen wird schmaler, wenn auch zu langsam, die Erwerbsquote unter Frauen ist insgesamt angestiegen, was ihre ökonomische Unabhängigkeit stärkt, und auch die gesamtgesellschaftliche Zustimmung zur Gleichberechtigung der Geschlechter ist gestiegen. Doch es ist nicht so, dass im Fahrtwind dieses Fortschritts die Gewalt gegen Frauen gesunken wäre. Vielmehr scheint es eine Gleichzeitigkeit gegenläufiger Entwicklungen zu geben: Parallel dazu, dass sich Frauen unabhängiger machen, verschärft sich die Gewalt gegen sie.
Alles nur ein Trugschluss?
Nun könnte man einwenden, dass diese Aussage auf einem Trugschluss basiert. Man könnte argumentieren, dass der statistische Anstieg nicht zwangsläufig auch auf einen Anstieg der Gewalt hinweisen muss, sondern auch schlichtweg das Ergebnis eines veränderten Meldeverhaltens sein könnte. In einer gleichberechtigteren Gesellschaft gibt es schließlich ein wachsendes Problembewusstsein, was dann wiederum dazu führen kann, dass Gewaltfälle in der Statistik sichtbar werden, die vorher im Meer der Dunkelziffern verborgen geblieben wären. Das ist plausibel und lässt sich weder belegen noch widerlegen.
PAYWALL
Dennoch gibt es uns einen Hinweis darauf, dass wirtschaftliche Unabhängigkeit allein nicht alles richten kann. In skandinavischen Ländern, die in Sachen Gleichberechtigung die Ranglisten anführen, sind die Gewaltzahlen massiv hoch, teilweise höher als in Ländern mit geringerer ökonomischer Gleichstellung. In der Fachliteratur wird das als das »nordische Paradoxon« diskutiert. In Island etwa gibt es fast keinen Gender Pay Gap mehr – dennoch werden 40 Prozent aller dort lebenden Frauen mindestens einmal in ihrem Leben Opfer sexualisierter oder körperlicher Gewalt. Sich hier auf die Frage des Meldeverhaltens zu versteifen, scheint mir unangemessen. Denn Meldeverhalten hin oder her: Wenn selbst in einer Gesellschaft, in der es so gut wie keine Lohnlücke mehr gibt, fast die Hälfte aller Frauen Gewalt erleben, dann ist ökonomische Gleichstellung als alleinige Antwort auf dieses Problem eine Antwort, die nicht gut genug ist.
»Frauen gehören zu den Gruppen, die in Krisenzeiten als Erstes ihren Job verlieren. Auch sie sind ausgezehrt, auch sie sind verzweifelt, auch sie verspüren Wut. Trotzdem kommen sie nicht nach Hause und schlagen ihrem Ehemann ins Gesicht.«
Um zu erklären, warum sich Gewalt gegen Frauen gesellschaftlichen Fortschrittsbewegungen so hartnäckig widersetzt, könnte man nun auch andere materielle Faktoren heranziehen – etwa die wirtschaftliche Rezession, in der sich die Verschärfung gerade jetzt vollzieht. Als 2008 der globale Finanzmarkt crashte und die ökonomischen Sorgen der Haushalte eskalierten, stiegen in den USA und in Großbritannien auch die Fallzahlen häuslicher Gewalt an. Ob ähnliches für den EU-Raum während der Eurokrise zutrifft, ist nicht überprüfbar, weil belastbare Daten fehlen. Was wir allerdings wissen, ist, dass auch in Deutschland die Zahlen häuslicher Gewalt, insbesondere innerhalb von Partnerschaften, in letzter Zeit immer weiter ansteigen. Die Politologin Janina Isabel Steinert vermutet einen Zusammenhang zur Inflation: In ihren Studien zeigt sich, dass »eine prekäre finanzielle Situation und ökonomische Sorgen« typische Risikofaktoren für häusliche Gewalt sind.
Auch wenn sich aus diesen Zahlen allein nicht zwangsläufig eine Kausalität ableiten lässt, so fügen sie sich doch zu einem beunruhigenden Bild zusammen: Es sind Frauenkörper, an denen sich die ökonomische Frustration einer Gesellschaft entlädt. Aber auch das erklärt das Geschlechterverhältnis noch nicht. Es ist schließlich nicht so, als würden Frauen weniger unter ökonomischen Abstiegsängsten und Abstiegserfahrungen leiden als Männer – im Gegenteil. Da Frauen häufiger in prekären Arbeitsverhältnissen arbeiten, die einen tendenziell schlechteren Arbeitsschutz haben, gehören sie in der Regel zu den Gruppen, die in Krisenzeiten als Erstes ihren Job verlieren. Auch sie sind ausgezehrt, auch sie sind verzweifelt, auch sie verspüren Wut. Trotzdem kommen sie nicht nach Hause und schlagen ihrem Ehemann ins Gesicht.
Uns fehlen die Worte
Die Beiläufigkeit, mit der Gewalt gegen Frauen politisch behandelt wird, ist angesichts ihrer gesellschaftlichen Verbreitung grotesk. Versucht man diese Bagatellisierung zu erklären, kommt man ohne Begriffe nicht aus, die viele sich als sozialistisch verstehende Feministinnen nicht mit der Pinzette anfassen würden: analytisch schwammige Konzepte wie »Misogynie«.
Gerade unter liberalen Feministinnen wird der Vorwurf der »Frauenfeindlichkeit« gerne angeführt, um so ziemlich jedes Problem zu erklären, das Frauen irgendwie belangt: Warum gehört sexuelle Belästigung zum normalen Alltag der meisten Frauen, warum sind Schwangerschaftsabbrüche noch immer nicht legal, warum sind Frauen ärmer, warum sind sie seltener in politischen Machtpositionen und warum sitzen da stattdessen auch noch Typen wie Friedrich Merz? Weil diese Gesellschaft Frauen hasst! In all diesen Kontexten von »Misogynie« zu sprechen, ist ein maximalistischer Vorwurf – er ist absolut, analytisch überdehnt, irgendwie unsachlich.
Er kann als Ursache für fast alles ins Feld geführt werden und genau das macht ihn politisch stumpf. Er klagt an, ohne eine Antwort darauf zu liefern, wie man das Problem denn nun behebt. Die marxistische Politologin Jodi Dean hat in einer Polemik argumentiert, Misogynie sei im Grunde die Zuschreibung eines Gefühls, um die Abwesenheit einer Erklärung zu kaschieren. Um also nicht in den Verdacht einer hyperventilierenden Gefühlsduselei zu geraten und den Feminismus vor einer weiteren politischen Verwässerung zu bewahren, lehnen es auch marxistische Feministinnen wie Liza Featherstone ab, Konzepte wie »Frauenfeindlichkeit« oder »Misogynie« in ihren analytischen Rahmen aufzunehmen. In einem Essay in The New Republic wirft sie dem Mainstream-Feminismus eine geradezu »morbide Obsession« mit Männern und ihren Unzulänglichkeiten vor. Anstelle sich endlos zu fragen, warum Männer Frauen misshandeln, solle man sich eher Frauen und den gesellschaftlichen Potenzialen ihrer Befreiung zuwenden.
»In der Trivialisierung dieser Frage zeigt sich keine rationale Nüchternheit, sondern mangelnde Ernsthaftigkeit – weil man sich damit weigert, sich der gesellschaftlichen Dimension der Gewalt wirklich zu stellen.«
Von weit verbreitetem Frauenhass zu sprechen, sei, so Featherstone weiter, außerdem simplifizierend. Selbst wenn es diesen Hass gäbe, zähle er lange nicht zu den drängendsten Problemen der meisten Frauen, die alle materieller Natur seien: niedrige Löhne, fehlende Kinderbetreuung und unzulängliche gesundheitliche Versorgung. Featherstone argumentiert, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man als Frau auf offener Straße von einem radikalisierten Frauenhasser erschossen wird, verschwindend gering ist. Und da hat sie glücklicherweise recht. Dass in ihrer Auflistung der drängendsten feministischen Probleme allerdings ausgerechnet die Gewalt fehlt, die in ihrer Analyse nur in Gestalt von radikalisierten Incel-Terroristen vorkommt, ist hingegen mindestens selektiv. Den politischen Fokus auf strukturelle Ursachen anstatt auf individuelle Hassverbrechen zu legen, ist selbstredend richtig. Die weit verbreitete häusliche Gewalt, die Frauen in der Regel durch Männer erleben, aus Angst vor analytischer Verwässerung einfach unter den Teppich zu kehren, ist am Ende aber ebenso unsachlich.
Gewalt in Partnerschaften ist in den USA – dem Kontext, in dem Featherstone und Dean schreiben – so alltäglich, dass jede vierte Frau im Laufe ihres Lebens mindestens einmal schwere Gewalt durch ihren Partner erlebt. Das umfasst etwa Verbrennungen oder Angriffe mit einer Schusswaffe oder einem Messer. Zu behaupten, die Auseinandersetzung mit Misogynie und der Gewalt, in der sie sich niederschlägt, sei eine Art morbide Freizeitbeschäftigung für empörungswillige liberale Feministinnen, die nicht über den Kapitalismus reden wollen, ist angesichts dieser gesellschaftlichen Realität nicht analytisch rigoros, sondern analytisch nachlässig.
Denkerinnen wie Dean und Featherstone argumentieren zu Recht, das Erklärungsmodell der Misogynie sei zu reduktionistisch, weil es die Rolle des Kapitalismus in der Stabilisierung der Geschlechterhierarchie völlig ignoriert – was wohl auch erklärt, warum der Begriff so populär werden konnte. Doch man muss auch eingestehen, dass die Gegenseite, die hinter allem am Ende nur den Kapitalismus vermutet, im Verdacht steht, genauso simplistisch zu sein wie ein Feminismus, der glaubt, jegliche Unterdrückung sei das Ergebnis von einem durch die Gesellschaft wabernden »Frauenhass«.
Ein Leben frei von Angst
Wir können Missstände, die sich mit der Forderung nach der Überwindung des Kapitalismus nicht lückenlos beantworten lassen, nicht einfach wegdefinieren. Die Forderung, politische Fragen ohne Emotionalisierung zu behandeln, ist berechtigt. Wenn das in der Konsequenz aber zu einer Nichtbeachtung der Frage der Gewalt führt, dann ist eben genau das ein Ausweis analytischer Schwäche. In der Trivialisierung dieser Frage zeigt sich keine rationale Nüchternheit, sondern mangelnde Ernsthaftigkeit – weil man sich damit weigert, sich der gesellschaftlichen Dimension der Gewalt wirklich zu stellen.
Angesichts der jüngsten statistischen Erhebungen ist es keine Übertreibung zu fordern, dass sich die Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen innerhalb der feministischen Prioritäten weiter nach oben verschieben muss, weil die gesellschaftliche Häufung schlichtweg danach verlangt. In den verstörenden Zahlen liegt ein politischer Auftrag. Gerade weil geschlechtsspezifische Gewalt keine individuelle, sondern eine geteilte Erfahrung ist, birgt sie die Möglichkeit einer kollektiven Politisierung. Es ist eine Realität, die Frauen verschiedenster Milieus und Altersklassen miteinander verbindet – und dennoch bleibt sie politisch weitgehend folgenlos. Es braucht eine sozialistische Intervention, die dieser Realität einen politischen Ausdruck gibt. Denn das Versprechen sozialistischer Politik war es schon immer, die Menschen von Existenzängsten zu befreien. Und welche Angst ist schon existenzieller als die Angst vor Gewalt?