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Wohin steuert die neue Linke?

Ines Schwerdtner war früher Chefredakteurin dieses Magazins – bis sie inmitten der Krise der Linken in die Partei ging. Jetzt ist die Linke zurück und Ines Vorsitzende. Ein Gespräch darüber, was die Partei bräuchte, um widerständiger zu werden.

Wohin steuert die neue Linke?
»Viele haben mir gesagt, der beste Kampf gegen Rechts ist es, in Lichtenberg die AfD zu schlagen«, so Partei-Chefin Ines Schwerdtner.Foto: Andy King
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Die Linkspartei ist jetzt so groß wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das ist erstmal ein Erfolg. Viele, die den Rechtsruck nicht mittragen wollten, sind in die Partei geströmt. Besteht jetzt die Gefahr, noch mehr zu einer Partei für Linke zu werden, anstatt zu einer linken Partei im Sinne einer Arbeiterpartei? 

Wir wissen von den neuen Mitgliedern noch nicht sehr viel, deswegen machen wir ausgiebige Umfragen. Wir wissen erstmal nur, dass es mehrheitlich junge Frauen sind. Aber ich glaube auch, dass die Tendenz zu jung und städtisch geht. Man muss sich die Frage stellen: Funktioniert das, wenn die Mitglieder mehrheitlich aus diesen Gruppen kommen, aber Politik für die anderen machen? Eine Zeit lang geht das. Aber die langfristige Perspektive muss sein, dass man wieder zu einer Politik der ersten Person kommt und arbeitende Menschen einbindet. Man muss die Leute permanent dazu bringen, den Sprung aus der Blase zu machen.

Ich glaube, die Haustüren sind da ein gutes Mittel. Dieser Kontakt zu den Menschen ist sehr lehrreich, sowohl für die vielen Studis als auch für Mandatsträger oder Aktivistinnen, die sich ansonsten wieder in ihre Szene zurückziehen könnten. Wenn man einmal pro Woche Sozialsprechstunden gibt, dann bricht man das immer wieder auf. 

Gerade viele junge Leute sind total offen dafür. Viele haben mir gesagt, der beste Kampf gegen Rechts ist es, in Lichtenberg die AfD zu schlagen. Ich glaube, die harten Grenzen haben sich aufgeweicht, auch in der linken Szene. Anstatt wie früher zu sagen, die Antifa ist der Schwarze Block und die Linke macht parlamentarische Arbeit, hat man sich ein Stück weit auf diesen praktischen Antifaschismus vor Ort geeinigt, was ich für einen Fortschritt halte.

Jetzt hat die Wahl auch gezeigt, dass Arbeiter, Arbeitslose und Gewerkschafter – die natürliche Basis einer sozialistischen Partei – sich gerade vor allem von der AfD vertreten fühlen. Es wirkt so, als hätte man bei diesen Menschen im Kampf um politische Deutungshoheit – warum wird das Leben immer teurer und die Welt immer kriegerischer? – gegen die Rechten verloren. 

Ich war schon mal froh, dass wir in dieser Wählergruppe überhaupt wieder dazugewonnen haben. Das war ja in den Jahren zuvor rückläufig. Ich finde das noch lange nicht zufriedenstellend. Aber zumindest müssen wir keine Debatten mehr darüber führen, wie man das progressive studentische Milieu erreichen und gleichzeitig das prekäre Milieu ansprechen kann. 

Mein Modell für die Zukunft lautet: Wir müssen beide Milieus ansprechen, aber die Arbeit auf die prekären Milieus fokussieren. Denn die anderen kriegt man quasi en passant darüber, dass man die richtige Haltung hat – etwa, dass man sich in der Migrationsfrage sehr klar positioniert. Und das tun wir. Aber durch Mietendeckel und Heizkostencheck waren wir viel wirkungsvoller im politischen Diskurs und haben wirklich was erreicht für die Leute im Alltag. Und das finden auch Progressive super. 

Jetzt geht es um die Proletarisierung der Partei, die auch die belgische Partei der Arbeit, die PTB, stark gemacht hat. Das ist die Kärrnerarbeit, die vor uns liegt. Im Osten ist die AfD der Hauptgegner, die holen dort 30 bis 40 Prozent. Da müssen wir uns fragen: Wie kommen wir da ran?

Und wie könnte das gelingen? 

Mit den Direktmandaten haben wir das im Kleinen schon geschafft, das war ein bisschen wie in einem Labor. Die große Frage ist jetzt, wie uns das bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern gelingen kann. Wie können wir unser sozialpolitisches Profil so stark machen, dass die Leute wieder über die soziale Frage statt über Migration sprechen? 

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Immerhin ist es uns gut gelungen in den Sozialen Medien diese blaue Welle zu brechen. Wir haben vor Jahren darüber geredet, dass die rechten Influencer das Internet erobern und die anderen Parteien nur zuschauen, wie die Jugend rechts wird. Viele junge Leute sind jetzt total gehyped, plötzlich ist es cool, links zu sein, anstatt zum Sound von Gigi d’Agostino mehr Abschiebungen zu fordern.

Momentan erreicht die Linke vor allem Menschen in den Großstädten und mittelgroßen Städten. Hat der Fokus auf den Mietendeckel diese Priorisierung der Städte nochmal verstärkt? Die Mieten sind ja vor allem ein Städte-Problem, in der Fläche geht es eher um Leerstand, besonders in Regionen, die einem marktgetriebenen Strukturwandel zum Fraß hingeworfen wurden. Wie wollt Ihr Euch in der Fläche verankern, um zu vermeiden, zu einer Großstadtpartei zu werden? 

Wir haben tatsächlich auch in der Fläche dazugewonnen. Unsere These ist: Wenn die Bundespartei stark ist, dann zieht das auch in der Fläche, und zwar selbst dann, wenn man nicht vor Ort ist. Beim BSW oder bei der AfD ist das ja genau so, die sind gar nicht präsent gewesen und haben dort trotzdem gute Ergebnisse erzielt. Aber dieser Effekt trägt nicht unendlich. Das war auch die Kritik an der Wahlkampagne, die von den Landesverbänden mit viel Fläche kam. Die haben gesagt: Wir unterstützen das jetzt mit dem Mietendeckel und finden es auch richtig. Aber das ist eigentlich nicht das Hauptthema für uns. Aus der Position der Schwäche heraus haben wir uns erstmal auf das fokussiert, was wir gewinnen konnten. 

»Etwas in der Nachbarschaft aufzubauen, ist schon anstrengend. Aber sich im Betrieb zu verankern, ist noch zehnmal anstrengender.«

Jetzt haben wir durch diese Dynamik auch in kleinen Städten neue Mitglieder, mit denen wir Strukturen aufbauen können. Mein Lieblingsbeispiel sind da unsere Genossen in Weißenfels, Sachsen-Anhalt, die nur zu fünft waren. Jetzt sind sie fünfzehn. Solche Kreisverbände müssen richtig aufgebaut werden, damit sie vor Ort ihre Arbeit machen können und das Ganze ein stabiles Rückgrat bekommt. Dann ist man auch nicht so auf äußere politische Dynamiken angewiesen, wie wir sie in diesem Wahlkampf auch erlebt haben.

Aber reicht das wirklich schon? Um nochmal auf die PTB zu sprechen zu kommen: Wenn die irgendwo so stark wird, dass sie kurz davor ist, mitregieren zu können, werden genau dort die erfahrensten Kader abgezogen und woanders hingeschickt, um eine neue Region zu erschließen. Gibt es solche Überlegungen bei der Linken auch? 

Wir haben diese Art der Kader-Verschickung ein bisschen geübt bei den Direktmandaten. 

Aber genau umgekehrt: Aus dem ganzen Land sind Genossen in die Berliner Bezirke gekommen, um beim Wahlkampf zu helfen. 

Genau, ich hatte in Lichtenberg Leute aus Münster, Dortmund, Kiel, Nürnberg, wirklich von überall her. Und die haben alle bei uns gelernt. Das sind wie kleine Multiplikatoren, die wieder zurückfahren und das in ihre Städte tragen. Wenn du in Berlin Haustürwahlkampf gemacht hast, dann kannst du das auch in Bottrop einsetzen. Da haben sich ganz praktisch organische Intellektuelle ausgebildet.

Wir haben jetzt schon darüber gesprochen, was es heißt, sichtbar zu sein im Leben der Leute – also in den Bezirken, für die sich die Politik kaum interessiert, wo die Menschen resignieren. Das habt Ihr ja sehr nach vorne gestellt. Die andere Flanke, die man abdecken muss, um sichtbar zu sein im Leben der Leute, ist offenkundig der Arbeitsplatz. Gibt es da auch eine Strategie? 

Der PTB-Vorsitzende Peter Mertens hat zu mir gesagt: Das, was du willst, braucht zehn Jahre. Er hat betont, dass etwas in der Nachbarschaft aufzubauen, schon anstrengend ist. Aber sich im Betrieb zu verankern, ist noch zehnmal anstrengender. Es gibt auch Vorbehalte – etwa, dass das damals bei den K-Gruppen gescheitert ist oder dass das mit den Verdi-Strukturen gerade nicht so funktioniert. Welche Form das annimmt, ist noch nicht ganz klar. Es geht erstmal grundsätzlich um die Entscheidung: Will man sich unter der Arbeiterschaft verankern? Und wenn ja, wie macht man das dann? Man muss das auch nicht zwingend im Betrieb machen. Man kann auch im politischen Vorfeld Arbeiterinnen und Arbeiter organisieren, etwa durch Fußballvereine für Betriebsgruppen usw.

Für den Moment haben wir das in unserem Leitantrag für den kommenden Parteitag als Ziel formuliert. Es geht darum, dass wir uns als Partei darauf einigen, dass wir eine Kultur schaffen, wo Arbeiterinnen und Arbeiter auf Listen kommen und mitreden können. Man muss einerseits diese proletarische Kultur herstellen und andererseits die betriebliche Verankerung stärken. 

Es hat in der Linken lange einen eher selektiven Bezug auf die Arbeiterklasse gegeben. Man hat geschaut, wo statistisch gesehen die Empfänglichkeit für die Linke besonders hoch ist, in etwa so wie andere Parteien Wählermilieus analysieren. Da hat sich dann gezeigt, dass es in den Dienstleistungsberufen und auch der Logistik ein höheres Potenzial für die Linke gibt als in der Schwerindustrie. Wenn wir jetzt über eines Deiner Lieblingsthemen sprechen, die Industriepolitik, dürfte klar sein, dass man bei den Industriegewerkschaften, besonders der IG Metall, einen Fuß in die Tür kriegen muss. Man kann die tollsten Ideen für eine grüne Industriewende haben – wenn die Beschäftigten in den entsprechenden Branchen nicht mit an Bord sind, wird der beste Plan wertlos sein. 

Ich denke auch, dass dieser Fokus auf die Dienstleistungsberufe uns zum Teil künstlich klein gehalten hat. Die Krankenhausbewegung etwa ist selbstredend die Speerspitze, aber wir tun gut daran, die ganze arbeitende Klasse anzusprechen. Wir haben jetzt die Kommunikation schon verbessert. Wenn wir in Videos oder in Anträgen von der arbeitenden Klasse sprechen, dann hat auch diesen universalistischen Anspruch. Das finde ich gut, weil das die arbeitende Klasse in ihrer Unterschiedlichkeit abbildet. 

Wir haben auch ein Wirtschaftspapier erarbeitet, das den Industrieumbau im Fokus hat. Mir ist natürlich klar, dass kein Mensch bei VW jetzt so ein Papier liest. Wir haben jetzt auch viel mehr Arbeiterinnen und Arbeiter direkt aus dem VW-Werk oder dem Krankenhaus in den Parlamenten. Repräsentation ist nicht alles, aber das ist ein kleiner Schritt, um zu zeigen: Das sind unsere Leute, die sind von der Linken. Und wenn es etwa bei VW Schließungen gibt, bin ich jetzt optimistischer, dass wir für viele glaubwürdiger sind. 

Wir haben einen guten Plan für den Industrieumbau, aber momentan nimmt uns das keiner ab. Man muss wirklich Leute ausbilden, die da sprechfähig werden. Und man muss auch durch die Verankerung in der Gewerkschaft mehr gesellschaftliche Macht aufbauen. Wenn jetzt Werksschließungen kommen oder der Achtstundentag angegriffen wird, sind wir gerade noch nicht gut genug gerüstet, um dagegenhalten zu können. Und das in der Industrie aufzuknacken, ist wirklich ein langwieriges Ding. Natürlich ist die IG Metall unser Ansprechpartner und Bündnispartner. Aber wenn sie jetzt der Kriegstüchtigkeit zustimmt, haben wir ein Problem. Diesen Widerspruch gibt es, weil sie als Industriegewerkschaft auch davon profitiert, wenn es so eine Form von Kriegswirtschaft gibt. 

Genau dafür braucht es ja eine politische Partei, die da dagegenhält und sich in den Widerspruch zur Gewerkschaftsführung begibt. Dieser Punkt zeigt, dass wir auch nicht immer die gleichen Interessen vertreten. Die Frage wird dann sein, ob man an der Basis, unter den Betriebsräten und unter den Mitgliedern um Hegemonie kämpfen kann. 

Gerade für diese Hegemonie-Kämpfe wird man eine größere, industriepolitische Vision brauchen. Natürlich ist es richtig, für den Erhalt von Standorten und Arbeitsplätzen zu kämpfen und Werkschließungen zu verhindern. Aber das sind am Ende gewerkschaftliche Defensivkämpfe. Du hast vorhin von Eurem Industrieplan gesprochen. Wie sieht der aus?

Wir fordern vor allem, dass es Geld für den Umbau gibt und dass dieses Geld an betriebliche Mitbestimmung und einen Transformationsgedanken geknüpft wird, der auch eine Demokratisierung der Wirtschaft beinhaltet. Das sind die grundlegenden Prinzipien: Es braucht Geld und es braucht Mitbestimmung. 

Dieses Finanzpaket von Union und SPD ist nur Geld – und da ist auch noch nicht ganz klar, wohin das am Ende geht. Wir hatten 200 Milliarden für die Industrie gefordert, aber unter der Bedingung von Mitbestimmung und einer Stärkung des Transformationsgedankens. Das wird es jetzt nicht geben. Hätten wir mitverhandeln können, dann hätten wir auch SPD und Grüne dazu bringen können, eher diesen Transformationsgedanken zu verfolgen und nicht einfach nur Geld irgendwohin zu werfen, geschweige denn, nur Geld für die Rüstungsindustrie locker zu machen. Wir hätten darauf drängen können, dass es einen Plan für den Umbau der Automobilindustrie für die nächsten zehn Jahre braucht.

»Sobald man stark ist, kommt gleich die Frage: Warum denn nicht mitregieren? Ich würde sagen: Wir sind gerade so dem Tod von der Schippe gesprungen. Jetzt wieder drei Schritte vor dem ersten zu machen, wäre tödlich.«

Auch die Gewerkschaftsführungen haben begrüßt, dass es jetzt überhaupt mal ein Infrastrukturpaket gibt. Es hat sich fast niemand getraut, Bedingungen daran zu knüpfen, weil alle so froh waren, dass es überhaupt kommt. Das ist bitter, weil uns das ein Stück weit die Verhandlungsgrundlage nimmt, um unsere politische Vision voranzubringen und dafür wieder Menschen zu gewinnen. 

Aber könnte man nicht auch sagen, dass es gerade durch das Einknicken von SPD und Grünen für die Linke leichter wird, jetzt so eine politische Vision zu formulieren? Es ist noch nicht lange her, da sagte man: Es gibt zwei konkurrierende Hegemonieprojekte – ein grünes, neoliberales Modernisierungsprojekt und ein reaktionäres, nationalkonservatives Gegenprojekt. Und die Linke kommt zwischen diesen politischen Machtblöcken nicht in die Offensive. Mit dem Zusammenbruch der Ampel ist einer dieser Machtblöcke erstmal abgeschlagen. SPD und Grüne haben gezeigt, dass sie nicht gut auf große Krisen reagieren können und ihre Vision von einem Transformationsprojekt bedeutet, dass die Privatwirtschaft mit staatlichem Geld subventioniert wird und bei der Mehrheit nichts davon ankommt. Die Leute haben die Nase voll davon. Das hat den rechten Block gestärkt, das ist natürlich gefährlich. Aber öffnet sich dadurch nicht auch ein neuer Raum, in den die Linke stoßen kann? 

Wahrscheinlich hast du recht. Die Koalition aus CDU und SPD bietet eine ganz andere Möglichkeit, den Platz für die Linke größer zu machen. 

Denn ein visionäres Projekt wird es unter schwarz-rot auf gar keinen Fall geben, das sind ja die Verwalter, wie sie im Buche stehen. Da ist gar kein Wille, gar nichts – außer in der Außenpolitik. Merz sieht sich vermutlich schon als derjenige, der jetzt eine große europäische Armee schafft. Und die Agenda 2030 als konservatives, hartes Sozialkürzungsprojekt lässt uns auch viel Raum. Und die SPD diskreditiert sich in dieser Konstellation komplett selbst.

»Alle wollen regieren, wir wollen verändern«, stand auf Wahlplakaten der Linken – man ist ganz klar als oppositionelle Kraft aufgetreten, was ich sehr klug fand. Einen Tag vor der Wahl sagte Jan van Aken dann aber, die Linke sei für Gespräche bereit, wenn es für Rot-Rot-Grün reichen sollte. Schielt man am Ende doch immer wieder auf die Regierungsbank, sobald sich die Möglichkeit bietet?

Wir dürfen jetzt nicht den Kopf verlieren. Der Wahlerfolg war ein Riesenschub für uns. Aber wir sollten uns darauf konzentrieren, weiter zu wachsen, unsere Hochburgen halten und strategisch neue aufbauen. Sobald man stark ist, kommt gleich die Frage: Warum denn nicht mitregieren? Ich würde sagen: Wir sind gerade so dem Tod von der Schippe gesprungen. Wir haben wieder eine Identität entwickelt. Wir haben wieder Menschen, die wissen, wofür sie kämpfen und warum sie antreten. Jetzt wieder drei Schritte vor dem ersten zu machen, wäre tödlich. Wir sollten uns als klare soziale Opposition definieren und uns in dieser Rolle verankern. 

Ist nicht die Krux bei dem neuen Aufwind, dass alle reinlesen können, was sie reinlesen wollen? Wenn man schon immer dachte, Organizing würde die Partei retten, kann man sich bestätigt sehen; wenn man schon immer dachte, ein junges, urbanes akademisches Milieu würde die Partei retten, kann man sich bestätigt sehen; wenn man schon immer dachte, die Abspaltung von Wagenknecht würde die Partei retten, kann man sich bestätigt sehen. Das ließe sich jetzt noch fortführen.

Im Parteivorstand kursiert der Spruch: Die Linke kann nicht gut verlieren, aber sie kann auch nicht gut gewinnen. Diesen Erfolg beansprucht natürlich jeder für sich. Ich habe schon alles gehört in der Hinsicht, wirklich alles. 

»Wenn man sich dazu entscheidet, eine anti-militaristische, marxistische Partei zu sein, dann ist das nichts, was ich durch eine Mitgliederumfrage herausfinde.«

Die Haustür-Kampagnen haben Jan und ich nicht erfunden, das hat sich über Jahre entwickelt. Wir haben es aber als Methode massenhaft und strukturiert eingesetzt. Das gilt auch für Angebote wie »Die Linke hilft«. Das ist alles nicht neu, aber es hat zum ersten Mal einen strategischen Stellenwert bekommen. Und die thematische Fokussierung auf Wohnen lag auf der Hand, ebenso der Wunsch nach Geschlossenheit. Zusammengenommen war das ausschlaggebend, im Zusammenspiel mit der politischen Dynamik vor der Wahl. 

Man muss jetzt die Daten analysieren, und zwar durch Befragungen der Mitglieder, um zu wissen, was sie wollen, aber auch um zu verstehen, wo der Haustürwahlkampf wirklich was gebracht hat. Wir sind ja gezielt in prekäre Straßenzüge gegangen. Hat sich das im Wahlergebnis niedergeschlagen? Wenn wir eine Datengrundlage haben, können wir diese Diskussion auf eine andere Ebene heben. Dann gehen die Fragen nicht in Strömungskämpfen auf. Ich bin eine Freundin davon, unsere Diskussionen auf bessere empirische Einblicke fußen zu lassen und weniger auf anekdotische Evidenz der Einzelnen. 

Aber am Ende muss man doch auch der eigenen Mitgliedschaft und Wählerschaft politische Orientierung geben. Also nicht nur schauen, was die Leute wollen, sondern auch gezielt Mehrheiten für das erkämpfen, woran man politisch glaubt.

Ja, absolut. Wenn sich etwa die Frage stellt, ob wir mit der AfD abstimmen, muss ich darüber nicht lange nachdenken und nicht jeden Tag einen Beschluss einholen. Das ist bei einigen außenpolitischen Fragen genauso. Bei schnellen Entscheidungen, die die Grundsätze der Partei betreffen, kommt es auf Führung an. Sonst gehen die Fliehkräfte in der Partei auseinander. Wenn man sich dazu entscheidet, eine anti-militaristische, marxistische Partei zu sein, dann ist das nichts, was ich durch eine Mitgliederumfrage herausfinde, sondern ein gemeinsamer Beschluss, den wir als Führung der Partei dann auch nach außen tragen.

Müsste sich die Linke dann nicht in dieser Frage stärker profilieren? Wenn alle Parteien im Parlament aufrüsten wollen, entsteht ein friedenspolitisches Vakuum, das die Linke besetzten könnte.

Mein Gefühl ist, dass wir in dieser Frage gerade nicht mobilisierungsfähig sind. Es gibt sowieso eine geschwächte Friedensbewegung. Sie ist relativ veraltet – und das meine ich jetzt nicht verächtlich. Im Gegenteil, ich glaube, wir müssten dem wieder eine neue Dynamik geben. Während des Wahlkampfs hätten wir das nicht geschafft, aber jetzt wäre es wieder so weit, eine wirkliche Friedensbewegung aufzubauen. Auch in den Gewerkschaften finden diese Debatten statt, bei allen unseren Partnern ist die Frage total strittig. 

Das bedeutet auch, dass wir jetzt nicht von oben Mobilisierung verordnen können. Dieser Aufrüstungsdiskurs ist gerade sehr, sehr massiv. Selbst wenn der Ukrainekrieg enden sollte, wird wahrscheinlich ein anderer Grund gefunden, um diesen Kurs weiterzuführen und etwa eine europäische Armee aufzubauen. Da müssen wir uns dann überlegen: Wie reagiert man darauf, auch in der europäischen Linken.

Die Außenpolitik hat ja auch einen Keil in die Europäische Linke (EL) getrieben, also in diesem Fall ging es vor allem um die militärische Unterstützung der Ukraine. Einige nordische Linksparteien haben die EL verlassen und sich der Allianz der Europäischen Linken (ELA) angeschlossen. Was ist Eure Rolle in dieser europäischen Linken, die sich gerade weiter fragmentiert?

Das alles ist tragisch: Gerade in dem historischen Moment, in dem Ursula von der Leyen 800 Milliarden für die Aufrüstung fordert, ist die europäische Linke gespalten in der Außenpolitik. Ich glaube, dass wir im besten Fall eine Vermittlerrolle spielen sollten. Als Gründungsmitglieder der EL tragen wir den anderen Parteien gegenüber eine Verantwortung. Es ist wichtig, die EL zu erhalten. Gleichzeitig können wir es uns nicht leisten, nicht mit den Parteien der ELA zu kooperieren. In dieser vermittelnden Rolle gilt es, eine Strategie zu entwickeln, was ein linkes Gegenprojekt zur Hochrüstung und vertieften Neoliberalisierung der EU sein kann. Allen voran müssen wir handlungsfähig werden in dieser Frage, zur Not mit zwei europäischen Parteien.

Auch innerhalb der Linken liegen dazu viele unterschiedliche Positionen auf dem Tisch. Vor der Wahl hat die Partei außenpolitische Fragen eher ausgeklammert und auf klassische Brot-und-Butter-Politik gesetzt, was super funktioniert hat. Jetzt holt einen das aber immer wieder ein, weil letztlich auch die steigenden Lebenshaltungskosten und die Kürzungen im Sozialen mit der Militarisierung zusammenhängen. Wie will man da eine gemeinsame Position finden? 

Wir haben den Beschluss, das Grundsatzprogramm zu reformieren und da werden wir natürlich auch das Thema Außenpolitik und Geopolitik aufmachen. Wir dürfen uns nicht treiben lassen vom medialen Diskurs oder von Umfragen, denn unsere Positionen sind menschlich und vernünftig, für uns gelten keine Doppelstandards. Darauf können wir aufbauen, sollten aber auch dringend unsere Mitglieder in außenpolitischen Fragen, zu Imperialismustheorien schulen, um eine gemeinsame neue ideologische Basis zu schaffen. 

Mir ist daran gelegen, dass wir auch in der Außenpolitik einen Klassenstandpunkt einnehmen und Kriege aus der Perspektive der Betroffenen sehen und nicht der Herrschenden. Wenn man das konsequent tut, kriegt man auch die Verbindung zwischen Militarisierung und Sozialabbau besser in den Blick. Ich bin optimistisch, dass wir auch bei diesen schwierigen Fragen zu einer gemeinsamen Analyse und Haltung kommen.Uns bleibt auch keine Wahl: Die kommende Koalition zwingt uns diesen Klassenkonflikt förmlich auf.

Astrid Zimmermann

Astrid Zimmermann ist Managing Editor bei JACOBIN.

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