Bei einer der ersten öffentlichen Versammlungen in der neuen Stadt Starbase in Texas ging es beim ersten Tagesordnungspunkt paradoxerweise darum, die Öffentlichkeit rauszuhalten. Die Bewohner der Siedlung stimmten im vergangenen Mai dafür, eine eigene Gemeinde zu werden. Sie bilden nun eine einzigartige moderne Firmenstadt unter der faktischen Herrschaft ihres Teilzeitbewohners Elon Musk.
Die neue Ortschaft zählt etwa 500 Menschen, die sich auf einige Blocks mit Airstream-Wohnwagen und Ranch-Häusern verteilen und nahezu alle SpaceX-Angestellte oder deren Familienangehörige sind. Der Ort dient unter anderem als Startplatz für das SpaceX Starship und ist ein Herzensprojekt von Musk – umso mehr seit seinem dramatischen Zerwürfnis mit der Trump-Regierung im Juni 2025.
Seit seiner Gründung operiert Starbase unter einer besonders undemokratischen Form von Demokratie. Die meisten wahlberechtigten Einwohner, darunter auch der Bürgermeister und zwei von drei Mitgliedern des Kommunalverwaltungsrats, sind bei Musk angestellt und könnten dementsprechend schnell ihren Job verlieren, wenn sie sich seinen Wünschen widersetzen. Viele wohnen darüber hinaus in firmeneigenen Wohnungen, sodass der Verlust des Jobs zugleich auch den der Unterkunft bedeutet. Das setzt die gesamte Kommune unter immensen Druck, sich im Interesse des Unternehmens statt im Interesse der Allgemeinheit zu verwalten.
»Die Straßen der Ortschaft Starbase mögen jahrelang mit Steuergeldern instand gehalten worden sein – nun sind sie quasi-privatisiert und in Musks persönliches Hoheitsgebiet eingegliedert worden.«
Beim besagten Treffen beriet die Starbase-Stadtverwaltung über einen Vorschlag, die Ortschaft größtenteils zu umzäunen und mehrere Tore zu errichten. Dies sei eine Sicherheitsmaßnahme, erklärten die Stadträte. So würde allen Personen, die nicht Einwohner von Starbase sind, der Zugang zum Stadtzentrum verwehrt. Einige Beiwohnende der Sitzung äußerten Unmut, aber das spielte keine Rolle: Im konsequent antidemokratischen Geist der Stadt waren die Tore ohnehin bereits bezahlt und installiert worden.
PAYWALL
Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung: Eine Gemeinde ist praktisch nur noch für diejenigen zugänglich, die bei Elon Musk und SpaceX in Gnade stehen. Kritischen Journalistinnen, Demonstranten, Gewerkschaftsorganisatoren, selbst Wahlhelferinnen oder schlichtweg jeder Person, die Elon Musk persönlich nicht mag, kann der Zutritt zur Kommune untersagt werden. Die Straßen der Ortschaft mögen jahrelang mit Steuergeldern des texanischen Staates und des Landkreises instand gehalten worden sein – nun sind sie quasi-privatisiert und in Musks persönliches Hoheitsgebiet eingegliedert worden.
Die Gründung und anschließende Abschottung von Starbase zeigt, zu welchen zunehmend absurden Maßnahmen Milliardäre bereit sind, um sich von der Öffentlichkeit und der lokalen Demokratie abzuschotten. Die Eliten haben schon immer ihren privaten Reichtum und ihre Macht genutzt, um den Kontakt mit dem einfachen Volk zu vermeiden. Sie gaben jedes Jahr Millionen für ihre persönliche Sicherheit aus oder errichteten aufwendig abgeschirmte Anlagen und Bunker. Doch zunehmend beginnen Milliardäre, sich öffentliche Güter anzueignen und Lokalverwaltungen zu nutzen, um ihre eigene Sicherheit und Privatsphäre zu wahren, indem sie den Rest der Gesellschaft ausschließen.
»Rund um Indian Creek wurde ein ausgeklügeltes israelisches Radardetektionssystem installiert und damit begonnen, konsequent Strafzettel an Boote zu verteilen, die zu nah an die Küste heranfahren.«
Eine andere Art Bunker
In den späten 1930er Jahren wurde auf einer künstlichen Insel in der Biscayne Bay vor Miami ein erstes Modell für eine private, abgeschottete Kommune für Reiche entworfen: Indian Creek Village, lokal auch als »der Milliardärsbunker« bekannt, ist Teilzeitwohnsitz von extrem reichen Persönlichkeiten wie Amazon-CEO Jeff Bezos, Jared Kushner und Ivanka Trump, Footballspieler Tom Brady sowie den Milliardären Carl Icahn und Eddie Lampert. Indian Creek Village unterscheidet sich von anderen Lieblingswohnorten der Superreichen dadurch, dass es seit seiner Gründung im Jahr 1939 von derselben Gruppe milliardenschwerer Hausbesitzer regiert wird, die die lokalen Gesetze entwerfen und den kommunalen Haushalt bestimmen.
Wie in Starbase besteht eine der Hauptfunktionen der Kommunalverwaltung darin, den Rest der Öffentlichkeit auszuschließen. Die superreiche Gemeinde ist durch eine streng bewachte Brücke von der nur normal-wohlhabenden Stadt Surfside getrennt. Niemand darf diese Brücke überqueren, es sei denn, man hat die Erlaubnis eines der etwa achtzig Einwohner – oder eine 500.000 Dollar teure Mitgliedschaft im privaten Golfclub der Insel.
»Obwohl die meisten Steuerzahler Floridas die Brücke zur Insel nicht betreten dürfen, werden sie zur Kasse gebeten, um Millionen Dollar für deren Sanierung zusammenzubringen.«
Sicherheit hatte für die Milliardäre von Indian Creek schon immer höchste Priorität. In den vergangenen Jahren ist die Einwohnerschaft der Insel aber nochmals deutlich wohlhabender und Sicherheit zu einer regelrechten Obsession geworden. Die Stadt unterhält eine eigene, finanziell gut ausgestattete Polizei, die rund um die Uhr mit Schnellbooten um die Insel herum patrouilliert und im Grunde genommen als private Sicherheitskraft fungiert. Die Ausgaben für diese Polizei steigen von Jahr zu Jahr, sodass sie mittlerweile 75 Prozent des kommunalen Jahresbudgets ausmachen. 2022 wurde ein ausgeklügeltes israelisches Radardetektionssystem rund um die Insel installiert und damit begonnen, konsequent Strafzettel an Boote zu verteilen, die zu nah an die Küste heranfahren.
Indian Creek existiert in einem seltsamen quasi-öffentlichen Raum, in dem die Kommune weiterhin von den Vorteilen einer eingetragenen Stadt profitieren kann, während man sich ansonsten wie eine isolierte Gated Community verhält. Die Einwohner der Stadt können den Großteil ihrer Grundsteuergelder für persönliche Zwecke abzweigen, während staatliche Zuschüsse und Anleihen genutzt werden, um die örtlichen Straßen zu reparieren. Obwohl die meisten Steuerzahler Floridas die Brücke zur Insel nicht betreten dürfen, werden sie zur Kasse gebeten, um Millionen Dollar für deren Sanierung zusammenzubringen. Selbst das Radarerkennungssystem von Indian Creek wurde teilweise mit bundesstaatlichen Mitteln finanziert. So bietet die Milliardärsstadt Leuten wie Jeff Bezos das Beste aus beiden Welten.
Die Tech-Landnahme
Eine eigene Stadt zu gründen, scheint in der Tech-Elite zum neuen Trend zu werden. Musk hat bereits sein Starbase-Projekt und plant eine weitere Stadt vor den Toren von Austin in Texas. Das Konzept des »Network State« – nach Risikokapitalgeber Balaji Srinivasan »eine sehr eingeschworene, kollektiv handlungsfähige Online-Community, die weltweit Territorium crowdfundet und schließlich diplomatische Anerkennung von bereits bestehenden Staaten erlangt« – gewinnt in Tech-Kreisen zunehmend an Bedeutung.
»Forest City wurde als ›Ökostadt‹ beworben, aber als vollständig autofreundliche Stadt konzipiert und bedroht nun das lokale Seegras-Ökosystem, auf dem sie liegt.«
Diese Bewegung hat bereits den Ort Prospera hervorgebracht, ein libertäres Mekka in Honduras, das von Risikokapitalgebern wie Sam Altman, Marc Andreessen und Peter Thiel finanziert wird und in dem sich Unternehmen selbst regulieren dürfen und die Bürgerschaft 1.300 Dollar im Jahr kostet.
US-Präsident Donald Trump hat seinerseits die Idee von »Freedom Cities« propagiert – ein vages Konzept, nach dem neugegründete Städte mit weniger staatlicher Regulierung operieren können sollen. Ziel ist es, traditionelle demokratische Strukturen zu umgehen, weil diese als hinderlich für vermeintlich dynamische Innovation und Wohlstand angesehen werden.
In letzter Zeit sind zahlreiche neue halbprivate Städte entstanden, vor allem in Entwicklungsländern. Diese Orte werden in der Regel von Reichen für Reiche gebaut, verknüpfen öffentliche und private Strukturen zu hochgesicherten Gated Communities und bieten wenig Raum für einen öffentlichen Lebensraum oder lokale Demokratie. Diese Projekte versprechen gerne hochtrabende Visionen von interplanetarem Reisen, lebensverlängernder Medizin oder nachhaltiger Entwicklung. Tatsächlich bieten sie jedoch meist weit weniger.
In einem Artikel aus dem Jahr 2023 untersuchen die Forscherinnen Sarah Moser und Nufar Avni die Entwicklung einer damals neu gegründeten privaten Gemeinde in Malaysia namens Forest City. Die Entwickler hatten damit geworben, dass es sich um eine »Ökostadt« und ein Musterbeispiel für Nachhaltigkeit handle. Tatsächlich wurde Forest City aber als vollständig autofreundliche Stadt konzipiert und bedroht nun das lokale Seegras-Ökosystem, auf dem sie liegt.
Was Forest City mit Starbase und Indian Creek gemeinsam hat, ist der Fokus auf Sicherheit: Die vermeintliche Ökostadt wird von Sicherheitspersonal überwacht, das befugt ist, Personen nach eigenem Ermessen des Geländes zu verweisen, und ist von einem Elektrozaun umgeben, um das Gelände vor unerwünschten Besuchern zu schützen.
»Bislang deuten die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen zu neuen privaten Städten darauf hin, dass diese gegen jegliche Prinzipien von Gerechtigkeit verstoßen«, schreiben Moser und Avni. »Demokratie, Partizipation, Inklusion, soziale und ökologische Nachhaltigkeit sowie Diversität fehlen in der Planung und Umsetzung vollständig.«
Angesichts dessen, dass der Reichtum und der Einfluss von Milliardären stetig wachsen, dürften in den kommenden Jahren weitere halbprivate Städte dieser Art entstehen. Ein Blick auf die bereits existierenden Ortschaften zeigt, wie die Superreichen diese öffentlich-privaten Enklaven regieren und wo ihre Prioritäten liegen: Sie wollen eine klare Trennlinie zwischen sich selbst und der Arbeiterklasse ziehen – gesichert durch hohe Mauern, Radarkontrollsysteme und gut finanzierte sowie schwer bewaffnete private Sicherheitskräfte.