Das Musizieren ist eine gesellschaftliche Errungenschaft: technische Fähigkeiten werden über Gemeinschaften und Generationen von Musikern weitergegeben und verbreitet; die Instrumente sind Industrieprodukte; die Darbietung von Stücken erfordert in der Regel koordinierte, gemeinschaftliche Anstrengungen.
Während eine Gitarre oder ein Klavier oft Eigentum der einzelnen Musikerin sind, gehen die Mittel der Musikproduktion weit über die Grenzen des persönlichen Eigentums hinaus. Musik hängt von ihren Institutionen ab – von Bibliotheken, Konservatorien, Produktionsfirmen, Labels, Veranstaltungsorten. Und es macht einen großen Unterschied, ob diese Institutionen in privater oder öffentlicher Hand sind. Daher ist die sozialistische Frage in der Musik besonders relevant.
Es ist nicht utopisch, zu fordern, dass eine musisch florierende Gesellschaft ihren Mitgliedern die Möglichkeit bietet, sich an ernster wie unterhaltender Musik zu beteiligen, sei es in Chören, Orchestern, Bands oder Musiktheatergruppen. Jeder Mensch, der Talent und Neigung mitbringt, sollte auf die Ressourcen der Gesellschaft zählen können, um seine Fähigkeiten im Bereich der Darbietung und Komposition von Musik zu verbessern. Unser musikalisches Wissen, sowohl in historischer als auch in theoretischer Hinsicht, sollte durch Forschung kontinuierlich erweitert und durch öffentliche Bildung und Medien einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.
Sozialistische Planung könnte eine groß angelegte musikalische Infrastruktur in Form von Festivals, Wettbewerben und Konservatorien schaffen. Damit würden unsere kollektiv besessenen musikalischen Mittel ausgebaut und gefördert. Die unverzichtbare Grundlage für ein solches System ist musikalisches Wissen. Sozialistinnen und Sozialisten sollten daher darauf hinarbeiten, dieses Wissen universell zugänglich zu machen.
Sozialistisches Singen
Diese Idee ist nicht neu. In ihrem evangelischen Eifer räumten die protestantischen Bewegungen der frühen Moderne dem Lesen von Musik oft hohe Priorität ein. Beim sogenannten Shape-Note-Singen aus den USA wird dieser Spirit bis heute gepflegt. In den 1840er Jahren – dem Jahrzehnt, in dem Karl Marx seine anthropologischen Manuskripte verfasste und Heinrich Heine seine ersten proletarischen Gedichte schrieb – startete der englische Kongregationalistenprediger John Curwen eine wirkungsvolle Kampagne zur Förderung der Musikkompetenz, die sich an die damals entstehende Klasse der besitzlosen Lohnarbeiter richtete.
Seit (mindestens) dem 18. Jahrhundert begleitet Gesang auch revolutionäre Politik. Wenn diverse und voneinander unabhängige Stimmen durch Zusammenarbeit, Selbstorganisation und Disziplin zu einer harmonischen Einheit verschmelzen, ist dies sowohl von musikalischem Wert als auch ein starkes politisches Zeichen. Die demokratischen Bewegungen, die den Feudalismus in Europa stürzten, sorgten auch für die Gründung von Musikgruppen, insbesondere Chören. Die spätere Arbeiterbewegung führte diese Tradition fort: Bei den Treffen der Ersten Internationale wurden Lieder gesungen; ebenso wirkte der Arbeiterchor als ein Symbol für die partizipative Kultur der Zweiten Internationale.
»So wie das Zeichnen das Auge schult, trainiert Solfège das Gehör: Es macht die Welt buchstäblich besser hörbar.«
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Einer der bedeutendsten Versuche, Musikkompetenz universell zu verbreiten, fand im vergangenen Jahrhundert in Ungarn statt. Er ist verknüpft mit dem frühen Sozialismus in diesem Land sowie mit der Karriere des Lehrers, Komponisten und Ethnomusikologen Zoltán Kodály.
Der 1882 geborene Sohn eines Provinzbahnbeamten, der dank seines außergewöhnlichen Talents in der Hauptstadt Bekanntheit erlangte, hätte vor diesem Hintergrund politisch durchaus zum bürgerlichen Liberalismus tendieren können. Angesichts der politischen Verflechtungen zwischen dem ungarischen Landadel und der liberalen Intelligenz in Budapest in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entschied sich Kodály jedoch dafür, die Bauernschaft, ihre Eigenständigkeit und ihre Traditionen als Grundlage für eine genuin demokratische nationale Kultur zu betrachten. Entsprechend machte er sich daran, hunderte Volkslieder und -tänze zu sammeln, aufzunehmen und zu analysieren.
Sein Karriereaufstieg fiel mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zusammen: 1919 wurde er im Alter von 36 Jahren vom sogenannten Volkskommissariat für Bildung und Kultur zum Direktor für Musik ernannt – gemeinsam mit dem international bekannten modernistischen Komponisten Béla Bartók. Das Kommissariat war ein Arm der kurzlebigen Ungarischen Sowjetrepublik. Angelehnt an die Bolschewiki in Russland, hielt es 133 Tage lang eine proletarische Diktatur im ehemaligen Königreich aufrecht, bevor es von tschechoslowakischen und rumänischen Streitkräften überwältigt wurde. Diese kurze Erfahrung mit einer sozialistischen Musikpolitik und ihrem Ziel, »Musik und Volk einander näher zu bringen«, prägte den Rest von Kodálys Leben.
Im Zuge der Konterrevolution wurden Kodálys politische Verbindungen Gegenstand einer öffentlichen Ermittlung. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, das Singen der Internationale unterstützt und der Roten Armee erlaubt zu haben, an der nationalen Musikakademie zu rekrutieren. Dank des Einsatzes von Freunden, insbesondere Bartók, blieb Kodály von den schlimmsten Auswirkungen des weißen Terrors verschont. In den folgenden Jahren nutzte er sein zunehmendes Ansehen im Ausland, um seine Tätigkeit zur Förderung von Musikkompetenz in Ungarn zu schützen. Dies trug Früchte in Form der »Jugendmusikbewegung« und zahlreicher pädagogischer Kompositionen.
»Das sozialistische Musikunterrichtssystem Ungarns florierte nach Kodálys Tod noch jahrelang, geriet jedoch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Vergessenheit.«
Doch erst mit der Einführung des Sozialismus in Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Kodály auf direkte und dauerhafte staatliche Unterstützung zählen. Was zuvor eine Bewegung gewesen war, wurde nun zur offiziellen Politik. Die Nation sollte musikalisch gebildet werden. Seine Lehrmethode wurde als Hauptfach – nicht als außerschulische Aktivität oder Wahlfach – ins öffentliche Bildungssystem integriert. Neues musikpädagogisches Personal wurde offiziell in seiner Methode ausgebildet und Menschen, die bereits Musikunterricht gaben, wurden in staatlichen Programmen umgeschult. Die Staatspresse veröffentlichte die Materialien; Schulchöre waren in Radiosendungen im ganzen Land zu hören. Musik hielt Einzug in den Alltag und in Gemeinden sowie an den Arbeitsplätzen entstanden zahlreiche Gesangsgruppen.
Die musikalischen Produktivkräfte
Kodály beschäftigte sich zwar nicht tiefgehend mit dem Marxismus, verschrieb sich aber dennoch der Entwicklung der Produktivkräfte in der Musik. In Ungarn, so schrieb er, habe »der Übergang von einer auf mündlicher Überlieferung basierenden Kultur zu einer auf schriftlicher Überlieferung basierenden Kultur […] in der Literatur längst stattgefunden«. In der Musik hingegen »stehen wir noch immer mit einem Bein in einer rein mündlichen Kultur. Wenn wir in diesem Sinne nicht für immer rückständig bleiben wollen, gibt es keine dringlichere Aufgabe für uns, als diesen Übergang auch in der Musik zu vollziehen«.
Seine Vision passte gut zum vorherrschenden politischen Diskurs der Zeit. 1949 schlug er vor, »einen Fünfjahresplan zur vollständigen Ausrottung der [musikalischen] Bildungslosigkeit zu erstellen. Es wäre in fünf Jahren möglich, einen Zustand zu erreichen, in dem jeder auf einem seinem Alter entsprechenden Niveau Musik lesen kann«.
Kodály war der Ansicht, dass die menschliche Stimme die Grundlage unserer musikalischen Fähigkeiten ist. Er konzentrierte seine Lehrmethoden auf die Musiktheorie des Solfège (das »Do-Re-Mi«-System), die seit mehr als tausend Jahren für die musikalische Bildung von wesentlicher Bedeutung ist. Sie soll das Erfinden, die Reproduktion und die Weitergabe von Melodien erleichtern: Indem sie Anzahl und Position der verfügbaren Noten festlegt, ermöglicht sie es, den musikalischen Sinn hinter einem Stück weiterzugeben, ohne dabei den Anspruch einer besonders raffinierten oder kunstvollen Darbietung zu erheben. Wird dieses System beherrscht, fördert es den musikalischen Ausdruck von Alltagsstücken, von Kinderreimen bis hin zu Gewerkschaftsliedern. So wie das Zeichnen das Auge schult, trainiert Solfège das Gehör: Es macht die Welt buchstäblich besser hörbar.
Indem er das politische und das wirtschaftliche Leben miteinander verschmilzt, will der Sozialismus einer sich selbst verwaltenden Gesellschaft ermöglichen, bewusste Entscheidungen über die Arbeitsteilung zu treffen. Bestimmte produktive Fähigkeiten wie grundlegendes Musizieren – und wohl auch Zeichnen oder Kochen – werden dann möglichst effizient genutzt, wenn sie Allgemeinwissen sind. Das übergeordnete Ziel ist stets die gerechte Verteilung der Produktionsmittel.
Das sozialistische Musikunterrichtssystem Ungarns florierte nach Kodálys Tod noch jahrelang, geriet jedoch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Vergessenheit. Ebenso werden seine Methoden bis heute in Klassenzimmern auf der ganzen Welt genutzt, doch das Prinzip, das sein Projekt antrieb – dass Musik uns allen gehört – wird kaum noch hochgehalten. Heutige Sozialistinnen und Sozialisten täten gut daran, Kodálys Vermächtnis wieder aufzugreifen. Bei der Gestaltung von Kulturpolitik sollten sie allgemeinen Kompetenzerwerb und gemeinsame Infrastrukturen in den Vordergrund stellen.