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Raus aus dem Kokain-Käfig

Unser Verständnis von Sucht basiert auf Experimenten, in denen Ratten in Käfigen mit nichts als Kokain alleine gelassen wurden. Die Philosophin Hanna Pickard stellt im Interview ein anderes Konzept vor, das unserer Lebensrealität (und auch der von Nagetieren) näherkommt.

Von ilker
Raus aus dem Kokain-Käfig
»Teilhabe am konventionellen Leben schützt vor Sucht und ist auch oft entscheidend für einen erfolgreichen Entzug.«Illustration: Marie Schwab

Die Debatte über Sucht spielt sich im Wesentlichen zwischen zwei Weltanschauungen ab. Auf der einen Seite steht die Überzeugung, dass Sucht eine Hirnerkrankung ist; dass das Gehirn des Süchtigen ihn dazu zwingt, trotz schwerwiegender Folgen weiterhin Drogen zu konsumieren. Diese Überzeugung basiert zum Großteil auf Studien von Wissenschaftlern, die in Isolation gehaltenen Ratten nichts als Kokain als Zuflucht vor Stress und Leid anboten. Die Ergebnisse dieses Experiments von 1985 prägen unser (Miss-)Verständnis von Sucht bis heute.

Die andere Seite der Debatte basiert auf einer älteren Sichtweise, die Sucht als moralisches Versagen betrachtet: Der Süchtige entscheidet sich aufgrund seiner Charakterschwäche dafür, böse Drogen zu konsumieren. Obwohl heute fast alle Wissenschaftlerinnen und Kliniker diese Sichtweise ablehnen, ist sie in der Allgemeinheit nach wie vor weit verbreitet. Tatsächlich basieren viele drogenpolitische Maßnahmen eher auf moralischen als auf medizinischen Erwägungen.

Die Philosophin Hanna Pickard schlägt ein neues Verständnis von Sucht vor. Im Interview mit dem Psychotherapeuten und Autor Chandler Dandridge spricht sie über die Grenzen von Kokain-Käfig-Tierversuchen und neue Ansätze in der Suchtbehandlung, die soziale Verhältnisse besser berücksichtigen.

Der Titel Deines neuen Buches verweist auf ein berühmtes Experiment mit Ratten: What Would You Do Alone in a Cage with Nothing but Cocaine? (»Was würdest Du tun alleine in einem Käfig mit nichts als Kokain?«) Warum hast Du das als Titel gewählt für ein Buch, in dem Du ein neues Paradigma zum Verständnis von Sucht vorschlägst?

Eines der zentralen Themen des Buches ist, dass das Verständnis von Sucht nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein humanistisches und imaginatives Unterfangen ist. An verschiedenen Stellen wende ich mich direkt an die Leserin. Ich will sie einladen, sich vorzustellen, wie es wäre, unter gewissen Bedingungen zu leben, von denen wir wissen, dass sie mit Sucht in Verbindung stehen, beziehungsweise wie es wäre, selbst süchtig zu sein. Ich habe den Titel gewählt, um ein solches humanistisches und imaginatives Unterfangen zu versinnbildlichen und anzustoßen.

Wie du richtig anmerkst, bezieht sich der Titel auf ein berühmtes Rattenexperiment, das 1985 von den Wissenschaftlern Michael Bozarth und Roy Wise durchgeführt wurde. In diesem frühen Experiment wurden Ratten darauf trainiert, eine Art Hebel zu betätigen. Wenn sie dies taten, erhielten sie eine Dosis Kokain, die sofort intravenös verabreicht wurde. Anschließend wurden sie dauerhaft in einer Versuchskammer untergebracht, in der sich ausschließlich Futter, Wasser und eben dieser Hebel befanden, den sie betätigen konnten, um so viel Kokain zu erhalten, wie sie wollten. Kokain ist ein Appetitzügler, es unterdrückt Hunger und Durst. Die Ratten in diesem Experiment drückten immer und immer wieder auf den Hebel, um Kokain zu erhalten, und stellten das Essen und Trinken ein. Innerhalb eines Monats waren 90 Prozent der Tiere gestorben, vermutlich an einer Kombination aus Hunger, Dehydrierung und Erschöpfung.

»Wir können uns fragen: Was bringt ein Tier dazu, immer wieder den Hebel für Kokain zu betätigen und dabei auf Nahrung und Wasser zu verzichten, bis es stirbt?«

Dieses Experiment scheint auf eindrucksvolle Weise die Vorstellung zu belegen, dass Sucht eine Zwangsstörung des Gehirns ist – das derzeit sowohl in der Wissenschaft als auch in der allgemeinen öffentlichen Diskussion vorherrschende Verständnis von Sucht. Wir können uns fragen: Was bringt ein Tier dazu, immer wieder den Hebel für Kokain zu betätigen und dabei auf Nahrung und Wasser zu verzichten, bis es stirbt? Die Vorstellung, dass Drogen das Gehirn übernehmen und das Tier zum Konsum zwingen, ist eine überzeugende Erklärung für dieses Verhalten.

Aber die Bedingungen, denen diese Ratten im Experiment ausgesetzt waren – allein in einem Käfig mit nichts als Kokain –, sind auch eine eindrucksvolle Metapher für die Lebensumstände, die bekanntlich mit menschlicher Sucht in Verbindung gebracht werden, nämlich schwierige Lebensumstände, komorbide psychische Probleme und begrenzte sozioökonomische Möglichkeiten. Das ist natürlich eine Metapher – doch man könnte sich die Lebensumstände einiger Menschen mit Sucht durchaus wie das Alleinsein in einem Käfig mit nichts als Kokain vorstellen. 

Die Ironie dabei ist, dass sich das Wissen und die Versuchsmodelle mit Tieren weiterentwickelt haben, während unser Bild von Sucht unverändert geblieben ist. Tatsächlich wurde die Vorstellung, die Suchtkraft von Drogen sei die Erklärung, warum die Ratten bis zu ihrem Tod den Hebel für Kokain betätigten, durch spätere Experimente widerlegt.

Inwiefern?

Eine Sache fällt beim ersten Experiment auf: Die Ratten befinden sich allein in einem Käfig, mit nichts als Kokain. Das entspricht nicht der Lebensweise von Ratten, die sehr soziale und intelligente Tiere sind. Sie leben normalerweise in großen Gruppen und in natürlichen Umgebungen, wo sie beispielsweise nach Futter suchen, sich ernähren, paaren und spielen. Sie haben Wahlmöglichkeiten. Der Suchtforscher Serge Ahmed hatte die einfache, aber geniale Idee, dass wir den Ratten eine Wahlmöglichkeit geben müssen, um das Experiment realistischer zu gestalten. Daher führte er Versuche durch, bei denen er einen zweiten Hebel in die Kammer einbaute und den Ratten die Wahl zwischen Kokain und mit Saccharin gesüßtem Wasser ließ. Er stellte fest, dass selbst wenn die Ratten alle Anzeichen eines suchtähnlichen Verhaltens zeigten, 90 Prozent von ihnen das Saccharinwasser dem Kokain vorzogen.

»Bemerkenswerterweise zogen fast 100 Prozent der Ratten, selbst wenn sie alle Anzeichen eines suchtähnlichen Verhaltens zeigten, die Minute Spielzeit den Drogen vor.«

PAYWALL

Ahmeds Experiment wurde anschließend von Marco Venniro und Yavin Shaham erweitert, die die Belohnung mit süßem Wasser durch eine soziale Belohnung ersetzten, nämlich eine Minute Spielzeit mit einer anderen Ratte. Bemerkenswerterweise zogen fast 100 Prozent der Ratten in diesen Experimenten, selbst wenn sie alle Anzeichen eines suchtähnlichen Verhaltens zeigten, die Minute Spielzeit den Drogen vor. Was auch wichtig ist: Keine der Ratten in diesen Experimenten war sozial isoliert. Abgesehen von ihrer Zeit in der Versuchskammer wurden sie in Gruppen gehalten.

Was zeigen diese Experimente? Selbst wenn diese Ratten süchtig zu sein schienen, nahmen sie eine Alternative an, wenn man ihnen die Wahl ließ – also, wenn man ihnen alternative Belohnungen anbot, die mit den Drogen konkurrierten. Wenn wir nun zum Ursprungsexperiment zurückgehen und fragen, warum diese Ratten Kokain bis zum Tod konsumierten, scheint die Antwort nicht zu sein, dass Drogen das Gehirn kapern und das Tier zum Konsum zwingen. Diese Kraft hätte, wenn sie existieren würde, sicherlich auch in der neuen Versuchskammer gewirkt, in der die Ratten die Wahl hatten. Die Antwort liegt in der Tatsache, dass die Ratten im Ursprungsexperiment allein in einem Käfig waren und schlichtweg nichts außer Kokain hatten. Halten Sie einfach kurz inne und stellen Sie sich die Frage, die den Titel des Buches bildet: Was würden Sie in dieser Umgebung tun? Seien wir ehrlich: Die meisten von uns würden viel Kokain konsumieren, denke ich. Kokain ist in dieser Konstellation der einzige Weg, um sich von der Langeweile, der Einsamkeit, dem Unwohlsein und dem Leid abzulenken, das wir alle empfinden würden, wenn wir wochenlang allein in einem Käfig säßen.

Die Moral der Geschichte der Rattenexperimente in Bezug auf die menschliche Sucht ist klar. Um es etwas anthropomorph auszudrücken: Die Ratten im frühen Experiment drückten den Hebel für Kokain, weil ihre Lebensumgebung wortwörtlich leer war und dies psychologische Auswirkungen auf sie hatte. Die nachfolgenden Experimente können wir fast wie eine Art Suchttherapie betrachten: Die Forscher griffen ein, indem sie den Ratten Alternativen zu den Drogen gaben, die die Tiere offensichtlich wertschätzten – süßes Wasser, Spielzeit mit einer anderen Ratte. Und ein Großteil der Tiere entschied sich, keine Drogen mehr zu konsumieren. 

Diese Ergebnisse finden sich auch in Studien zur Sucht beim Menschen. Nochmals: Wir wissen, dass Sucht mit schweren Lebensumständen oder -situationen, psychischen Begleiterkrankungen und extrem begrenzten sozioökonomischen Möglichkeiten verbunden ist. Wir wissen auch, dass das, was als »Teilhabe am konventionellen Leben« bezeichnet wird – der Begriff stammt ursprünglich von den Soziologen Dan Waldorf, Craig Waldorf und Sheila Murphy und bedeutet im Wesentlichen, dass das Leben als wert- und sinnvoll, zielgerichtet und mit Möglichkeiten verbunden empfunden wird –, sowohl vor Sucht schützt als auch oft entscheidend für einen erfolgreichen Entzug ist. Anstatt Sucht einfach mit einem »gekaperten Gehirn« zu erklären, müssen wir sowohl über das Umfeld, in dem Menschen leben, als auch über ihr Innenleben nachdenken – mit anderen Worten: über die Lebensumstände und psychologischen Faktoren, die Sucht begünstigen und aufrechterhalten können.

Du betonst daher, beim Verständnis von Sucht sollte die menschliche Psyche an erster Stelle stehen, »Psychology First« also. Wir müssten uns vom Hirnerkrankungsmodell abwenden. Doch wie stellen wir sicher, dass wir dann nicht zurück zum moralischen Modell kommen?

Diese Frage geht ja davon aus, dass das Hirnerkrankungsmodell uns vom moralischen Modell entfernt. In gewisser Hinsicht ist dies natürlich der Fall. Das moralische Modell betrachtet den Drogenkonsum als moralisch verwerflich. Es verurteilt Menschen, insbesondere Menschen mit einer Sucht, für ihren Drogenkonsum. Im Gegensatz dazu behauptet das Hirnerkrankungsmodell, dass Menschen mit Suchtproblemen schlichtweg nicht anders können, als Drogen zu konsumieren, da sie durch eine Krankheit dazu gezwungen sind. Insofern sollten sie nicht verurteilt werden; sie haben eine Erklärung oder eine Entschuldigung für dieses Verhalten. Doch auch dieser Denkweise liegt ein Moralismus zugrunde: Wir brauchen doch nur dann eine Entschuldigung, wenn wir etwas moralisch Verwerfliches tun. Wie das moralische Modell suggeriert somit auch das Hirnerkrankungsmodell – auch wenn es dies nicht explizit sagt –, dass Drogenkonsum moralisch falsch ist.

Bevor wir über einen »Psychology-First«-Ansatz und dessen Vorteile sprechen, möchte ich deswegen betonen, dass wir meiner Meinung nach die Tendenz in uns allen, Drogenkonsum zu moralisieren, bewusst erkennen und uns davon distanzieren müssen.

»Manche Menschen konsumieren Drogen, um Unglück und Leid zu betäuben, andere hingegen aus dem gegenteiligen Grund, als eine Form der bewussten Selbstverletzung.«

Denn der Konsum von Drogen ist an sich nicht moralisch falsch. Natürlich gibt es bestimmte Kontexte, in denen Drogenkonsum verwerflich ist. Zum Beispiel ist es verwerflich, unter Alkoholeinfluss Auto zu fahren. Es ist verwerflich, Drogen in einer Weise und zu Zeiten zu konsumieren, die die Fähigkeit beeinträchtigen, für die eigenen Kinder zu sorgen. Aber es gibt viele, viele Fälle von Drogenkonsum, sowohl im Zusammenhang mit Sucht als auch unabhängig davon, in denen absolut nichts getan wird, was moralisch verwerflich ist. Immer dran denken: Koffein und Nikotin sind Drogen, Alkohol ist eine Droge. Viele der Drogen, die wir auf der Straße finden, sind pharmakologisch identisch mit den Medikamenten und Drogen, die in Krankenhäusern für medizinische Zwecke verwendet werden. 

Es ist schlichtweg ein Irrtum zu glauben, dass Drogenkonsum an sich moralisch falsch ist, wie tief dieser Irrtum auch in unserer Geschichte verwurzelt sein mag. Ich weise in meinem Buch wiederholt darauf hin. Ich halte es für unerlässlich, sich dies klar vor Augen zu halten, wenn wir verstehen wollen, was Sucht ist und wie wir am besten damit umgehen und betroffene Menschen behandeln können.

Okay, nun aber zu »Psychology First«. Die Psychologie ist unser wichtigstes und wirkungsvollstes Werkzeug, um uns selbst und andere zu verstehen. Menschen sind sich ihrer selbst und ihrer Handlungen bewusst. Wir wissen, dass wir aus bestimmten Gründen handeln, sowohl aus guten als auch aus schlechten. Wir gehen davon aus, dass unsere Handlungen durch unsere Gedanken und Gefühle, Überzeugungen und Wünsche, Freuden und Leiden, Hoffnungen und Ängste, Pläne und Absichten erklärt werden können. Zusammengefasst: Wir sind der Ansicht, dass unsere Handlungen durch unsere psychologischen Zustände erklärt werden können. Mit einem »Psychology-First«-Ansatz bezüglich Sucht meine ich, dass wir zunächst versuchen sollten, anhand der psychologischen Zustände einer Person zu verstehen, warum sie Drogen konsumiert, obwohl dies ihrem eigenen Wohl offensichtlich zutiefst zuwiderläuft. Wir nutzen die psychologischen Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen; und sie stehen uns zur Verfügung, weil wir selbst Menschen sind: Wir stellen uns vor, wie es wäre, in der Haut des Süchtigen zu stecken, wie sein Innenleben aussehen könnte. Dazu setzen wir sein Innenleben in den Kontext seiner Lebensumstände. Psychologie und konkrete Lebensumstände sind immer miteinander verflochten – das ist eine der wichtigsten Lehren aus den Rattenexperimenten.

Wenn wir diesen Ansatz verfolgen, offenbart sich ein sehr wichtiges Merkmal der Sucht, nämlich, dass sie heterogen ist. Wir sind weitgehend daran gewöhnt, dass Verhaltensweisen, die oberflächlich betrachtet ähnlich erscheinen, bei genauerer Betrachtung unterschiedliche psychologische Erklärungen haben können. Das liegt daran, dass Menschen unterschiedlich sind. Ebenso gibt es bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Erklärungen für Sucht.

In dem Buch dokumentiere ich diese Heterogenität der Sucht, die durch einen »Psychology-First«-Ansatz sichtbar wird. Manche Menschen konsumieren Drogen, um Unglück und Leid zu betäuben, andere hingegen aus dem gegenteiligen Grund, als eine Form der bewussten Selbstverletzung oder sogar mit Todesabsicht. Bei manchen Menschen ist die eigene Identität eng mit der Sucht verbunden – sie wissen nicht, wer sie wären oder wie sie leben würden, wenn sie aufhörten. Andere wiederum befinden sich in einer Verleugnungsphase. Manche Menschen verspüren ein Verlangen, dem sie nur schwer widerstehen können, das aber auch die emotionale Tiefe ihrer Beziehung zu Drogen zum Ausdruck bringt. Für wieder andere Menschen mit einer Sucht ist das Problem möglicherweise Selbstbeherrschung – womit wir übrigens alle zu kämpfen haben. Und da ich dies nun alles aufliste: Ich schließe keineswegs aus, dass gewisse Fälle von Sucht auch durch eine Erkrankung des Gehirns erklärt werden könnten. Das kann sein, warum auch nicht, wenn Sucht heterogen ist?

Wichtig ist, nicht mehr zu denken, dass Sucht immer und ausschließlich mit dem Gehirn zu tun hat oder dass sie für alle Menschen gleich ist. Ein »Psychology-First«-Ansatz zeigt die Heterogenität von Sucht auf und bekämpft Moralismus, indem er unsere gemeinsame Menschlichkeit mit Personen mit Suchtproblemen betont. Das mag nicht zwangsläufig zu Empathie führen, kann sie aber definitiv fördern.

Du schlägst einen Umgang mit süchtigen Menschen vor, den Du als »Verantwortung ohne Schuldzuweisung« bezeichnen. Könntest Du das näher erläutern?

Die Idee basiert auf meinen eigenen klinischen Erfahrungen. Bei der Arbeit mit Menschen mit Verhaltensstörungen ist es selbstverständlich, dass man sie dabei unterstützen muss, ihr Verhalten zu ändern, um ihnen zu helfen und zur Genesung beizutragen. Die Behandlung von Verhaltensstörungen ist jedoch oft »herausfordernd« – wie es in Kliniken häufig formuliert wird –, da das betreffende Verhalten zwangsläufig schädigend für die Person selbst oder für andere ist. Dieser Schaden ist einer der Gründe, warum das Verhalten als »Störung« eingestuft wird. Diese Konstellation kann dazu führen, dass Kliniker in eine Falle geraten, die ich als eine »rettende Denkweise« im Gegensatz zu einer »beschuldigenden Denkweise« bezeichne.

Mit einer beschuldigenden Denkweise versteht man Menschen als Akteure, die in der Lage sind, ihr Verhalten zu ändern, und daher für diese Veränderung verantwortlich sind. Da ihr Verhalten schädigend ist, kann es leicht zu Urteilen und Schuldzuweisungen kommen. Das ist für eine effektive klinische Arbeit nicht sonderlich förderlich, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Einer Patientin ist nicht geholfen, wenn ihr die Schuld gegeben wird.

Im Gegensatz dazu bedeutet eine rettende Denkweise, von Schuldzuweisungen abzusehen. Sie negiert, dass Menschen Akteure sind, die in der Lage sind, ihr Verhalten zu ändern, und daher für eine Verhaltensänderung selbst verantwortlich sind. Jede Tendenz zu Urteilen oder Schuldzuweisungen soll dabei vermieden werden. Allerdings ist dies ebenfalls nicht unbedingt förderlich für eine effektive klinische Arbeit, da man eine Person als aktiven Akteur einbeziehen muss, um ihr zu helfen, ihr Verhalten zu ändern. Eine rettende Denkweise macht es einfacher, Schuldzuweisungen zu vermeiden und fürsorglich sowie einfühlsam zu bleiben. Dies geht jedoch auf Kosten einer Reihe von anderen Haltungen und Techniken, die ebenfalls hilfreich sein können.

Ich bezeichne die meiner Ansicht nach beste klinische Lösung mit dem Slogan »Verantwortung ohne Schuldzuweisung«. Das bedeutet, dass man Menschen dazu bewegt, ihr Verhalten zu ändern – Verantwortung zu übernehmen, wie es meist heißt –, jedoch ohne Schuldzuweisungen, sondern mit Fürsorge und Empathie. Vielleicht lässt sich der Kern der Idee so erklären: Wir müssen erkennen, dass andere Menschen die Wahl haben, wie sie sich verhalten, dass aber auch wir die Wahl haben, wie wir auf ihr schädigendes Verhalten reagieren. Wir neigen dazu, Schuldzuweisungen für etwas Natürliches oder Unvermeidliches zu halten und vielleicht sogar für gerechtfertigt, aber tatsächlich ist dies eine Entscheidung, die wir treffen. Wir könnten anders reagieren – ohne zu urteilen, ohne Feindseligkeit –, während wir die Menschen dennoch in die Verantwortung nehmen und ihnen helfen, sich zu ändern. Genau das braucht es seitens der Klinikerinnen und Kliniker, um eine effektive Betreuung zu gewährleisten.

Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Es ist eine Fähigkeit, die erlernt und geübt werden muss. In meinem Buch formuliere ich ein Verständnis von Handlungsfähigkeit, Verantwortung und Schuld, das dem Ansatz »Verantwortung ohne Schuldzuweisung« zugrunde liegt. Ich versuche zu zeigen, wie man diesen Ansatz als Modell für persönliche Beziehungen zu Menschen mit Sucht nutzen kann – unter Berücksichtigung der Heterogenität sowohl der Sucht als auch der Beziehungen. Selbstverständlich ist die Idee von »Verantwortung ohne Schuldzuweisung« auch Teil meiner Herangehensweise, um produktiv mit Moralvorstellungen in Bezug auf Drogen und Drogenkonsumenten umzugehen.

»Wenn Gruppenmitglieder Probleme mit Drogen hatten, baten wir sie, einen Vertrag zu unterschreiben, in dem sie sich verpflichteten, mit den Drogen aufzuhören.«

Diesen Ansatz hast Du entwickelt, während Du in vom britischen Gesundheitsdienst NHS finanzierten therapeutischen Wohngemeinschaften gearbeitet hast. Du beschreibst die Auswirkungen dieser nicht-hierarchischen, egalitären Strukturen als vorbildlich für die Suchtbehandlung. Was war in Deiner Zeit in diesen Gemeinschaften besonders prägend?

Viele der Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, führten ein chaotisches Leben. Ihre Emotionen konnten unbeständig und überfordernd sein, ihre Stimmung düster. Sie verletzten sich selbst und hatten Probleme mit Drogen. Es war schwierig, ihnen zu helfen und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Was mich an meiner zehnjährigen Tätigkeit dort so bewegt und was diese Zeit für mich persönlich so wichtig gemacht hat, war unter anderem, dass wir tatsächlich beobachten konnten, dass es den Menschen mit der Zeit besser ging. Ihr Leben verbesserte sich, ebenso wie ihr Selbstbild und Selbstbewusstsein. Was diesen Veränderungen zugrunde lag, waren jedoch keine Medikamente oder medizinische Standardbehandlungen. Vielmehr waren es die Fürsorge, die Unterstützung, der Respekt und die Beziehungen, die durch die Zugehörigkeit zur Gruppe entstanden.

Ich möchte eine Anekdote erzählen, die diesen Ansatz veranschaulicht und dazu beigetragen hat, dass ich erstmals das Hirnerkrankungsmodell infrage gestellt habe: Wenn Gruppenmitglieder Probleme mit Drogen hatten, baten wir sie, einen Vertrag zu unterschreiben, in dem sie sich verpflichteten, mit den Drogen aufzuhören. Die Person nahm ein leeres Blatt Papier und schrieb etwa Folgendes auf: »Ich werde keine Drogen nehmen. Wenn ich doch in Versuchung gerate, werde ich ein anderes Gruppenmitglied um Unterstützung bitten.« Sie datierten und unterschrieben diesen Vertrag, ebenso wie alle anderen, Therapeutinnen und Gruppenmitglieder gleichermaßen. Wir schrieben außerdem Unterstützungsbotschaften dazu. »Ich weiß, dass es schwer ist, aber du kannst es schaffen.« »Ruf mich an, wann immer du mich brauchst, zögere nicht.« »Du verdienst ein besseres Leben, zweifele nicht daran und zweifele nicht an dir selbst.« »Ich werde an dich denken.«

Natürlich haben nicht alle aufgehört, aber einige schon. Einige trugen ihre Verträge monatelang mit sich herum, bis sie ganz zerfleddert waren. Es war die Kraft dieser Verträge, die mich zum ersten Mal am Hirnerkrankungsmodell zweifeln ließ. Denn eine Hirnerkrankung, die zu Zwangshandlungen führt, kann doch nicht durch ein Stück Papier geheilt werden, oder? Wie funktionieren und wirken diese Verträge also? Ein Vertrag ist erstens ein Mechanismus, mit dem eigene Handlungsfähigkeit hergestellt und Verantwortung übernommen wird. Er ist zweitens ein Symbol für die Fürsorge und Unterstützung der Gruppe, das man physisch überallhin mitnehmen kann. Ich bin der Meinung, dass diese Kombination unerlässlich ist, um Sucht human und effektiv anzugehen. Leider wird das in der heutigen Behandlungspraxis allzu oft vernachlässigt.

Das heilsame Potenzial einer Gruppe ist ein bemerkenswertes Phänomen, das ich bei meiner Arbeit in der Suchtbehandlung ebenfalls beobachten konnte. Ich frage mich, was es mit Gemeinschaft auf sich hat, dass so etwas möglich wird.

Das ist eine sehr gute Frage. Man kann sicherlich lange darüber philosophieren. Ich bin der Ansicht, dass eine positive Gemeinschaft, die alle Mitglieder mit der gleichen Fürsorge, Aufmerksamkeit und Respekt behandelt, sowohl eine korrigierende Wirkung auf frühere schlechte Erfahrungen haben kann – indem sie das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein der Betroffenen stärkt – als auch den Menschen die Möglichkeit bietet, einen Platz und eine Rolle innerhalb der Gruppe zu finden, wo sie Dinge wie Fürsorge und Respekt nicht nur von anderen erhalten, sondern auch zurückgeben können.

Das kann sehr wertvoll und heilsam sein. Wir entwickeln uns selbst, unser Selbstverständnis, in Beziehung zu anderen. Wir sehen uns selbst durch ihre Augen und durch das, was sie uns geben, aber auch durch das, was sie von uns nehmen, beziehungsweise was wir ihnen im Gegenzug geben können. Suchtbehandlung in eine Gemeinschaft einzubetten, bietet ein enormes therapeutisches Potenzial, da die Gruppe Menschen dabei unterstützen kann, eine neue Identität zu finden und neue Hoffnung und Optimismus in ihren Beziehungen zu anderen und zur Welt insgesamt zu entwickeln – einfach, weil es ein gemeinsames Projekt ist.

Tags: Politik

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