Meine erste Tochter kam 2020 mitten in der Pandemie zur Welt. Die wegen des Ausnahmezustands eingeführten digitalen Konferenzen ermöglichten mir, abends an den Sitzungen meiner linken Ortsgruppe teilzunehmen. Gleichzeitig saß ich wochenlang mit dem Baby zu Hause und war sozial isoliert.
Anschluss fand ich in den folgenden Monaten durch Freundschaften unter Müttern – tagsüber in Familienzentren und Krabbelgruppen. Meine Genossinnen und Genossen trafen sich wieder persönlich und abends, während ich mein Kind in den Schlaf stillte. Bei Infoständen war ich mit Säugling im Tuch noch ein, zwei Mal dabei, aber bald kam ich nur noch zu größeren Events wie Demos und Festen, bei denen es Kinderprogramm gab. An der Vorbereitung war ich nicht mehr beteiligt. Der Abstand wurde immer größer. Und neben Glückwünschen und Freude schwang in Gesprächen mit uns frisch gebackenen Eltern oft noch etwas anderes mit.
Ich wurde teils offen, teils implizit gefragt: »Wie kann man in diese Welt Kinder setzen?« Oder auch: »Wie kannst du als Feministin Mutter werden?« Diese grundsätzliche Skepsis gegenüber Elternschaft ist für viele Ausdruck von politischer Ernsthaftigkeit. Wer in Zeiten von Klimakollaps, Rechtsruck und vor Kraft strotzendem Patriarchat noch Kinder bekommt, macht sich verdächtig. Entweder eines naiven Optimismus oder – schlimmer noch – eines Rückzugs in die Kleinfamilie.
Kinder zu bekommen, erscheint vielen auch als ökologischer Verrat – jedes Kind ein CO2-Fußabdruck, jede Geburt ein Akt der Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Planeten, jedes Kind auch ein Zeitfresser, das die Eltern von der gemeinsamen Sache ablenkt. Wer Kinder hat, hat offenbar die Lage nicht verstanden. Es ist dramatisch: Ausgerechnet die Bewegung, die für eine bessere Zukunft für alle kämpft, verabschiedet sich von der Idee, dass es eine Zukunft geben wird, in der Menschen gut leben können.
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»Ausgerechnet die Bewegung, die für eine bessere Zukunft für alle kämpft, verabschiedet sich von der Idee, dass es eine Zukunft geben wird, in der Menschen gut leben können.«
So klaffen Sorgen und Interessen zwischen Kinderlosen und Familien immer weiter auseinander. Viele merken das in ihren Freundeskreisen, in denen es oft schwierig ist, Freundschaften zu halten, nachdem man ein Kind bekommt. Familien schaffen sich eigene Begegnungsorte und auch Demos wie die Kidical Mass und Spielstraßensperrungen. Bei Events »für alle« sind Kinder zwar rhetorisch willkommen, aber selten wirklich einbezogen.
Das war einmal anders: Die führende Sozialistin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin schrieb 1915: »Mir ist jedes Kind als ein Stück Zukunft heilig, als ein Leben, das über unser eigenes hinauswachsen soll.« Es gab einmal linke Pfingstlager, Elterninitiativen und Kollektivküchen; ein Verständnis davon, dass Kinder Teil der politischen Gemeinschaft sind. Ein zentraler Antrieb für die sowjetische Revolutionärin Alexandra Kollontai war die Erkenntnis, dass der Kapitalismus durch Abhängigkeit von Arbeitgebern und Raubbau an der gemeinsamen Zeit die Familien der Arbeiterinnen und Arbeiter zerstört.
Der Satz »Das Private ist politisch« entstand in der Frauenbewegung der 1960er und 70er Jahre. Er setzte durch, dass vermeintlich private Probleme in Haushalt, Elternschaft und Pflege strukturelle Ursachen haben und einen Platz auf der politischen Agenda verdienen. In der Praxis führt das heute aber oft dazu, dass jede private Entscheidung individuell politisiert wird. So wird dann auch die eigene Entscheidung für oder gegen Kinder auf strukturelle Machtverhältnisse abgeklopft und politisch bewertet. Der Satz könnte aber auch andersrum funktionieren: Privates sollte Platz in der politischen Gemeinschaft haben, ohne sich dauernd rechtfertigen zu müssen.
»Will die Linke ihren Anspruch, die arbeitende Klasse in all ihrer Vielfalt zu organisieren, eines Tages einlösen, wird sie lernen müssen, in ihren Reihen Platz für Eltern zu schaffen.«
Vor einigen Jahren verlor ich innerhalb weniger Monate zwei Schwangerschaften. Ich war vernetzt in feministischen Kreisen, pflegte enge politische Freundschaften zu anderen Frauen und stand dennoch mit dieser Erfahrung komplett alleine da. Es gab für meinen persönlichen Schmerz keinen Anknüpfungspunkt zu unseren Gesprächen. Kinder waren in unseren Runden ein Vereinbarkeitsproblem, das es politisch zu lösen galt. Ich sprach den Verlust nicht an, weil ich fürchtete, in meinem Kinderwunsch hinterfragt und bewertet zu werden.
Nun ist es für mich als studierte und vielfach privilegierte Mutter in Berlin mit politisch aktivem Partner nicht schwierig, neue Formen politischen Engagements zu finden. Im Elternbeirat der Kita, der praktische Lösungen für das Care-politische Versagen auf Landes- und Bundesebene sucht, in praktischer Solidarität unter Familien im Alltag und auch beruflich als Politikwissenschaftlerin.
Welche Lebensrealitäten verliert die Linke aber, wenn sie ein so zentrales Thema wie Familie und Elternschaft nur als politisches Problem behandelt und nicht auch als wundervollen und wichtigen Bestandteil des Lebens ihrer Mitglieder? Überall dort, wo Eltern spüren, dass sie nur »trotz« ihrer Kinder in der Politgruppe willkommen sind, braucht es ein enormes Maß an politischem Eigenantrieb. Den kann auch eine alleinerziehende Pflegekraft aus Gütersloh oder Sindelfingen haben. Wir könnten es ihr aber leichter machen für ein gutes Leben für sich, ihre Kinder und die ihrer Nachbarinnen nicht nur zu schuften, sondern auch gemeinsam zu streiten.
Auch wenn es sein mag, dass innerhalb linker Subkulturen inzwischen viele dem Kinderkriegen abgeschworen haben, ist dies für die Gesellschaft in ihrer Breite nicht der Fall. Will die Linke ihren Anspruch, die arbeitende Klasse in all ihrer Vielfalt zu organisieren, eines Tages einlösen, wird sie lernen müssen, in ihren Reihen Platz für Eltern zu schaffen. Denn selbstverständlich ist es nicht nötig, Kinder zu haben, um sich für eine bessere Zukunft einzusetzen. Es ist aber absolut nötig, sich für eine lebenswerte Zukunft einzusetzen, wenn man Kinder hat.