In Äsops Fabel von der Heuschrecke und der Ameise verbringt die Ameise den Sommer damit, fleißig Vorräte für den Winter zu sammeln, während die Heuschrecke auf der faulen Haut liegt und das Leben genießt. Im Winter hungert dann die Heuschrecke und muss bei der Ameise um Essen betteln.
Dem Soziologen Erik Olin Wright zufolge verbildlicht diese Geschichte, wie viele Liberale und manche Konservative heute über Klassenunterschiede nachdenken: Menschen haben demzufolge Erfolg im Leben, weil sie sich mehr angestrengt und mehr geleistet haben, weil sie eine besonders gute Idee hatten und so weiter. Im Kapitalismus wird der Lebensweg nicht mehr durch den Stand vorgegeben, sondern die Menschen haben ihr Schicksal selbst in der Hand, so heißt es.
Dabei ist die Annahme, der Kapitalismus sei eine Meritokratie – das heißt eine Leistungsgesellschaft – geradezu absurd. Kaum vorstellbar, dass jemand das ehrlich glauben und nicht nur aus zynischem Eigennutz behaupten könnte. Schließlich müsste offensichtlich sein, dass der Reichtum eines Jeff Bezos in keinem Verhältnis zu irgendeiner menschenmöglichen Mehrleistung steht. Niemand arbeitet Millionen Mal so viel oder so hart wie jemand anderes.
Mehr als die Hälfte aller Vermögen in Deutschland sind geerbt. Jedes Jahr werden Summen in der Größenordnung von 10 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts von einer Generation an die nächste weitergegeben. Dieser Fakt allein zeigt, dass nicht alle Menschen von Geburt an die gleichen Erfolgschancen im Leben haben.
Solche unverdienten Vorteile gibt es nicht nur in Form direkter Geldgeschenke. Ein Kind, das in einer armen Nachbarschaft aufwächst, dessen Eltern all ihre Energie darauf verwenden, Essen auf den Tisch zu bringen und ihrem Nachwuchs deshalb nicht jeden Abend bei den Hausaufgaben helfen und etwas vorlesen können, wird in der Folge vielleicht von seinen Lehrerinnen und Lehrern auf eine schlecht ausgestattete Regionalschule sortiert. Dort macht es dann einen Hauptschulabschluss, nur um hinterher herauszufinden, dass es in der Gegend keine guten Berufsaussichten gibt.
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»Niemand arbeitet Millionen Mal so viel oder so hart wie jemand anderes.«
Dieses Kind hatte nie dieselben Chancen wie eines, das selbst bei Schwierigkeiten in der Schule eine Gymnasialempfehlung bekommt, weil seine Eltern für die beste Nachhilfe sorgen. Es profitiert dann auf der weiterführenden Schule wahrscheinlich von besserem Unterricht, kleineren Klassen und mehr Zusatzangeboten, um dann ganz selbstverständlich zur Uni zu gehen, wo auch unbezahlte Praktika nicht zum Problem werden, weil die Eltern für die Miete aufkommen. Kind Nummer zwei hat den Erfolg nicht einfach fertig in die Hand gedrückt bekommen, ohne etwas dafür getan zu haben – aber der Abstand zwischen ihm und Kind Nummer eins hat nichts mit persönlicher Leistung zu tun.
Dass diese Ungleichheiten kumulativ sind, zeigt auch die Schwächen der unter Liberalen beliebten Unterscheidung zwischen Chancen- und Ergebnisgleichheit auf. Welche Chancen eine Person real nutzen kann, hängt nämlich von ihren materiellen Mitteln ab. Daran, dass Menschen die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen einsetzen, um ihre Situation und die ihrer Kinder zu verbessern, ist nichts auszusetzen. Es zeigt aber, dass eine Gesellschaft für weitgehende Verteilungsgleichheit sorgen muss, wenn sie Chancengleichheit gewährleisten will.
Es ist aber auch nicht so, dass Leistung gar keine Rolle spielt. Es gibt eine gewisse soziale Mobilität, doch auch sie ist schon ungleich verteilt. Unternehmerinnen und Unternehmer rechtfertigen ihren Reichtum häufig mit den Anstrengungen, die sie in die Gründung gesteckt haben, mit den vielen Stunden, die sie unablässig gearbeitet haben und dem Verzicht, der damit einherging. Der Wahrheitsgehalt dieser Erzählungen ist oft zweifelhaft, doch die Implikation ist klar: »Das hättest du auch schaffen können.«
Aber in Wahrheit stimmt das für die meisten Menschen in der arbeitenden Klasse einfach nicht. Wright illustriert noch ein weiteres Verständnis von Ungleichheit an einem Beispiel: Ein Universitätsprofessor benotet nach einer Kurve – er legt also von vornherein fest, wie viele Einsen, Zweien und so weiter es gibt und die Studierenden werden dann ihren Punkten nach auf diese Slots verteilt. Eine Soziologin, die den Zusammenhang zwischen akademischer Leistung und Benotung untersuchen möchte, wird zwar eine perfekte Korrelation feststellen, aber es wäre vollkommen unsinnig, daraus zu schließen, dass Leistung die Notenverteilung bestimmt. Denn diese stand ja von Anfang an fest. Dass alle eine Eins bekommen, war von vornherein ausgeschlossen, egal, wie sehr sich die Einzelnen ins Zeug gelegt hätten.
Das gilt auch für die Gesellschaft als Ganzes. Welche Position in der Sozialstruktur man belegt, mag sehr wohl etwas mit Leistung zu tun haben, aber welche Positionen und wieviele von jeder Sorte es überhaupt gibt, ist von Faktoren abhängig, die außerhalb der Kontrolle jedes einzelnen Menschen liegen.
»Eine Gesellschaft, die nur aus Anwältinnen und Managern besteht, wäre eine sehr hungrige Gesellschaft.«
Die Vorstellung, dass Bildung der Schlüssel sei, um Armut zu bekämpfen, ist im liberalen Spektrum geradezu omnipräsent, aber auch unter Linken weit verbreitet. Sie sitzt aber genau diesem Missverständnis auf. Bildung kann natürlich Einzelnen aus der Armut helfen. Doch daraus zu folgern, dass mehr Bildung die Armut insgesamt beenden könnte, ist ein Beispiel für den sogenannten Trugschluss der Komposition.
Nicht alles, was auf die Teile eines Ganzen zutrifft, trifft automatisch auch auf das Ganze zu. Der Fakt, dass Atome für das bloße Auge unsichtbar sind, bedeutet nicht, dass auch das Brandenburger Tor, das aus Atomen besteht, für das bloße Auge unsichtbar ist. Ebensowenig lässt der Umstand, dass einzelne in Armut lebende Menschen durch Bildung aufsteigen können, darauf schließen, dass auch die gesamte Gesellschaft mittels Bildung die Armut überwinden kann.
Erstens gilt für hoch qualifizierte Arbeitskraft wie für jede andere Ware auch, dass ein erhöhtes Angebot bei gleichbleibender Nachfrage zu einem sinkenden Preis führt. Und zweitens hätte eine Gesellschaft, die nur aus Anwältinnen und Managern besteht, niemanden zum Vertreten und Managen – und wäre zudem eine sehr hungrige Gesellschaft.
Dass die Positionen in der Sozialstruktur weitgehend vorbestimmt sind, zeigt sich auch anhand der Arbeitslosigkeit. Nicht nur sind die »Chancen«, arbeitslos zu werden, ungleich verteilt, sodass die immer gleichen Leute in guten Zeiten zuletzt angeheuert und in schlechten Zeiten zuerst gefeuert werden, wenn sie denn überhaupt Arbeit finden. Auch die Arbeitslosenzahl selbst ist das Resultat wirtschaftlicher Bedingungen, die sich der Kontrolle der Einzelnen entziehen.
So hat der Ökonom Michał Kalecki aufgezeigt, dass die wirtschaftlich Mächtigen in unserer Gesellschaft gar keine Vollbeschäftigung wünschen. Denn je niedriger die Arbeitslosigkeit liegt, desto besser ist die Verhandlungsposition arbeitender Menschen gegenüber ihren Bossen. Daher ist Kapitalistinnen und Kapitalisten stets daran gelegen, ein für sie vorteilhaftes Maß an Arbeitslosigkeit beizubehalten oder herbeizuführen. So versuchen die Interessenvertreterinnen und die Volkswirte der kapitalistischen Klasse auch heute, ihre Inflationsziele zu erreichen, indem sie durch Zinspolitik die Arbeitslosenquote erhöhen. Unsere Gesellschaft verurteilt also immer einen Teil der Menschheit zum Leben in Arbeitslosigkeit und Armut. Da können sich die Einzelnen noch so sehr ins Zeug legen.
Dies ist die große Ungerechtigkeit: Solange wir im Kapitalismus leben, werden einige Leute über Kapital verfügen und die große Mehrheit für einen Lohn arbeiten oder als Arbeitslose dazu dienen, die Lohnforderungen bescheiden zu halten. In jeder – wie auch immer strukturierten – Gesellschaft wird bei dem gegebenen Stand der technologischen Entwicklung jemand Burger flippen und jemand Bettpfannen leeren müssen, auch wenn jede einzelne Person ihr persönliches Bestes gibt. Daher sollten auch diese Berufe mit guten Arbeitsbedingungen verbunden sein und den Menschen, die sie ausüben, ein gutes Leben ermöglichen. Individuelle Karrierechancen können kein Maß für soziale Gerechtigkeit sein, sondern nur kollektiver Aufstieg durch Gewerkschaften, Sozialstaat und eine an Vollbeschäftigung orientierte Politik.