Die Mehrheit der Menschen in Deutschland blickt inzwischen mit Schrecken auf die Ereignisse der letzten Jahre in Israel-Palästina, doch eine Abrechnung mit der historischen Realität des Konflikts bleibt größtenteils aus. Die dominante Erzählung ist weiterhin ein Zerrbild aus israelischer Perspektive, das zentrale Fakten ignoriert und die Kontinuität von palästinensischer Vertreibung ausblendet. Der Krieg war schlimm, so heißt es oft, aber aufgrund der Weigerung der Palästinenser, in Frieden mit ihren jüdischen Nachbarn zu leben, unvermeidlich.
Dabei ist die Realität weit entfernt von dem Bild der von Feinden umzingelten einzigen Demokratie im Nahen Osten, das bis heute den deutschen Diskurs prägt. Laut dem palästinensisch-amerikanischen Historiker Rashid Khalidi handelt es sich vielmehr um einen »hundertjährigen Krieg gegen Palästina«, wie es im Titel seines Meisterwerks von 2020 heißt. 2024 ist es in deutscher Sprache unter dem etwas missverständlichen Titel Der hundertjährige Krieg um Palästina erschienen.
Khalidi zeigt akribisch auf, wie zuerst die Briten und später die Israelis seit über 100 Jahren einen siedlerkolonialen Krieg gegen die einheimische Bevölkerung führten und bis heute führen. Im Gespräch mit Jacobin erklärt er, warum man die Gegenwart der Region nur im Kontext ihrer Geschichte verstehen kann und warum der Ursprung des Konflikts im Hauptziel der zionistischen Bewegung gesehen werden muss: Palästina aus einem Land mit arabischer Mehrheit in einen jüdischen Staat zu verwandeln.
Mittlerweile haben die meisten Menschen in Deutschland eingesehen, dass das, was Israel seit zweieinhalb Jahren in Gaza tut, ein schreckliches Verbrechen ist. Dennoch betrachten viele es als eine Anomalie, die der aktuellen Regierung anzulasten ist. Sie haben sich für den größten Teil Ihres Lebens mit dem beschäftigt, was Sie den »Krieg gegen Palästina« nennen. Welche Bedeutung hat die umfassendere Geschichte des Konflikts für ein Verständnis der aktuellen Geschehnisse?
Zunächst einmal wird das, was die Regierung Netanjahu seit dem 7. Oktober getan hat – die absichtliche Ermordung von Zehntausenden Palästinenserinnen und Palästinensern –, vom gesamten politischen Spektrum Israels weitgehend unterstützt. Netanjahu ist in der israelischen Politik der letzten zweieinhalb Jahre keine Ausnahmeerscheinung.
»Die Menschen erheben sich nicht einfach, weil sie überzeugte Antisemiten oder islamische Fanatiker sind, und greifen Israel an. Sie tun dies, weil sie, ihre Eltern und ihre Großeltern von ihrem Land vertrieben, im Gazastreifen eingesperrt und ihrer Rechte beraubt wurden.«
Zweitens geschieht all das natürlich nicht in einem Vakuum. Die Menschen erheben sich nicht einfach, weil sie überzeugte Antisemiten oder islamische Fanatiker sind, und greifen Israel an. Sie tun dies, weil sie, ihre Eltern und ihre Großeltern von ihrem Land vertrieben, im Gazastreifen eingesperrt und ihrer Rechte beraubt wurden.
Wenn man nicht zurückblickt und sich das ansieht, sieht man nur, dass am 7. Oktober Zivilisten getötet wurden – was wahr ist. Aber man sieht nicht, wer die Menschen sind, die das tun, und was der Hintergrund ihres Handelns ist, nämlich Generationen von ethnischer Säuberung, Besatzung und Unterdrückung. Wenn man diese Situation ignoriert – was diejenigen tun, die sagen, dass alles am 7. Oktober begonnen hat oder dass alles Netanjahus Schuld sei –, tut man der Geschichte und der Realität enorme Gewalt an.
In Ihrem Buch Der hundertjährige Krieg um Palästina, bezeichnen Sie die britische Balfour-Erklärung von 1917 als die erste von vielen Kriegserklärungen an das palästinensische Volk. Welche Bedeutung hatte dieses Dokument?
Die Balfour-Erklärung signalisierte die Unterstützung des bis dahin größten Imperiums der Geschichte für ein Projekt, Palästina von einem von Arabern bewohnten Land in einen jüdischen Staat zu verwandeln, in dem Araber vermutlich zu einer Minderheit gemacht oder vertrieben werden würden. Deshalb bezeichne ich sie als Kriegserklärung. Es ist ein einziger Absatz, und die Palästinenser werden darin nicht erwähnt. Großbritannien schickte in den 1930er Jahren 100.000 Soldaten, die Royal Air Force und die Royal Navy nach Palästina, um den palästinensischen Aufstand niederzuschlagen. Das ist keine Gründung Israels durch Israel selbst, sondern die Gründung Israels durch Großbritannien.
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Die Balfour-Erklärung etablierte ein Muster: Israel war ein unabhängiges nationales Projekt zur Rettung verfolgter Juden, aber es war auch ein imperialistisches Projekt und ein Siedlerkolonialprojekt. Es wurde von Theodor Herzl und allen anderen frühen zionistischen Anführern sowie von der Jewish Colonization Agency als Siedlerkolonialprojekt beschrieben. Die Vorstellung, dass der Zionismus und Israel sich selbst geschaffen haben, ist völliger Unsinn. Bis zu einem gewissen Grad wurde es durch die von Herzl gegründete nationalistische Bewegung geschaffen – aber zumindest am Anfang war es in erster Linie eine Schöpfung des britischen Imperialismus.
Können Sie etwas mehr darüber sagen, wie der Prozess der jüdischen Besiedlung in der Zwischenkriegszeit aussah?
Die Kolonisierung beschränkte sich zunächst auf Landkäufe – hauptsächlich von abwesenden Grundbesitzern, von denen einige Palästinenser waren –, aber das machte weniger als 6 Prozent der Gesamtfläche Palästinas aus. Der Zionismus war auch ein finanzielles Projekt. Der Kapitalfluss nach Palästina zum Aufbau dieses Projekts in den 1920er Jahren war phänomenal und überstieg das BIP des jüdischen Wirtschaftssektors. Es handelte sich dabei auch von Anfang an um ein militärisches Projekt. Es umfasste die Schaffung von Einheiten, die man zunächst als Selbstverteidigungskräfte designierte. Diese Einheiten wurden von den Briten zum Kern einer israelischen Armee ausgebaut.
»Die Vorstellung, dass der Zionismus und Israel sich selbst geschaffen haben, ist völliger Unsinn.«
Das Projekt bestand also nicht nur darin, Siedlungen zu errichten. Wenn man sich die Karte Palästinas von 1948 ansieht, befand sich der größte Teil des Landes in palästinensischem Besitz. Der größte Teil der landwirtschaftlichen Produktion stammte von Palästinensern. Die Bevölkerung war immer noch zu zwei Dritteln palästinensisch. Was das zionistische Projekt geschaffen hat, ist ein Militär, das in der Lage war, die Palästinenser niederzuschlagen und später die arabischen Armeen zu besiegen, die nach dem Abzug der Briten im Mai 1948 in Palästina einmarschierten.
Es handelte sich um ein Projekt der Kolonisierung, und wie jedes solche Projekt brauchte es eine Metropole. Im Falle Palästinas war die zionistische Bewegung offensichtlich eine unabhängige Kraft, die unter den Schutz der Briten gestellt wurde. Aber dabei handelte es sich um eine transaktionale Beziehung. Nach 1939 trennte sich die zionistische Bewegung von Großbritannien. Sie fand neue Schutzmächte in den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Diese sicherten für Israel 1947 die Teilungsresolution, die dem neu gegründeten Staat den größten Teil Palästinas zusprach.
Sie haben den palästinensischen Aufstand der 1930er Jahre erwähnt. Wie wirkte sich dieser auf die britische und die anschließende zionistische Herrschaft aus?
Es ist wirklich wichtig, den Hintergrund des Generalstreiks von 1936 und der darauf folgenden Rebellion zu erklären. Infolge der Weltwirtschaftskrise nahm die jüdische Bevölkerung in Palästina ab. Zwischen 1929 und 1932 wandern mehr Menschen aus als ein. Das Projekt kommt zum Stillstand, und es sieht nicht so aus, als würde es jemals eine jüdische Mehrheit geben.
Dann kommt Hitler an die Macht, und die Situation ändert sich drastisch. Im Jahr 1935 flohen 60.000 Menschen vor der Verfolgung durch die Nazis nach Palästina – das entspricht der gesamten jüdischen Bevölkerung des Landes nur fünfzehn Jahre zuvor. Innerhalb weniger Jahre stieg ihr Anteil an der Bevölkerung von 17 auf 33 Prozent. Dieser enorme, rasante Anstieg des Anteils der jüdischen Bevölkerung erschreckt die Palästinenser. Sie sehen diese Wellen von Menschen ankommen – die zwar vor der Verfolgung in Europa fliehen, aber dieses Siedlungsprojekt verstärken. Das löst den Aufstand aus.
Schon vor der Großen Revolte und dem Generalstreik von 1936 kam es zu Unruhen und Protesten. Die Revolte wird natürlich mit hohen Kosten für die palästinensische Seite niedergeschlagen. Der Anteil der Bevölkerung, der getötet, verwundet, inhaftiert oder ins Exil geschickt wird, beträgt über 12 Prozent. Tausende von Waffen werden beschlagnahmt. Die gesamte Führung wird entweder hingerichtet, ins Exil geschickt oder im Kampf getötet.
All dies bildet den Hintergrund für die Ereignisse von 1948. Es ist ein enormes Ereignis in der Geschichte des Britischen Empire und ein äußerst entscheidendes Ereignis, sowohl für die Palästinenser als auch für die zionistische Bewegung. Menschen wie David Ben-Gurion sagten: »Wenn die Einwanderung so weitergeht und wir weiterhin so bewaffnet werden, können wir dieses Land übernehmen.« Und das taten sie auch.
»Menschen wie David Ben-Gurion sagten: ›Wenn die Einwanderung so weitergeht und wir weiterhin so bewaffnet werden, können wir dieses Land übernehmen.‹ Und das taten sie auch.«
Die Vertreibung der Palästinenser im Jahr 1948, die heute als Nakba bekannt ist, wird oft als zufällige Folge eines Verteidigungskrieges von Seiten Israels dargestellt. Was mir beim ersten Lesen Ihres Buches besonders auffiel, ist, dass ein Großteil der Entvölkerung der urbanen Zentren tatsächlich schon lange vor dem Kriegseintritt anderer Länder stattfand.
Dies ist der am sorgfältigsten verschleierte Aspekt der Geschichte Israels. Israel kämpfte gegen mehrere arabische Armeen, die in Palästina einmarschierten, aber es eroberte alle großen Städte und schlug die Palästinenser nieder, lange bevor die Briten am 15. Mai 1948 das Land verließen und die ersten arabischen Soldaten palästinensischen Boden betraten.
Die Teilungsresolution der Vereinten Nationen wurde Ende November 1947 verabschiedet, und fast unmittelbar danach brach der Konflikt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen aus. Israel hatte eine Armee, die Palästinenser nichts Vergleichbares. Im Frühjahr 1948 erobert eine israelische Offensive nach und nach große Teile des Gebiets, das im Rahmen der Teilung dem arabischen Staat zugeteilt war, darunter die arabischen Teile der Städte Haifa und Jaffa, die Städte Tiberias und Beisan sowie die gesamte westliche Hälfte Jerusalems, die einen jüdischen Teil und einen weitgehend arabischen Teil hatte. Der Großteil der städtischen Bevölkerung Palästinas wird bereits lange vor der Gründung des Staates Israel aus ihren Häusern ins Exil vertrieben. Während des gesamten Konflikts von 1947 bis 1949 werden etwa 750.000 Palästinenserinnen und Palästinenser ethnisch gesäubert. Und fast die Hälfte von ihnen, etwa 350.000, werden schon vor der Gründung Israels vertrieben.
Warum sind die arabischen Armeen einmarschiert? Weil eine Flut von Flüchtlingen in Beirut und Damaskus eintraf und man befürchtete, dass die von den Briten aufgestellte israelische Armee das ganze Land übernehmen würde, wenn man nichts unternimmt. Also mobilisierten – sehr widerwillig und auf sehr unkoordinierte Weise – mehrere arabische Armeen. Aber zunächst einmal sollten wir festhalten, dass die israelische Armee größer war – sie hatte mehr Soldaten und war besser bewaffnet als alle arabischen Streitkräfte zusammen. Zweitens hatten zwei der sieben unabhängigen arabischen Länder, Jemen und Saudi-Arabien, keine Armeen, sondern nur Stammesmilizen in Jeeps und Lastwagen. Die Libanesen überquerten die Grenze nie, während die Syrer an einigen Stellen über die Grenze kamen und ihren Vormarsch sofort stoppten.
Zwei der wichtigsten arabischen Armeen, die in Palästina einmarschierten, waren die jordanische Armee und die irakische Armee (unter jordanischem Kommando) – eigentlich stand sie unter britischem Kommando, da alle obersten Generäle der sogenannten Arabischen Legion Briten waren. Die Briten befahlen König Abdullah, dass die jordanische und die irakische Armee unter keinen Umständen in das dem jüdischen Staat zugewiesene Gebiet einmarschieren dürften, und das taten sie auch nie. Im Grunde genommen drang nur die ägyptische Armee in das dem jüdischen Staat zugewiesene Gebiet ein. Die ersten Wochen waren für die Israelis schwierig, aber danach vernichteten sie die arabischen Armeen und hatten bis zum Ende des Krieges 78 Prozent des Landes erobert, verglichen mit den 55 Prozent, die ihnen von der UN zugewiesen worden waren.
»Der Großteil der städtischen Bevölkerung Palästinas wird bereits lange vor der Gründung des Staates Israel aus ihren Häusern ins Exil vertrieben.«
Man könnte argumentieren, dass der Sechstagekrieg 1967 der Zeitpunkt war, an dem der Konflikt die Konturen annahm, die wir heute kennen, mit der israelischen Besatzung des Westjordanlands und des Gazastreifens. Zu diesem Zeitpunkt erlangte Israel auch sein Image als bedrängter Underdog. Was ist falsch an dieser Vorstellung?
Tatsächlich verstärkte 1967 das Bild von David und Goliath aus dem Krieg von 1948, das die Israelis sorgfältig aufgebaut hatten. In meinem Buch spreche ich unter anderem über den Besuch des Mossad-Chefs Meir Amit in Washington vor dem Krieg im Juni 1967. Er trifft sich mit Präsident Lyndon Johnson, Verteidigungsminister Robert McNamara, dem Vorsitzenden des US-Generalstabs, Earle Wheeler, sowie mit seinen Kollegen aus dem Geheimdienst, und alle sagen ihm, dass Israel die arabischen Armeen vernichten werde. Es gebe keine Möglichkeit, dass Israel diesen Krieg verlieren könnte.
Das ist wirklich wichtig angesichts der aufrichtigen Überzeugung vieler Israelis, dass sie kurz vor einem zweiten Holocaust standen. Ich schreibe über meine eigenen Erfahrungen in New York City zu Beginn des Krieges und darüber, wie sehr die Menschen Angst hatten, dass Israel vernichtet wird. In Wirklichkeit war es ausgeschlossen, dass Israel den Krieg überhaupt verlieren könnte. Es würde so oder so gewinnen. Und die Araber hatten nicht wirklich die Absicht, anzugreifen.
Nun könnte man sagen, dass sie das vielleicht nicht wussten, obwohl sie es wahrscheinlich gewusst haben. Aber darum geht es nicht. Der Punkt ist, dass dieser Eindruck, der auf realen Ängsten beruhte, zum Mythos geworden ist: Israel stand kurz vor einem Angriff durch eine überwältigende Koalition arabischer Länder und überlebte auf wundersame Weise. Nein, es plante einen Präventivschlag, zu dem die Amerikaner ihm die Erlaubnis erteilt hatten. Das ist, was wirklich passiert ist.
Im Vorfeld von 1967 wurde auch die Palästinensische Befreiungsorganisation gegründet. Wie unterschied sich die PLO von früheren Organisationen des palästinensischen Widerstands?
Der wichtigste Unterschied war ihre Klassenbasis. Die palästinensische Führung bis 1948 bestand aus einer zutiefst ineffektiven Oberschicht, hauptsächlich Landbesitzern. Diese Menschen wurden durch die Ereignisse von 1948 völlig diskreditiert. Sie verloren die Kontrolle, den Respekt und verschwanden im Wesentlichen von der politischen Landkarte.
An ihre Stelle trat eine neue Generation gebildeter Fachleute aus der unteren Mittelschicht: Lehrer, einige Anwälte, viele Ingenieure. In den 1950er Jahren begannen sie sich zu organisieren, und in den 1960er Jahren gründeten sie die Gruppen, die später die PLO dominierten. Es handelte sich um eine völlig neue Führungsschicht, die aus einer anderen Basis hervorgegangen war und ihre größte Unterstützung unter Studenten und der Bevölkerung in den Flüchtlingslagern fand.
»In den 1980er Jahren wird das Bild Israels als Underdog zum ersten Mal getrübt. Die zehnwöchige Belagerung und Bombardierung Beiruts konnten die Fernsehzuschauer nicht so einfach vergessen.«
Sie erwähnen die Belagerung von Beirut 1982, die Sie selbst miterlebt haben, und die Massaker in Sabra und Shatila als Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung Israels. Was war an diesen Ereignissen anders als an früheren? Gewalt gegen Zivilisten war sicherlich nichts Neues.
Nein, das war sie nicht. Ich schließe mich Amy Kaplan an, die meiner Meinung nach die beste Historikerin der amerikanisch-israelischen Beziehungen ist. In ihrem Buch Our American Israel argumentiert sie, dass in den 1980er Jahren zum ersten Mal das Bild Israels als Underdog getrübt wurde. Die zehnwöchige Belagerung und Bombardierung Beiruts konnten die Fernsehzuschauer nicht so einfach vergessen. Zufällig befand sich der Großteil der westlichen Reporter in West-Beirut, im von der PLO kontrollierten Gebiet, sodass sie mit eigenen Augen sehen konnten, dass alles, was die Israelis sagten, eine Lüge war.
Dies trug zum Zusammenbruch des falschen Bildes von Israel als »moralischste Armee der Welt« bei. Darauf folgten dann Ereignisse der ersten Intifada von 1987, wo Kinder Steine auf Panzer warfen, israelische Soldaten Frauen, Kinder und Demonstranten erschossen, Soldaten Kindern im Westjordanland Arme und Beine brachen und Panzer in Stadtgebiete geschickt wurden, wo niemand auf sie schoss. Das sind große Risse in einer nahtlosen Tapisserie aus Lügen, Verzerrungen und Mythen.
In Ihrem Buch argumentieren Sie, dass der unbewaffnete Widerstand, der die Erste Intifada charakterisierte, sehr effektiv war. Diese Position ist innerhalb der Bewegung heute ziemlich umstritten, nicht wahr?
Widerstand gegen die Besatzung ist unvermeidlich. Man wird ihn haben, ob man will oder nicht. Wie die Menschen Widerstand leisten, ist eine strategische und taktische Frage. Es gibt intelligenten, strategischen Widerstand, und es gibt unintelligenten, schädlichen Widerstand. Es gibt bewaffneten Widerstand, unbewaffneten Widerstand, parlamentarischen Widerstand, diplomatischen Widerstand – all dies sind legitime Formen, aber manche sind zu bestimmten Zeiten angemessener als andere.
Eine der Erkenntnisse der Israelis nach der ersten Intifada war, dass unbewaffneter ziviler Widerstand – Boykotte, Demonstrationen, Streiks – dem Image Israels sehr schadet. Was taten also die Israelis, als die Menschen im Jahr 2000 mehr oder weniger spontan eine zweite Intifada starteten? Sie feuerten Millionen von Kugeln ab, um eine bewaffnete Reaktion zu provozieren, denn damit konnten sie fertig werden. Die darauf folgende bewaffnete Reaktion war zwar vielleicht verständlich, aber genau das, was die Israelis wollten. Sie ermöglichte es ihnen, in Gebiete zurückzukehren, die sie im Rahmen der Osloer Verträge geräumt hatten, und die Palästinenser niederzuschlagen.
Aber wenn man die Geschichte nicht liest und nur auf das hört, was die Israelis sagen, wird man nie verstehen, was wirklich passiert ist. Sie haben eine wunderschön ausgearbeitete Erzählung: »Die Palästinenser haben angefangen, Menschen in Cafés zu töten.« Ja, das haben sie. »Sie haben angefangen, Bomben in Bussen zu legen.« Ja, das haben sie. Aber was ist einen Monat zuvor passiert? Was ist sechs Wochen zuvor passiert? Was ist passiert, als die israelische Armee Hunderte friedlicher palästinensischer Demonstranten getötet und verwundet hat?
»Eine der Erkenntnisse der Israelis nach der ersten Intifada war, dass unbewaffneter ziviler Widerstand – Boykotte, Demonstrationen, Streiks – dem Image Israels sehr schadet.«
Ich betrachte die verschiedenen Formen des palästinensischen Widerstands nicht als eine Art Dogma, sondern unter dem Gesichtspunkt, was zu einem bestimmten Zeitpunkt effektiv und strategisch sinnvoll ist. Ich würde sagen, die erste Intifada war sehr effektiv. Die zweite war eine Katastrophe.
Der Oslo-Prozess wird weiterhin von vielen als verpasste Chance für Frieden gesehen, doch Sie argumentieren in Ihrem Buch, dass er von Anfang an zum Scheitern bestimmt war.
Ich spreche hier aus Insiderwissen. Ich war nicht direkt am Oslo-Prozess beteiligt, aber ich war Berater der palästinensischen Delegation in Madrid, die anschließend in Washington verhandelte. Wir sahen, dass die USA und Israel sich im Grunde auf eine Obergrenze für die Palästinenser geeinigt hatten, die eine fortgesetzte Kolonisierung, eine fortgesetzte Besatzung und nur begrenzte Autonomie beinhaltete. Das war alles, was den Palästinensern zugestanden werden sollte. Diese Verhandlungen basierten auf einer amerikanisch-israelischen Position, die auf das Camp-David-Abkommen von 1978 zurückgeht. Es ist der palästinensischen Delegation in Madrid und Washington, die von der PLO ausgewählt wurde, hoch anzurechnen, dass sie dieses Abkommen nicht akzeptiert hat. Zu ihrer ewigen Schande hat die PLO-Führung in Oslo dasselbe Abkommen akzeptiert.
Wir handelten auf der Grundlage eines amerikanischen Versprechens, dass man den Israelis nicht erlauben würde, den Status quo während der laufenden Verhandlungen zu ändern. Was die palästinensische Delegation und das palästinensische Volk während dieser Verhandlungen feststellten, war, dass Israel die Natur seiner Besatzung veränderte: Es riegelte Gebiete ab, richtete Checkpoints ein und dehnte seinen siedlerkolonialen Fußabdruck im gesamten Westjordanland aus. Die Amerikaner unternahmen nichts, sodass der PLO-Führung hätte klar sein müssen, dass sie im Grunde genommen eine Fortschreibung des Status quo auf unbestimmte Zeit erhielt. Mit dem Unterschied, dass die PLO als Vertreterin des palästinensischen Volkes anerkannt werden würde und dass Israel bereit wäre, mit ihr zu verhandeln. Aber nicht, dass die Palästinenser ein Recht auf nationale Selbstbestimmung hätten oder dass der Prozess zu einem Ende der Besatzung und zur Räumung der Siedlungen führen würde.
Die Tragödie war, dass die Israelis den Palästinensern in der Vergangenheit ohne deren Zustimmung Realitäten aufgezwungen hatten. Was die PLO nun lieferte, war palästinensische Akzeptanz dieses Status quo.
Dies ist auch die Zeit, in der Hamas als ernstzunehmender Rivale der PLO in Erscheinung tritt. Wie kam es von Oslo aus zum 7. Oktober?
In diesem Prozess gab es mehrere wichtige Schritte. Der erste war die schrittweise Abkehr der PLO von ihrer Befreiungsideologie. Zu Beginn sprach die PLO davon, Palästina zu transformieren und alle »Siedler«, die nach 1917 gekommen waren, zu entfernen. Später adoptierte sie einen viel intelligenteren und praktischeren Ansatz, nämlich den eines einzigen demokratischen Staates. Sie erklärte: Wir akzeptieren, dass die jüdische Bevölkerung hier Rechte hat, aber sie muss mit den Palästinensern gleichberechtigt leben. Das ähnelte den Forderungen, die letztendlich von den Iren oder Südafrikanern gestellt wurden. Hätte man diesen Ansatz weiter verfolgt, wäre es äußerst schwierig gewesen, die Israelis zur Akzeptanz zu bewegen. Aber er war viel besser als die ursprüngliche PLO-Charta.
Die PLO wandte sich davon ab und näherte sich der Idee eines palästinensischen Staates neben Israel an. Gleichzeitig stellte die PLO den bewaffneten Kampf in den Hintergrund und gab ihn schließlich 1988 ganz auf. Diese Veränderungen schufen einen fruchtbaren Boden für das Aufkommen von Hamas. Das Scheitern der PLO, einen unabhängigen palästinensischen Staat in allen der 1967 besetzten Gebiete mit Jerusalem als Hauptstadt und dem Recht auf Rückkehr zu Verhandeln, gab denjenigen noch mehr Auftrieb, die argumentierten, man müsse alles befreien und zwar durch bewaffneten Kampf. Die führende Rolle in dieser Bewegung fiel schließlich Hamas zu.
»Die PLO erklärte: Wir akzeptieren, dass die jüdische Bevölkerung hier Rechte hat, aber sie muss mit den Palästinensern gleichberechtigt leben.«
Innerhalb von Hamas gibt es heute unterschiedliche Tendenzen. Diejenigen, die einer langfristigen Waffenruhe und der Idee einer Zwei-Staaten-Lösung am offensten gegenüberstehen, wurden von den Israelis systematisch ermordet. Die Menschen, die im Gazastreifen aufgewachsen sind, sind im Gegensatz zur Exil-Führung wahrscheinlich am kompromisslosesten. Die meisten von ihnen haben lange Zeit in israelischen Gefängnissen verbracht. Ich habe den Eindruck, dass sie am 7. Oktober nicht mit dem vollständigen Zusammenbruch der Gaza-Division der IDF gerechnet haben. Sie öffneten die Grenze für eine Bevölkerung, die seit Generationen in Gaza gefangen war, und die strömte dann heraus. Ich glaube, dass viele der Gräueltaten, die folgten, von unkontrollierten Menschen aus Gaza begangen wurden. Hamas hat das Schlachtfeld nicht unter Kontrolle gehabt, und das war katastrophal.
Unabhängig davon, was genau am 7. Oktober passiert ist, befinden sich palästinensische Menschen heute wahrscheinlich in der prekärsten Lage seit Generationen. Welche Lehren bietet die Geschichte für Menschen, die Solidarität mit ihnen zeigen wollen?
Das Erste, was die Menschen tun müssen, ist, sich viel besser zu informieren. Man kann keine Solidaritätskampagne organisieren, wenn man nicht versteht, womit man sich solidarisch zeigt, und auch nicht versteht, wogegen man sich wendet. Die Menschen in der Solidaritätsbewegung sind auf einer sehr steilen Lernkurve. Ihr Verständnis wird immer differenzierter, aber wir alle haben noch einen langen Weg vor uns. Wenn man sich hinsetzt und die Texte ernsthafter Revolutionäre liest – wenn man sich Mao anschaut, oder Lenin – stellt man fest, dass diese Menschen sich intensiv mit den Details von Wirtschaft, von revolutionärer Organisation und so weiter beschäftigt haben. Wir haben es hier mit einem besonderen, siedlerkolonialen Krieg zu tun. In gewisser Weise mit dem letzten auf der Welt. Er erfordert ein sehr hohes Maß an Verständnis.
Zweitens muss man verstehen, dass diese Veränderungsprozesse sehr lange dauern. Es ist wichtig, diese Dinge aus einer historischen Perspektive zu betrachten. Wie lange hat es gedauert, den Vietnamkrieg zu stoppen? Wie lange hat es gedauert, den Irakkrieg zu stoppen?
»Wir haben es hier mit einem besonderen, siedlerkolonialen Krieg zu tun. In gewisser Weise mit dem letzten auf der Welt.«
Ich denke also, wir müssen ein wenig Geduld haben und strategisch denken. Israel hat der amerikanischen Hegemonie im Nahen Osten einen enormen Dienst erwiesen, indem es den Iran angegriffen, die Hisbollah dezimiert und zum Sturz des syrischen Regimes beigetragen hat. Ich bin natürlich kein Fan der amerikanischen Vorherrschaft, aber aus der Perspektive derjenigen, die dieses Imperium verwalten, ist das kein zu vernachlässigendes Asset. Diese strategischen Verbindungen auseinanderzunehmen, wird viel schwieriger sein als im Fall von Vietnam oder Irak, aber ich glaube, es hat begonnen.
Der Völkermord in Gaza hat Israels Fähigkeit gebrochen, die Berichterstattung im Westen zu dominieren. Man muss einige sehr grundlegende Dinge in den Vereinigten Staaten und im Westen ändern. Die meisten dieser Länder haben ein Element von Demokratie. Die hält bei weitem nicht alles, was sie verspricht, aber sie hat einen Einfluss auf die Politik. Die öffentliche Meinung ist gekippt, und ich glaube nicht, dass sie sich wieder zurückentwickeln wird. Ich denke, das sollte uns Mut machen. Die Israelis werden die öffentliche Meinung nicht durch Zensur und Repression zurückgewinnen. Es wird nicht funktionieren.