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Wie Meta in Kenia gegen seine Arbeiter vorgeht

Content-Moderatoren bei Meta kämpfen in Kenia für bessere Löhne sowie Entschädigungen für Angestellte, die Videos begutachten müssen, die Mord, Vergewaltigung und Genozid zeigen. Meta wehrt sich gegen die Forderungen.

Von Jody Ray
Wie Meta in Kenia gegen seine Arbeiter vorgeht
Das Foto zeigt in diesem Fall kein Gore, sondern zwei Badeurlauber am Strand.
Veröffentlicht:

Meta kriegt Probleme in Kenia. Im vergangenen Jahr wurden in dem Land drei Klagen gegen den Facebook-Mutterkonzern eingereicht. Die Fälle zeigen auf, wie sich das Unternehmen dagegen stäubt, mit Gewerkschaften zusammenzuarbeiten, um bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Im vergangenen Dezember verklagten zwei äthiopische Forscher Meta, weil das Unternehmen unterlassen hatte, extrem brutale Video- und Bildinhalte aus dem Tigray-Konflikt – dem Bürgerkrieg in Äthiopien, bei dem inzwischen über 600 Menschen ums Leben gekommen sind – angemessen zu moderieren und zu löschen.

Die Forscher Fisseha Tekle und Abrham Meareg reichten Klage in der kenianischen Hauptstadt Nairobi ein, wo Metas Content-Moderation ansässig ist. Meareg klagte, weil sein Vater, Professor Meareg Amare Abrham, ermordet wurde, nachdem seine Identität und sein Aufenthaltsort während des durch den Konflikt ausgelösten Online-Informationskriegs auf Facebook veröffentlicht worden waren.

Ein Gericht in Nairobi entschied, die Anklageschrift direkt an den Hauptsitz von Meta in Kalifornien zu schicken, da man keine physischen Büroräume des Unternehmens in Kenia ausfindig machen konnte. Das liegt daran, dass Meta eine Drittfirma namens Sama beauftragt hat, rund 150 Menschen in Nairobi und Umgebung zu beschäftigen. Diese sollen Inhalte für das Gebiet von Ostafrika bis zur Spitze Südafrikas moderieren – eine Region, in der fast 500 Millionen Menschen leben.

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»150 Personen sollen den Content einer Region moderieren, in der fast 500 Millionen Menschen leben.«

Die Kläger forderten Meta auf, dem viralen Hass auf Facebook ein Ende zu setzen, die Überprüfung und Moderation von Inhalten mit einem echten, eigenen Bürozentrum in Kenia zu verstärken und einen Entschädigungsfonds in Höhe von 1,6 Milliarden Dollar aufzulegen.

Fünf Monate später wurde Meta darüber hinaus von Daniel Motaung, einem ehemaligen Unterauftragnehmer und Content-Moderator von Sama, verklagt. Motaung erklärt, er sei von Sama gefeuert worden, nachdem er versucht hatte, die Moderatorinnen und Moderatoren gewerkschaftlich zu organisieren. Er wirft beiden Unternehmen »Zwangsarbeit, Ausbeutung, Menschenhandel, unfaire Arbeitsverhältnisse, Zerschlagung von Gewerkschaften und das Versäumnis, angemessene psychische Gesundheitsversorgung und psychosoziale Unterstützung zu bieten« vor.

Meta schlug zurück und verlangte, dass der Firmenname aus der Klage gestrichen wird. Schließlich sei Motaung kein Mitarbeiter von Meta gewesen, sondern von Sama. Die kenianischen Gerichte sahen das anders und erklärten, es sei anzunehmen, dass Sama ausschließlich gegründet wurde, um Meta mit Content-Moderatoren zu »beliefern«, damit das US-Unternehmen die Anforderungen der unterschiedlichen Märkte in Afrika erfüllen und dort operieren kann. Meta hat gegen diese Einschätzung des Gerichts Berufung eingelegt.

Der Fall wurde sogar in der US-amerikanischen Mainstream-Presse aufgegriffen, wo sich die Berichterstattung über Arbeiterbewegungen in Afrika fast ausschließlich auf Südafrika konzentriert (wenn sie denn überhaupt stattfindet). Motaungs Fall wurde an vielen Stellen thematisiert, unter anderem im Time Magazine, das die Büros für Content-Moderation in Kenia als »Facebooks Sweatshops in Afrika« betitelte.

Vor einigen Wochen wurde in einer dritten Klage vor kenianischen Gerichten der Vorwurf erhoben, Meta, Sama und ein weiteres Subunternehmen namens Majorel hätten 183 Angestellte rechtswidrig gefeuert und auf eine »schwarze Liste« gesetzt. Die Kläger erklärten, Sama habe sein Geschäft mit der Moderation von Inhalten heruntergefahren (wahrscheinlich als Reaktion auf die Bemühungen der Gewerkschaftsbildung), damit Meta stattdessen das in Luxemburg ansässige Unternehmen Majorel beauftragen konnte. Und Majorel wurde offenbar angewiesen, Personen, die gerade von Sama entlassen worden waren und auf der schwarzen Liste standen, nicht einzustellen.

Obwohl Meta sich aggressiv bemühte, die Klage abzuwenden, stellten die kenianischen Gerichte im April einmal mehr fest, dass sie für die Verhandlung solcher Streitigkeiten im Zusammenhang mit »angeblich rechtswidrigen und unfairen Kündigungen« zuständig sind und die Befugnis haben, »angebliche Verletzungen der Menschenrechte und Grundfreiheiten« durch Meta, Sama und Majorel zu ahnden.

»Außerhalb der USA und Westeuropas wird nicht annähernd genug moderiert. «

Es bleibt abzuwarten, ob Meta sich mit seinem Argument durchsetzen kann, man unterhalte keine festen und direkten Verbindungen zu Subunternehmern in Kenia, die im Auftrag des Konzerns arbeiten. Klar ist indes, dass das Social-Media-Unternehmen nicht die Absicht hat, die Moderation seiner Inhalte in Afrika zu verbessern.

»Außerhalb der USA und Westeuropas wird nicht annähernd genug moderiert  – und sowohl die Arbeiterinnen als auch die Nutzer sozialer Medien zahlen dafür einen hohen Preis. Die Moderation von Facebook in Nairobi soll etwa 500 Millionen Menschen abdecken, doch von den geschätzten 15.000 Facebook-Moderatoren weltweit arbeiten nur etwa 260 in Nairobi. Wenn man das mit den tausenden Personen vergleicht, die in den USA Content moderieren, dann ist klar, welche Märkte und Menschen Mark Zuckerberg höher schätzt«, unterstreicht Martha Dark, Gründerin und Direktorin von Foxglove, einer in London ansässigen NGO für Tech-Gerechtigkeit.

Foxglove hat seinen Sitz zwar in Großbritannien, arbeitet aber international. Entsprechend unterstützt die Organisation auch die drei Gerichtsverfahren gegen Meta in Kenia. Mit Meta sei aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: »Wir haben auch andere ausbeuterische Tech-Unternehmen im Visier, von Amazon bis Tiktok«, so Dark.

In einer historischen Einigung hatte sich Meta im Jahr 2020 bereit erklärt, die Kosten für die psychologische Betreuung seiner US-amerikanischen Angestellten zu übernehmen. Das Unternehmen erkannte damit die psychischen Belastungen an, die die Content-Moderation mit sich bringt. Ein Vergleich vor einem Gericht im kalifornischen San Mateo ebnete den Weg für ein 52 Millionen Dollar schweres Entschädigungspaket für ehemalige und damals aktive Angestellte. Aus diesen Mitteln sollen Therapien für die psychischen Probleme bezahlt werden, die die Angestellten bei der Arbeit für Meta entwickeln.

Im Jahr 2022 billigte ein kalifornischer Richter einen weiteren Vergleich in Höhe von 85 Millionen Dollar zwischen Facebook und mehr als 10.000 Content-Moderatoren, die das Unternehmen beschuldigt hatten, sie nicht ausreichend vor psychischen Schäden geschützt zu haben, die aus den extremen Bildern und Videos resultierten, mit denen sie bei der Content-Moderation konfrontiert waren.

»Meta könnte die Moderatorinnen und Moderatoren in Kenia quasi aus der Portokasse bezahlen.«

Aber in Afrika? Nicht so schnell. Dabei wären die Kosten für mehr Content-Moderation in Kenia überschaubar. Meta könnte sie quasi aus der Portokasse bezahlen. Die Moderatorinnen und Moderatoren in Kenia verdienen etwa 2 Dollar die Stunde; im Vergleich zu 15 bis 16 Dollar in den USA. Da Meta in Afrika über Subunternehmen arbeitet, muss es außerdem nicht für die medizinische Versorgung, den Transport oder gar die täglichen Mahlzeiten und Unterhaltungsangebote seiner Beschäftigten sorgen – Annehmlichkeiten, die die meisten seiner Vollzeitangestellten in aller Welt nicht nur genießen, sondern von einem Tech-Unternehmen auch erwarten.

Die ständige Auseinandersetzung mit Gewalt, Mord, Folter und Vergewaltigung strapaziert die menschliche Psyche schon genug. Darüber hinaus müssen die in Kenia beschäftigten Moderatorinnen und Moderatoren aber auch noch mit einem Gehalt von 16 Dollar am Tag ihre Familien ernähren und ihre Rechnungen bezahlen. Für migrantische Angestellte in Kenia ist es noch härter. Sie stehen vor einer schweren Entscheidung: Entweder sie machen diese gefährliche Arbeit weiter oder sie verlieren ihre Arbeitserlaubnis und müssen das Land verlassen – und vielleicht sogar zurück in das Konfliktgebiet gehen, aus dem sie geflohen sind.

»Facebook könnte sich dafür entscheiden, die Moderatoren direkt anzustellen, anstatt sie über Subunternehmen wie Sama in Kenia oder Accenture in den USA zu beauftragen. Man könnte ihnen problemlos das gleiche Gehalt, die gleichen Sozialleistungen und den gleichen Schutz vor psychischen Erkrankungen bieten wie den Mitarbeitenden von Facebook in Menlo Park«, betont Dark. »Die hohe Bedeutung der Arbeit der Content-Moderatoren für das Tagesgeschäft von Facebook steht außer Frage. Fraglich ist vielmehr, warum Mark Zuckerberg sich weigert, diese wichtige Rolle der Moderatoren bei der Erzielung der riesigen Einnahmen von Facebook anzuerkennen? Wir können uns leider keinen anderen Grund außer Profitgier vorstellen.«

Dennoch: Die drei Gerichtsverfahren sowie Motaungs internationale Presseauftritte infolge des harten Vorgehens gegen seine entstehende Gewerkschaft haben für Meta einen sogenannten Streisand-Effekt ausgelöst: Der Versuch, gewerkschaftliche Organisierung zu verhindern – in einem Teil der Welt, in dem der Konzern dies sicher nicht erwartet hatte – hat die Aufmerksamkeit von Politik und Presse nur umso mehr auf die anhaltende Misere der Moderatorinnen und Moderatoren in Kenia gelenkt.

Organisationen wie Foxglove hoffen, dass die Entwicklungen in Afrika in der Welt der sozialen Medien Wellen schlagen werden. Dark fasst zusammen: »Überall, wo sie sind, erhalten diese wichtigen Arbeiterinnen und Arbeiter nicht die Wertschätzung und den Respekt, den sie verdienen. Diese Menschen fordern die ihnen zustehende Wertschätzung ein. Der Doppelschlag einer Gewerkschaftsgründung zusammen mit den Gerichtsverfahren, in denen um die Arbeitsplätze gekämpft wird, könnte einen wirkungsvollen Präzedenzfall und hoffentlich eine Vorlage für andere Beschäftigte auf der ganzen Welt schaffen, die gegen die Ausbeutung durch Big Tech kämpfen.«

Jody Ray

Jody Ray ist Autor und Journalist und lebt in New Orleans.

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