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Bloß nicht das Trauma triggern

Warum die Hyperinflation bis heute falsch verstanden wird – und was linke Regierungen daraus lernen können.

Bloß nicht das Trauma triggern
»Die Hyperinflation kam vom Gelddrucken, weiß doch jeder. Oder nicht?«Illustration: Angelica Liv
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Inflation ist verpönt, eigentlich überall, in Deutschland aber besonders. Mit der Schubkarre voller Scheine zum Bäcker, täglich die Lohntüte bekommen, keine Ersparnisse mehr unter dem Kopfkissen: Die Hyperinflation von 1923 ruft dramatische Bilder auf. Deutschland hat ein kollektives Trauma davongetragen. Und der aktuelle Preisschock durch den Ukrainekrieg ist ein Triggerpunkt – viele Menschen sind verunsichert, die Ampel-Regierung wird in Umfragen abgestraft.

Linke, die regieren wollen, sollten sich für dieses Trauma sensibilisieren. Gerade weil das Klischee besagt, Linke hätten keine Wirtschaftskompetenz. Eine Regierungsstrategie, die die Wirtschaft nachhaltig umkrempeln und das Land gerechter machen will, ist gut beraten, aus 1923 die richtigen Schlüsse für 2023 zu ziehen.

Die gängige Erzählung, was die schreckliche Hyperinflation vor hundert Jahren auslöste, ist verkürzt. Die Hyperinflation kam vom Gelddrucken, weiß doch jeder. Oder nicht? So findet man es jedenfalls in Büchern für den Geschichtsunterricht. Und auch, wenn man die Wörter »Hyperinflation« und »Deutschland« in die Suchmaschine tippt.

»Geld für Erneuerbare auszugeben, wirkt antiinflationär.«

Das ist ein Problem für Linke. Denn viele soziale Reformen gehen mit mehr Staat und höheren Ausgaben einher: ob für moderne Schulen, kostenfreien Busverkehr oder Stromnetze in staatlicher Hand. Da bekommt man schnell vorgeworfen, linke Reformen wirkten inflationär. Rumms! Trauma getriggert. Dramatische Bilder in den Köpfen. Gift für die Popularität einer potenziellen linken Regierung.

Linke Regierungsstrategien müssen das vermeiden. Ein Teil der Lösung: stabile Preise zum zentralen Regierungsversprechen machen. Ein anderer: Inflationsepisoden als das benennen, was sie wirklich sind und waren – Angebotsschocks – und auch dagegen eine politische Versicherung anbieten. Der Ausbau der erneuerbaren Energien zum Beispiel dient nicht nur dem Klimaschutz, sondern schützt auch gegen den jüngsten Preisschock bei Öl und Gas. Geld für Erneuerbare auszugeben, wirkt also antiinflationär. Solche Argumentationsbrücken muss man bauen. Das gelingt umso einfacher, je besser man die Hyperinflation von 1923 versteht.

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Wie die Hyperinflation entstand

Ein Blick in den Rückspiegel, hundert Jahre in die Vergangenheit: Die deutsche Wirtschaft war noch vom Ersten Weltkrieg gebeutelt, rund zwei Millionen deutsche Soldaten gefallen, viele weitere verletzt und traumatisiert. Die Industrieproduktion war 1919 auf das Niveau von dreißig Jahren zuvor zurückgefallen, hatte sich also mehr als halbiert. Dagegen sind die ökonomischen Folgen aus Corona- und Finanzkrise ein Kindergeburtstag.

Es dauerte fast zehn Jahre, bis die deutsche Industrieproduktion wieder den Stand von vor dem Krieg erreichte. Krieg ist die Mutter aller Angebotsschocks – erst recht, wenn man berücksichtigt, dass die Industrie im Krieg von Konsumgütern auf Munition, Waffen und Ausrüstung umgestellt wird. Lebensmittel, Möbel und Dienstleistungen wurden den Bedürfnissen des Krieges untergeordnet, teilweise mittelständische Unternehmen auf Anweisung umfunktioniert. Wo vorher Nähmaschinen, Autos oder Fahrräder hergestellt wurden, produzierte man nun Kriegsmaterial. In der Landwirtschaft wurden Fachkräfte knapp, weil sie für die Front eingezogen wurden. Weil der Handel mit anderen Ländern unterbrochen wurde – das prominenteste Beispiel ist die britische Seeblockade ab 1914 –, fehlten wichtige Importgüter wie Dünger für die Landwirtschaft. Die Ernten fielen schlecht aus, Lebensmittel wurden knapp und mit Wochenkarten rationiert. Als nach vier Jahren Kriegsproduktion statt der Vernichtung der gegnerischen Soldaten plötzlich wieder die Versorgung der Bevölkerung im Vordergrund stand, ruckelte die Umstellung auf Friedensproduktion gewaltig.

Das waren die denkbar schlechtesten Voraussetzungen für den Friedensvertrag von Versailles, der dann im Jahr 1919, rund ein halbes Jahr nach Kriegsende, geschlossen wurde – und sich als Gift für die kriegsgebeutelte deutsche Wirtschaft herausstellte. Der Vertrag sah vor, dass Deutschland innerhalb von knapp zwei Jahren rund 20 Milliarden Goldmark zahlen sollte. Weil die Mark an Gold gebunden war, entsprach das damals rund 7.000 Tonnen Gold. Das Problem: Um an Gold zu kommen, musste Deutschland Exportüberschüsse erzielen, also mehr der heimisch produzierten Waren in andere Länder verkaufen, als von dort einkaufen. Die Konsumgüterproduktion reichte allerdings schon kaum für die heimische Nachfrage und konkurrierte jetzt auch noch mit der aus dem Ausland. Es kam zu einem Wettbieten um knappe Güter und das trieb die Preise nach oben.

Die Rohstoff-Schocktherapie

Die Reparationen sollten später sogar noch steigen. Unter dem Druck der Alliierten, die die Rheinstädte Duisburg und Düsseldorf besetzt hatten, stimmte Deutschland im Jahr 1921 der Summe von 132 Milliarden Goldmark zu. 132 Milliarden Goldmark – das war mehr als das Dreifache von Deutschlands jährlicher Wirtschaftsleistung.

Zugleich wurden Gebiete abgetreten, in denen bisher lauter deutsche Exportschlager hergestellt wurden: Ein Viertel der Steinkohleförderung, ein Drittel der Stahlproduktion, etwas weniger als die Hälfte der Roheisenproduktion und ein großer Teil der Erzförderung waren im Rheinland angesiedelt. Exportschlager, die die so bitter benötigten Goldunzen ins Land brachten. Dazu musste Deutschland abertausende Verkehrsmittel an die Alliierten abtreten: LKWs, Lokomotiven, Zugwaggons und fast die ganze Hochsee-Handelsflotte. Der Nachkriegshunger der Bevölkerung nach Konsum und bescheidenem Wohlstand traf auf eine abgemagerte Wirtschaft, der die Siegermächte obendrein eine radikale Diät verpassten.

Dass das nur schiefgehen konnte, sah einer der bekanntesten Ökonomen der Geschichte voraus: John Maynard Keynes. Keynes nahm damals für das britische Finanzministerium an den Friedensverhandlungen in Versailles teil. Aus Verzweiflung über die Forderungen der Siegermächte quittierte Keynes vor dem Ende der Verhandlungen seinen Job und schrieb zurückgezogen in einem Landhaus von Freunden das Pamphlet, das ihn schnell bekannt machen sollte: Die ökonomischen Konsequenzen des Friedens. Das Buch ist eine Abrechnung mit dem Versailler Vertrag – und der Kurzsichtigkeit der Verantwortlichen. Keynes schrieb unmissverständlich, dass von Deutschland Unmögliches verlangt werde. Statt überdimensionierter Reparationen, die der deutschen Wirtschaft eine Schocktherapie verpassen und unweigerlich wieder zu Konflikten führen würden, schlug Keynes Kreditprogramme und Wiederaufbauhilfe vor.

»Wenn die Lohntüte ausgegeben werden muss, bevor sie wertlos wird, es aber zu wenig zu kaufen gibt, dann hat man den perfekten Inflations-Cocktail.«

Das Bittere: Es kam 1923 sogar noch schlimmer, als Keynes vorhergesagt hatte. Weil Deutschland mit den Reparationszahlungen abermals in Rückstand geriet, machte Frankreich seine Drohung wahr, das Ruhrgebiet zu besetzen. Französische und belgische Soldaten nahmen das Zentrum der deutschen Schwerindustrie ein, um die deutsche Kohle- und Koksproduktion als Pfand für die Erfüllung der Reparationsverpflichtungen zu sichern.

Die Besatzung schnitt die Wirtschaft von ihren wichtigsten Energie- und Rohstoffquellen ab. Die deutsche Regierung reagierte mit passivem Widerstand. Sie wies an, die Befehle der Besatzer zu ignorieren und unterstütze sogar einen Generalstreik, indem sie die Gehälter der Streikenden – zeitweise bis zu zwei Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter – weiterzahlte. Die Folge: Das Wettbieten um knappe Güter wurde noch heißer, schaukelte sich über rasant steigende Löhne und Preise immer weiter auf – und führte letztlich zur Hyperinflation. Wenn die Lohntüte ausgegeben werden muss, bevor sie wertlos wird, es aber zu wenig zu kaufen gibt, dann hat man den perfekten Inflations-Cocktail.

Angriff ist die beste Verteidigung

Siehe an: Man kann die Hyperinflation also auch ohne »Gelddrucken« erklären. Und man muss sich als Linker nicht vorwerfen lassen, die Gefahren einer Inflation, ja gar einer Hyperinflation zu unterschätzen.

Im Gegenteil: Man sollte genau das heute den Konservativen und Rechten vorwerfen. Sechzehn Jahre Merkel haben uns den derzeitigen Angebotsschock eingebrockt, weil im Haushalt gegeizt und gespart wurde, statt in erneuerbare Energie, LNG-Terminals und Stromnetze zu investieren. Hätten die letzten Regierungen mehr Geld dafür ausgegeben, wäre das Preisniveau in Deutschland niedriger. Ähnlich wird es beim Klima sein. Jeder Euro für Klimaschutz ist ein Euro gegen dürrebedingte Missernten oder unwetterbedingte Infrastrukturschäden – und damit Schutz gegen zukünftige Angebotsschocks. Wer hingegen Industrie- und Energiepolitik blind dem Markt anvertraut oder Sparpolitik mit 1923 legitimiert, lässt die Menschen schutzlos dastehen.

Maurice Höfgen

Maurice Höfgen ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Finanzpolitik im Bundestag und Autor des Buches »Mythos Geldknappheit«. Zudem betreibt er den YouTube-Kanal »Geld für die Welt«.

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