Terni in der zentralitalienischen Region Umbrien ist im Valentinstagsfieber. Kaum ist die Weihnachtsdekoration verschwunden, finden sich herzförmige Lichtinstallationen auf der Piazza Tacito. Sie stellen die Kulisse für die große Feierei im Februar: das zehntägige Schokoladen-Festival »Cioccolentino« wird flankiert vom »Versprechensfest«, bei dem ein Bischof verlobte Paare segnet. Auf den Palazzo Spada aus dem 16. Jahrhundert werden die englischen Worte »Terni in Love« projiziert.
Die Stadtführung von Terni bemüht sich seit einigen Jahren verstärkt darum, Einnahmen aus dem Tourismus zu generieren. Dabei baut sie auf den berühmten Sankt Valentin, der im dritten Jahrhundert hier geboren wurde und am 14. Februar den Märtyrertod starb. Die Feste und historischen Nachstellungen in Terni sind allerdings keine alte Tradition. Tatsächlich begannen die Bemühungen, den berühmtesten Sohn der Stadt zu vermarkten, erst in den 1990er Jahren. Die Basilika mag seit längerer Zeit die Überreste des Heiligen Valentin bewahren, doch die Marke »Stadt der Liebe« hat eine andere, prägende Identität der Stadt bisher nicht komplett abgelöst.
Denn seit dem 19. Jahrhundert war Terni eine Stahlarbeiterstadt und trug den Spitznamen »italienisches Manchester«. Die meisten Arbeitsplätze standen in irgendeiner Weise mit der Stahlindustrie in Verbindung. Recht weit entfernt vom industriell starken Norden Italiens zog Terni Migranten aus den umliegenden Regionen an, die auch die frühe Arbeiterbewegung der Stadt mitbegründeten. Im Jahr 1920, vor der Machtübernahme der Faschisten, erreichten die Sozialisten hier einen Stimmenanteil von 73 Prozent. Während der beiden Weltkriege war die Stahlproduktion in Terni eng mit dem nationalen Rüstungssektor verflochten. Die Stadt wurde als linke »Arbeiterstadt« bekannt.
»Luigi Trastulli, ein 21-jähriger Stahlarbeiter, der bei einer Demonstration getötet wurde, stellte als lokaler Volksheld selbst Sankt Valentin in den Schatten.«
Der in Terni geborene Alessandro Portelli befasst sich mit »oral history«: Für seine Studien stützt er sich auf hunderte Interviews mit relativ unbekannten Personen, um zu verstehen, wie ein kollektives historisches Gedächtnis entsteht. In seiner »Biografie« der Stadt Terni aus dem Jahr 1985 untersuchte er, wie in der jahrtausendelang besiedelten Region eine Arbeiteridentität entstand. Seine Arbeit erzählt Geschichten wie die von Luigi Trastulli, einem 21-jährigen Stahlarbeiter, der bei einer Demonstration getötet wurde und als lokaler Volksheld selbst Sankt Valentin in den Schatten stellte.
In The Death of Luigi Trastulli and Other Stories schildern Portellis Interviewpartner auf bewegende Weise, wie Trastulli 1953 bei Zusammenstößen mit der Polizei während eines hart geführten Streiks gegen Entlassungen in der Stahlindustrie ums Leben kam. Dabei starb Trastulli faktisch nicht dort und damals, sondern 1949 bei einer Demonstration gegen den Beitritt Italiens zur NATO. Es scheint geradezu so, als würde in der allgemeinen Erinnerung sein Tod besser in eine Geschichte passen, in der die Arbeiterklasse von Terni ihre Existenzweise verteidigt.
Heute scheint diese Erinnerung an die linke Stahlarbeiterstadt allerdings zu verblassen: Portellis neustes Buch Dal rosso al nero (»Von rot zu schwarz«) handelt von einer jüngeren Entwicklung, dem »Rechtsruck einer Arbeiterstadt«, wie es im Untertitel des Buches heißt. Schon bei den Kommunalwahlen 2018 bekam die Lega in Terni die meisten Stimmen und konnte damit zum ersten Mal eine größere Stadt außerhalb ihrer Hochburgen in Norditalien für sich gewinnen. Bis 1990 waren die Kommunisten mit Abstand die stärkste Kraft gewesen, heute sind sie kaum noch präsent. Wie kam es dazu, dass sich die Arbeiterstadt von der Linken abwandte?
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Abschied von der Arbeiterklasse
Ein Grund ist der starke Jobverlust in der Stahlindustrie und eine Reihe von Personalabbau- und Privatisierungsmaßnahmen seit den 1980er Jahren. Die einstige »Fabrikstadt«, so Portelli, ist heute nur noch eine »Stadt, in der es wie in vielen anderen auch irgendwo eine Fabrik gibt«. Das Stahlwerk beschäftigt nach wie vor einige Tausend Menschen, aber diese sind heute eine Minderheit sowie über diverse Subunternehmen fragmentiert. Bei einer der letzten Entlassungswellen nahmen deutlich mehr Stahlarbeiter eine Abfindung in Höhe von 60.000 Euro an, als die Firmenbosse erwartet hatten.
Es ist nicht so, dass die Arbeiter aufgegeben hätten: Portelli beschreibt »zehn Jahre außergewöhnlicher Arbeiterkämpfe«, vom Streik 2004 gegen die Schließung der Magnetstahlproduktion unter dem neuen Eigentümer ThyssenKrupp bis zu einem 44-tägigen Streik im Jahr 2014. Straßenblockaden, tägliche Arbeiterversammlungen und auch das Ausbuhen nationaler Gewerkschaftsfunktionäre verdeutlichten die militante Kampfbereitschaft. Doch es macht häufig den Eindruck, als hätten die politischen Entscheidungsträger den kontrollierten Niedergang der Branche beschlossen.
In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die Regierungspartei während des Konflikts 2014 die vermeintlich »mitte-links« ausgerichtete Partito Democratico war. Ministerpräsident war damals Matteo Renzi (heute Vorsitzender seiner eigenen liberal-zentristischen Partei). Er und seine Partei setzten prekarisierende Arbeitsmarktreformen durch. Ein Interviewpartner in Portellis Buch beschreibt diese Erfahrung als »schlimmer als Silvio Berlusconi«. Viel deutlicher lässt sich die Entfremdung zwischen einer neoliberalisierten Sozialdemokratie und ihrer ehemaligen Basis nicht ausdrücken.
»Die Stahlarbeiter, die einst als ›Vorreiter des sozialen Wandels und Kämpfer für die Gleichheit‹ galten, sind heute nur noch Empfänger von Mitleid, ›Schwache‹ und ›Vulnerable‹.«
Es ist jedoch auffallend, dass der Vorwurf, Terni im Stich gelassen zu haben, nicht nur an Neoliberale gerichtet wird, sondern auch an bekennende Linke und – insbesondere nicht-lokale – Gewerkschaftsvertreter. Portelli spricht von einem Verlust der Sprache der Arbeitermacht: Die Stahlarbeiter, die einst als »Vorreiter des sozialen Wandels und Kämpfer für die Gleichheit« galten, seien heute nur noch Empfänger von Mitleid. Sie gehören zu den »Schwachen«, den »Vulnerablen« und den »Leuten am unteren Ende einer unvermeidlich ungleichen Gesellschaft«.
Besuche von rechten Politikern in der Stadt werden von Portellis Interviewpartnern hingegen als begeisternde Ereignisse dargestellt. Der Lega-Chef Matteo Salvini wird bejubelt, wenn er zwar nicht die Stahlkonzerne, wohl aber die politisch korrekten Herrscher der Welt kritisiert. Die Journalistin Anna Maria Rengo vergleicht die Mengen bei Lega-Auftritten mit dem Publikum eines Champions-League-Spiels. Portelli führt diesen Gedanken weiter aus: Fußballfans betrachten sich nicht als passive Zuschauer, sondern als »zwölfter Mann« ihrer Mannschaft. Er zitiert ein Interview mit einem ehemals linken Arbeiter, der sagt, auf den prall gefüllten Plätzen würde Salvini die gleichen Emotionen ansprechen wie einst kommunistische Führer auf ihren Kundgebungen.
Freilich sollte der Wandel »von rot zu schwarz« nüchtern analysiert werden: Bei den italienischen Parlamentswahlen 2022 spiegelte das Ergebnis in Terni das landesweite Ergebnis wieder; eine rechte Allianz bekam fast die Hälfte aller abgegebenen Stimmen. Doch auch wenn die ehemalige Bewegung der Arbeiter zersplittert ist, heißt das noch nicht, dass sie sich stattdessen zu einem nationalistischen Block formiert haben, und erst recht nicht mit Stolz. Portelli hat Schwierigkeiten, Interviews mit Fabrikarbeitern zu bekommen, die sich der Rechten zugewandt haben. Unter enttäuschten Ex-Linken scheint stattdessen die politisch diffuse Fünf-Sterne-Bewegung die beliebteste Alternative zu sein.
Comunardo Tobia ist Gynäkologe und Gemeinderat für die Fünf-Sterne-Bewegung. Der Sohn eines Kommunisten (sein Name bedeutet tatsächlich »Kommunarde«) berichtet Portelli von den Bedenken seiner Kollegen hinsichtlich der umweltschädlichen Auswirkungen des Stahlwerks. Eine solche Äußerung könnte einige Arbeiter verärgert haben, die eine Schließung der Fabrik befürchteten. Portelli vermutet jedoch, dass der Rückgang der Beschäftigtenzahlen in der Fabrik auch mit einer kritischeren Haltung gegenüber ihrer langjährigen Geschichte von Umweltverschmutzung – und Tumoren – einhergeht.
Ternis Berlusconi
Es verwundert, dass Portelli in seinem Buch nicht stärker auf eines der bedeutendsten Symptome des Zusammenbruchs der Massenparteien eingeht: die Wahlenthaltung. Bei den Kommunalwahlen 1990 konnten die alten Arbeiterparteien in Terni groß mobilisieren: Die Kommunisten erhielten 27.000 und die Sozialisten 17.000 von insgesamt 78.000 abgegebenen Stimmen. Bei der Stichwahl im Mai 2023 gaben hingegen nur 36.000 Menschen überhaupt ihre Stimme ab. Die Wahlbeteiligung lag bei 43 Prozent – lediglich die Hälfte des Werts von 1990.
Hinzu kommt häufigeres Wechselwählen. Portelli schreibt: »Diejenigen, die mit der Waffe des Protests und der Antipolitik siegen, werden auch durch diese Waffe untergehen.« Tatsächlich wurde bei den Wahlen im Frühjahr 2023 die rechte Koalition in Terni aus dem Amt verdrängt – zugunsten des ehemaligen Fallschirmjägers Stefano Bandecchi. Dies war allerdings keine Rückkehr zur alten Klassenpolitik. Vielmehr gerierte sich Bandecchi als »kleiner Berlusconi«: ein Einzelkämpfer, der für die »praktische Herangehensweise eines Unternehmers« stehe und Investitionen in die Stadt bringen werde.
»Ternis Bürgermeister Stefano Bandecchi, verantwortlich für die Marke ›Stadt des Heiligen Valentin‹, erklärte 2024, dass ›normale Männer‹ es ›halt einmal versuchen‹, wenn sie ›den schönen Arsch einer Frau sehen‹.«
»Wir werden Terni zu einer Tourismusstadt machen und auf diese Weise vielen Menschen Arbeit geben«, erklärte Bandecchi den Stadträten im Juni 2023, kurz nach seiner Wahl. Das beinhalte eine Konzentration auf die Marke »Stadt des Heiligen Valentin«. Industrie, Stahl und Chemie seien »wichtig, und wir werden bald Gespräche zu diesen Themen führen: Aber wie wir im Wahlkampf gesagt haben, müssen wir neue Wege beschreiten. Und der Tourismus ist dabei von entscheidender Bedeutung«. Eine auf den Tourismus ausgerichtete »neue Wirtschaft, um unser geliebtes Terni wiederzubeleben« erfordere insbesondere »urbane Anständigkeit und Sauberkeit«. Die Touristen sollen sich schließlich wohlfühlen.
Landesweite Schlagzeilen machte Bürgermeister Bandecchi allerdings aus anderen Gründen: Im Januar 2024 gab es eine Ratssitzung zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt, in der er erklärte, dass »normale Männer« es »halt einmal versuchen«, wenn sie »den schönen Arsch einer Frau sehen«. Dies veranlasste sogar die rechte Opposition, Bandecchis »Vulgarität« zu kritisieren und seinen Rücktritt zu fordern. Im Februar trat er nach nur acht Monaten im Amt tatsächlich zurück – und erklärte umgehend: »Wenn Italien einen neuen Duce braucht, bin ich zur Stelle.« Im März 2025 wurde Bandecchi zum Präsidenten der Provinz Terni gewählt.
Crazy Ass Moments in Italian Politics ist ein beliebter Twitter-Account, der über viele von Bandecchis trumpesken Eskapaden berichtet. Der Administrator des Accounts erzählt, dass Bandecchi »nicht aus Terni stammt, sondern vor allem durch den Kauf der lokalen Fußballmannschaft an Macht in der Stadt gewonnen hat«. Man habe schon früh den Eindruck gehabt, »dass er die Position des Bürgermeisters nutzen will, um die Karriereleiter hochzuklettern und eine prestigeträchtigere Position zu erreichen«. Portelli legt eine ähnlich negative Einschätzung vor und spricht von einem Bandecchi, der »in die Stadt einfiel, in der Hoffnung, sie sich kaufen zu können«.
Ob tragikomisch oder schlichtweg erschütternd: Bandecchis Amtszeit steht für einen Mentalitätswandel in einer Stadt, die einst stolz auf die herausragende Stellung ihrer Arbeiterklasse war. In Portellis Darstellung lebt diese Geschichte zwar weiter, wird jedoch zunehmend in der Vergangenheitsform erzählt – ein Erinnern an gebrachte Opfer und anhaltende Gesundheitsbeschwerden sowie eine erhoffte Zukunft, die niemals eingetreten ist. An ihre Stelle traten kitschige Plastikherzen, die Touristen zu den Gebeinen des Heiligen Sankt Valentin leiten.