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Teilzeit ist auch Vollzeit

Nicht Work-Life-Balance ist weltfremd. Weltfremd ist die Idee, dass vierzig Stunden arbeitende Frauen die Strukturkrise einer Industrienation lösen werden.

Teilzeit ist auch Vollzeit
»Reproduktionsarbeit wie die CDU realitätsfern als leere Zeit zu betrachten, rächt sich irgendwann auch wirtschaftlich.«Illustration: Marie Schwab

Was haben Feierabende, Feiertage, Krankheit, Rente, Arbeitslosigkeit und Teilzeit gemeinsam? Sie alle gelten Politik und Kapital heute als brachliegende Goldminen der Produktivität. Anfang des Jahres schlug der Wirtschaftsflügel der CDU deshalb vor, das Recht auf Teilzeit zu beschränken: Statt »Lifestyle-Teilzeit« endlich vierzig Arbeitsstunden für alle.

Der Teilzeit-Angriff reiht sich in einen Überbietungswettbewerb ein. Die Chefin der »Wirtschaftsweisen« Monika Schnitzer möchte Feiertage, Allianz-CEO Oliver Bäte die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag streichen. CDU-Politiker Sven Schulze wünscht sich außerdem eine Arbeitspflicht für Bürgergeldempfänger. Wenn es nach der Bundesregierung ginge, sollen Rentner zudem künftig noch nach ihrem 67. Geburtstag zum Wirtschaftswachstum beitragen. Neben dem Lebensabend möchte die Koalition auch den Feierabend »aktivieren«.

Nun werden nicht alle diese Vorschläge umsetzbar sein. In Sachen Teilzeit ist die CDU bereits zurückgerudert. Durchatmen können Arbeitnehmerinnen deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil. In Zukunft werden wir noch viele weitere solcher Angriffe erleben. An der Teilzeit-Polemik Anfang des Jahres zeigt sich also etwas Grundsätzliches: Die Arbeitgeber und ihre Bundestagsvertretung wollen die hiesige Arbeitswelt noch weiter zugunsten des Kapitals umbauen. Im Arbeitsrecht sollen amerikanische Verhältnisse herbeigeführt werden. Um das umzusetzen, benötigt es einen Kulturkampf gegen all das, was keinen Umsatz erzeugt. Fürsorge, Regeneration und Müßiggang – kurzum: das Leben.

»Schon jetzt zeigt jede vierte Mutter Überlastungssymptome. Schon jetzt sehen Kinder ihre Eltern kaum.«

Sorgearbeit ist keine »Lifestyle«-Frage

In unserer Gesellschaft sind vor allem Frauen für all das zuständig. Konservative wissen das ganz genau, immerhin stellt diese vergeschlechtlichte Arbeitsteilung das Herzstück ihrer Ideologie dar. Das hält sie jedoch nicht davon ab, mit ihrem Feldzug für das Arbeitsvolumen vor allem Frauen das Leben schwer zu machen.

Jede zweite Arbeitnehmerin ist teilzeitbeschäftigt. Die andere Wochenhälfte der Teilzeitarbeiterinnen möchte die Kanzlerpartei unbedingt für den Arbeitsmarkt aktivieren. Zwar gesteht auch sie ein: Wer Kinder erzieht oder Angehörige pflegt, soll auch zukünftig ausnahmsweise weniger als vierzig Stunden arbeiten dürfen. Allerdings erfordert unser aller Leben nicht nur in Ausnahmesituationen – ganz jung, ganz alt, ganz krank – Fürsorge, sondern permanent. Der Kühlschrank muss gefüllt und der Boden gesaugt werden, jemand muss die erkältete Tante besuchen oder den trauernden Freund anrufen. Der Mensch hat Bedürfnisse und führt Beziehungen, die sich mitunter schwer mit einer Vollzeittätigkeit vereinbaren lassen.

Wer vierzig Stunden schuftet, wägt deshalb permanent ab: Will ich acht Stunden schlafen, selbst ein ballaststoffreiches Abendessen kochen, die Staubschwaden wegsaugen oder meine Freunde bei einem Konzert treffen? Um dieses Dilemma aufzulösen, mag die eine oder der andere entscheiden, weniger zu verdienen und nur zwanzig Stunden zu arbeiten.

In den meisten Fällen ist es aber so: Männer arbeiten Vollzeit und lagern ihre Bedürfnisse aus. Weil 85 Prozent der berufstätigen Männer und sogar 95 Prozent der Väter hierzulande vierzig Stunden in Büros oder Fabriken verbringen, brauchen sie Putzfrauen, Essenslieferanten, Nannys und Therapeutinnen – oder in den meisten Fällen: teilzeitarbeitende Partnerinnen. Während dieses Modell Frauen ökonomisch an ihre Partnerschaft bindet, verpassen Männer das Leben und vernachlässigen ihre Beziehungen.

PAYWALL

»Männer arbeiten zwar immer noch voll, können damit aber in der Regel keine Familie mehr finanzieren. Frauen kümmern sich nach wie vor um das Leben, aber gehen in vielen Fällen zusätzlich lohnarbeiten.«

Warum also all die rhetorische Akrobatik? Der Wirtschaft geht’s nicht gut. Nach jahrelangem Schrumpfen und Stagnieren wächst sie 2026 immer noch nicht spürbar. Deshalb verkündete Bundeskanzler Friedrich Merz bereits letzten Spätsommer: »Mit 4-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand unseres Landes nicht erhalten können.« Mehr Arbeit soll mehr Produktivität, soll mehr Wachstum bringen. Emsige, endlich offiziell vierzig Stunden beschäftigte Frauen sollen die deutsche Wirtschaft wieder ankurbeln.

Kulturkampf rettet keine Industrien

Allerdings stimmt die dahinterliegende Gleichung nicht einmal. Erstens wird auch weibliche Mehrarbeit die Krise der deutschen Wirtschaft nicht lösen. Deren Ursachen liegen tiefer – im Aufstieg neuer globaler Player, die Deutschlands industrielle Vormachtstellung untergraben. Gegen solch tiefgreifende globalökonomische Umwälzungen hilft kein Kulturkampf. Stattdessen braucht es neue industriepolitische Ideen und eine Umverteilung der Abstiegskosten zwischen den Eliten und dem Rest.

Zweitens erodiert auf lange Sicht die Produktivität einer überstrapazierten Arbeitskraft – so wie eine Gesellschaft, die ihre basalen Fürsorgetätigkeiten vernachlässigt. Schon jetzt zeigt jede vierte Mutter Überlastungssymptome. Schon jetzt sehen Kinder ihre Eltern kaum. Schon jetzt sind Kitas überfüllt. Schon jetzt führt Überarbeitung zu sozialer Vereinsamung und Depressionen.

Das Kapital und seine politischen Vertreter fallen gerade hinter jene Erkenntnisse zurück, die Unternehmer wie Henry Ford Anfang des 20. Jahrhunderts dazu brachten, den Achtstundentag zu akzeptieren: Arbeit ist keine unerschöpfliche Ressource. Reproduktionsarbeit wie die CDU realitätsfern als leere Zeit zu betrachten, rächt sich irgendwann auch wirtschaftlich. Menschen werden unkonzentriert, machen Fehler, werden krank und fallen im Zweifel langfristig aus. AOK-Zahlen zeigen, dass die Fehltage durch Burn-out seit Anfang des Jahrtausends kontinuierlich steigen. Wer ausgebrannt ist, kann sich auch nicht um seine Mitmenschen kümmern. Dieser »Care-Krise« wohnt demnach eine gefährliche Selbstverstärkungstendenz inne.

Langfristig stellt das ein Problem für den Kapitalismus dar: Schließlich braucht auch er eine sorgende Gemeinschaft, die gesunde Menschen hervorbringt. Deshalb spricht die Philosophin Nancy Fraser von einer kannibalistischen Tendenz unseres Wirtschaftssystems: In seiner Profitjagd verheizt es die sozialen Grundlagen, auf denen es fußt – und die sind vor allem weiblich.

Arbeit gegen Leben

Der Widerspruch zwischen einer gesellschaftlichen Realität, die Teilzeit erfordert, und einem Diskurs, der sie verteufelt, zeigt: In der kapitalistischen Gesellschaft besteht nicht nur ein Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Sondern auch zwischen Produktion und Reproduktion oder vielmehr zwischen Arbeit und Leben.

Um maximalen Profit zu generieren, soll so viel Lebenszeit wie möglich der Wertschöpfung untergeordnet werden. Leben hingegen bedeutet, sich auf andere und den Moment einzulassen. Mit einer Genossin über die Welt nachzudenken, einem Kind das Gehen beizubringen oder einem Freund in schweren Zeiten beizustehen, erfordert Zeit und Muße. Das Leben lässt sich nur schwerlich in die dafür vorgesehenen Zeitslots am Wochenende oder werktags zwischen 6 und 8 Uhr oder 17 und 22 Uhr quetschen. Es schafft keinen Mehrwert, sondern frisst sogar Zeit und Ressourcen.

Den Kampf zwischen Kapital und Arbeit befriedeten historisch immer wieder Kompromisse wie der Achtstundentag. Dasselbe gilt für den Konflikt zwischen Arbeit und Leben. In der Nachkriegszeit hieß dieser Kompromiss: Der männliche Alleinverdiener widmet seine Zeit der Industrie, die Hausfrau kümmert sich um die Reproduktion drumherum. In den letzten Jahrzehnten wandelte sich dieses Modell: Männer arbeiten zwar immer noch voll, können damit aber in der Regel keine Familie mehr finanzieren. Frauen kümmern sich nach wie vor um das Leben, aber gehen in vielen Fällen zusätzlich lohnarbeiten.

»Ein maximal zwei Tage arbeitender Aufsichtsratsvorsitzender bei Blackrock, wie Friedrich Merz mal einer war, findet problemlos Zeit, schöne Momente auszukosten.«

Daraus lässt sich schlussfolgern: Der gesellschaftliche Kompromiss zwischen Leben und Arbeit ist vergeschlechtlicht. Zwar wandelt er sich im Zeitverlauf, etwa durch sinkende Löhne oder den feministischen Drang nach ökonomischer Selbstständigkeit. Dennoch sind Sorgetätigkeiten – seit Anbeginn des Kapitalismus und noch viel länger – feminisiert.

Die historische Entwicklung zeigt außerdem: Die Arbeit dehnt sich immer weiter auf das Leben aus. Frauen sollen heute Vollzeitarbeiterin und Vollzeitsorgende in Personalunion sein. Damit wird Fürsorgearbeit auf das Minimum gedrückt, das eine Gesellschaft zum Überleben braucht – und verliert dabei ihren lebendigen Charakter: Sie wird zum rationalisierten Zahnrad im Wirtschaftsgetriebe.

Frausein für alle

Nun sollte man sich von der gegenwärtigen Gemengelage gewiss nicht dazu drängen lassen, den Status quo zu verteidigen. Statt ein Recht auf Teilzeit sollten wir ein Recht auf Leben für alle fordern – mindestens in Teilzeit. Die Vermögenden besitzen dieses Recht bereits. Ein maximal zwei Tage arbeitender Aufsichtsratsvorsitzender bei Blackrock, wie Friedrich Merz mal einer war, findet problemlos Zeit, schöne Momente auszukosten.

Ob es nun um das Recht auf Teilzeit geht oder um all die anderen Arbeitsrechte, die uns zukünftig noch streitig gemacht werden – die Konservativen setzen um, wovon Unternehmenschefs und Investorinnen seit jeher träumen: den Gewinn maximieren, das Leben minimieren. Diese Politik verkümmert nicht nur unser Leben, sie steuert auch gegen die technische Entwicklungsgeschichte an, schließlich wird durch Technologien wie KI nicht mehr, sondern weniger menschliche Arbeit benötigt. Die »Wir-müssen-jetzt-alle-wieder-anpacken«-Rhetorik entlastet die Politik folglich bequemerweise davon, ernsthafte Antworten auf die technologischen und weltwirtschaftlichen Verschiebungen zu finden.

Anstatt Frauen das kriselnde Wirtschaftsmodell retten zu lassen oder sich in der Verteidigung des Bestehenden zu erschöpfen, sollten wir das Frausein für alle fordern, das heißt: halbtags Lohnarbeiterin, halbtags Beziehungsmensch.

Julia Werthmann

Julia Werthmann ist freie Journalistin. Ihre Texte sind unter anderem in der

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