»Ändern sich Männer irgendwann?«, fragt eine Content-Creatorin vorbeilaufende Passantinnen mit Lebenserfahrung. »Nein«, antworten diese, eine warnt gar: »Es wird noch schlimmer!« – »Männer lol« ist der Ausdruck einer kollektiven Haltung, die sich unter Frauen seit ein paar Jahren ausbreitet und in Popkultur, Podcasts, Zeitungsartikeln und auf dem Büchermarkt nicht mehr zu übersehen ist. Dieser Zeitgeist hat einen Namen und der lautet: Heterofatalismus.
Der Bestseller Entromantisiert Euch! der österreichischen Feministin Beatrice Frasl gibt exemplarischen Einblick in das heterofatalistische Denken. Frasl trägt alle verfügbaren Fakten zusammen, um zu zeigen: »Die heteroromantische Paarbeziehung ist für Frauen so nachteilig, dass es kaum Gründe gibt, sie zu wollen.« Mit Männern zusammen zu sein, bedeute für Frauen, Mutter, Putzfrau, Köchin, Krankenpflegerin, Managerin oder Therapeutin zu sein – manchmal alles gleichzeitig. All diese Aufgaben führten dazu, dass Frauen sich aus Freundschaften und Hobbys zurückziehen, schließlich einsamer, ja sogar kränker werden.
Frasls Warnung an ihre Leserinnen in puncto Heterobeziehung lautet deshalb: »Wenn Sie Glück haben, macht sie Sie arm, unglücklich, krank und einsam. Wenn Sie Pech haben, schaffen Sie es nicht lebend heraus.« Das Märchen der Liebe sei lediglich dazu da, Frauen gegen jede Vernunft in die heterosexuelle Beziehung zu locken. Deshalb gibt es, so Frasl, »kaum einen radikaleren feministischen Akt als die vollständige Verweigerung der Romantik«.
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»Die Feministinnen der 1990er waren genervt vom Veränderungspessimismus ihrer Vorgängerinnen, doch ihr eigener Veränderungsoptimismus ließ sie zahm werden – worauf der heutige Heterofatalismus reagiert.«
Während Frasl das »Nein, danke« wörtlich meint, ist es popkulturell durchaus weiter gefasst. Die Heterofatalistin muss nicht unbedingt liebesabstinent leben. Aber sie hat auf jeden Fall aufgehört zu hoffen, dass Liebe auf Augenhöhe möglich ist.
Nun liefern Bücher wie das von Frasl kaum neue Erkenntnisse. Fakten wie etwa, dass kinderlose Single-Frauen im Schnitt glücklicher sind und länger leben, wurde in den letzten Jahren hoch und runter diskutiert. Neu ist nicht die Beweisführung, sondern die heterofatalistische Schlussfolgerung Sie folgt der Frustration, dass Liebe auf Augenhöhe nicht allein eine Frage des Willens, sondern auch des Unbewussten und der Politik ist – und dass der Feminismus der letzten Jahrzehnte dieses Dilemma nicht auflöst.
Auf Hoffnung folgt Ernüchterung
Ein Blick in die feministische Geschichte zeigt, dass es immer wieder Episoden gab, in denen Frauen resigniert für eine Abkehr von Männern plädiert haben – und dass sich diese fatalistischen Gezeiten regelmäßig mit versöhnlicheren abwechseln.
Nachdem die Frauen des Westens zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Wahlrecht erkämpft hatten, ebbte der Feminismus in den darauffolgenden Jahrzehnten ab. Ab den 1930ern verlangten patriotische bis faschistische Ideologien vielerorts traditionelle Mütter und Ehefrauen. Zeitgleich verwischte jedoch die Kriegsgemeinschaft Geschlechtergrenzen, wenn Frauen die kämpfenden Männer als Familienoberhäupter und Arbeiterinnen ersetzten. Nach dem Krieg versuchten romantische Fernsehkomödien, Werbeindustrie und Diätkulturen sodann, die alten Verhältnisse wiederherzustellen.
Nachdem Patriotismus und Konsumkultur den feministischen Kampfgeist wahlweise aufgesogen oder unterdrückt hatten, erwachte er in den 1960ern zu neuer Eigenständigkeit und Kompromisslosigkeit, weil viele Frauen erkannten: Wählen allein macht nicht frei, wenn Wäschewaschen und Kinderbetreuen die Kräfte verzehren und ihr Sexualleben männlichen Bedürfnissen unterworfen ist.
»Mag sein, dass Geschlecht kein Naturgesetz ist – aber wieso verhalten sich Männer trotzdem so, als wäre es eines?«
Die Radikalfeministin Shulamith Firestone warf ihren Genossen damals vor, zwar lauthals die Ausbeutung der Arbeiter zu bemängeln, von der Frauenarbeit in ihren eigenen vier Wänden aber zu schweigen. Zeitgleich avancierten Andrea Dworkins Analysen einer frauenverachtenden Sexualkultur, die sich an männlichen Dominanzfantasien orientiere, zu feministischen Bestsellern. Als Ausweg aus der Heterodystopie galt den Radikalfeministinnen das politische Lesbentum. Weil sie so schonungslos auf die Geschlechterfrage blickten, handelten sie sich den Vorwurf des Männerhasses und der Frauenviktimisierung ein.
Wegen dieses Pessimismus, aber auch, weil der Wille zum politischen Lesbentum nicht jegliches Begehren nach Männern in Luft auflöste, war das Bedürfnis nach hoffnungsvolleren Stimmen in den 1990ern groß. Deswegen fanden Feministinnen wie Judith Butler viel Gehör, als sie verkündeten: Geschlecht ist kein Sein, sondern ein Tun. Nur weil Männer sich selten um Kinder kümmern, heißt das nicht, dass sie es nicht können. Der radikalfeministischen Liebes- und Sexnegativität setzte bell hooks 1999 mit all about love eine Ode an die Liebe entgegen.
Was unter dem Regiment des Neoliberalismus aus diesen Interventionen wurde, wissen wir: Jede kann alles werden. Die Sexualität ist vielfältig und frei. Feminismus ist für alle da: Frauen, Männer, Queers – und den Markt. Trotzdem ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, was diese Geschichte offenbart. Die Feministinnen der 1990er waren genervt vom Veränderungspessimismus ihrer Vorgängerinnen, doch ihr eigener Veränderungsoptimismus ließ sie zahm werden – worauf der heutige Heterofatalismus reagiert.
Bücher wie Entromantisiert Euch! fragen nun: Mag sein, dass Geschlecht kein Naturgesetz ist – aber wieso verhalten sich Männer trotzdem so, als wäre es eines? Wieso schaffen es trotzdem so wenige Männer, die Waschmaschine auszuräumen, an den Geburtstag ihrer Kinder zu denken und sich um die kranke Tante zu sorgen? Mag sein, dass der progressive Mann von heute sein Kind hin und wieder zum Kindergarten bringt, aber wieso wacht trotzdem sie auf, wenn es nachts schreit?
Mag sein, dass es heute in linksliberalen Milieus den Trend gibt, Simone de Beauvoir im Bücherregal und Entromantisiert Euch! auf dem Nachttisch liegen zu haben. Und trotzdem schleicht sich selbst in die aufgeklärteste Heterobeziehung klammheimlich ein Ungleichgewicht ein. Jede Beziehung ist unterschiedlich, aber mit etwas Abstand wird trotzdem ein Muster erkennbar. Manche Männer erkennen heute zwar das Muster, verurteilen es sogar, wenn sie es an anderen Männern entdecken. Aber sie scheitern oft daran, die Kritik auf sich selbst anzuwenden, um sich schlussendlich anders zu verhalten.
»Wieso ist die Heterofatalistin nicht einfach wütend und gibt folglich heterogleichgültig die Beziehung zu Männern auf? Wieso schämt sie sich und bedauert?«
Als 2024 der Prozess um die Vergewaltigungen von Gisèle Pelicot begann, gesellte sich zu der alltäglichen Gereiztheit über männliche Unzulänglichkeiten eine grauenhafte Erkenntnis. Die formuliert die Philosophin Manon Garcia in ihrem neuen Buch Mit Männern leben so: »Könnte es sein, dass ein Otto Normalbürger bereitwillig die schlafende Frau seines Nachbarn vergewaltigt, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt?« Schließlich hatte Dominique Pelicot in einem Radius von 50 Kilometern mehr als achtzig fremde Männer – Journalisten, Handwerker, Soldaten genauso wie Bauarbeiter – gefunden, die eine komatöse Frau vergewaltigen wollten.
Von dem Prozess wird vor allem eine Aussage Gisèle Pelicots in die Geschichte eingehen: »Die Scham muss die Seite wechseln.« Viele Männer sahen sich durch die Aufforderung zur Scham ungerechterweise in Mithaftung genommen. Natürlich ist nicht jeder Mann für die Vergewaltigungen in der südfranzösischen Provinz verantwortlich. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen der alltäglichen Frustration über Männer, die sich ihre Wäsche waschen lassen oder ihre Gefühle nicht kommunizieren können, und den Taten von Dominique Pelicot.
Trotzdem muss sich jeder Mann die Frage gefallen lassen, ob die Lust am Sex mit einer regungslosen Frau nicht doch in irgendeinem Verhältnis zu seiner Alltagsmännlichkeit steht, zu seiner Haushaltsfaulheit, seinen sexuellen Dominanzwünschen oder dem Umstand, dass ihm selbstbewusste Frauen auf die Nerven gehen. Auch wenn eine große Distanz zwischen beidem bestehen mag, ist ein Kontinuum der Respektlosigkeit zu erkennen. Ihre drastischen Folgen sollten betroffen machen.
Aber genau diese Betroffenheit haben viele Frauen vermisst, als sie monatelang mit Entsetzen nach Frankreich blickten. Als Garcia einen Journalisten vom Daily fragt, was der Prozess mit ihm mache, antwortet dieser knapp: »Es ist nur ein Job, weißt du, das ist nichts Besonderes. Ich war in Israel, ich war in der Ukraine, ich habe schon viel Schlimmeres gesehen.«
Warum wir Männer trotzdem begehren
Aber die Enttäuschung betrifft nicht nur männliches Verhalten und das Scheitern des Feminismus, es grundlegend zu verändern. Der Heterofatalismus offenbart noch ein weiteres Unbehagen. Bereits 2019 definiert der US-amerikanische Anglist Asa Seresin das Phänomen in The New Inquiry als »performative Abkehr von der Heterosexualität, die sich in der Regel durch Bedauern, Scham oder Hoffnungslosigkeit gegenüber heterosexuellen Erfahrungen äußern.« Wieso ist die Heterofatalistin nicht einfach wütend und gibt folglich heterogleichgültig die Beziehung zu Männern auf? Wieso schämt sie sich und bedauert? Weil sie nicht nur daran zweifelt, ob sich Männer und die Welt verändern können, sondern auch daran, ob sie selbst es kann. Ihr Pessimismus schließt sie mit ein und offenbart einen Konflikt zwischen ihrem Interesse nach Befreiung und ihrem Begehren, zwischen dem Wunsch nach Liebe und der wiederkehrenden Erfahrung ihres Scheiterns.
»Im Extremfall halten Frauen auch dann zu ihren Männern, wenn sie Unaussprechliches getan haben – so wie die Ehefrauen der Verurteilten im Pelicot-Prozess, die ihren Partnern sorgsam Reisetaschen für das Gefängnis packten.«
Frauen halten an Affären fest, die nur alle zwei Wochen antworten, um sich nicht festzulegen. Sie tolerieren respektloses Verhalten ihres Partners. Im Extremfall halten sie auch dann zu ihren Männern, wenn sie Unaussprechliches getan haben – so wie die Ehefrauen der Verurteilten im Pelicot-Prozess, die ihren Partnern sorgsam Reisetaschen für das Gefängnis packten und ihre Verurteilung beweinten.
All die Frauen, die an Beziehungen mit Männern festhalten, sind keine Unwissenden, die eine Lektüre von Entromantisiert Euch! erleuchten würde, die direkt gehen würden, wenn die Ideologie der Romantik ihnen nur nicht den Blick auf ihre wahren Interessen vernebeln würde. Das liegt einerseits an der simplen Tatsache, dass es trotz allem auch glückliche Heterobeziehungen gibt. Aber andererseits auch daran, dass weibliches Begehren mit der Unterwerfung verstrickt ist. Auch von dieser Erkenntnis erzählt der Heterofatalismus.
Die feministische Psychoanalytikerin Jessica Benjamin beschreibt dieses Begehren 1988 in ihrem Buch Fesseln der Liebe wie folgt: »Die Weigerung des Mannes, die Andere anzuerkennen, wird ergänzt durch die Bereitschaft der Frau, sich mit ihrer mangelnden Subjektivität abzufinden: durch ihre Bereitschaft, Anerkennung zu gewähren, ohne selbst Anerkennung zu erwarten.« Zu lieben bedeutet für viele Frauen also, zu geben oder vielmehr: sich selbst aufzugeben. Aber Liebe unter Gleichen braucht zwei Subjekte, die sich eingestehen, einander zu brauchen, und gleichermaßen auch für sich selbst einstehen. Dass das häufig nicht klappt, liegt nicht nur an der männlichen, sondern auch an der weiblichen Sozialisierung.
Sigmund Freud meinte hier die Natur zu erkennen. Aber es sei die klassische Kleinfamilie, die diese verstümmelte Liebe einstudiere, entgegnet Jessica Benjamin. Zwischen Vater und Mutter, Eltern und Kind wird die grundmenschliche Spannung zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit verhandelt – und aufgespalten. Die Mutter verliert ihr Selbst in der Fürsorge, der Vater ist ungebunden und verleugnet seine Abhängigkeit. Auf diese Weise wird auch das Kind in eine Welt gedrängt, in der es entweder Subjekt oder Objekt sein kann. Daraus ergibt sich das so oft beobachtete Ungleichgewicht aus Geben und Nehmen sowie das sexuelle Skript des aktiv Begehrenden und der passiv Begehrten. Die extreme Version dieser Begehrensstruktur ist die sexuelle Lust am regungslosen Frauenkörper, die sich im Pelicot-Fall zeigte.
»Instagram-Reels, popkulturelle Scherze und die öffentlich verkündete Abkehr von der Heterobeziehung bleiben müde Gesten der Distanzierung von einer unveränderten Realität.«
Natürlich wiederholt nicht jede Familie dieses Skript auf exakt dieselbe Weise, es wird immer wieder verschoben, Frauen durchbrechen die ihnen zugedachte Passivität – und doch erweist sich die Dynamik als überraschend zäh. Insbesondere, wenn Kinder ins Spiel kommen, kippen vormals gleichberechtigte Partnerschaften. Das hat nicht zuletzt materielle Gründe. Immer noch bleiben oft Frauen zu Hause, weil der Mann mehr verdient oder es für ihn schwieriger ist, in Elternzeit zu gehen. Später gibt es dann zu wenig Kitaplätze. Aber auch das allgemeine politische Klima, in dem Leistung und Unabhängigkeit als erstrebenswert gelten und Bedürftigkeit verpönt ins Private abgeschoben wird, festigt die Familie und die Geschlechterhierarchien.
Das Ohnmachtsgefühl der Fatalistin rührt also auch daher, dass die Geschlechterdynamik beidseitig nicht allein eine Frage des Willens ist, sondern sich unbewusst einschleicht – und es gesellschaftliche Strukturen gibt, die Veränderung erschweren. Die Heterofatalistin will sich befreien, aber die Fesseln der Liebe entziehen sich ihrer direkten Verfügung.
Wir können also feststellen: Um die Liebe auf Augenhöhe steht es nicht gut. Deshalb geben viele Frauen die Hoffnung auf. Nur: Emanzipation entsteht dadurch keine. Im Gegenteil: der Heterofatalismus bleibt eine individuelle Klage. Instagram-Reels, popkulturelle Scherze und die öffentlich verkündete Abkehr von der Heterobeziehung bleiben müde Gesten der Distanzierung von einer unveränderten Realität. Dabei entfaltet sich keine kollektive Schlagkraft. Dass sich der feministische Unmut auf diese Weise äußert, lässt sich mitunter dadurch erklären, dass die neoliberale Ära Politik zu hyperpolitischen Statements verzwergt hat, die sich in defensiven Abwehrkämpfen verlieren.
Einsamkeit ist keine Befreiung
Um das zu ändern, könnte man sich von den Radikalfeministinnen der 1970er inspirieren lassen. Sie kamen in »Consciousness-Raising«-Gruppen zusammen, um ihren persönlichen Männerhass politisch zu verorten und daraus Forderungen abzuleiten. Etwa in der »Wages-for-Housework«-Kampagne oder im Versuch, Pornographie zu verbieten. Passantinnen nach ihren Erfahrungen zu fragen, könnte also durchaus ein Anfang sein – man sollte nur nicht dabei stehen bleiben.
Bleibt noch die Frage, wohin es gehen soll. Frasl und weitere Zeitgenossinnen schlagen vor, Freundschaft in den Mittelpunkt des Lebens zu rücken, um nicht im kleinfamiliären Rollenspiel zu vereinsamen. Allerdings wird dabei oft die Frage umgangen, ob sich nicht auch Freundschaften in die Dynamiken des ungleichen Gebens und Nehmens verstricken und wie ein Leben in Freundschaft umgesetzt werden könnte. Und das ist keine Nebensache, schließlich offenbart der Blick in die Realität einen entgegengesetzten Trend: Immer mehr Menschen leben allein und vereinsamen dabei. Obendrein werden sozialstaatliche Fürsorgestrukturen abgebaut.
Heterofatalismus kann dem wenig entgegensetzen. Indem er die Heteroliebe abschreibt, tendiert er sogar dazu, Vereinsamung zu verstärken. Schließlich bietet Liebe, wie Shulamith Firestone in Frauenbefreiung und sexuelle Revolutionschreibt, die Möglichkeit, dass wir »am Leben eines anderen teilnehmen – ein weiteres Fenster zur Welt öffnen«, anstatt »nur ein einzelner zu sein, eingeschlossen in seiner eigenen Zelle.« Das gilt sogar für Liebesbeziehungen mit Männern.