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Krawallunternehmer

Von der Art, wie Wissen in der Öffentlichkeit verhandelt wird, profitieren vor allem die, denen es wurscht ist.

Krawallunternehmer
»Dann kommen andere, die andere Expertise hervorkramen, und alle sitzen miteinander in der Talkshow und streiten sich darüber, wer am expertigsten ist.«Illustration: Marie Schwab
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Jürgen Habermas ist kein Osteuropa-Experte. Sahra Wagenknecht ist keine Expertin für Kriegsrecht. Richard David Precht ist kein Experte für irgendetwas, wozu er sich in letzter Zeit geäußert hat. Das haben sie auch nie behauptet. Dennoch finden es scheinbar viele nötig, das immer wieder festzustellen, weil man daraus angeblich schließen kann, dass man sich nicht weiter mit ihnen befassen muss. Als Faustregel gilt aber: Wer einen offenen Brief unterzeichnet, initiiert oder angreift, tut dies nicht als Expertin oder Experte. Aber ich gehe noch weiter: Niemand, der sich in einer Talkshow, dem Meinungsfeuilleton oder auf Twitter politisch äußert, äußert sich als Expertin oder Experte, egal wie schlau sie oder er ist. Und es wird höchste Zeit, dass wir wieder lernen, Expertise und Politik auseinanderzuhalten. Davon profitiert am Ende nämlich nicht nur die Expertise, sondern auch der politische Streit.

Expertise soll Wissen bereitstellen, damit andere Entscheidungen treffen können. Sie klärt Probleme – diese zu bearbeiten, ist Politik. Das ist praktisch komplex, aber theoretisch gar nicht so kompliziert. Keine Expertise der Welt kann klären, wie viele Tote wir dafür in Kauf nehmen möchten, dass die Deutschen ihr Gaspedal auf der Autobahn ganz durchdrücken dürfen. Sie kann uns höchstens sagen, wie viele Tote wir in Kauf nehmen, indem wir eben das zulassen, und was das gegebenenfalls für die Umsatzzahlen von Mercedes bedeutet.

In unserer massenmedial vermittelten politischen Öffentlichkeit wird diese Trennung dadurch verkompliziert, dass sich politische Figuren ständig darauf berufen, dass die beste aller Expertisen ihre Lösungsvorschläge geradezu erzwingt. Dann kommen andere, die andere Expertise hervorkramen, und alle sitzen miteinander in der Talkshow und streiten sich darüber, wer am expertigsten ist. Talkshows inszenieren Konflikte über Infektionsschutz, über den Klimawandel oder über die Regulierung von Finanzmärkten als einen Dauerplebiszit. Dabei wird immer mitthematisiert, wie viel Sachkenntnis man haben müsste, um überhaupt beim Spiel »wer hat die beste Meinung« mitspielen zu dürfen.

PAYWALL

Aber es wäre vergeblich, sich genau dieses Wissen anzueignen, denn der nächste Konflikt wird wieder anderes Wissen voraussetzen und wieder werden Wissenschaftlerinnen in Talkshows oder in Feuilletons bedauern, dass ihr Wissen in der Allgemeinbildung der Bevölkerung viel zu kurz komme, was man nicht zuletzt daran sehe, dass es immer noch Menschen gibt, die ihre Einschätzung nicht teilen oder gar ihre Kompetenz bestreiten. Allein: Wenn alle alles wüssten, bräuchte es die Experten ja gar nicht, und wenn man nur eine Meinung haben dürfte, wenn man Expertise hätte, dann bräuchte es das Publikum nicht. Die Zuschauerin bleibt also darauf zurückgeworfen, ihr Vertrauen nach Autoritätsargumenten zu verteilen – wer hat die meisten Doktortitel, zu wem ist der Moderator am nettesten, bei wem zieht die Politikerin die Augenbrauen hoch – oder einfach zu glauben, was ihr sowieso am besten in den Kram passt.

Eigentlich wäre das die Stunde der Intellektuellen. Intellektuelle sind keine Experten, sondern Dilettanten – aber eben solche, denen man zutraut, den Stand der Dinge genug zu überschauen, um eine durchdachte politische Position zu formulieren und in die Debatte zu werfen. Intellektuelle betreiben damit Bildung und Agitation gleichzeitig. Unter der Voraussetzung, dass sie keine politischen Entscheidungskompetenzen haben und sich nicht als Verkörperung der Wissenschaft präsentieren, ist diese Verquickung kein Problem. Man kann das ohne Frage besser oder schlechter tun – insofern sind Habermas, Wagenknecht und Precht auch alle drei ihrer Rolle nach Intellektuelle und man kann die albernen Anführungszeichen getrost weglassen, mit denen dieser Begriff heute fast ausschließlich verwendet wird. Doch um diese gesellschaftliche Funktion auszuüben, muss man die Rolle erstmal annehmen und in ihr ernstgenommen werden. Und daran hapert es.

»Die primäre Funktion dieses Debattenformats ist Personalisierung und Identitätsbestätigung.«

Polit-Edutainment – jenes Mischwesen aus Nachrichten-, Wissens- und Unterhaltungsformat, das unsere mediale Debattenkultur beherrscht – kann nicht wirklich Wissen vermitteln, weil eingeladene Wissenschaftlerinnen vor allem damit beschäftigt sind, zu beweisen, dass die anderen keine Experten sind. Zugleich findet aber auch keine intellektuelle Debatte statt – wo immer sich eine Form der informierten Laienkritik zu artikulieren sucht, wird sie als entweder zu verkopft oder ungenügend qualifiziert abgekanzelt. Kritik wird so gut wie nie auf ihre innere Konsistenz überprüft oder inhaltlich angenommen, sondern mit Blick auf die Credentials der sie Äußernden »eingeordnet«.

Die primäre Funktion dieses Debattenformats ist Personalisierung und Identitätsbestätigung. Die Einzigen, die wirklich von diesem Modell profitieren, sind Krawallunternehmer wie Precht, denen es erkennbar weniger darum geht, einen Punkt zu machen, als darum, auf dem generierten Gegenwind in immer höhere Höhen der Aufmerksamkeit aufzusteigen. Paradoxerweise führt also gerade das Austragen von politischem Konflikt als Konflikt über das Bescheidwissen dazu, dass nicht nur die Politik als Streit um Interessen (die so verleugnet werden), sondern auch das Wissen unter die Räder gerät.

Tags: Politik

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