Ich bin Sozialarbeiterin. Ich bin Sozialarbeiterin aus Überzeugung, weil ich nicht wegschauen möchte, wenn es Menschen schlecht geht. Ich möchte nicht wegschauen, wenn Menschen ausgegrenzt werden. Es geht mir um Menschen und ihre Geschichten. Es geht mir um den Raum, den wir ihnen geben können. Es geht mir darum, ihnen zuzuhören und mit ihnen an den Ungerechtigkeiten in ihrem Leben zu arbeiten.
Ich muss aber auch erzählen, dass es zu wenige Sozialwohnungen gibt und in Deutschland eben doch Menschen auf der Straße leben müssen. Es ist meine Pflicht als Sozialarbeiterin, davon zu berichten, dass ich in meiner Zeit als Heimleiterin einer Notunterkunft selbst für die Menschen zur Tafel gefahren bin, weil einige kein Geld für die Fahrkarte hatten, um es selbst zu tun. Ich muss erzählen, dass ich Suizide in der Unterkunft erlebt habe, weil Menschen keine Perspektiven und Ziele mehr hatten. Ich muss erzählen, dass ich in der ambulanten Jugendhilfe gesehen habe, wie Kinder in Armut aufwachsen, und dass ausschließlich Toast und Nudeln auf dem Speiseplan standen.
Ich muss das alles tun, um aufzuzeigen, dass die von wechselnden Regierungen beschlossenen sozialpolitischen Maßnahmen in der Realität nicht ausreichen. Wenn ich es nicht tue, nur dabei zusehe und nur unterstützender Tätigkeit nachgehe, verrate ich die Idee der Sozialen Arbeit. Die Soziale Arbeit ist eine Menschenrechtsprofession. Sie kann nicht einfach nur dabei helfen, mit Missständen umzugehen, sondern muss die Missstände, die wir alltäglich erleben, auch laut und deutlich benennen, um von der nur unterstützenden in die politische Arbeit zu kommen. Nach all den Jahren in der Sozialen Arbeit sehe ich sehr deutlich: Die Ursachen sozialer Probleme liegen nicht bei Einzelpersonen und ihrer Verfassung, sondern in den politischen und ökonomischen Verhältnissen.
Aus Sicht des Profits ist Soziale Arbeit nötig, um die Arbeitsfähigkeit zu sichern. Hier geht es nicht um Geschichten, um Verständnis, um Sorgen – hier geht es um wirtschaftliche Interessen. Ich balanciere täglich zwischen Systemkritik und der Hilfe, die ich als Sozialarbeiterin anbiete. Ich verstehe die Menschen, die diesem System den Rücken gekehrt haben. Ich verstehe Menschen, die aufgegeben haben und am gesellschaftlichen Geschehen nicht mehr interessiert sind. Nach all den Rückschlägen, den Ausgrenzungen, den Hürden und der Verantwortung, die sie übernehmen müssen, für die Zustände, für die sie nichts können, verstehe ich das.
Im Alltag ist es kaum möglich, als Sozialarbeiterin angemessen zu handeln, wenn man ein soziales Problem erkennt, weil Sozialarbeiter lohnabhängig von öffentlichen oder privaten Trägern arbeiten und deren Aufträge erfüllen müssen. Auf der einen Seite stehen die Bedürfnisse der hilfesuchenden Menschen und auf der anderen Seite die Interessen der Auftraggeber, die möglichst schnell die Klientinnen und Bedürftigen versorgen und wieder »erfolgreich« in die Gesellschaft integrieren wollen. Das ist die Aufgabe der Träger, auch wenn das in der Realität oft bedeutet, den Ist-Zustand bloß zu verwalten.
PAYWALL
»Es ist unmöglich, unter einer neoliberalen Sparpolitik wahrhaftige Soziale Arbeit zu leisten, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.«
Wir bewegen uns also zwischen Systemkritik und konkreten Zwängen durch den Berufsalltag. Zudem wird unsere Arbeit häufig sehr gelobt, da wir uns mit Fällen beschäftigen, vor denen die Gesellschaft die Augen verschließt. Die Bezahlung ist schlecht, Überstunden und Burnout sind fester Bestandteil unseres Berufs. Die Belastungsschwelle wird kontinuierlich angehoben und Bedürfnisse der Sozialarbeiterinnen wie der Klienten stehen in keinem Hilfeplan.
Wenn ich all das verstanden habe: Wie sehr kann ich von meiner Arbeit überzeugt sein, wenn ich die Menschen wieder in ein kapitalistisches System eingliedern muss, aus dem sie zuvor ausgegrenzt wurden? Wenn es eine Sache gibt, die ich nicht vertreten kann, dann ist es doch, dass ich für den Kapitalismus diese Arbeit leiste. Es ist unmöglich, unter einer neoliberalen Sparpolitik wahrhaftige Soziale Arbeit zu leisten, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht. Man müsste uns Sozialarbeiterinnen zuhören, wenn wir davon berichten, was Phase ist, was Menschen beschäftigt und was verändert werden müsste. Doch von allein passiert das nicht.
Raus aus dem Hamsterrad
Wir haben nur dann eine Chance, etwas zu verändern, wenn wir die Soziale Arbeit anders einordnen, als es uns beigebracht wird. Natürlich üben wir die Soziale Arbeit im Rahmen des Kapitalismus aus. Dennoch steht sie in ihrem Auftrag, ihrem Ansatz und ihrer Vorgehensweise diesem System entgegen und weist auch darüber hinaus. Wir arbeiten nicht mit Objekten und Zahlen, sondern mit Menschen und echten Geschichten.
Soziale Arbeit ist Politik und diese ist immer mit Widerstand verbunden. Wir widmen uns bewusst den Schwierigkeiten des Lebens und sehen greifbar nah die Ungerechtigkeiten, die dieses System zu verschulden hat. Unser Ziel sollte sein, Menschen zu befähigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sie in ihrer Resilienz und ihrem Selbstwert zu stärken, um gegen dieses System anzukommen.
Es gibt die Option, nicht im Hamsterrad zu bleiben, sondern herauszutreten. Wir können das Klassenbewusstsein stärken und im Kampf gegen das System eine Rolle spielen, wenn wir den Mut aufbringen, unsere eigene Arbeit kritisch zu hinterfragen. Sicher werden wir das System mit unserer Arbeit allein nicht komplett umkrempeln können, aber wir können es zumindest von innen heraus bewusst bekämpfen.
»Es ist unsere Pflicht als Berufsstand, den Menschen eine Lobby zu geben, die sonst keine haben.«
Daher ist es unsere Pflicht – und das sollte ein Bestandteil der Sozialen Arbeit im Studium und in der Ausbildung sein – gemeinsam politisch aktiv zu werden und darüber zu sprechen, was wir in unserer Arbeit erleben. Wenn wir schweigen und nur das tun, was als klassische Sozialarbeit von uns erwartet wird, dann dienen wir lediglich dem Kapitalismus. Wir bringen die Menschen wieder in das menschenverachtende System zurück. Als Sozialarbeiterin muss ich also nicht erzählen, dass es gut ist, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein. Als Sozialarbeiterin muss ich danach handeln, dass der Mensch wertvoll ist, egal, was das System von ihm hält.
Politisch aktiv zu werden bedeutet auch, mehr Ressourcen für die Soziale Arbeit einzufordern. Das ist in unserem eigenen Interesse und in dem der Menschen, die unsere Hilfe benötigen. Wenn wir es nicht tun, werden stattdessen Menschen, die selbst noch nie im sozialen Bereich tätig oder auf Leistungen angewiesen waren, immer weitere Kürzungen und Sanktionen beschließen. Es ist unsere Pflicht als Berufsstand, den Menschen eine Lobby zu geben, die sonst keine haben. Wir sind eine Stimme für die Menschen, die aufgrund der Profitorientierung unserer Gesellschaft verdrängt werden.
Ich bin Sozialarbeiterin. Ich bin Sozialarbeiterin aus Überzeugung, weil ich nicht wegschauen möchte, wenn dieses System den Menschen das Leben schwer macht. Ich teile meine Beobachtungen und bin laut, damit wir Veränderungen schaffen und aus diesem System herauskommen. Soziale Arbeit ist nicht nur ein Berufszweig im Kapitalismus. Sie ist ein Versuch, Widerstand zu leisten, indem wir uns wieder auf zwischenmenschliche Beziehungen und Empathie konzentrieren, und gegen den menschenverachtenden Kapitalismus eine Revolution der Menschlichkeit zu starten.