Dauerregen plagte die Kinderrepublik Seekamp im Jahr 1927. Einige Zelte waren bereits vollgelaufen, während die Kinder und ihre erwachsenen Helferinnen und Helfer versuchten, das eindringende Wasser mit Eimern und Waschschüsseln aufzufangen. Aus der verzweifelten Lage entwickelte sich jedoch schnell ein praktisches Beispiel gelungener Selbstorganisation:
»[E]he wir uns […] versahen, standen wir in zwei langen Reihen. Die vollen Eimer folgen von Hand zu Hand, die andere Reihe reichte die leeren Eimer zurück. Irgendeiner fing zu singen an, und plötzlich sangen wir Zweitausend unser schönes trotziges Kampflied: ›Kaltes Blut, heißer Mut! Vorwärts, es wird gehen! Wenn wir zusammenstehn!‹ Und es ist gegangen! Im Nu war das Wasser fortgetragen, waren die Gräben erweitert. […] Wer sollte uns auch unterkriegen, solange wir einig und hilfsbereit sind! […] Mittags stand in der Parole: ›Das Lagerparlament dankt allen Genossen, die beim Unwetter so tatkräftig geholfen haben die bedrohten Zelte zu retten und die Unwetterschäden zu beseitigen. So haben wir wieder einmal gezeigt, daß wir gemeinsam mehr leisten können als einzeln. Im Zusammenschluss liegt unsere Kraft.‹«
Als dieser Bericht in der Broschüre Die rote Kinderrepublik: Ein Buch von Arbeiterkindern für Arbeiterkinder erschien, gab es die Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde erst seit wenigen Jahren. Im vielfältigen proletarischen Vereinswesen füllte sie die Leerstelle der sozialistischen Erziehung von Arbeiterkindern. Die Bewegung hatte, so formulierte es ihr Vorsitzender Kurt Löwenstein, ein »Programm, das in der Klassenlage der Arbeiter und ihrer Kinder ihren Ausgangspunkt, im Sozialismus ihr allgemeines Ziel hatte«.
Eingebettet in das Arbeitermilieu und unter dem Schutz einer starken sozialdemokratischen Partei, die sich noch als sozialistische verstand, entwickelten sich die Kinderfreunde zur größten laienreformpädagogischen Organisation weltweit, die in ihren Gruppen hunderttausende Arbeiterkinder versammelte und an deren Kinderrepubliken über die Jahre ebenfalls tausende proletarische Kinder teilnahmen. In bewussten Arbeiterfamilien war klar: Die Kinderfreunde erziehen den Nachwuchs »von der Klasse, für die Klasse« für die sozialistische Zukunft.
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Löwenstein: Rätesozialist und Kinderfreund
Kurt Löwensteins Lebensgeschichte ist eng mit der Organisationsgeschichte der Kinderfreunde verflochten. Er gab der Bewegung durch Wort, Schrift und Tat ihre politische Richtung. Seine Biografie steht beispielhaft für viele kämpferische Sozialistinnen und Sozialisten, die innerhalb und außerhalb der Institutionen der Weimarer Zeit für eine andere Gesellschaft stritten und damit die organisationsstärkste Arbeiterbewegung der Welt bildeten.
Löwenstein war einer von vielen, die in den Tagen der Novemberrevolution zum Sozialismus fanden. Vor dem Krieg war er bürgerlich-liberaler Pazifist und Reformpädagoge gewesen, doch beeinflusst von den weltpolitischen Ereignissen kehrte er nach dem Krieg als revolutionärer Sozialist und Mitglied eines Soldatenrates nach Deutschland zurück. Als Bildungspolitiker und Pädagoge stritt er für eine bessere Bildung und Erziehung der Kinder des Proletariats innerhalb und außerhalb der Institutionen des bürgerlichen Staates.
Er trat allerdings nicht der SPD bei, die diese bürgerlichen Institutionen bereits mitverwaltete, sondern der linkssozialistischen USPD, die im Gegensatz zur alten Mutterpartei radikaldemokratische und sozialistische Positionen aufrechterhielt. Als Mitglied der unabhängigen Sozialdemokratie wollte er das Rätekonzept auf alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche anwenden: So sollten seiner Meinung nach Bildungsräte als neues verantwortliches Organ die bestehende, durch den alten Beamtenapparat geführte Verwaltung ersetzen und die Schule grundsätzlich umgestalten.
»Auch an sozialistisch-reformpädagogischen Modellprojekten wie der Neuköllner Karl-Marx-Schule, der ersten integrierten Gesamtschule Deutschlands, hatte Löwenstein einen Anteil.«
Diese würden sich aus Jugendrat, Elternrat und Fachrat (für Lehrerinnen und Schulärzte) zusammensetzen, also die Interessen und Ansichten aller Beteiligten direkt einbeziehen. Idealerweise sollte dieses System in eine insgesamt durch basisdemokratische Räte verwaltete und gegliederte sozialistische Gesellschaft eingebettet sein. »Das Rätesystem ist keine Weltanschauung, sondern die Organisationsform des Sozialismus«, schrieb Löwenstein zu dieser Zeit.
Doch die Phase, in der dies möglich schien, war nur von kurzer Dauer. Die reaktionären Kräfte in Deutschland erholten sich schnell, während der Elan der Novemberrevolution zurückging und mitunter blutig erstickt wurde. Löwenstein entschied sich nun, im neugeschaffenen, mittlerweile relativ stabilisierten parlamentarischen System der Weimarer Republik zu wirken.
1920 zog er für die USPD in den Reichstag ein, dem er – später als Abgeordneter der wiedervereinigten SPD – bis 1933 angehören sollte. Die anstehenden Aufgaben skizzierte er 1922 wie folgt: »Die große Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit, die in den schwärmerischen Tagen des November 1918 so nahe schien, ist in burgfriedlicher Koalitionspolitik zerronnen. Zielbewußte Sammelarbeit, unendliche Kleinarbeit, mühseliges Eindringen in all die Kanäle der bürgerlich-kapitalistischen Macht wird die Arbeit des revolutionären Proletariats für die nächsten Jahre sein, wenn nicht außerordentliche Katastrophen wiederum das Proletariat in seinen Tiefen aufrütteln und zu großen entscheidenden Kämpfen geschlossen führen.«
Im Reichstag und in Berlin kämpfte er für einen grundlegenden Wandel des Bildungssystems. Als amtierender Stadtrat für Volksbildungswesen in Berlin-Neukölln setze er eine ganze Reihe von Reformen im Bildungs- und Erziehungsbereich durch. Es wurden weltliche Schulen eingerichtet, Abiturientenkurse sollten jungen Arbeiterinnen und Arbeitern den Zugang zur Hochschule erleichtern, das Schulgeld wurde nach Einkommen gestaffelt, Schulbetriebe und Werkklassen eingerichtet, Schulspeisung sowie zahnärztliche und medizinische Versorgung ausgebaut.
Auch an sozialistisch-reformpädagogischen Modellprojekten wie der Neuköllner Karl-Marx-Schule, der ersten integrierten Gesamtschule Deutschlands, hatte Löwenstein einen Anteil. An dieser Schule wurden hochmotivierte klassenbewusste Jugendliche unterrichtet, die sich in Abend-, Fort- und Weiterbildungskursen der Arbeiterjugend oder der Gewerkschaften auf die geforderten Bildungsinhalte vorbereitet hatten und für die Bildung Teil ihres Kampfes für eine andere Gesellschaft war.
»Die starken reformpädagogischen Strömungen konnten die alten, autoritären Strukturen aus dem Kaiserreich nicht brechen.«
Doch jenseits von Neukölln, wo die Arbeiterparteien eine stabile Mehrheit von 65–70 Prozent besaßen, blieb Löwensteins Wirken begrenzt. Die starken reformpädagogischen Strömungen konnten die alten, autoritären Strukturen aus dem Kaiserreich nicht brechen. Die weltliche Schule blieb die Ausnahme, das alte Lehrpersonal auf seinen Stellen und das dreigliedrige Schulsystem als Garant der gesellschaftlichen Selektion nach Klassen unangetastet. Dieses Scheitern musste Löwenstein auch ganz persönlich erleben: Eine Hetzkampagne der bürgerlichen und faschistischen Kräfte gegen ihn, den »roten Juden«, verhinderte 1920 seine Ernennung zum Oberstadtschulrat Berlins, obwohl er durch eine stabile USPD und SPD Mehrheit in dieses Amt gewählt wurde und die Ernennung eigentlich bloße Formsache war.
Diese Erfahrungen im Bildungswesen der Weimarer Republik bestärkten Löwenstein darin, gemeinsam mit anderen eine selbstständige sozialistische Erziehungsbewegung in Deutschland aufzubauen. Denn wenn schon keine proletarische Erziehung in der Institution Schule verankert werden konnte, sollten die Arbeiterkinder zukünftig zumindest in ihrer Freizeit sozialistisch erzogen werden.
Sozialismus für die Freizeit
Die Kinderfreunde verstanden sich als Vorfeldorganisation der Arbeiterbewegung. Diese befand sich damals auf ihrem organisatorischen Höhepunkt und umfasste neben den Arbeiterparteien und Gewerkschaften auch ein umfassendes proletarisches Vereinswesen, das von Kultur über Tourismus und Sport bis hin zu Gesang für alle etwas bereithielt. War die Sozialistische Arbeiter-Jugend für die Sechzehn- bis Achtzehnjährigen zuständig, so verantworteten die Kinderfreunde die sozialistische Früherziehung.
Löwenstein und die Kinderfreunde bezogen die Erziehung der heranwachsenden Generation auf die »werdende« Gesellschaft. Ihr Programm war es, die Idee des Sozialismus an proletarische Kinder heranzutragen und sie auf die sozialistische Zukunft vorzubereiten, die sie einmal gemeinsam gestalten würden. Dabei nahmen die Kinderfreunde die schwierigen Umstände proletarischen Aufwachsens in den 1920er Jahren zum Ausgangspunkt. Sie sahen eine doppelte Unterdrückung des proletarischen Kindes, die es pädagogisch zu bearbeiten gelte: einerseits die allgemeine wirtschaftliche Not und das unsichere Dasein des Proletariats, andererseits die autoritäre, oft gewalttätige Erziehung, die auch die proletarischen Familien prägte.
Dagegen sollte die Gemeinschaft der Kinderfreunde Selbstbewusstsein und Zukunftsfreude fördern, sodass die neue Generation voller Überzeugung und Tatendrang daran gehen würde, eine klassenlose Gesellschaft aufzubauen. Nicht vereinzelte schwache Arbeiterkinder, sondern Kämpferinnen und Kämpfer für ihre Klasse sollten sie werden.
In der Kindergruppe als Keimzelle der Organisation lernten sie, ihr vermeintliches Einzelschicksal als ein gemeinsames, all die erlebten Zumutungen und Schikanen als gesellschaftlich bedingt zu begreifen. Die von älteren Arbeiterinnen und Arbeitern begleiteten Gruppen sollten die praktische Solidarität unter den Kindern stärken und eine Aussicht auf Veränderung der leidvollen Umstände vermitteln.
»Hier konnten die Kinder gemeinsam mit den sie betreuenden Erwachsenen ihren ›Staat‹ selbst aufbauen und verwalten.«
Die Kinderrepubliken – der jährliche Höhepunkt der Gruppenarbeit – waren der Ort, an dem die sozialistischen und demokratischen Ideen der Kinderfreunde zumindest einige Wochen lang gelebt werden konnten: Hier konnten die Kinder gemeinsam mit den sie betreuenden Erwachsenen ihren »Staat« selbst aufbauen und verwalten, hier gestalteten sie in den Gruppen und im Lagerparlament zusammen den Zeltlageralltag. Die Kinderrepubliken verstanden sich als Experimentierfeld oder Gegenwelterfahrung mitten in der erdrückenden, beengten und verdreckten kapitalistischen Realität der 1920er Jahre. Ein Ort fernab der Mühen des Alltags, wo auf einer emotionalen Ebene Sozialismus als Möglichkeit und Aufgabe erlebbar wurde.
Für die Kinderrepubliken wurden auf grünen Wiesen Zeltdörfer errichtet und die notwendige Infrastruktur aufgebaut, um dort gemeinsam zu leben. Man nahm an, dass die Kinder in der Praxis am besten lernen würden, selbsttätig zu werden, mitzubestimmen und solidarisch zusammenzuarbeiten: »Für sie sind Zeltgemeinschaft, Zeltobmann, Gemeindevertretung, Bürgermeister, Lagerparlament, Sachverwalter und Präsident keine leeren Worte. Alles ergibt sich für sie aus der praktischen Notwendigkeit ihres eigenen Lebens. Sie selbst sind nicht nur beteiligt, sie schaffen alles aus der eigenen Erfahrung ihres Lebens und in der Begeisterung, sich selber einen Staat zu bauen«, so fasst es Löwenstein zusammen.
Im Lagerparlament wurden Ausflugsziele bestimmt oder Streitereien geschlichtet. Ziel war die Kinderselbstverwaltung im Zeltlager. Mädchen und Jungen wurden bei den Kinderfreunden gemeinsam erzogen und übernachteten wie selbstverständlich in gemeinschaftlichen Gruppenzelten. Bei internationalen Kinderrepubliken wurde insbesondere der Gedanke der Völkerverständigung und des Friedens gepflegt. Dort konnten die deutschen Kinder ihre Klassengenossinnen und -genossen aus Frankreich, Großbritannien oder der Tschechoslowakei kennenlernen.
Erziehung wurde so nicht von oben herab verordnet oder als moralische Forderung an die Kinder herangetragen, sondern durch ihr eigenes Tun ganz anders verarbeitet. Damit war die pädagogische Arbeit der Kinderfreunde immer auch konkret gelebte Utopie: Man wollte schon hier und heute anders leben, anders miteinander umgehen, solidarisch voneinander lernen. Nur gemeinsam, organisiert in Gruppen, als Keimzellen proletarischer Massenorganisationen würden die Menschen ihre Interessen zur Geltung bringen können.
»Kein Klassenstandpunkt ist objektiv gegeben«, heißt es bei Antonio Gramsci. Die Kinderfreunde trugen ihren Teil dazu bei, den proletarischen Klassenstandpunkt subjektiv herauszubilden.
Smartphones statt Vereine
Auf die Weimarer Zeit folgte aber nicht die sozialistische Zukunft, die man erwartete und für die die Arbeiterkinder erzogen wurden, sondern die Nazi-Barbarei. Die Kinderfreunde wurden im Juni 1933 verboten, ihre bekannten Figuren flüchteten ins Ausland oder landeten im Zuchthaus. Schon im Februar 1933 verwüstete die SA Löwensteins Wohnung. Er floh daraufhin über Prag nach Paris, wo er 1939 mit nur 54 Jahren an einem Herzinfarkt starb.
Die Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde existierte als Verband in dieser Form nur knapp zehn Jahre. Als Teil einer proletarischen Gegenkultur hatte sie in ihrer Zeit große Bedeutung. Gleichzeitig blieb die deutsche Arbeiterbewegung am Vorabend des Nationalsozialismus machtlos gegenüber den gesellschaftlichen Entwicklungen. Das ist zwar nicht in erster Linie der sozialistischen Erziehungsbewegung anzukreiden, rückblickend wird aber dennoch deutlich, dass ihre Bildungsarbeit durch ihren Fokus auf die sozialistische Zukunft die Bewältigung der kapitalistischen Gegenwart vernachlässigte.
Ein Jahrhundert nach ihrer Gründung steht eine sozialistische Erziehungsbewegung, sofern es überhaupt eine noch geben kann, vor ganz anderen Herausforderungen. Die Massenpolitik des 20. Jahrhunderts ist großenteils zerfallen und es sind eher Smartphones und Tablets, die um die Freizeit junger Menschen konkurrieren, als rechte Verbände oder kirchliche Vereine. Heute muss sich sozialistische Bildungsarbeit vor allem gegen neoliberale Individualisierungstendenzen behaupten, indem sie das Kollektive überhaupt noch ermöglicht. Was Vorreiter wie Löwenstein dachten und taten, liefert hierfür keine Blaupause, aber durchaus ein Beispiel, das auch heute noch inspiriert.