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Die letzte permanente Revolution

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Bauern- und Arbeiterbewegung kaum irgendwo so gut organisiert wie in Bulgarien. Von dort aus sollte die Revolution nach ganz Europa exportiert werden. Doch nicht mal ein Jahrzehnt später war die Linke des Landes am Boden.

Die letzte permanente Revolution
»Die Politik der permanenten Revolution in Bulgarien endete damit, dass Zehntausende starben oder emigrierten, die kommunistische Partei dezimiert wurde und für einen längeren Zeitraum von der politischen Bühne verschwand.« Collage: Zane Zlemeša
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»Heute gibt es nur zwei interessante soziale Experimente: Lenins und meins«, sagte einst Aleksandar Stambolijski, Vorsitzender des Bulgarischen Bauernvolksbundes (BZNS), der das Land nach dem Ersten Weltkrieg regierte. Stambolijski hatte offensichtlich große Ambitionen mit seiner Regierung.

Dieser gelang es, tiefgehende Landreformen sowie Veränderungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Steuern und Recht durchzusetzen. Sie kamen insbesondere den Bäuerinnen und Bauern zugute, die zum damaligen Zeitpunkt rund 80 Prozent der bulgarischen Bevölkerung ausmachten. Der BZNS probierte dabei kein rein sozialistisches Konzept aus, sondern suchte einen »Dritten Weg« zwischen Kapitalismus und Bolschewismus. Das brachte ihm allerdings auch Streit mit der anderen großen linken Kraft ein, der Bulgarischen Kommunistischen Partei. Letztendlich kam es zum großen konterrevolutionären Gegenschlag seitens der anderen Parteien.

Aktuell jähren sich der Militärcoup, mit dem Stambolijski am 9. Juni 1923 gestürzt wurde, sowie der folgende, aussichtslose September-Aufstand zum einhundertsten Mal. Der Aufstand wird oft – wenn auch etwas übertrieben – als einer der ersten »antifaschistischen« Aufstände in Europa gefeiert. Die Folgen waren blutig und markierten den Beginn eines De-facto-Bürgerkriegs in Bulgarien, der bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs andauerte.

Während des Ersten Weltkriegs war der BZNS die wichtigste Antikriegspartei und nach der Niederlage der Mittelmächte im Jahr 1918 die dominierende Kraft in der bulgarischen Politik. Bei den ersten Nachkriegswahlen 1919 erhielt er rund 27 Prozent der Stimmen, 1920 waren es 39 Prozent und 1923 ganze 54 Prozent. Aufgrund des geltenden Mehrheitswahlsystems erlangte der Bund damit die absolute Kontrolle über das Parlament und die Möglichkeit, seine Ideologie einer Diktatur der Bauernschaft durchzusetzen. Die wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen riefen starken Widerstand hervor. Bemerkenswerterweise wagten es jedoch selbst die Anführer des Putsches vom Juni 1923 nicht, die meisten dieser Reformen rückgängig zu machen, selbst, nachdem der BZNS offiziell aufgelöst worden war.

Der König von Bulgarien hielt sich aus den politischen Angelegenheiten offiziell heraus, gab aber grünes Licht für den Putsch – obwohl der grundsätzlich republikanisch gesinnte Stambolijski die Monarchie nie infrage gestellt hatte. Der Putsch, mit dem das Land vor einer Diktatur »gerettet« werden sollte, schuf seine eigene. Er war erfolgreich und relativ unblutig, unrechtmäßig war er aber dennoch: Es kam zu einer gewaltsamen Machtübernahme, die landesweit größte Partei wurde zerschlagen und in der überwiegend landwirtschaftlich geprägten Region eine Diktatur der Stadt über das Land errichtet.

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Enge gegen Breite

Die bulgarische Sozialdemokratie spaltete sich nach 1903 aufgrund von taktischen Differenzen in die sogenannten »engen« – im Sinne von »eng gefassten« – Sozialisten, die sich vor allem auf Karl Kautsky beriefen, und die »breiten« oder »vereinten« Sozialisten, die sich für Bündnisse mit anderen Parteien einsetzten, was eher den Visionen Eduard Bernsteins entsprach. Beide Parteien waren Mitglieder der II. Internationale und beide waren revolutionär in dem Sinne, dass sie für einen radikalen gesellschaftlichen Wandel eintraten. Aber keine von beiden verfolgte dieses Ziel mit illegalen Mitteln.

Die »Engen« stimmten im Vorfeld des Ersten Weltkriegs gegen Kriegskredite, während die »Breiten«, offensichtlich mit dem Nationalismus-Bazillus infiziert, sogar Ministerposten in den kriegsführenden Regierungen übernahmen. Tatsächlich gehörten die »Engen« zu den wenigen ehrenwerten sozialistischen Parteien in Europa, die gegen Kriegskredite stimmten – zusammen mit ihren italienischen und serbischen Pendants sowie der Linkskoalition in der russischen Duma – während der Rest der II. Internationale das Narrativ der »Verteidigung des Vaterlands« übernahm.

Dass die »Engen« die einzige Antikriegspartei neben dem BZNS bildeten, brachte ihnen immense Popularität ein. Ihre Mitgliederzahl stieg von etwa 3.500 im Jahr 1915 auf fast 40.000 im Jahr 1920 an. 1919 traten sie der III. Internationale bei und benannten sich in Bulgarische Kommunistische Partei (BKP) um.

»Bulgarien hatte nur eine kleine Arbeiterklasse, aber eine der bestorganisierten kommunistischen Parteien in Europa: Von rund 100.000 Arbeiterinnen und Arbeitern waren 40.000 Mitglied in der BKP.«

Nach dem Putsch gegen den BZNS im Juni 1923 verkündete die BKP eine Neutralitätspolitik. Die offizielle Erklärung dafür lautete, dass es sich beim Putsch und dem folgenden Aufstand um eine Auseinandersetzung zwischen zwei bürgerlichen Lagern handelte – Stadtbourgeoisie gegen Landbourgeoisie. In den Reihen dieser im Grunde unbewaffneten Partei war man sich auf jeden Fall darüber im Klaren, dass jeder militante Schritt gegen eine schlagkräftige Armee, die gerade einen erfolgreichen Putsch durchgeführt hatte, selbstmörderisch wäre.

Währenddessen unterstützten die »Breiten« sogar den Putsch gegen den BZNS und die Niederschlagung des Septemberaufstands. Sie beteiligten sich an den nachfolgenden Diktaturen – ähnlich wie die deutsche Sozialdemokratie, die nach 1919 die Konterrevolution mittrug oder gar anführte – wobei die »Breiten« nur Nebenrollen in den folgenden Regierungen spielten. Dennoch war die Neutralität der Kommunisten eine unglückliche Formulierung. Zumal wenn sie damit kaschieren wollten, dass sie selbst machtlos waren, den Militärputsch zu stoppen. In den zwei Jahren zuvor hatten sie nämlich immer wieder beteuert, dass sie sich einem Coup gegen die BZNS-Regierung entgegenstellen würden.

Die Entscheidung der BKP wurde von der Kommunistischen Internationale stark missbilligt. Komintern-Sekretär Karl Radek übte scharfe Kritik, warf der BKP engstirniges Sektierertum vor und kündigte an, dass sie gründlich reorganisiert werden müsse. Ihre »Komplizenschaft« beim Putsch sei »die größte Niederlage, die eine kommunistische Partei je erlitten hat«. In Radeks Bericht mischen sich auf seltsame (um nicht zu sagen unheimliche) Art Dogma und Voluntarismus. Er wirft der BKP in erster Linie vor, dass sie es nicht geschafft hätte, von Propaganda und Agitation zu konkretem Widerstand und offensiver Machtübernahme überzugehen. In seiner Analyse verwies er auf die gesellschaftliche Struktur Bulgariens mit einer kleinen Arbeiterklasse, aber einer der bestorganisierten Parteien in Europa: Von rund 100.000 Arbeiterinnen und Arbeitern waren 40.000 Mitglied in der BKP. Radek behauptete, ein Zusammenschluss von BKP und BZNS hätte den Putsch verhindern können, und beschuldigte die Kommunisten der Unentschlossenheit bei ihrem Versuch, die Mitglieder der Agrarpartei oder zumindest einen Teil der Bauernschaft für den Kommunismus zu gewinnen.

»Derweil war es unser Fehler«, schloss Radek mit Bezug auf die Komintern, »dass wir Angst hatten, uns in die inneren Angelegenheiten einer seit Langem bestehenden kommunistischen Partei einzumischen.« Diesen Fehler wollte er umgehend korrigieren. Komintern-Präsident Grigori Sinowjew entsandte Wassil Kolarow, der bereits Mitglied des BKP-Exekutivkomitees war, um die aus Moskau vorgegebene Linie für einen bewaffneten Aufstand umzusetzen. Der bulgarische Parteirat lehnte dies allerdings im Juli mit 42 zu 3 Stimmen ab.

Die fehlgeschlagene Revolution

Im August 1923, als der Parteivorsitzende Dimitar Blagoew erkrankt und abwesend war und vier neue Mitglieder in das Zentralkomitee gewählt worden waren, nahm man den Kurs der Komintern dann aber doch an, wenn auch widerwillig. Im September beschlossen Kolarow und Georgi Dimitroff einseitig einen bewaffneten Aufstand und setzten diese Entscheidung im dezimierten Zentralkomitee durch, unter anderem gegen die Einwände des damaligen Organisationssekretärs Todor Lukanow. Besonders bemerkenswert ist, dass diese Entscheidung nur wenige Tage nach der Massenverhaftung von rund 2.000 Parteimitgliedern, darunter auch Blagoew, am 12. September getroffen wurde.

Es folgte ein halbherziger Aufstand, der ausschließlich auf dem Land und in kleinen Städten stattfand und an dem sich die Arbeiterklasse nicht beteiligte. In keiner größeren Stadt gab es Aktionen, und nur Ferdinand, eine kleine Provinzstadt im Nordosten Bulgariens, wurde für einige Tage von den Aufständischen gehalten. Der Nordosten Bulgariens wurde von den Anführern bewusst als Zentrum der Revolte gewählt. Diese begaben sich klugerweise in die Nähe der serbischen Grenze und emigrierten binnen fünf Tagen nach der blutigen Niederlage nach Jugoslawien und später nach Wien und in die Sowjetunion. Von dort aus diktierten sie einen »permanenten Kurs für den bewaffneten Kampf«, der im April 1925 in einem Terrorangriff gipfelte, dem Bombenanschlag auf die Kathedrale Sweta Nedelja in der Hauptstadt Sofia. Damit sollte das revolutionäre Feuer in Bulgarien entfacht, das herrschende Regime geschwächt und der Boden für die weltweite sozialistische Revolution bereitet werden.

Der Septemberaufstand 1923 und der Bombenanschlag 1925 können als die letzten Umsetzungsversuche der von der Komintern inspirierten Konzepte des »Exports der Revolution« und der »permanenten Revolution« angesehen werden. Diese Konzepte hatten später nur noch auf theoretischer Ebene Bestand und dienten im Gegenzug als Rechtfertigung für den Weißen Terror und regelmäßige »Red Scares«.

Das Konzept der »permanenten Revolution« war 1905 in Russland von Leo Trotzki und Alexander Parvus entwickelt, später aber von ersterem auf die sogenannten »unterentwickelten Länder« ausgeweitet worden. Er schrieb insbesondere mit Blick auf China, Indien und Spanien und argumentierte, dass die sozialdemokratische Vision in diesen Ländern eine Utopie sei, da die schwache Bourgeoisie dort niemals in der Lage sein würde, die Errungenschaften der Bourgeoisien der industrialisierten Staaten zu wiederholen. Er sprach sich daher für eine sofortige proletarische Revolution aus, im Bündnis mit der Bauernschaft, aber unter der Hegemonie der Arbeiterklasse – und gegen die traditionell zweistufige Revolutionstheorie (von der Feudalgesellschaft zur bürgerlich-demokratischen Revolution, und erst dann zur proletarischen Revolution). In der Einleitung zu seinem Werk Die permanente Revolution schrieb Trotzki 1929:

»Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden. Sie kann aber nicht auf diesem Boden vollendet werden. Die Aufrechterhaltung der proletarischen Revolution in nationalem Rahmen kann nur ein provisorischer Zustand sein, wenn auch, wie die Erfahrung der Sowjetunion zeigt, einer von langer Dauer. Bei einer isolierten proletarischen Diktatur wachsen die inneren und äußeren Widersprüche unvermeidlich zusammen mit den wachsenden Erfolgen. Isoliert bleibend, muss der proletarische Staat schließlich ein Opfer dieser Widersprüche werden.«

Die erste proletarische Revolution im ehemaligen Russischen Reich wurde demnach als Keimzelle einer folgenden globalen Revolution verstanden. Josef Stalin und Nikolai Bucharin stellten sich derweil vehement gegen diese Sichtweise. Sein Konzept des »Sozialismus in einem Land« propagierte Stalin bereits 1924, Bucharin theoretisierte es im April 1925, und 1926 wurde es zur offiziellen Staatspolitik der Sowjetunion. Von Mitte 1921 bis zu seinem Tod Anfang 1924 beteiligte sich der kränkelnde Lenin nicht mehr an der Führung des Landes und an diesen Auseinandersetzungen. Allerdings ist aus diversen Memoiren bekannt, welche Ratschläge Lenin den BKP in den Jahren 1921 und 1922 bei privaten Treffen gab. Er warnte vor übereilten »linken« Aktionen, die nur zu aussichtslosen Kämpfen und sinnlosem Töten führen und die Partei schwächen würden.

»Das ländliche Bulgarien wurde als eine Art ›Nebenschauplatz‹ betrachtet, der zur geopolitischen Destabilisierung genutzt werden konnte, um die eigentliche Schlacht in Deutschland zu gewinnen – koste es, was es wolle.«

Im Sommer 1923 spielte Bulgarien jedoch auch im übergeordneten Plan der Komintern eine gewisse Rolle. Die Komintern-Führung hatte das russische Politbüro dazu überredet, die aus ihrer Sicht revolutionäre Situation in Deutschland auszunutzen. Dort war es nach der Besetzung des Ruhrgebiets durch das französische Militär zu einer Welle von Streiks und Massenunruhen gekommen, die vor allem Bayern, Thüringen und Sachsen betraf. Radek selbst wurde nach Deutschland entsandt. Der Industriestaat Deutschland mit seiner großen sozialdemokratischen Tradition und einer starken kommunistischen Partei wurde bei der Komintern stets als Dreh- und Angelpunkt für eine Weltrevolution angesehen. Für Trotzki würde die Revolution in Deutschland die Agrarwirtschaft der Sowjetunion ergänzen und sie davor bewahren, eine »isolierte proletarische Diktatur« zu bleiben. Nichts davon wurde den bulgarischen Kommunisten mitgeteilt – oder zumindest taucht es in keiner der vorhandenen Unterlagen auf. Das ländliche Bulgarien wurde höchstwahrscheinlich als eine Art »Nebenschauplatz« betrachtet, der zur geopolitischen Destabilisierung genutzt werden konnte, um die eigentliche Schlacht in Deutschland zu gewinnen – koste es, was es wolle.

Die Politik der permanenten Revolution in Bulgarien in Form des Septemberaufstands endete damit, dass Zehntausende starben oder emigrierten, die kommunistische Partei dezimiert wurde und für einen längeren Zeitraum von der politischen Bühne verschwand. Im Untergrund ging die BKP vollständig in die Hände der Ultralinken über, die die Partei der Blagoew-Ära für opportunistisch erklärten. Erst mit dem Aufstieg von Georgi Dimitroff in der Komintern und der Annahme der Volksfrontstrategie wurden die »linken Sektierer« nach Mitte der 1930er Jahre aus der Führung entfernt. Zu diesem Zeitpunkt waren die alte Garde und ihre Weltanschauung jedoch bereits verschwunden.

Wenige Tage vor seinem Tod im Mai 1924 überarbeitete Blagoew seine berühmte Formel, die er in mehreren früheren Pamphleten dargelegt hatte: Die Revolution hänge zu drei Vierteln von äußeren und nur zu einem Viertel von inneren Umständen ab. Nun korrigierte er: nicht zu drei Vierteln, sondern zu neun Zehnteln. Er warnte, dass Revolutionen in einzelnen Gebieten wie Bayern, Ungarn oder der Ukraine dem Untergang geweiht seien. Folglich sei für Bulgarien eine sozialistische Revolution nur als Teil einer umfassenderen Revolution auf dem Balkan möglich. Blagoew starb gebrochen und enttäuscht. In seinen letzten Worten klagte er: »Sie haben meine schöne Partei zerstört.«

Ein Generationenkonflikt

Es wäre überzogen, die gesamte Verantwortung für die Entwicklungen in Bulgarien auf die Komintern zu schieben und die Ereignisse in den 1920er Jahren allein durch die Manipulation von außen (sprich: durch Moskau) zu erklären. In der Tat gab es in Bulgarien bereits zuvor radikalisierte Gruppen – als Ergebnis der aufeinanderfolgenden Kriege und nach Vorbild der russischen Revolution. Man kann durchaus von einem »Generationenkonflikt« in den Reihen der bulgarischen Sozialdemokratie und der Linken sprechen.

Bereits in den frühen 1920er Jahren begann innerhalb der neu gegründeten Kommunistischen Partei eine erbitterte Debatte zwischen den »Alten« und den »Jungen«. Schon auf dem ersten Gründungskongress im Jahr 1919 hatte eine Gruppe sogenannter »linker Kommunisten« die Partei aufgefordert, ihre legalen Aktivitäten aufzugeben. Sie lehnten die Teilnahme an Wahlen ab, befürworteten die Gründung von Sowjets (also Arbeiterräten) und forderten den bewaffneten Kampf. Sie wurden bald aus der BKP ausgeschlossen, griffen aber weiterhin Blagoew und die Führung als blinde Mitläufer der westeuropäischen Länder und ihrer legalen Kampfformen an. Blagoew und die »Alten« antworteten mit heftiger Kritik an den »engstirnigen Sozialisten mit ihren anarchischen Ansichten« und warnten vor einem »absolut blinden und unkritischen Folgen des russischen und ungarischen Bolschewismus sowie der deutschen Spartakisten«.

Die politische Generation der »Alten« wurde im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts sozialisiert. In dieser Zeit gab es natürlich auch sozioökonomische Konflikte, bittere politische Feindseligkeiten und Repressalien sowie diktatorische Eingriffe in die Demokratie. Doch der bulgarische Staat, der 1878 de facto die Unabhängigkeit erlangte, zeichnete sich weitgehend durch eine friedliche Existenz und ein intensives politisches Leben aus. Das parlamentarische System war zwar unvollkommen, doch es funktionierte, und es herrschte ein Gefühl, dass Fortschritt möglich war.

»Blagoews berühmte Formel lautete, die Revolution hänge zu drei Vierteln von äußeren und nur zu einem Viertel von inneren Umständen ab. Nun korrigierte er: nicht zu drei Vierteln, sondern zu neun Zehnteln.«

Im Gegensatz war die »junge« politische Generation durch die Balkankriege und den Ersten Weltkrieg geprägt. Generell führte der Große Krieg in Europa zu einem radikalen Bruch in Denkweise und Verhalten zwischen der Vorkriegsgeneration und denjenigen, die in der Zwischenkriegszeit erwachsen wurden und das politische Leben im Bulgarien der Vorkriegszeit nicht erlebt hatten. Verstärkt wurde dies noch durch das einschneidende Ereignis der bolschewistischen Revolution in Russland, das den Erwartungshorizont immens erweiterte. Unter den Jungen herrschte ein Gefühl, dass die Revolution »eher heute als morgen« kommen würde. Die während des Krieges sozialisierte Generation wandte sich von der eigenen Vorkriegs-Avantgarde in Bulgarien ab und der neuen prophetischen Elite der bolschewistischen Revolution zu. Diese versprachen nicht nur die Erfüllung unmittelbarer irdischer Hoffnungen und Ziele, sondern eine märchenhafte, paradiesähnliche Aussicht auf die Zukunft.

Mitte der 1920er Jahre, nach dem Septemberaufstand und dem Bombenanschlag auf die Kathedrale 1925, als in Bulgarien ein Bürgerkrieg begann, war es diese Generation, die die Führung der kommunistischen Bewegung übernahm und sie »bolschewisierte«. Der Generationswechsel war keine lokale Besonderheit, sondern fand auch anderswo in Europa statt. Dabei wurden in vielen Fällen die Traditionen der Bewegung und der Älteren missachtet und verworfen. Dies war übrigens nicht nur ein Charakteristikum der Linken. Große Teile dieser Generation waren ungeduldig und von den parlamentarischen Institutionen enttäuscht und radikalisierten sich in der Zwischenkriegszeit. Das führte dazu, dass sie nationalistische und faschistische Diktaturen oder monarchische autoritäre Herrschaft (von rechts) oder Revolution und Diktatur des Proletariats (von links) befürworteten und oftmals durchsetzten.

Dennoch: Ohne den Druck von außen und die Bereitschaft der neuen bulgarischen Komintern-Funktionäre, diejenigen zu mobilisieren, die der Neutralitätspolitik der Partei kritisch gegenüberstanden und bereit waren, gemeinsam mit der Bauernschaft zu den Waffen zu greifen, hätte es den Aufstand nicht gegeben. Diese Menschen wurden vom Staat als Terroristen gebrandmarkt, aber sie starben alle als Helden für ihre Ideen. Die meisten von ihnen waren noch jung. Bis heute ist die Zahl der Gefallenen umstritten. Unmittelbar nach der Niederlage sprachen die Sieger von 2.000 bis 5.000 Opfern allein im Jahr 1923. Als der belgische Sozialdemokrat Émile Vandervelde 1924 Bulgarien besuchte, gab die Regierung die Zahl mit 1.500 an, die Agrarier nannten 16.000 und Mitglieder des Diplomatenkorps hielten 10.000 für eine seriöse Schätzung.

Die Armee gab sich im Anschluss dem Weißen Terror hin, der nach April 1925 noch zunahm. Insbesondere wurden Mitglieder der Intelligenzija, von Dichtern über Schriftstellerinnen bis hin zu Journalisten, ins Visier genommen und ermordet. In einem Polizeibericht von 1925 wird die Zahl der Exilanten auf 60.000 geschätzt. Eine andere Quelle aus dem Jahr 1927 meldete, dass in den Jahren 1923 bis 1925 rund 20.000 Menschen getötet wurden. Diese Zahl ist wahrscheinlich übertrieben, ebenso wie die 30.000, die in der Geschichtsschreibung der 1950er Jahre und in späteren sozialistisch-populären Werken häufig genannt wurde. Andererseits ist die heute offiziell anerkannte Zahl von 5.000 ebenfalls eine äußerst niedrige Schätzung.

Ein alter bulgarischer Kommunist, dessen Memoiren erst posthum nach 1989 veröffentlicht werden konnten, schrieb einst: »Wir sind immer geneigt, heroische Taten zu verherrlichen, auch wenn sie im Namen vielleicht edler, aber nicht erreichbarer Ziele geschehen. Es ist unsere Pflicht, uns ernsthaft zu fragen, ob der Idealismus, der Enthusiasmus und die Tapferkeit der Besten in unserer Partei nicht letztlich dafür genutzt wurde, viele gute Menschen abzuschlachten. Wir haben eine Lektion in Bolschewismus erhalten – und dafür teuer bezahlt.«

Maria Todorova

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