Der brasilianische Philosoph Paulo Freire, der vor allem durch seine meisterhafte Pädagogik der Unterdrückten bekannt wurde, ist noch heute ein Vorbild für Lehrerinnen und Lehrer, die in armen Gemeinden auf der ganzen Welt arbeiten – und für so ziemlich alle, die in unserer ungerechten Welt nach einem Sinn für Gerechtigkeit suchen.
Jede kritisch eingestellte Pädagogin ist schon einmal mit Freire in Berührung gekommen. Viele wird er überhaupt erst dazu angeregt haben, die Bildung als eine Möglichkeit zu betrachten, um gegen gesellschaftliche Machtasymmetrien vorzugehen. Andere haben vielleicht schon einmal seine Methoden im Unterricht angewandt, um Einblicke in die verkehrte Welt der Unterdrückten zu eröffnen. Freires Programme zur Alphabetisierung der Bauernschaft finden heute überall auf der Welt Nachahmung. Seine Pädagogik der Unterdrückten ist gegenwärtig das am dritthäufigsten zitierte Werk in den Sozialwissenschaften und die Nummer eins im Bereich Bildung.
Freires Berühmtheit hat ihn in seinem Heimatland für die einen zum Propheten und für die anderen zur Zielscheibe gemacht. Er ist ins Visier von Rechtsextremen und Wirtschaftsliberalen geraten, und Jair Bolsonaro behauptete, das brasilianische Schulsystem sei aufgrund von Freire zu einer Institution marxistischer Indoktrination verkommen.
Bolsonaro und die rechte Bewegung Escola sem Partido hatten Schülerinnen und Schüler dazu ermutigt, Lehrkräfte während des Unterrichts zu filmen, wenn sie vermuteten, diese würden eher linke Positionen vertreten oder gar von Freire inspirierte politische oder soziale Ansichten verbreiten. Ein Abgeordneter aus Bolsonaros Partei hatte sogar einen Gesetzentwurf eingebracht, um Freire seinen Ehrentitel als »Schutzpatron der Bildung Brasiliens« abzuerkennen.
Auch US-amerikanische Konservative sind auf den Freire-Bashing-Zug aufgesprungen. So findet sich in einer Ausgabe des Economist zum Thema »Die Bedrohung durch die illiberale Linke« ein Artikel über »woke Kultur«, der fälschlich behauptet, Freires Pädagogik stände im Zeichen von Maos Kulturrevolution. Als Beleg führt der Artikel eine einzelne Fußnote in der Pädagogik der Unterdrückten an. In Wirklichkeit basierte Freires Arbeit auf Solidarität mit den Massen und wandte sich gegen die Art von Gewalt, die mit der Kulturrevolution in China einherging.
Warum also haben es Bolsonaro und der Economist auf Freire abgesehen? Was an seinen Ideen finden sie derart bedrohlich?
PAYWALL
Buchstaben aus Zweigen legen
Freire wuchs während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre im Nordosten Brasiliens in Recife, der Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco auf. Lesen lernte er, indem er Buchstaben aus den Zweigen des Mangobaums legte, in dessen Schatten er als Jugendlicher häufig saß. Er wuchs in Armut und Hunger auf, was dazu führte, dass er vier Klassenstufen hinter seinen Gleichaltrigen zurückfiel – der Tod seines Vaters im Jahr 1933 verschärfte die Lage nur noch mehr.
Trotzdem gelang es Freire schließlich, die Schule abzuschließen, die Universität von Recife zu besuchen, im Jahr 1959 einen Doktortitel zu erwerben und als Rechtsanwalt zugelassen zu werden. Er sollte jedoch nie als Anwalt praktizieren. Sein Berufsleben begann er stattdessen mit 26 Jahren als Portugiesischlehrer an der Oswaldo-Cruz-Sekundarschule. 1946 wurde er zum Direktor der Abteilung für Bildung und Kultur des Serviço Social da Indústria (SESI) im Bundesstaat Pernambuco ernannt – einer von der Regierung eingerichteten und arbeitgeberfinanzierten Institution, die Gesundheitsversorgung, Wohnraum sowie Bildungs- und Freizeitangebote für Arbeiterfamilien anbot. 1961 wurde Freire Direktor der Abteilung für kulturelle Entwicklung der Universität Recife, wo er 1962 an einem bedeutenden Projekt zur Überwindung des Massenanalphabetismus arbeitete.
Dieses Projekt brachte Freire internationale Anerkennung ein – insbesondere weil es ihm gelang, Volkstraditionen einzubeziehen und er der kollektiven Aneignung von Wissen eine besondere Bedeutung beimaß. Freire begann damals, sogenannte »Kulturkreise« einzurichten – ein Begriff, den er den »Alphabetisierungsklassen« vorzog, da »Alphabetisierung« und »Analphabetismus« voraussetzten, dass Lesen und Schreiben überhaupt schon eine feste Rolle in der Lebenswelt der Arbeiter spielten.
In einem solchen Kulturkreis lernten dreihundert Zuckerrohrernter in erstaunlichen 45 Tagen lesen und schreiben. Durch diesen Erfolg ermutigt, plante die brasilianische Regierung unter Präsident João Goulart, rund 2.000 Freire-Kulturkreise einzurichten. Innerhalb von zwei Jahren sollten 5 Millionen Erwachsene alphabetisiert werden – so der Plan. Für Brasilien, in dem nur die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung lesen und schreiben konnte, wäre das eine enorme Errungenschaft gewesen.
»Das brasilianische Militär betrachtete Freire als einen ›internationalen Subversiven‹ und ›Verräter an Christus und dem brasilianischen Volk‹ und beschuldigte ihn, Brasilien in ein ›bolschewistisches Land‹ verwandeln zu wollen.«
Doch es kam nicht dazu. 1964 stürzte ein rechter Militärputsch die demokratisch gewählte Regierung Goulart. Freire wurde kommunistischer Propaganda beschuldigt, verhört und verhaftet. Nachdem die Militärregierung ihn siebzig Tage lang festgehalten hatte, ging Freire ins Exil. Er fürchtete, dass ihn seine federführende Rolle in der nationalen Alphabetisierungskampagne zum Ziel von Mordanschlägen machen könnte. Tatsächlich betrachtete das brasilianische Militär Freire als einen »internationalen Subversiven« und »Verräter an Christus und dem brasilianischen Volk« und beschuldigte ihn, Brasilien in ein »bolschewistisches Land« verwandeln zu wollen.
Freires sechzehn Jahre im Exil waren sowohl turbulent als auch produktiv: Nach einem kurzen Aufenthalt in Bolivien verbrachte er fünf Jahre in Chile, wo er sich in der christdemokratischen Agrarreformbewegung engagierte und als UNESCO-Berater für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen tätig war. Im Jahr 1969 war er Gastprofessor an der Harvard University, bevor er im folgenden Jahr in die Schweiz ging. In Genf beriet er das Bildungsbüro des Weltkirchenrats und half, Alphabetisierungsprogramme unter anderem für Tansania, Guinea-Bissau und Mosambik zu konzipieren, bei denen die Re-Afrikanisierung dieser Länder im Zentrum stand. Auch unterstützte er die Regierungen von Peru und Nicaragua bei ihren eigenen Alphabetisierungskampagnen.
1980 kehrte Freire schließlich nach Brasilien zurück, lehrte an verschiedenen Universitäten von São Paulo, leitete das Programm der Arbeiterpartei zur Erwachsenenalphabetisierung in der Region und setzte sein Engagement von 1989 bis 1992 auch als Bildungsminister der Stadt fort.
Die Weltalphabetisierung
Während seiner Zeit im Exil verfasste Freire eine Reihe von Schriften, die bald zu Klassikern werden sollten. Freires Werk wurde später auch von Pädagoginnen, Philosophen und Aktivistinnen in Nordamerika und Europa aufgegriffen. Am stärksten prägte es jedoch den Globalen Süden. Es beeinflusste zahllose soziale Bewegungen in kleinen Gemeinden sowie städtischen Barrios und Favelas – und wurde umgekehrt auch von ihnen beeinflusst: angefangen beim Kampf gegen die Apartheid in Südafrika bis hin zur Bewegung der Landlosen in Brasilien.
Für Freire entstammten seine Lehren einem spezifisch brasilianischen Kontext. Daher ermutigte er Gleichgesinnte in anderen Ländern stets dazu, seine Arbeit immer neu zu denken, anstatt sie einfach über nationale Grenzen hinweg zu »verpflanzen«. So war er auch selbst einst vorgegangen, als er die Erfahrungen anderer Länder mit Kampagnen zur Massenalphabetisierung für Brasilien adaptierte.
Freire traf den Architekten der kubanischen Alphabetisierungskampagne, Raúl Ferrer, 1965 auf der Weltkonferenz gegen Analphabetismus in Teheran und noch einmal 1979, um die Rolle der Alphabetisierung in der sandinistischen Revolution in Nicaragua zu diskutieren. Freire betrachtete die kubanische Kampagne, die in weniger als einem Jahr über 900.000 Menschen alphabetisiert hatte, als eine der großen Bildungsleistungen des 20. Jahrhunderts. Über die Kampagne der Sandinisten in Nicaragua äußerte er sich in ähnlicher Weise.
Freire bezeichnete den kubanischen Unabhängigkeitskämpfer José Martí öffentlich als einen der wichtigsten revolutionären Denker des 20. Jahrhunderts und bewunderte auch Fidel Castro und Ernesto Che Guevara. Venezuelas Präsident Hugo Chavez wiederum war ein großer Bewunderer Freires. 1997 sollte Freire in Kuba von Castro einen Preis für sein Lebenswerk als Pädagoge verliehen bekommen. Doch eine Woche vorher, am 19. September, verstarb Freire unerwartet. Nach Aussagen von ihm nahestehenden Personen wäre diese Auszeichnung für ihn die wichtigste in seinem Leben gewesen.
Ein marxistischer Katholik
Den Kapitalismus herauszufordern, war für Freire etwas Dringliches und Notwendiges. Er beschrieb nicht oft im Detail, wie er sich eine sozialistische Alternative vorstellen würde, doch er verfolgte entschieden eine materialistische Erkenntnistheorie und hielt sein Leben lang an seinem Glauben an das menschliche Handeln und die soziale Kraft der Sprache fest. Freire war ein entschlossener Marxist, doch er sprach nicht im üblichen marxistisch-leninistischen Jargon. So predigte er etwa nicht, aller Wert stamme aus der Produktionssphäre, und er glaubte auch nicht, das Schulsystem würde in erster Linie dem Kapital dienen.
Er vertrat aber durchaus die Ansicht, dass die kapitalistische Bildung die sozialen Verhältnisse einer unterdrückerischen und ausbeuterischen Gesellschaftsordnung reproduziert. Und er glaubte, dass die althergebrachte Formel der »Verbesserung des eigenen Loses« durch Bildung der Individualisierung und Entsolidarisierung dient.
Freire war ein ausgezeichneter Philosoph, doch anstatt von der Gesellschaft abgehoben zu sinnieren, nutzte er die Philosophie, um seine emanzipatorische Pädagogik voranzutreiben. Seine Vision der Befreiung von autoritären Erziehungsformen leitete er aus der Hegelschen Dialektik von Herr und Knecht ab; seine Beschreibung der Selbsttransformation der Unterdrückten war vom Existentialismus Martin Bubers und Jean-Paul Sartres inspiriert; und seine Überzeugung, dass soziale Beziehungen geschichtlich gemacht sind, war dem historischen Materialismus von Karl Marx entliehen.
»Wenn ich den Armen zu essen gebe, nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen nichts zu essen haben, nennen sie mich einen Kommunisten.« — Dom Hélder Câmara
Außerdem betonte Freire die Liebe als notwendige Voraussetzung für wahre Erziehung. Darin zeigt sich seine enge Verbundenheit mit der radikalen christlichen Befreiungstheologie. Dom Hélder Câmara, ein römisch-katholischer Erzbischof von Olinda und Recife, der Freire stark beeinflusst hat, brachte den Geist der Befreiungstheologie einmal wie folgt auf den Punkt: »Wenn ich den Armen zu essen gebe, nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen nichts zu essen haben, nennen sie mich einen Kommunisten.«
Freire selbst war ebenfalls Katholik, doch er sorgte sich nicht übermäßig um »Religiösität«. Vielmehr bewegte ihn die Vorstellung einer befreiten Kirche – in einer Region, in der ein Großteil des Bildungssystems noch immer von religiösen Autoritäten kontrolliert wurde. Er wünschte sich eine Kirche, die sich an die Seite der Opfer des Kapitalismus stellen würde – er nannte sie »die prophetische Kirche«. Aufgrund dieser Vision lud der Priester Gustavo Gutierrez – der den zentralen Grundsatz der Befreiungstheologie, die »Option für die Armen«, festschrieb – Freire dazu ein, einige der Schlüsselelemente dieser damals entstehenden Lehre auszuarbeiten.
Die Pädagogik der Unterdrückten
Trotz seiner Verbindungen zur Befreiungstheologie lässt sich Freire am besten als ein »Philosoph der Praxis« beschreiben. Seine Philosophie zielt darauf ab, den Menschen dabei zu helfen, ihre Menschlichkeit zu entfalten – ein politisches und ethisches Projekt, das bedeutet, die Welt sowohl zu verstehen als auch zu verändern. Das hat Freire mit seinem populären Ausspruch »das Wort und die Welt lesen« gemeint.
Freire war wie kein zweiter von der Macht des gesprochenen und geschriebenen Wortes überzeugt. Diese Macht offenbare uns die Welt, wie sie vor uns liegt, aber auch wie sie sein könnte. Freire war überzeugt: Lesen und schreiben zu können, ermöglicht es den Menschen, in der Dimension des Konjunktivs zu leben – in einem Zustand des »Als ob«, der Wege zu neuen Welten eröffnet.
Ein weiteres von Freires Konzepten, das »nie dagewesene Machbare«, impliziert eine ausgefeilte Philosophie der Hoffnung, die entrechtete Gruppen dazu aufruft, ihre »Grenzsituationen« – die Beschränkungen, die ihrer Menschlichkeit auferlegt wurden – zu überwinden und diese widrigen Bedingungen in einen Raum für kreative Experimente zu verwandeln. Das war es, was für Freire bei der Alphabetisierung auf dem Spiel stand: eine kulturelle Praxis, die Menschen entmündigen und ausschließen, genauso gut aber auch befreien kann.
Freires Pädagogik stützt sich auf eine komplexe, aber solide materialistische Weltsicht. Für Freire verwandelt jede Handlung in der Welt notwendigerweise die Welt, wie wir sie kennen – und das wiederum verändert die Art und Weise, wie die Menschen daraufhin in der Welt handeln. Es geht ihm darum, dass die Einzelnen lernen, als Subjekte in einer dynamischen und offenen Welt zu agieren, anstatt ein passives Objekt in einem geschlossenen, unveränderlichen System zu bleiben. Dies war Freires Vision, wie die Unterdrückten ihre Unterdrückung überwinden können.
»Dialog« und »Dialektik« sind Schlüsselbegriffe in Freires Vokabular. Die dialogische »Begegnung«, wie Freire sie nannte, ist das Gegenteil der Indoktrination, die rechte Kritiker ihm unterstellen. Freire kämpfte gegen das, was er als »Bankiers-Erziehung« bezeichnete, wobei die lehrende Person hergebrachtes Wissen in die Gehirnwindungen der unglücklichen Schülerinnen und Schüler einlegt. Eine derartige Erziehung sei erstens sozial unterdrückend und gehe zweitens von einer feststehenden Welt aus, sodass man dieselben Lektionen unendlich wiederholen könnte. Wie Freire in der Pädagogik der Unterdrückten schreibt:
»Unsere gegenwärtige Welt ist in vielerlei Hinsicht eine, die Freire zu verhindern suchte.«
»Da nun der Dialog jene Begegnung ist, in der die im Dialog Stehenden ihre gemeinsame Aktion und Reflexion auf die Welt richten, die es zu verwandeln und zu vermenschlichen gilt, kann dieser Dialog nicht auf den Akt reduziert werden, daß eine Person Ideen in andere Personen einlagert. Er kann auch nicht zum bloßen Austausch von Ideen werden, die die Diskutierenden dann konsumieren. […] Weil der Dialog Begegnung zwischen Menschen ist, die die Welt benennen, darf er keine Situation bilden, in der einige Menschen auf Kosten anderer die Welt benennen.«
Freire ermutigt uns, als Subjekte aus dem Gefängnis des vorgefertigten Wissens und den damit verbundenen Herrschaftsverhältnissen auszubrechen, indem wir die materiellen Bedingungen, die uns formen, verändern. Sich an die Seite der Unterdrückten zu stellen, war für Freire nicht nur ein ethischer Imperativ – wie für die Befreiungstheologie –, sondern auch ein erkenntnistheoretischer: Nur so könne man mit der Vorstellung brechen, es gäbe ein Reich reiner Ideen, die von designierten Autoritäten herausgepickt und weitergegeben werden könnten. Freire denkt Wahrheit dialogisch – es geht immer um das Selbst und den Anderen und die dialektischen Widersprüche, durch die beide miteinander verbunden sind.
Freire heute
Freire hat sich stets dagegen gewehrt, mit den verschiedenen Bewegungen und Strömungen im Bildungswesen in eins gesetzt zu werden, denen er angeblich angehörte – sei es Bildung von unten, Reformpädagogik, Erwachsenenbildung, Educational Change, non-formale Bildung oder marxistische Pädagogik. Während einige dieser Strömungen schließlich Bildungspolitik-»Experten« in die Hände fielen, blieb Freires Projekt konsequent eine Pädagogik der Unterdrückten.
Unsere gegenwärtige Welt ist in vielerlei Hinsicht eine, die Freire zu verhindern suchte: Nicht nur in Brasilien werden Lehrende für evidenzbasiertes Denken kritisiert und das Lernen durch Problemlösen durch rechte Kulturkämpfe zurückgedrängt. Was wir heute in unseren Schulsystemen brauchen, ist eine Pädagogik, die Schülerinnen und Schülern beibringt, ihre Lebenserfahrungen in einem breiteren soziopolitischen Kontext zu begreifen.