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»Marluce, was steht heute auf dem Schild der Essensausgabe?«

Paulo Freires Befreiungspädagogik in der Praxis: bei meiner Lehrerin, meinen Tanten und mir.

»Marluce, was steht heute auf dem Schild der Essensausgabe?«
Meine Lehrerin Maria José und ich bei einem Schulfest zum Kindertag »Tag Unserer Lieben Frau von Aparecida«. Recife, 1980er.
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In einer meiner ältesten Erinnerungen weine ich auf dem Schoß meiner ersten Lehrerin, Maria José. Damals besuchte ich die kostenlose katholische Schule São Vicente de Paulo im Viertel Boa Vista in der Stadt Recife, der Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco im Nordosten Brasiliens. Bundesstaaten wie Rio oder São Paulo sind weithin bekannt, aber von Pernambuco haben viele wahrscheinlich noch nie etwas gehört. Dabei war Pernambuco das erste Wirtschaftszentrum Brasiliens und bis zum 18. Jahrhundert der reichste Teil des portugiesischen Amerika.

Pernambuco ist die Region, wo die Clarice Lispector 1922 als Baby ankam, um eine der größten portugiesischsprachigen Schriftstellerinnen aller Zeiten zu werden. Dort wurden auch der Dichter João Cabral de Melo Neto, der 1999 beinahe den Literaturnobelpreis erhalten hätte (stattdessen bekam ihn Günter Grass), und der Geograf Josué de Castro, Autor der bahnbrechenden Studie Geopolitik des Hungers, geboren. Der heutige brasilianische Präsident Lula da Silva stammt aus Pernambuco, ebenso wie Paulo Reglus Neves Freire. Freire, der wie ich in Recife geboren wurde, ist einer der wohl berühmtesten Pernambucaner überhaupt – und zweifellos einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, obwohl ich ihn nie kennengelernt habe.

Aber als ich auf dem Schoß meiner Lehrerin in der katholischen Schule weinte, wusste ich das noch nicht. Das muss 1986 gewesen sein, wenige Monate nach dem offiziellen Ende unserer zweiten Militärdiktatur (die erste dauerte von 1937 bis 1945, die zweite von 1964 bis 1985). Wir lebten noch unter der Militärverfassung, die Präsidentschaftswahlen sollten erst 1989 stattfinden. Ich weinte in diesem Moment deshalb, weil ich ungeheuerliche Angst davor hatte, an nationalen und lokalen Feiertagen mit der Militärpolizei mitmarschieren und mit ihnen (und für sie) die brasilianische Hymne singen zu müssen. Die wöchentlichen Proben dafür fanden in der Schule statt, die direkt neben einer Kaserne der Militärpolizei von Pernambuco lag.

Das Militär, das in der Schule der Ordensschwestern aufmarschierte, war dasselbe, das während der sogenannten »Anos de Chumbo«, den schwersten Jahren der Militärdiktatur, viele linksgerichtete Katholikinnen und Katholiken verfolgt und getötet hatte. Aber ich war offensichtlich nicht alt genug, um zu begreifen, was dieser Quatsch mit den Märschen politisch bedeutete – und wo mein Unbehagen damit herrührte.

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Ich wusste jedoch mit Sicherheit, dass ich in einem Haus aufwuchs, in dem Frauen zahlenmäßig in der Mehrheit waren, und dass es an sich schon lästig war, unfreiwillig von so vielen Männern umgeben zu sein. Außerdem war das Militär zumindest teilweise dafür verantwortlich, dass in meinem Haus – wie in vielen anderen auch – so viele Männer fehlten. Die Abwesenheit meines Vaters zum Beispiel hatte mit den gleichen Militärs zu tun, die in meiner Schule aufmarschierten – er war Teil der Studentenbewegung gewesen und hatte das Land verlassen, als meine Mutter noch schwanger war. Wir trafen uns erst 1987, als er aus dem Exil zurückkehrte und die Hoffnungen auf die noch bevorstehenden Demokratisierungsprozesse langsam Wirklichkeit zu werden begannen.

Meine Lehrerin akzeptierte die Angst, die ich während der Militärparaden an meiner Schule verspürte. Sie hat mir nie ein schlechtes Gewissen eingeredet, weil ich nicht mitmachen wollte. Ich erinnere mich auch nicht daran, dass sie jemals die anderen Schülerinnen und Schüler ermutigte, an den bescheuerten Aufmärschen teilzunehmen. Innerhalb der Grenzen, die ihre Vorgesetzten und die Repression ihr setzten, fand sie einen Weg, die Proben diskret zu boykottieren. Ich weiß nicht, ob Maria José eine Anhängerin von Freires Pädagogik, also eine »Freireanierin« war, und bis heute weiß ich nichts über ihre politischen Neigungen. Es ist auch schwer vorstellbar, dass eine katholische Lehrerin in den 1980er Jahren mit einem Pädagogen sympathisierte, der vom Militär als »Verräter Christi« verfolgt und verhaftet wurde. Dennoch ist es vorstellbar, dass sie auf eine gewisse Art zumindest freireanisch war.

»Meine Lektüre von Marx hat mir niemals vermittelt, dass ich aufhören würde, an allen Ecken der Elendsviertel Christus zu finden.«— Paolo Freire

Der erste Hinweis, der sie vielleicht näher an Freire heranrückt, ist die Tatsache, dass er selbst katholisch war – und zwar ganz offen. Ohne Umschweife ging er davon aus, dass sein Glaube sein Denken und Handeln in der Welt beeinflusste: »Ich brauchte nie wissenschaftliche Argumente, um mich als Christ zu rechtfertigen. Als ich noch sehr jung war, ging ich in die Favelas von Recife, in die ländlichen Gebiete von Pernambuco, um mit den Bauern, mit den Bewohnern der Favelas zu arbeiten, bewegt von einer gewissen Treue zu Christus, mit dem ich mehr oder weniger als Genosse verbunden war. Aber als ich dort ankam, führte mich ihre harte Realität zurück zu Marx. Und ich ging zu Marx. Und das ist der Punkt, an dem die europäischen Journalisten meine Aussage missverstanden haben: Je mehr ich Marx las, desto mehr fand ich eine gewisse objektive Grundlage, um ein Genosse Christi zu bleiben. Meine Lektüre von Marx hat mir niemals vermittelt, dass ich aufhören würde, an allen Ecken der Elendsviertel Christus zu finden. Ich blieb bei Marx in der Weltlichkeit und suchte Christus in der Transzendenz.«

Das Christentum inspirierte Paulo Freire also von Grund auf – und mit der Verschärfung der Diktaturen auf dem Kontinent wurde das lateinamerikanische Christentum wiederum vom Pädagogen Freire inspiriert. Hierin liegt ein weiterer Hinweis darauf, dass Maria José eine katholische und freireanische Lehrerin gewesen sein könnte: Recife im Besonderen (und der brasilianische Nordosten insgesamt) war eines der Epizentren der Befreiungstheologie, also jenes theologischen Ansatzes, der den christlichen Glauben mit einem kritischen Denken verbindet, um die Befreiung der unterdrückten Völker zu erreichen.

In Recife wirkten legendäre Persönlichkeiten wie Erzbischof Dom Hélder Câmara und Pater Reginaldo Veloso, die beide wegen ihres linken politischen Engagements von der Militärdiktatur (und den konservativen Teilen der katholischen Kirche) verfolgt wurden. Dom Hélder Câmara war so etwas wie ein Superstar – der Brasilianer, der mit vier Nominierungen am häufigsten für den Friedensnobelpreis in Betracht gezogen wurde. Die katholische Kirche im brasilianischen Nordosten, einer Region, die seit jeher für Volksaufstände der Armen bekannt ist, wurde zunehmend politisiert. Und vielleicht gehörte meine Lehrerin selbst zu dieser Liste von Leuten. Aber das werde ich wohl nie erfahren.

Was ich jedoch weiß: Obwohl ich in Recife geboren, aufgewachsen und ausgebildet worden bin, kam ich im Unterricht nie mit Freires Pädagogik in Berührung. 1989 zog ich in ein anderes Stadtviertel und wechselte damit auch die Schule. Von da an hatte ich das Pech, das zu erleben, was Freire die »Bankiers-Methode« nennt: Eine Erziehung, die auf neoliberalen Wettbewerb und Zynismus ausgerichtet ist. Ich lernte den Stoff auswendig, lernte, gute Noten zu bekommen und mich als Individuum hervorzutun, um eines Tages einen Job zu haben und bis zu meinem Tod zu arbeiten. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, an den wohl berühmtesten Satz zu erinnern, der Freire zugeschrieben wird: »Wenn Bildung nicht befreiend ist, dann ist es der Traum des Unterdrückten, zum Unterdrücker zu werden.«

Es ist einzig meinen familiären Beziehungen zu verdanken, dass es nicht mein Traum wurde, selbst zu einer Unterdrückerin zu werden. Der Freire’sche Humanismus, der in meiner Schulbildung fehlte, war in meinem Zuhause sehr präsent. Meine Großeltern mütterlicherseits hatten sechzehn Kinder, von denen neun Frauen waren, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten, von denen sechs Lehrerinnen wurden – darunter meine Mutter. Zu Hause wurde unser zusammengewürfelter (und etwas chaotischer) lateinamerikanischer Katholizismus stark von den humanistischen Prinzipien Hélders und Freires beeinflusst. Um es klar zu sagen: Keine von ihnen war Marxistin oder bezeichnete sich als Freireanerin, aber bei so vielen Lehrerinnen in einem einzigen Haus war er dennoch allgegenwärtig.

»Eine Lehrerin, die Freire liest, wird zu einer anderen Art von Lehrerin.«

Meine Geschichte ist nur ein Beispiel für die Tragweite von Freires Werk – und genau darin liegt seine Kraft. Es ist genau diese Art, in alle Kapillaren des Lebens vorzudringen, die seinem Werk eine enorme Kraft verleiht und sein Vermächtnis zu einer lebendigen Sache macht. Wir sprechen oft über sein Vermächtnis als Pädagoge, Politiker, Schriftsteller, Denker – aber am beeindruckendsten ist die Tiefe, mit der seine Lehren das Leben der einfachen Menschen im Globalen Süden durchdrungen haben.

Freires Konzept »Wort-im-Handeln« (palavração) schlägt vor, die Welt zu verändern, und zwar nicht nur durch eine kritische Pädagogik, sondern durch die Art und Weise, wie unterdrückte Völker miteinander interagieren – gegen gemeinsame Unterdrücker. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man nach der Lektüre von etwas Bedeutendem durch den Text verändert wird. Mit Freire ist es so, dass es nach dem Kontakt mit seinem Werk schwierig ist, sich weiter so zu anderen Menschen zu verhalten wie vorher. Und natürlich wird eine Lehrerin, die Freire liest, zu einer anderen Art von Lehrerin. Was man von ihm lernt, verändert die Beziehungen auf sehr praktische Weise, denn er lehrt uns unter anderem, dass es zur Veränderung der Welt notwendig ist, die Freude am gemeinsamen Leben und Lernen zu kultivieren und die Schönheit in unseren Interaktionen und in unserer Umgebung zu pflegen.

Kürzlich, als ich mich auf das Schreiben dieses Textes vorbereitete, fragte ich Rosângela Bezerra (auch genannt Tante Bija, eine meiner Lehrertanten), was ihr größter Traum als brasilianische Pädagogin ist, die im öffentlichen Schulsystem der Stadt Caruaru in Pernambuco arbeitet. Und sie erzählte mir diese kleine Geschichte, die die eben erwähnte Transformation der Einzelnen gut illustriert:

»Als ich vor mehr als zwanzig Jahren meinen ersten Alphabetisierungskurs für Jugendliche und Erwachsene übernahm, schlug ich an meinem ersten Tag einen Gesprächskreis mit dem Thema ›Träume‹ vor. Ich hatte einige Schwierigkeiten bei der Durchführung des Kurses, denn diese Menschen sind es gewohnt, Befehle zu erhalten, nicht aber, konsultiert, gefragt oder gehört zu werden. Während ich ihnen zuhörte, schrieb ich jeden Traum auf. In einem der Berichte erzählte eine Schülerin, dass sie jeden Tag zu einer Essensausgabe ging, um zu Abend zu essen, bevor sie in den Unterricht kam, und dass sie nie wusste, was sie essen würde, bis sie ihren Teller bekam, weil sie nicht lesen konnte – und sich schämte, zu fragen. Sie erzählte, dass es ihr Traum war, lesen zu können, was auf der Tafel stand, auf der das Tagesgericht angegeben war. Das machte einen großen Eindruck auf mich. Später, am Ende des Schuljahres, in unserer letzten Unterrichtsstunde, brachte ich das Thema erneut zur Sprache – jeder Schüler und jede Schülerin sollte sich an die Träume erinnern, die sie zu Beginn des Jahres geträumt hatten. Als diese Schülerin an der Reihe war, fragte ich: ›Marluce, was steht heute auf dem Schild der Essensausgabe?‹ Und sie antwortete: ›Heute gibt es Suppe!‹ In diesem Moment ging nicht nur ihr Traum in Erfüllung, sondern auch meiner.«

Adelaide Ivanova

Adelaide Ivánova ist Dichterin. Sie hat fünf Bücher veröffentlicht, darunter

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