Im Laufe seines Lebens hat sich Ibrahim Hassan Mohammed Abu D’ema des Öfteren dabei ertappt, wie er in Tagträumen an seine Kindheit im Gazastreifen zurückdachte – an die malerische Mittelmeerküste, das Rauschen der Wellen, die sonnengefluteten Straßen mit den bunt blühenden Blumen und den frischen Fisch aus dem Meer.
Diese Erinnerungen waren für den heute 72-Jährigen ein Trost, als er sich im Geflüchtetenlager Al-Wehdat in Jordaniens Hauptstadt Amman zurechtfinden musste. Er und seine Familie waren dorthin geflohen, nachdem Israel während des Dritten Arabisch-Israelischen Krieges 1967 die Kontrolle über den Gazastreifen und das Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, übernommen hatte. Der damalige Sechstagekrieg war der Beginn der nach wie vor anhaltenden militärischen Besetzung der palästinensischen Gebiete durch Israel.
Abu D’emas Familie war zuvor schon einmal geflüchtet: Sie fand sich in Chan Yunis wieder, der zweitgrößten Stadt des Gazastreifens, nachdem zionistische Milizen sie während der Gründung des Staates Israel 1948 aus ihrem Haus in Yaffa (heute Teil der israelischen Großstadt Tel Aviv) vertrieben hatten. In dieser Zeit der »Nakba« – das heißt »Katastrophe« – wurden etwa 750.000 Menschen von ihrem Land verjagt, das nun zum israelischen Staatsgebiet wurde.
D’emas Familie verlor alles, konnte sich aber im Gazastreifen, der unter ägyptischer Kontrolle stand, für etwa zwei Jahrzehnte eine neue Heimat schaffen. Dann waren sie erneut gezwungen, zu fliehen. »Gaza war sehr schön«, erzählt D’ema. Er sitzt vor einem Laden in der Nähe seines Hauses in Amman, wo er auch heute noch lebt. Er war fünfzehn Jahre alt, als er aus der Küstenenklave floh. »Gaza war ein Stück vom Paradies. Das Leben war sehr erfüllt, und wir waren sehr zufrieden. Wir wären für immer dort geblieben, wenn wir gekonnt hätten.«
In den vergangenen Monaten musste Abu D’ema aber mit Entsetzen beobachten, wie diese Heimat seiner Kindheit in Schutt und Asche gelegt wird. Israels beispiellose Bombardierung und Bodeninvasion des Gazastreifens – eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt – hat bislang mehr als 29.000 palästinensische Leben gekostet. Die meisten Opfer sind Frauen und Kinder.
Israels Attacken erfolgen als Reaktion auf den Überfall am 7. Oktober unter Führung der Hamas, die im Gazastreifen die Macht innehat. Bei dem Angriff auf den Süden Israels wurden rund 1.100 Menschen getötet und mehr als 240 Israelis sowie einige ausländische Staatsangehörige als Geiseln genommen.
»Israel hat ein Bild des Gazastreifens als Ort der Armut und des Elends verbreitet – ein Ort, an dem niemand sein will und der von Menschen bewohnt wird, die niemand haben will.«
Seitdem ist der Norden des Gazastreifens in Grund und Boden bombardiert worden. Israel hat außerdem seine Operationen im Zentrum und im Süden des Gebiets intensiviert. »Was Israel dem Gazastreifen gerade antut, ist viel, viel schlimmer als alles, was wir bisher erlebt haben«, meint D’ema. Er habe seit dem 7. Oktober fünf seiner Cousins durch israelische Angriffe verloren. »Es fällt mir sogar schwer, meine Erfahrungen von 1967 mit dem zu vergleichen, was heute in Gaza passiert.«
Er sei sich aber sicher: »Egal was passiert, der palästinensische Widerstand wird niemals sterben und wir werden niemals aufhören, bis wir in unser Land zurückkehren. Solange noch ein einziger Palästinenser am Leben ist, werden wir weiterkämpfen.«
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Zerstörte Wahrzeichen
Im Fernsehen sehen wir zerstörte Stadtviertel und verzweifelte Menschen, die in notdürftigen Zelten Schutz suchen. Es ist schwer vorstellbar, dass Gaza einst ein blühendes Kultur- und Handelszentrum war. Über Jahrzehnte hinweg habe Israel »ein Bild des Gazastreifens als Ort der Armut und des Elends verbreitet – ein Ort, an dem niemand sein will und der von Menschen bewohnt wird, die niemand haben will«, sagt Ehab Bseiso, ein palästinensischer Akademiker und Vizepräsident der Universität Dar al-Kalima in Bethlehem.
Er spricht von einer »bewussten Strategie, Gaza als Wüste oder als einen Ort darzustellen, der zivilisiert werden muss. Doch das ignoriert die Tatsache, dass der Gazastreifen schon lange vor der Nakba die Heimat florierender Zivilisationen war«.
Anthedon, der erste Seehafen in Gaza, entstand vor mehreren tausend Jahren und ist einer der ältesten Häfen im Mittelmeerraum. Gaza war einer der frühesten Mittelpunkte des Christentums in Palästina. Die St.-Porphyrius-Kirche, ein griechisch-orthodoxes Gotteshaus in der Altstadt von Gaza-Stadt, gilt als die drittälteste Kirche der Welt.
Gaza, das Tor zwischen der Levante und Afrika, bildete jahrhundertelang ein regionales Handelszentrum. Vor mehr als 1.500 Jahren soll der Urgroßvater des Propheten Mohammed, Hashim, mit einer Handelskarawane aus der arabischen Stadt Mekka nach Gaza gereist sein. Nachdem er dort erkrankt und gestorben war, wurde sein Leichnam in Gaza beigesetzt. Man vermutet, dass sich sein Grab unter der Moschee Sayed al-Hashim in der Altstadt befindet, die im 12. Jahrhundert erbaut und nach ihm benannt wurde. »Dies zeigt uns, dass Gaza ein soziokulturelles Zentrum war, das Menschen aus ganz Arabien anzog, um dort mit der Welt Handel zu treiben«, erklärt Bseiso, der selbst aus Gaza stammt.
In den vergangenen Wochen und Monaten hat Israels Armee fast 200 historische und kulturelle Stätten in Gaza zerstört oder beschädigt, darunter auch den Hafen Anthedon, die St.-Porphyrius-Kirche und die Sayed al-Hashim-Moschee.
Vor gut hundert Jahren habe sich die Jahrtausende alte Geschichte des Gazastreifens allmählich in »Modernität und Weltoffenheit« verwandelt, so Bseiso. Das anglikanische Krankenhaus wurde 1906 erbaut und entlang der Strände von Gaza wurden mehrere beeindruckende Hotels errichtet. Sie alle sind inzwischen durch Luftangriffe zerstört worden.
»Die Landwirte in Gaza bezeichneten die heimischen Erdbeeren stolz als ›rotes Gold‹.«
Im Jahr 1948 wurden im Zuge der Gründung des neuen Staates Israel etwa 80 Prozent der in der Region lebenden Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben. Da mehr als 200.000 Geflüchtete nach Gaza flohen, explodierte die Bevölkerung der kleinen Enklave und verdreifachte sich praktisch über Nacht. Bseiso zufolge wurden viele dieser Menschen aus Dörfern vertrieben, die in dem Gebiet liegen, das heute als Gaza Envelope oder Gazagürtel bezeichnet wird. Diese Region umfasst israelisch besiedelte Gebiete im Süden Israels, die weniger als knapp 7 Kilometer von den Grenzen des Gazastreifens entfernt sind.
Andere Geflüchtete kamen aus Isdud, einem Küstendorf nordöstlich des Gazastreifens, das von zionistischen Milizen während der Nakba teilweise zerstört wurde, oder aus al-Majdal, einer palästinensischen Stadt, aus der sowohl die muslimische als auch die christliche Bevölkerung vertrieben wurde. Als Jüdinnen und Juden sie ersetzen, wurde al-Majdal in Aschkelon umbenannt.
Einige, wie die Familie von Abu D’ema, kamen nur mit den Kleidern, die sie am Leib trugen, aus dem 40 Kilometer entfernten Yaffa. Es wurden provisorische Geflüchtetenlager errichtet. Und wie die behelfsmäßigen Zelte mit der Zeit zu kleinen Häusern wuchsen, wuchs auch die Wut. Heute sind etwa 80 Prozent der Bevölkerung des Gazastreifens selbst Geflüchtete oder Nachkommen der 1948 aus ihrer Heimat Vertriebenen.
Trotz aller Schwierigkeiten, die die Unterbringung der zahlreichen Geflüchteten mit sich brachte, hatte der Gazastreifen damals nichts von seiner Schönheit und Vitalität eingebüßt. Seine Blumen, Orangen und anderen Früchte waren weltweit bekannt und sehr gefragt. Die Landwirte in Gaza bezeichneten die heimischen Erdbeeren stolz als »rotes Gold«; ihre Exporte garantierten ein stetiges Einkommen. Gaza war darüber hinaus zeitweise einer der weltweit größten Blumenexporteure.
»Dieser Ort war wunderschön«, betont Bseiso. »Es ist wichtig zu wissen, dass Gaza nicht dem Bild entsprach, das Israel verbreitete. Es war kein Ort des Elends, der Armut und der Frustration. Es war ein sehr reicher Ort – voller Kultur, Freude und Wohlstand. Das galt bis 1967, als der Gazastreifen vollständig von den Israelis besetzt wurde.«
Der Sechstagekrieg 1967
1967 steckte Omar Mahmoud Dras mitten in seinen Schul-Abschlussprüfungen, als die ersten Bomben fielen. Der damals 17-Jährige ließ buchstäblich den Stift fallen und rannte zum Haus seiner Familie in Chan Yunis. »Wir hatten nicht damit gerechnet«, erinnert sich Dras heute. »Wir flohen mit einem kleinen Vorrat an Lebensmitteln und Wasser aus unserem Haus und versteckten uns in der Nähe des Meeres. Tagelang war der Himmel unsere Decke und der nackte Boden unsere Matratze.«
Die Jahre nach der Gründung Israels waren von regionalen Spannungen im gesamten Nahen Osten geprägt. Entlang der einseitig erklärten Grenzen Israels zu Syrien und Jordanien kam es immer wieder zu Zusammenstößen. Tausende palästinensische Geflüchtete versuchten, auf der Suche nach Verwandten (oder nach ihrer Heimat und ihrem verlorenen Besitz), nach Israel zu gelangen, wobei viele von ihnen von den israelischen Streitkräften erschossen wurden.
Ab den 1950er Jahren verstärkten bewaffnete palästinensische Widerstandsgruppen ihre Angriffe auf Israel. Im Gegenzug verübte die israelische Armee einzelne Massaker in palästinensischen Dörfern. Die territorialen Streitigkeiten eskalierten zusehends, insbesondere zwischen Syrien und Israel. Dabei ging es vor allem um die Nutzung des Jordans und die israelischen Anbauflächen entlang der Grenze.
Am 5. Juni 1967 mobilisierte der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser in Reaktion auf israelische Drohungen gegenüber Syrien seine Bodentruppen auf der Sinai-Halbinsel. Israel antwortete mit einem Überraschungsangriff auf die ägyptischen Streitkräfte und schaffte es, deren Luftwaffe fast vollständig zu zerstören. Bald beteiligten sich auch Jordanien und Syrien an den Kämpfen.
Innerhalb von sechs Tagen gelang es Israel, die arabischen Streitkräfte zu zerschlagen, sie deutlich zurückzudrängen und die verbleibenden palästinensischen Gebiete im vormals jordanisch kontrollierten Westjordanland, einschließlich Ost-Jerusalem, sowie den ägyptisch kontrollierten Gazastreifen zu erobern. Israel nahm außerdem die syrischen Golanhöhen und die ägyptische Sinai-Halbinsel ein, die es allerdings 1982 an Ägypten zurückgab.
Israels vernichtender Sieg über die arabischen Armeen und die Übernahme des restlichen historischen Palästinas werden von der lokalen Bevölkerung als »Naksa« bezeichnet, was so viel wie »Rückschlag« oder »Niederlage« bedeutet. Etwa 300.000 weitere palästinensische Menschen wurden vertrieben und/oder aus ihren Häusern verjagt. Mindestens 130.000 wurden somit zum zweiten Mal zu Geflüchteten.
»Enttäuschte Hoffnungen, leere Versprechungen und immer wieder scheiternde Friedensverhandlungen sollten der Hamas zu immer größerer Stärke verhelfen.«
Während des Krieges bombardierte Israel unter anderem den Hauptbahnhof von Gaza-Stadt und kappte damit die Verbindung zu Ägypten. Auch der Flughafen von Gaza wurde zerstört. Er wurde 1998 wieder aufgebaut, um nur zwei Jahre später während der zweiten Intifada im Jahr 2001 erneut zerbombt zu werden. Landwirtschaftliche Flächen in Gaza wurden in Stützpunkte und Lager der israelischen Armee umgewandelt.
»Sie kannten keine Gnade«, erinnert sich Dras an die israelischen Soldaten, die in den Straßen von Chan Yunis auftauchten. »Sie konnten jeden, der ihnen gegenübertrat, umbringen. Sie machten keinen Unterschied zwischen alten Menschen, Frauen, Kindern. Wenn du dich bewegt hast, haben sie dich umgebracht.«
Am letzten Tag des Krieges von 1967 sah Dras plötzlich in der Ferne irakische Flaggen, die auf nach Chan Yunis einfahrenden Panzern flatterten. Einen kurzen Moment lang verspürte er Erleichterung und Freude. Schließlich hatte der Irak etwa 25.000 Soldaten zur Unterstützung der arabischen Streitkräfte gegen Israel entsandt. Dras glaubte, die Fahnen seien ein Zeichen für den Sieg der arabischen Allianz. »Aber es waren die Israelis, die ein Spiel mit uns spielten. Sie wollten uns nur demütigen, indem sie unsere Hoffnungen weckten, um sie dann wieder zu zerstören.«
Dras erzählt weiter, ein israelischer Soldat habe den Menschen, die in ihre Häuser zurückkehren wollten, über ein Mikrofon befohlen, sich nur mit weißen Flaggen zu nähern. Ähnlich wie die Hunderttausenden in Gaza, die in den vergangenen Wochen und Monaten stundenlang mit weißen Fahnen und ihren Ausweispapieren in Richtung Süd-Gaza liefen, sammelten Dras und seine Familie eilig weiße Kleidungsstücke und machten sich auf den Weg.
»Wir hatten große Angst«, sagt er kopfschüttelnd. »Wir dachten, dass sie uns jeden Moment töten würden.« Wie Abu D’ema fürchtete auch Dras’ Familie um ihr Leben und floh letztlich nach Jordanien. Auch für sie war das Ende der Reise das Geflüchtetenlager Al-Wehdat in der Hauptstadt Amman.
Menschenrechtsgruppen haben dokumentiert, dass Israel in der Vergangenheit (auch während der jüngsten Eskalation) mehrfach unbewaffnete Zivilistinnen und Zivilisten, die weiße Flaggen schwenkten, getötet hat: Zum Beispiel wurde eine palästinensische Frau im Gazastreifen von einem israelischen Scharfschützen erschossen, während sie mit ihrem Enkel, der eine weiße Fahne trug, entlang einer Evakuierungsroute ging, die Israel zuvor für sicher erklärt hatte. Kürzlich töteten israelische Soldaten drei israelische Geiseln, die sich ihnen oberkörperfrei, auf Hebräisch rufend und ebenfalls weiße Fahnen schwenkend näherten.
Nach dem militärischen Sieg von 1967 habe Israel der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland und im Gazastreifen eine »sehr brutale Militärherrschaft« auferlegt, meint Bseiso. Diese sei »darauf ausgelegt, den Geist der Menschen in Gaza und der Geflüchteten, die zu Einwohnern von Gaza wurden, zu brechen«. Gerade die vielen Geflüchteten in Gaza, deren Wut über ihre Vertreibung von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde, machten die kleine Enklave zu einem »Leuchtfeuer des palästinensischen Nationalismus«, so der Wissenschaftler weiter.
Zwei Jahrzehnte nach der Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens im Zuge des Sechstagekriegs brach in den 1980er Jahren die erste palästinensische Intifada im Camp Dschabaliya im Norden des Gazastreifens aus. Dschabaliya ist eines der größten Geflüchtetenlager in den palästinensischen Gebieten und einer der am dichtesten besiedelten Landstriche der Welt. In den jüngsten Auseinandersetzungen hat Israel weite Teile von Dschabaliya zerstört, das Areal aus der Luft bombardiert und dabei hunderte Menschen getötet.
Am 8. Dezember 1987 raste ein Fahrzeug der israelischen Armee in mehrere Autos, die palästinensische Tagelöhner von ihren Arbeitsplätzen in Israel zurück in den Gazastreifen brachten. Dabei wurden vier Männer getötet, von denen drei aus dem Camp Dschabaliya stammten. Viele sahen in dem Vorfall eine vorsätzliche Tat. Innerhalb weniger Stunden breiteten sich spontane Proteste, Demonstrationen und Aktionen des Ungehorsams von Dschabaliya auf den Rest des Gazastreifens, das Westjordanland und auch Israel aus.
Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), die damals von Jassir Arafat – dem Anführer und Gründer der Fatah-Partei, der zu dieser Zeit in Tunis im Exil lebte – angeführt wurde, sollten in den folgenden Jahren den politischen Kurs des Protests bestimmen. Dies gipfelte letztendlich darin, dass die PLO im Jahr 1993 den Staat Israel anerkannte und das Osloer Abkommen unterzeichnete – was nach wie vor den Zorn vieler Palästinenserinnen und Palästinenser auf sich zieht.
Die erste Intifada war auch die Geburtsstunde der Hamas. Hamas ist ein Akronym für Ḥarakat al-muqāwama al-islāmiyya, arabisch für »Islamische Widerstandsbewegung«. Enttäuschte Hoffnungen, leere Versprechungen und immer wieder scheiternde Friedensverhandlungen sollten der Gruppe in den kommenden Jahren zu immer größerer Stärke verhelfen.
Die Geschichte der Hamas
Der Name Hamas taucht erstmals offiziell im Januar 1988 auf, einige Wochen nach dem Beginn der ersten Intifada. Tatsächlich aber hatte die Gruppe ihre Reichweite seit Jahrzehnten unter dem Namen Palästinensische Muslimbruderschaft in sozialen und religiösen Sphären ausgebaut.
»Die Bruderschaft fungierte als soziale und religiöse Bewegung, die Netzwerke in Moscheen, gesellschaftlichen Vereinen und in verschiedenen anderen Bereichen des Lebens aufbaute sowie Bildungs- und medizinische Programme etablierte«, erklärt Khaled Hroub, Professor für Nahoststudien an der Northwestern University in Katar. Allerdings vermied die Gruppe jahrelang »jeglichen militärischen Widerstand gegen die israelische Besatzung«.
Israel selbst erteilte 1976 die Genehmigung, eine islamische Vereinigung zu gründen, die als Dachorganisation dienen sollte, um die Bruderschaft rechtlich und administrativ abzusichern. Der entsprechende Genehmigungsantrag wurde von Scheich Ahmad Jassin eingereicht, der 1948 aus al-Jura in der Nähe des heutigen Aschkelon geflohen war. Jassin galt somit als Gründer und geistiger Führer der Hamas – bis er 2004 von Israel getötet wurde.
Die Bruderschaft verfolgte eine langfristige Widerstandsstrategie, die sich hauptsächlich auf den Gazastreifen konzentrierte. Ihr Schwerpunkt lag darauf, der palästinensischen Jugend nationale und religiöse Grundsätze beizubringen und sie auf zukünftige Konfrontationen mit der israelischen Besatzung vorzubereiten. Hroub erklärt: »Sie vertraten den Standpunkt, dass wir noch nicht in der Lage seien, gegen Israel zu kämpfen, weil Israel sehr stark ist und über ein gewaltiges militärisches Arsenal verfügt. Wir wären die eindeutig schwächere Partei in diesem Konflikt. Deshalb müssten wir uns zunächst angemessen auf den Kampf vorbereiten.«
Die Hamas habe diesen langwierigen Ansatz »mit religiösem Eifer verfolgt, über viele Jahre. Das führte dazu, dass viele palästinensische Gruppierungen sie beschuldigten, stillschweigend oder indirekt mit der israelischen Besatzung zu kollaborieren«, so Hroub weiter. Kurz vor Ausbruch der ersten Intifada kam es dann jedoch zu einer »sehr hitzigen« Debatte innerhalb der Organisation. Viele Mitglieder vertraten die Ansicht, man habe sich über die Jahrzehnte ausreichend vorbereitet und es sei nun an der Zeit, zu den Waffen zu greifen und Israel direkt zu bekämpfen.
Der Ausbruch der ersten Intifada bot der Organisation eine günstige Gelegenheit, von ihrer bisherigen Taktik der Nicht-Konfrontation zum bewaffneten Kampf überzugehen. Zu Beginn des Aufstands strukturierte sich die Gruppe daher um. Dies war der Beginn der heutigen Hamas.
Es sei wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Hamas »eine Bewegung ist, die nicht bei null angefangen hat«, betont Hroub. »Sie haben den Namen und die Strategie geändert. Aber das Netzwerk, die Gründungsgeschichte, die Mitgliedschaften und alles, was sich seit Generationen entwickelt hatte, wurde jetzt auf das Feld des aktiven Widerstands verlagert. Deshalb war die Hamas von Tag eins an sehr stark.«
Der Aufstieg der Organisation erfolgte zur gleichen Zeit, als die PLO ihrerseits den umgekehrten Schritt tat und die Strategie vom bewaffneten Widerstand auf Friedensgespräche umstellte. »Nach vielen Jahren des bewaffneten Kampfes kam die PLO zu dem Schluss, dass wir uns die Friedensinitiativen anhören müssen, die uns vorgelegt werden«, so Hroub.
»Im Gegensatz zu anderen Kräften war die Hamas von Anfang an davon überzeugt, dass Oslo scheitern würde.«
Kurz nachdem die Hamas 1988 ihre eigene Charta veröffentlicht hatte, in der sie die klare Ablehnung des Staates Israel und die Unteilbarkeit des historischen Palästina betont, hielt Arafat in Algier eine Rede, in der er die Unabhängigkeit eines Staates Palästina erklärte. Er berief sich dabei auf internationale Resolutionen und verdeutlichte die Bereitschaft der PLO, einen Staat bestehend aus Westjordanland und Gazastreifen mit Ostjerusalem als Hauptstadt zu akzeptieren. Die Hamas interpretierte diesen Schritt als Eingeständnis der Niederlage und Kapitulation der PLO vor Israel.
»An diesem entscheidenden Punkt gibt es somit zwei Strömungen, die sich in entgegengesetzte Richtungen bewegen – die PLO, die vom Widerstand zu Friedensgesprächen wechselt, und die Hamas, die von ihrer Strategie der Nicht-Konfrontation mit Israel zum gewaltsamen Widerstand übergeht«, erläutert Hroub. »Es gibt also eine Partei in der palästinensischen Gesellschaft, die aus der Widerstandsideologie herauskommt, und eine andere, die sie nun annimmt und aktiv verfolgt.«
In der Tat hätte sich die neue Widerstandskultur der Hamas nicht stärker von der sich abschwächenden Haltung der PLO unterscheiden können: Von Anfang an betonte die Hamas ihre Verpflichtung zum Dschihad als Teil des Kampfes für die Befreiung des gesamten historischen Palästina.
»Die Hamas ist angetreten, um einen alternativen Weg zur Befreiung zu formulieren«, schreibt Tareq Baconi, Vorstandsvorsitzender des Netzwerks Al-Shabaka, in seinem Buch Hamas Contained: The Rise and Pacification of Palestinian Resistance. Der Dschihad sei dabei »nicht als eine Taktik, sondern vielmehr als eine allumfassende Strategie anzusehen, um die sich die gesamte palästinensische Gemeinschaft sammeln könnte«.
Er erklärt weiter: »Der Dschihad wurde als eine Seinsweise verstanden, als eine absolute Existenz im Kriegszustand beziehungsweise eine rein kriegerische Beziehung zum Feind.« Der Heilige Krieg sei dabei »nicht auf den bewaffneten Kampf beschränkt, obwohl dieser ein zentrales Element der Hamas-Strategie darstellt. Das bedeutet in der Praxis: Selbst, wenn keine militärischen Aktionen stattfinden, vermittelt die Beschwörung des Dschihad ein Gefühl von gemeinsamer Identität und Zielsetzung, mit dem die palästinensische Ablehnung der israelischen Herrschaft untermauert wird.«
Bereits in den 1990er Jahren hatte die Hamas deutlich an Popularität gewonnen und sich als einflussreicher Akteur in den palästinensischen Gebieten etabliert.
Die Enttäuschung von Oslo
Der PLO-Chef Arafat zeigte sich mit der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens bereit, 78 Prozent der 1948 verlorenen palästinensischen Gebiete abzutreten. Dennoch gab die Unterzeichnung im Jahr 1993 vielen Palästinenserinnen und Palästinensern neue Hoffnung. Sie waren es schlicht müde, unter permanenter militärischer Besatzung zu leben. Hroub zufolge nahm die Popularität der Hamas zu dieser Zeit zunächst ab.
Nach Jahren des Exils wurde einigen Palästinensern, darunter Arafat, die Rückkehr in die besetzten Gebiete gestattet. 1994 wurde die Palästinensische Autonomiebehörde gegründet, um für eine Übergangszeit von fünf Jahren Teile des Westjordanlands und des Gazastreifens zu verwalten. Der palästinensischen Bevölkerung versprach man, dass sie nach Ablauf dieses Zeitraums einen eigenen souveränen und unabhängigen Staat in den Grenzen von 1967 erhalten würde.
Doch fünf Jahre vergingen, ohne dass ein solcher Staat entstand. Stattdessen breiteten sich israelische Siedlungen auf palästinensischem Gebiet aus, die nach internationalem Recht illegal sind. Die Zahl der Siedlerinnen und Siedler verdoppelte sich zwischen 1993 und 2000 auf 400.000. Die militärische Besatzung wurde Jahr für Jahr verschärft. Die Al-Aksa-Moschee, die drittheiligste Stätte des Islam, die der palästinensischen Seite als Teil ihrer künftigen Hauptstadt versprochen worden war, schien in immer weiterer Ferne.
Im Gegensatz zu anderen Kräften war die Hamas von Anfang an davon überzeugt, dass Oslo scheitern würde, wie auch alle früheren Friedensgespräche zwischen Palästina und Israel. So konnte sie sich langsam aber sicher in Position bringen, um den Frust der Menschen zu kanalisieren, der unweigerlich zunahm, als das Scheitern von Oslo immer offensichtlicher wurde.
Im Jahr 1991 vereinigte die Hamas ihre zuvor dezentralisierten militärischen Zellen zu einem einzigen bewaffneten Flügel und benannte ihn nach Isaddin al-Qassam. Der syrische Dschihadist al-Qassam hatte in den 1930er Jahren in Palästina bewaffneten Widerstand gegen die europäischen Staaten und die zionistischen Kräfte geleistet. Die Hamas betrachtet ihn als einen der ideologischen Ahnen ihrer Bewegung.
Wie die PLO vor ihr begann auch die Hamas ihre militärischen Operationen mit Angriffen auf israelische Armeeposten und Siedlergemeinschaften, insbesondere mit Autobomben im Gazastreifen und im Westjordanland. Doch am 6. April 1994 – 41 Tage nachdem der in den USA geborene jüdische Siedler Baruch Goldstein 29 Menschen in der Ibrahim-Moschee in Hebron ermordet hatte – verübte die Hamas ihr erstes Selbstmordattentat in Israel. Damit weitete die Organisation ihre Anschläge auf die Zivilbevölkerung Israels aus.
Indes verwandelte sich die anfängliche Hoffnung auf das Oslo-Abkommen nach Jahren des stockenden Friedensprozesses in Enttäuschung und Verbitterung. Die Politik Israels verschlechterte das Leben der Palästinenserinnen und Palästinenser immer weiter, während die palästinensischen Gebiete durch die weiter wachsenden israelischen Siedlungen zunehmend zersplittert und voneinander isoliert wurden.
Im Jahr 2000 besuchte Ariel Sharon, der Vorsitzende der oppositionellen Likud-Partei und spätere israelische Ministerpräsident, das Gelände der Al-Aksa-Moschee. Der Ort ist sowohl im Islam als auch im Judentum von großer Bedeutung. Sharons Besuch wurde auf palästinensischer Seite als Provokation empfunden und löste die zweite Intifada aus.
Die ersten Wochen des Aufstands, der in Jerusalem begann und sich schnell auf das Westjordanland und den Gazastreifen ausbreitete, waren von Massendemonstrationen geprägt, bei denen es zu zivilem Ungehorsam und gelegentlichen Steinwürfen kam. Israels Sicherheitskräfte reagierten mit harscher Gewalt: Innerhalb des ersten Monats der Proteste feuerten sie 1,3 Millionen Kugeln (also durchschnittlich gut 40.000 Kugeln pro Tag) auf die Demonstrierenden ab.
»In Tel-Aviv hoffte man, in den Palästinensergebieten Unzufriedenheit zu schüren und so die Bevölkerung zum Aufstand gegen die Hamas zu bewegen.«
Bald kam es auch zu militärischen Angriffen mit Hubschraubern und Panzern auf dicht besiedelte palästinensische Gebiete. Der Aufstand weitete sich rasch zu einer bewaffneten Rebellion aus, bei der es auch häufig zu Selbstmordattentaten kam. Im Laufe der Intifada starben knapp 5.000 Menschen auf palästinensischer und etwa 1.000 auf israelischer Seite.
Im Jahr 2002 begann Israel mit dem Bau einer Grenzmauer – eines imposanten, acht Meter hohen Bauwerks, das sich über mehr als 700 Kilometer erstreckt. Angeblich soll die Mauer Israel vom Westjordanland isolieren und so vor Selbstmordattentaten schützen, doch 85 Prozent von ihr befinden sich innerhalb des Palästinensergebiets. Mehr als 13 Prozent des palästinensischen Bodens im Westjordanland wurden für die Grenzanlage in Beschlag genommen.
Etwa zur gleichen Zeit erklärte Sharon allerdings die Bereitschaft Israels, palästinensische Gebiete zu verlassen: So ordnete er den Wegzug von 8.000 Siedlerinnen und Siedlern aus dem Gazastreifen an. Im September 2005 hatte Israel tatsächlich alle Siedlungen im Gazastreifen aufgelöst.
»Wichtiger als Sicherheit war für Scharon dabei der Plan, die palästinensischen Bewohner aus Israels direkter Gerichtsbarkeit zu entfernen«, argumentiert Baconi. Im Gegenzug »konnte der Staat seine Kontrolle über die Gebiete des Westjordanlandes und Ostjerusalems mit ihren 2,5 Millionen nicht-jüdischen Einwohnern aufrechterhalten.«
Gaza im Würgegriff
Im Januar 2006 nahm die Hamas an den palästinensischen Parlamentswahlen teil (die von ausländischen Beobachtern, darunter dem ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, als demokratisch und mustergültig angesehen wurden). Zum Entsetzen Israels, der USA und des amtierenden palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas errang die Hamas einen überwältigenden Sieg: Sie erhielt 76 der 132 Sitze im Legislativrat, während die Fatah auf nur 43 Sitze kam.
Nach der Wahl wurde eine internationale Finanzblockade gegen die palästinensische Regierung verhängt. Israel erließ sofort strenge Beschränkungen für den Waren- und Personenverkehr in und aus der Küstenenklave. Die Beziehungen zwischen Hamas und Fatah verschlechterten sich dramatisch; auf den Straßen von Gaza kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen.
Laut Baconi initiierte die US-Regierung ein geheimes »Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramm«, um die Waffen und Kapazitäten der Fatah für einen möglichen kriegerischen Zusammenstoß mit der Hamas zu stärken. Außerdem sei ein geheimes Sicherheitskomitee eingerichtet worden, in dem Israelis, Mitglieder der palästinensischen Sicherheitskräfte und US-amerikanische Berater zusammenkamen, um das Sicherheitsproblem zu lösen, das die Hamas darstellte.
Die Hamas machte deutliche ideologische Zugeständnisse und zeigte sich sogar bereit, die Macht abzugeben, um die Blockaden aufzuheben und die Auseinandersetzungen zu beenden, die sich zu einem potenziellen Bürgerkrieg ausweiteten. Dennoch scheiterten die Einigungsversuche der Hamas mit Abbas immer wieder.
Im Juni, mehrere Monate nach ihrem Wahlsieg, mobilisierte die Hamas alle ihre Kräfte und versuchte, die vollständige Kontrolle über den Gazastreifen zu erlangen. Mit brutalen Gewaltakten gegen ihre Gegner erreichte die Organisation dieses Ziel in nur wenigen Wochen.
Alle fünf Grenzübergänge von Israel in das Gebiet wurden geschlossen, ebenso wie der Grenzübergang Rafah nach Ägypten. Der Gazastreifen war somit abgeriegelt und vom Westjordanland – und der Außenwelt insgesamt – abgeschnitten. Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde behielten Gelder ein, die normalerweise an die Regierungsstellen in Gaza weitergeleitet worden wären.
»Schokolade war verboten. Früchte waren verboten. Koriander war verboten. Zeitschriften und Zeitungen waren verboten. Bücher waren verboten.«
Israels Regierung verfügte darüber hinaus, dass die Treibstofflieferungen halbiert und die Einfuhren in den Gazastreifen auf lebensnotwendige Nahrungsmittel und medizinische Güter beschränkt werden sollten. Mit einer Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie unterstützten und stärkten Israel und die internationale Gemeinschaft Abbas’ Führung, während sie den Menschen in Gaza das Leben zur Hölle machten. In Tel-Aviv hoffte man, in den Palästinensergebieten Unzufriedenheit zu schüren und so die Bevölkerung zum Aufstand gegen die Hamas zu bewegen.
Die Blockade, bei der Israel Ein- und Ausfuhren aus dem Gazastreifen auf dem Land-, Luft- und Seeweg streng kontrollierte, sei »absolut demütigend« gewesen, erinnert sich Bseiso, der zu dieser Zeit in Gaza lebte. »Schokolade war verboten. Früchte waren verboten. Koriander war verboten. Zeitschriften und Zeitungen waren verboten. Bücher waren verboten.«
Die Wirtschaft des Gazastreifens lag in Trümmern; die Arbeitslosigkeit stieg rapide an. Die einzige Lebensader für die Bevölkerung wurden die Tunnel der Hamas, die unter dem Grenzübergang Rafah verliefen und den Schmuggel von Grundnahrungsmitteln, anderen Vorräten – und auch Waffen – ermöglichten.
Zwar lockerte Israel einige Aspekte seiner Belagerung – beispielsweise wurde erlaubt, wieder Blumen und Erdbeeren aus dem Gazastreifen auszuführen – nichtsdestotrotz wurde die Wirtschaft des belagerten Gebiets 17 Jahre lang systematisch abgewürgt. Das trug dem Gazastreifen die Bezeichnung »größtes Freiluftgefängnis der Welt« ein. Während dieser Zeit griff Israel Gaza bei zahlreichen Gelegenheiten an und tötete dabei tausende Menschen durch Luftangriffe.
»Israels Politik gegen die Bewohner des Gazastreifens war immer mit einer systematischen Zerstörung verbunden«, sagt Bseiso. »Die Teile des Gazastreifens, die sie nicht in dieser Angriffswelle zerstört haben, haben sie in der nächsten Welle zerstört.«
Doch die jahrelange Belagerung und die militärischen Angriffe führten nicht zu dem Ergebnis, das sich Israel und die internationale Gemeinschaft erhofft hatten. Stattdessen verschafften sie den Qassam-Brigaden stetigen Zulauf. Abu Obeida, der Sprecher der Qassam-Brigaden, behauptet, 85 Prozent der neuen Rekruten seien Waisenkinder, deren Eltern von der israelischen Armee getötet wurden.
Seit dem 7. Oktober haben die israelischen Streitkräfte das Haus des Hauptgerichts, das Parlamentsgebäude und das Zentralarchiv von Gaza zerstört. Während die israelische Regierung wiederholt gelobt, die Hamas zu »eliminieren«, hat die Gruppe im Westjordanland und in der gesamten arabischen Welt offenbar im Gegenteil an Popularität gewonnen.
»Wir haben dreißig Jahre des sogenannten Friedensprozesses, der Friedensgespräche und der Friedensstrategien hinter uns«, sagt Hroub. »Es gibt eine ganze Generation, die im Rahmen des Oslo-Prozesses geboren und aufgewachsen ist. All die Misserfolge von Oslo und die Verschärfung der Besatzung haben sich in Erfolge für die Hamas verwandelt.«
»Während Oslo, die Palästinensische Autonomiebehörde, die PLO und Israel die Palästinenser enttäuschten, wurde die Hamas von Tag zu Tag stärker«, fährt er fort. »Viele Palästinenser – religiöse und nicht-religiöse – sind frustriert in praktisch jeder Hinsicht. Sie sehen den militärischen Widerstand als ihre einzige und letzte Hoffnung.«
Träumen von Gaza
Es vergehe kein Tag ohne einen Gedanken an Gaza, sagt Dras. Dabei denkt er aber nicht die Aufstände in den Straßen Gazas oder die israelische Belagerung, die das Leben der Menschen für immer veränderte. Er erinnert sich viel lieber an das Leben in Gaza, bevor sich dessen Schönheit in Elend verwandelte. »Wir pflanzten Gurken und Tomaten und aßen direkt vom Land und von den Bäumen – das war unser Leben in Gaza«, erzählt er. Ein leichtes Lächeln zeichnet sich auf seinem sonst so harten und ernsten Gesicht ab. »Oh, und der Fisch! Es gab so viel Fisch.«
Wenn Dras über die Ereignisse seit dem 7. Oktober spricht, füllen sich seine Augen mit Tränen. Er denkt an die Zahl der Todesopfer in Gaza, zu denen auch mehrere Verwandte von ihm zählen. Allerdings sieht auch er – wie viele Menschen in der arabischen Welt – den Hamas-Angriff vom 7. Oktober als einen legitimen Akt des Widerstands. Er persönlich träume nur davon, dass seine Familie eines Tages nach Gaza zurückkehren kann, um noch einmal die feucht-salzige Luft dort einzuatmen.
»Ich habe 43 Enkelkinder«, sagt er mit sichtlichem Stolz. »Von dem Moment an, als sie geboren wurden, wollte ich sicherstellen, dass sie mit der Milch Palästinas gefüttert werden. Der Schlüssel zu unserer Rückkehr hängt vor jeder ihrer Türen.« Er sehe es als seine Pflicht, »das Wissen über Palästina und unsere Liebe zu diesem Land an die nächste Generation weiterzugeben. Und eines Tages, inshallah, wird eine Generation kommen, die Palästina befreien wird. An diesem Tag können endlich alle Geflüchteten nach Hause zurückkehren.«