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Mit den Sümpfen des Iraks verschwinden 5000 Jahre Kultur

Die Marschlandschaften im Südirak sind die Wiege der Zivilisation. Jetzt drohen sie, infolge von Umweltzerstörung, Krieg und Klimawandel gänzlich auszutrocknen. Büffelzüchter, Fischer und Schilfmattenhersteller erzählen vom Blühen und Vergehen ihrer Lebensweise.

Mit den Sümpfen des Iraks verschwinden 5000 Jahre Kultur
Ein Mann auf seinem Boot im zentralen Marsch.Fotos: Jaclynn Ashly / Jacobin
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In Mesopotamien, in den Marschgebieten des Südiraks, ziehen Wasserbüffel gemächlich durch die nur noch seicht mäandernden Wasserläufe. Ihre schwarze Haut glänzt in der erbarmungslosen Sonne. Die ausgetrocknete und rissige Erde erstreckt sich kilometerweit bis zum Horizont. Ein ausrangiertes Holzboot liegt verlassen auf dem staubtrockenen Boden. Noch vor wenigen Monaten war diese trostlose Landschaft eine Süßwasserlagune. 

»Wir halten hier seit alttestamentarischen Zeiten Büffel«, so der 73-jährige Argeol Issa Omarah, einer der zahlreichen Viehzüchter (Ma’dan, deutsch auch »Marscharaber«). Laut Bibelforschern standen die mesopotamischen Marschgebiete Vorbild für den Garten Eden. [1] Sowohl die Sümpfe an sich als auch die Kultur der Ma’dan wurden 2016 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. »Als ich ein Kind war, gab es hier Wasser, so weit das Auge reichte«, sagt Omarah. »Überall war grünes Gras und das Wasser war rein und klar.«

Die Feuchtgebiete im Süden des Landes galten einst als eine der außergewöhnlichsten Landschaften der Welt. Sie waren die Heimat einer alten Kultur, die hier über Jahrtausende hinweg lebte. Die Flüsse Tigris und Euphrat, die von der Südtürkei durch Syrien und den Irak fließen, treffen im Schatt al-Arab in der Nähe des irakischen Basra aufeinander und bilden dort ausgedehnte Sumpfgebiete, die sich über irakisches und iranisches Staatsgebiet erstrecken. Saisonale Überschwemmungen verwandelten die Region einst in ein riesiges, verzweigtes Netz aus diversen Feuchtgebieten.

Das Leben in diesen abgelegenen Marschgebieten verlief über Jahrtausende ungestört, denn die Region war für Außenstehende weitgehend unzugänglich. Diese Isolation endete in den 1980er Jahren mit dem Iran-Irak-Krieg, gefolgt vom Golfkrieg und dem Schiitenaufstand in den frühen 1990er Jahren. Was darauf folgte, war eine vorsätzliche und nahezu vollständige Zerstörung der Sumpfgebiete.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden diverse Anstrengungen unternommen, die Marschlandschaften im Südirak zu renaturieren. Dennoch droht der Region eine beispiellose Umweltkatastrophe. Während der Klimawandel zu einem rasanten Temperaturanstieg geführt hat, wurde durch den Bau von Staudämmen weiter flussaufwärts der Wasserzufluss in den Irak drastisch reduziert. Somit haben Marschlandbewohner wie Omarah heute zunehmend mit extrem harten Bedingungen zu kämpfen. Für die Marscharaber geht es um alles: Sie führen einen harten Kampf um ihre Lebensgrundlagen.

Saddam gegen die Sümpfe

Die Marschlandschaften waren einst das größte Feuchtgebiet-Ökosystem im Nahen Osten. Sie bedeckten einen riesigen Teil des südlichen Irak. Die aus dem Wasser wachsenden Schilfhalme boten reichlich Material für den Bau traditioneller Schilfhütten (die sogenannten Mudhif) sowie für Matten, die als Sitz- und Schlafgelegenheiten dienten. Dank des Fischreichtums in den Sümpfen konnten Menschen sich gut versorgen. Hinzu kamen zahlreiche Zug- und Brutvogelarten. Sogar Löwen und Hyänen streiften einst durch diesen einzigartigen Lebensraum.

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»Die Städte Ur, die als Geburtsort des Propheten Abraham gilt, und Uruk, die vermutlich größte Stadt der Welt im Jahr 3000 vor Christus, lagen am Euphrat in den Randgebieten der Marsch.«

Die Sümpfe waren die Heimat von etwa 500.000 Menschen, hauptsächlich Marscharabern, die dem schiitischen Islam anhängen. Diese Gemeinschaft gilt als eine der ältesten noch bestehenden Kulturen der Welt. Ihre Wurzeln reichen bis zu 6.000 Jahre zurück ins antike Sumer (die früheste bekannte Zivilisation, die unter anderem die ältesten erhaltenen Texte der Welt hervorbrachte) und das Akkadische Reich (das erste uns bekannte Reich in Mesopotamien). Die Städte Ur, die als Geburtsort des Propheten Abraham gilt, und Uruk, die vermutlich größte Stadt der Welt im Jahr 3000 vor Christus, lagen am Euphrat in den Randgebieten der Marsch.

Die Marscharaber sprechen heute zwar Arabisch, in ihrem Dialekt finden sich aber immer noch Wörter aus den inzwischen ausgestorbenen Sprachen Sumerisch und Akkadisch. Jahrhundertelang waren Kultur und Lebensunterhalt eng mit der natürlichen Landschaft der Marschen verbunden. Wasser war die wertvollste Ressource und die Grundlage für alles andere. Die Sümpfe selbst sind ein Geflecht aus drei großen Feuchtgebieten: die Hawiseh-Marsch, die sich über den Irak und den Iran erstreckt, sowie die Zentral- und Hammar-Marschen. Hinzu kommen acht kleinere Sumpfgebiete.

Das Ökosystem bot einst ein einzigartiges Mikroklima, da es Wärme absorbierte: Die Temperaturen waren hier rund 4 Grad niedriger als in den umliegenden Gebieten. Das kam der außergewöhnlichen Artenvielfalt zugute. Zudem wurden in den Sümpfen Schadstoffe aus dem Tigris und Euphrat gefiltert und die Golfküste vor Umweltschäden geschützt.

Das empfindliche Gleichgewicht der Sümpfe machte sie anfällig für die Unwägbarkeiten in Dürre- und Regenjahren mit deren Trockenheit oder Überschwemmungen. In trockenen Jahren zerfielen die Marschen in einzelne Feuchtgebietsinseln; in nassen Jahren bildeten sie ein riesiges zusammenhängendes System. Das Terrain aus Schlamm, Schilf und Wasser war nahezu unpassierbar und machte die Durchquerung, beispielsweise zu Pferd, zu einer schwierigen Angelegenheit. Die Marscharaber nutzten diese natürlichen Gegebenheiten, um im Notfall Guerillakriege zu führen und sich erfolgreich gegen Invasoren zur Wehr zu setzen. Laut Steve Lonergan und Jassim Al-Asadi, die gemeinsam das Buch The Ghosts of Iraqs Marshesverfasst haben, galt es als praktisch unmöglich, diese Region im Südirak zu erobern.

Doch dann kam Saddam Hussein, der den Irak von 1979 bis zu seinem Sturz im Jahr 2003 regierte. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, dieses einzigartige Ökosystem zu vernichten, denn die Sümpfe boten lange Zeit nicht nur den Marscharabern Zuflucht, sondern auch Kommunistinnen und Rebellen, die hier vor seiner Regierung Zuflucht fanden. Saddams Ziel, den Widerstand zu brechen und die Kontrolle über das gesamte Land zu sichern, ging Hand in Hand mit der Zerstörung der Feuchtgebiete.

Die Marschen werden kriegstüchtig

Während des Iran-Irak-Krieges in den 1980er Jahren, als Saddam in den benachbarten Iran einmarschierte und die Region in einen achtjährigen Konflikt stürzte, wurden die Marschen zu einem strategisch wichtigen Schlachtfeld. In einigen Gebieten wurde das Wasser abgepumpt, während andere absichtlich geflutet wurden. Es wurden Straßen gebaut, um den Transport schwerer militärischer Ausrüstung zu erleichtern, Bunker wurden gegraben und Panzerabwehr- und Tretminen in der gesamten Region verlegt. Diese Maßnahmen richteten verheerende Schäden im empfindlichen Ökosystem an, erklärt Steve Lonergan, der Professor für Geografie an der University of Victoria in British Columbia sowie Leiter der Canada-Iraq Marshlands Initiative ist.

Die Marschlandschaften wurden für Kriegszwecke umfunktioniert und die Umwelt litt stark darunter. Während des Schiitenaufstands von März bis Oktober 1991 tötete die irakische Armee tausende schiitische Marscharaber. Viele der Aufständischen flohen tief in die Sümpfe, um dem Militär zu entkommen.

»Saddam Husseins Ziel, den Widerstand zu brechen und die Kontrolle über das gesamte Land zu sichern, ging Hand in Hand mit der Zerstörung der Feuchtgebiete.«

1992 machte sich Saddam daran, Rache an Deserteuren und an den Rebellen in den Marschen zu üben. Die Sumpfgebiete erstreckten sich damals über eine Fläche von 20.000 Quadratkilometern. Mit Hilfe eines Entwässerungsplans, der bereits in den 1950er Jahren von den Briten ausgearbeitet worden war, um die Sümpfe für die Landwirtschaft nutzbar zu machen, begann Saddams Regierung mit der systematischen Trockenlegung der Feuchtgebiete.

Es wurden Kanäle und Dämme gebaut, um das Wasser der Flüsse Tigris und Euphrat von den Sümpfen wegzuleiten. Gleichzeitig brannte die irakische Armee tausende Siedlungen und Bauernhöfe in der gesamten Region nieder und planierte das Gebiet. Die alteingesessenen Bewohnerinnen und Bewohner mussten fliehen.

Laut Lonergan war eines der wichtigsten Projekte der Regierung der sogenannte »Fluss des Wohlstands«, ein 2 Kilometer breiter und etwas mehr als 50 Kilometer langer, seichter Kanal, der parallel zum Tigris verläuft. Sein einziger Zweck bestand darin, Wasser aus den Marschen abzuleiten. Ein weiterer Kanal trägt den Namen »Fluss der Mutter aller Schlachten« – Umm al-Ma’arik. Er wurde zum gleichen Zweck entlang des Euphrats gebaut. Alles Wasser, das sonst von Tigris und Euphrat in die Sümpfe fließen würde, wurde in diese Kanäle umgeleitet.

Innerhalb weniger Monate begannen die Sümpfe auszutrocknen. Im Jahr 2000 waren bereits mehr als 90 Prozent der Feuchtgebiete verschwunden. Nur die Hawiseh-Marsch, die durch Wasser aus dem Iran gespeist wird, blieb intakt. Die Umweltzerstörung löste eine Massenflucht der Marscharaber aus. Die Fischbestände schwanden, Büffel starben, weil sie kein Schilf mehr zum Fressen und kein Wasser zum Trinken fanden, eine über Jahrtausende hinweg gepflegte Kultur und Lebensweise wurde nahezu ausgelöscht.

Die Vertreibung

Durch die Umleitung des Wassers wurde auch die Versorgung von Chubaisch, einer Stadt in den zentralen Marschgebieten, unterbrochen. Die Bevölkerung von Chubaisch ging ab 1990 in weniger als einem Jahrzehnt von 63.000 auf nur noch 5.000 Menschen zurück. Einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2003 zufolge lebten damals nur noch 10.000 Marscharaber in den gesamten Sumpfgebieten. Weniger als 10 Prozent von ihnen konnten ihre traditionelle Lebensweise beibehalten.

Schätzungsweise 100.000 bis 200.000 Marscharaber wurden zu Binnenvertriebenen. Viele wanderten in den Zentralirak aus, in Städte wie Hilla, Samarra, Falludscha und Balad. Bis zu 100.000 weitere sollen das Land vollständig verlassen haben, einige in westliche Länder und mehr als 40.000 in den benachbarten Iran. Fast die gesamte marscharabische Bevölkerung wurde somit gewaltsam vertrieben.

Innerhalb eines Jahrzehnts waren die Sümpfe zu Ödland verkommen. Die Lebensgrundlage der Ma’dan war vernichtet: »Die meisten Büffel starben und die wenigen überlebenden wurden verkauft. […] Einige Familien behielten vielleicht sechs oder sieben ihrer Büffel und zogen in Feuchtgebiete in anderen Teilen des Iraks«, erinnert sich Jassim al-Asadi, Umweltaktivist und Direktor von Nature Iraq, der ersten und einzigen Naturschutzorganisation des Landes. Asadi wurde in den zentralen Marschgebieten geboren und hat den Großteil seines Lebens der Renaturierung dieser Region gewidmet.

Einer der vielen Marscharaber, die auf der Suche nach Wasser flohen, ist Omarah. Er und seine Familie ließen sich am Wohlstandsfluss nieder und folgten damit dem Weg des Wassers, das aus den Sümpfen weggeleitet worden war. 

Die Zerstörung der Sumpflandschaft und der Lebensweise der Ma’dan veranlasste das UN-Flüchtlingshilfswerk, die Vertriebenen als »Umweltflüchtlinge« einzustufen. Internationale Beobachter betonen darüber hinaus, Saddams Vorgehen und das Trockenlegen der Sümpfe sei als ein »Ökozid« mit dem Ziel eines Genozids einzuordnen.[1] 

Das von der irakischen Regierung an den Sümpfen und ihren Bewohnern begangene Verbrechen ist »eine der größten Umwelt- und humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts«, so der Geograf Lonergan. Mehr als ein Jahrzehnt lang blieben die ehemaligen Sümpfe eine staatlich geschaffene Wüste.

Rückkehr, Renaturierung und Rückschläge

Ende März 2003 marschierten US-amerikanische, britische, australische und polnische Truppen im Irak ein und stürzten Saddam. Das Land versank im Chaos. Die Polizei versagte, Kriminalität und Korruption breiteten sich aus. Lange unterdrückte Spannungen zwischen diversen Stämmen, Regionen und Religionen brachen auf – und nach und nach schlug die wachsende Wut auf die Besatzungsmächte von Protesten in Gewalt um. Ministerien, deren Gebäude bei den Bombenangriffen schwer beschädigt wurden, blieben geschlossen.

»Internationale Beobachter betonen, Saddams Vorgehen und das Trockenlegen der Sümpfe sei als ein ›Ökozid‹ mit dem Ziel eines Genozids einzuordnen.«

Inmitten dieses Chaos entdeckten die Marscharaber für sich jedoch einen Funken der Hoffnung: Weniger als einen Monat nach Beginn der US-geführten Invasion, am 10. April 2003, zerstörte eine Gruppe junger Männer mit Spitzhacken und kleinen Wasserpumpen die Dämme und Böschungen, die den Wasserzufluss nach Abu Zareg blockierten, einem kleinen Sumpfgebiet, das einst Teil des größeren Zentralmarsches war. 

Die Nachricht von dieser spontanen Aktion machte schnell die Runde. Andere Personen in und um die Sümpfe herum schlossen sich an und nutzten den Sturz Saddams, um eigenhändig die Feuchtgebiete wieder zu fluten. Auch Asadi wurde aktiv und überzeugte unter anderem das irakische Ministerium für Wasserressourcen, beim Abbau einiger der größeren Dämme und Aufschüttungen zu helfen, da dafür schwerere Gerätschaft benötigt wurde.

»Das Wasser aus Euphrat und Tigris begann wieder in die Sümpfe zu fließen«, erzählt Asadi mit leuchtenden Augen. »Das Leben hielt wieder Einzug in die Marschgebiete. Woche für Woche, Monat für Monat verbreitete sich die Nachricht weiter und die Menschen begannen, in die Marschen zurückzukehren.« Traditionelle Wirtschaftszweige wie Fischerei, Schilfmattenherstellung, Büffelzucht und Produktion von Büffelkäse sowie Joghurt erlebten nach der Wiederbeflutung der Marschen eine Renaissance.

Mit den größtenteils lokal organisierten Initiativen konnten die Menschen vor Ort etwa 70 Prozent der Sumpfgebiete, die mehr als zehn Jahre zuvor trockengelegt worden waren, renaturieren. Während im Rest des Iraks Unruhen herrschten und das Land ins Chaos zu verfallen drohte, erlebten die Marscharaber eine Zeit des Aufschwungs und der Hoffnung.

»Die aktuelle Trockenzeit, die bereits 2021 begann und immer noch andauert, ist die bisher verheerendste.«

Auch Omarah gehörte zu den Heimkehrern in die Marschen. Er kaufte zwanzig Wasserbüffel und nahm nach und nach seinen traditionellen Lebensstil wieder auf. »Das Gras wuchs, wurde üppig und gesund – es gab mehr als genug für die Büffel«, berichtet er. Er sitzt dabei auf einer lokal gefertigten Schilfmatte in einem kleinen Raum auf seinem Gehöft. Seine Kinder lugen schüchtern von draußen in den kargen Raum, kichern und huschen jedes Mal schnell davon, wenn mein Blick sie streift. »Das Wasser reichte damals bis zur Hauptstraße.«

Die anfängliche Hoffnung ist inzwischen wieder verflogen. Omarah deutet nach draußen, wo Autos die angesprochene Hauptstraße entlangrasen, die von verödeter Erde flankiert wird. Übrig geblieben sind nur kleine Pfützen mit verschmutztem Wasser.

»Unter Saddam gab es zunächst genug Wasser im Tigris und Euphrat. Das Problem war seine Entscheidung, Wasser aus den Sümpfen abzuleiten«, so Asadi in Chubaisch. »Jetzt ist Saddam weg, aber wir haben wieder mit Wassermangel in Tigris und Euphrat zu kämpfen, weil [flussaufwärts] Staudämme gebaut wurden. Es gibt außerdem Probleme bei der Wasserversorgung und -bewirtschaftung: Das meiste wird für landwirtschaftliche Flächen eingesetzt und nur sehr wenig gelangt noch in die Sümpfe.«

Klimawandel und andere Krisen

Durch den Klimawandel bedingte, wiederkehrende und langanhaltende Dürren haben verheerende Schäden in den Marschen angerichtet. Seit 2009 gab es vier große Dürreperioden, die allesamt drastischer ausfielen als in den Jahren zuvor. Die Häufigkeit von Dürren in der Region nimmt weiter zu und stellt heute eine existenzielle Bedrohung für das Ökosystem dar. Die aktuelle Trockenzeit, die bereits 2021 begann und immer noch andauert, ist die bisher verheerendste, berichtet Asadi. Laut den Vereinten Nationen erlebte der Irak 2023 die schlimmste Dürre seit vierzig Jahren.

Die UN bezeichnen den Irak als eines der Länder, die am anfälligsten für die Auswirkungen des Klimawandels sind. Er wird in Zukunft mit extrem hohen Temperaturen, ausbleibendem Regen, Dürre und Wasserknappheit sowie häufigen Sand- und Staubstürmen zu kämpfen haben. Tatsächlich verzeichnet der Irak einige der heißesten Temperaturen der Welt. Im vergangenen Sommer wurden in einigen Städten im Süden bis zu 50 Grad Celsius erreicht.

»Die umfangreichen Staudammnetze der Türkei an Euphrat und Tigris haben den Wasserzufluss dieser beiden Flüsse in den Irak um 60 Prozent verringert.«

Aufgrund der Staudämme in der Türkei, Syrien und im Iran kommt weniger Wasser im Irak an, was die Auswirkungen der Dürreperioden noch verstärkt. Inzwischen treten diese sogar weit außerhalb der Sumpfgebiete auf und betreffen den gesamten Süden des Landes. Die umfangreichen Staudammnetze der Türkei an Euphrat und Tigris haben den Wasserzufluss dieser beiden Flüsse in den Irak um 60 Prozent verringert.  Auch der Iran hat mehrere Nebenflüsse und andere Wasserläufe umgeleitet. Darüber hinaus führt der Temperaturanstieg zu einer erhöhten Wasserverdunstung, wodurch die Reservoirs weiter erschöpft werden.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Wenn in der Vergangenheit in Regenjahren die Flüsse viel Wasser führten und über die Ufer traten, wurden die Sümpfe auf natürliche Weise von Salzablagerungen gereinigt. Heute treten diese natürlichen Überschwemmungen nicht mehr auf. Dies führt zu hoher Salzkonzentration im Wasser, die sich negativ auf Pflanzen und Tiere auswirkt. Die Sümpfe, die einst als ein großes System miteinander verbunden waren, existieren heute nur noch als isolierte Gebiete, die unabhängig voneinander kaum überleben können. 

Hinzu kommt, »dass auch das verbleibende Wasser [das die Sümpfe erreicht] bereits einen sehr hohen Salzgehalt aufweist«, erklärt Najah Hussain, Dozent für Ökologie an der Universität Basra. Er hat sich auf die Marschgebiete im Süden spezialisiert. »Wir können dieses Wasser eigentlich nicht mehr als Süßwasser einstufen. Es ist Brackwasser, eine Mischung aus Süß- und Salzwasser.« Durch das Austrocknen der Sümpfe und den hohen Salzgehalt im Wasser sterben die Büffel ebenso wie die Fische und Pflanzen in den Marschen.  Hussain fasst zusammen: »Die Probleme mit der Menge und Qualität des Wassers, das die Sümpfe erreicht, haben sich auf den gesamten Lebensraum ausgewirkt.«

Bedroht durch Dürren und Behörden

Omarahs anfängliche Freude über seine Rückkehr in die Marschen ist der Sorge um seine Zukunft gewichen. Seit 2021 ist die Hälfte seiner Wasserbüffel an Krankheiten gestorben, weil sie das versalzene Brackwasser getrunken hatten. Da er sich kein Futter für die übrigen Tiere leisten konnte, musste er sie verkaufen und besitzt heute kein einziges mehr.

»Wenn man seine Wasserbüffel verliert, verliert man einen großen Teil seines Lebens und seiner Identität«, so Omarah. Die Marscharaber hätten eine einzigartige Beziehung zu ihren Tieren: »Wir züchten seit Generationen Büffel und ich dachte immer, ich würde das an meine Söhne weitergeben. Wenn ich wüsste, wie man etwas anderes macht, würde ich es tun. Aber ich habe mein ganzes Leben lang nichts anderes getan und nichts anderes gelernt, als Büffel zu halten.«

»Die Sümpfe, die einst als ein großes System miteinander verbunden waren, existieren heute nur noch als isolierte Gebiete, die unabhängig voneinander kaum überleben können.«

Asadi erklärt, dass die Menschen in den Marschen heute nicht mehr auf den natürlichen Wasserzufluss von Tigris und Euphrat bauen können. Da die natürlichen Systeme versagen, sei man jetzt auf alternative Süßwasserquellen angewiesen. Ob solches Wasser in die Marschen gelangt oder nicht, hängt aber von den zentralisierten Entscheidungen ab, die im Ministerium für Wasserressourcen in Bagdad getroffen werden. Dies bringt seine eigenen Schwierigkeiten mit sich.

Das Ministerium in der Hauptstadt entscheidet über die Zuteilung von Wasser für die Bewässerung in allen irakischen Provinzen. Mit fast 65 Prozent erhält die Landwirtschaft dabei den größten Anteil. Die schweren Dürren haben zu einem verschärften Wettstreit um Wasser geführt, bei dem die Interessen schwächerer Communities wie der Marschbewohner zugunsten einflussreicherer Gruppen geopfert werden. »Im Irak hat Trinkwasser Vorrang, dann kommen Landwirtschaft und Öl, und nur wenn noch Wasser übrig ist, wird es in die Marschen geleitet«, kritisiert Asadi. »Für die Regierung hat das einfach nicht oberste Priorität.«

Er fährt fort: »In den Ministerien arbeiten einige Beamte, die glauben, dass die Sümpfe ausschließlich für Überschwemmungen sorgen, und dass sie die Überflutung von Städten verhindern müssten. Sie verstehen nicht, dass die Feuchtgebiete für die Umwelt, die Wirtschaft und die Kultur der hier lebenden einheimischen Bevölkerung von großer Bedeutung sind.« In Bagdad betrachte man die Marschen darüber hinaus »als ein Gebiet, in das man nur dann Wasser fließen lassen kann, wenn insgesamt genügend Wasser vorhanden ist. Wenn gerade nicht genug da ist, wird kein Gedanke an die Sümpfe verschwendet.«

Angst vor der Zukunft

»Ich erinnere mich an die Zeit, als es Hunderte von schwimmenden Flößen gab, die von den Menschen selbst nach alten sumerischen Techniken gebaut wurden«, erzählt Asadi über seine Kindheit in den Marschen. »Die Flöße bewegten sich mit dem Wasser auf und ab. Jede Familie besaß mindestens drei solcher traditionellen Boote. Wir fuhren mit ihnen zur Schule und auf die Märkte.«

Es habe »Frieden und Liebe« zwischen den Einheimischen und der Natur geherrscht, fährt er fort. »Den ganzen Tag über konnte man den Gesang der Frauen und Männer in den Sümpfen hören, die hinausgingen, um Gras und Schilf zu sammeln. Diese Gegend wirkte so viel heller und freundlicher als heute.«

Die Hoffnung, diese zauberhafte Vergangenheit wiederaufleben zu lassen, rückt jedoch in immer weitere Ferne. Die Auswirkungen der seit 2021 wiederkehrenden Dürren sind verheerend. Laut Asadi sind in den vergangenen vier Jahren etwa 33 Prozent der Wasserbüffel in den Marschgebieten verendet. Die Fischbestände sind sogar um 95 Prozent zurückgegangen.

»Jedes Mal, wenn man einen Büffel verliert, fühlt es sich an, als würde man sein eigenes Kind verlieren«, sagt der vierzigjährige Fallah Gzigron, ein Wasserbüffelzüchter und Vater von neun Kindern im Alter von vier bis achtzehn Jahren. »Deshalb ist es jedes Mal sehr schmerzhaft, wenn sie sterben oder ich gezwungen bin, sie zu verkaufen.« Gzigron sitzt vor seinem Mudhif, der neben einem seichten Kanal gebaut wurde, der sich durch die gelbliche, rissige Erde schlängelt.

»Die schweren Dürren haben zu einem verschärften Wettstreit um Wasser geführt, bei dem die Interessen schwächerer Communities wie der Marschbewohner zugunsten einflussreicherer Gruppen geopfert werden.«

Noch vor wenigen Monaten stand dieses Gebiet in der zentralen Marsch unter etwas Wasser. Dieses ist nun weggetrocknet. Viele Familien verließen die Region auf der Suche nach Wasser an anderen Orten. Einige sind inzwischen zurückgekehrt, nachdem das Ministerium für Wasserressourcen zwischen Basra und Chubaisch einen Kanal gegraben und eine Pumpstation gebaut hat, sodass zumindest ein Rinnsal Süßwasser aus dem Tigris in das Gebiet gelangt. Im Vergleich zu früher ist der Wasserzufluss allerdings viel schwächer.

Gzigron musste schon oft den Tod eines seiner Büffel beklagen. Vor einigen Jahren besaß er 70 Tiere, heute sind es nur noch 15. Erst kürzlich sind 25 sind aufgrund der schlechten Wasserqualität gestorben. Gzigron verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf der Büffelmilch an einen Händler, der sie in die Stadt transportiert und dort weiterverkauft. Die Käufer der Frischmilch stellen in der Regel Büffelkäse und Büffeljoghurt her.

Da es kaum frisches Schilf oder Gras für die Büffel gibt, ist Gzigron inzwischen außerdem gezwungen, Futter zu kaufen: »Gestern habe ich auf dem Markt Futter für 160.000 Dinar [umgerechnet rund 117 Euro] gekauft. Das reicht nur für zwei oder drei Tage«, klagt er. Während sein kleiner Sohn hinter ihm einen Büffel für den heutigen Verkauf melkt, berichtet Gzigron weiter: »Das komplette Geld, das ich mit dem Verkauf der Milch verdiene, geht direkt wieder in den Kauf von Futter, um die Büffel am Leben zu halten.«

»Ich habe große Angst vor der Zukunft«, fährt er fort. »Wenn es noch schlimmer wird, werden wir große Schwierigkeiten bekommen. Der Wasserspiegel sinkt immer weiter. Und es ist schwer, irgendetwas vorherzusagen. Ich weiß nie, ob der Wasserspiegel im kommenden Jahr noch weiter sinken und der Rest meiner Büffel sterben wird.«

Familien in Not

Haidar Wahid Haschim, ein dreißigjähriger Büffelzüchter und Vater von dreizehn Kindern, sieht sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Seine Büffel sind unterernährt, was ihre Milcherzeugung enorm verringert: »Normalerweise sollte ich mit dem Verkaufserlös für die Milch weitere Büffel und Dinge für meine Familie kaufen können«, sagt er, während seine Wasserbüffel im schmalen Kanal neben ihm grunzen. »Jetzt verlieren wir Jahr für Jahr Geld. Ohne Wasser kann es in den Sümpfen einfach kein Leben geben.«

Ahmad Udey Dschabar ist einer der Kleinhändler, die Milch von den Büffelzüchtern abnehmen und sie dann auf den Märkten von Basra weiterverkaufen. Vor 2023 habe er damit 50.000 Dinar (37 Euro) Gewinn pro Tag gemacht. Nun seien es nur noch 25.000. Grund dafür ist der Rückgang der Milchlieferungen: Früher habe er jeden Tag mehr als 1.300 Liter Milch von den lokalen Bauern eingesammelt; heute sind es 500 Liter. »Und auch die Qualität der Milch hat sich aufgrund der Qualität des Wassers, das die Büffel trinken, verschlechtert«, so Dschabar, der seinerseits sechs Kinder zu versorgen hat.

»Wenn wir die Marschgebiete verlieren, verlieren wir auch die Menschen.«

Derweil ist die Lebensgrundlage der örtlichen Fischerinnen und Fischer fast vollständig zerstört worden. »Das Leben ist nicht mehr so wie früher«, bedauert Jasser Dscheri, ein vierzigjähriger Fischer und Vater von zwei Töchtern. Er sitzt in seinem Holzboot auf einem Seitenarm des Euphrat und wirft ein Netz in das spiegelglatte Wasser. »In diesem Wasser gibt es keine großen Fische mehr, nur noch mickrige.« Wie zum Beweis deutet er auf die paar kleinen Fische am Boden seines Bootes, die ihm heute ins Netz gegangen sind.

»Das ist alles, was ich heute gefangen habe, und ich bin schon seit ein paar Stunden draußen«, berichtet er. »Die verkaufe ich nicht einmal – die sind nur für meine Familie. Vor einigen Jahren konnte ein Fisch gut und gerne sechs Kilogramm wiegen, aber heute ist der größte nicht mehr als ein halbes Kilo schwer.« In der Regel fange er aktuell ein Kilogramm kleiner Fische pro Tag.

Wenn Geschichte austrocknet

Für die irakischen Marschgebiete ist die Zukunft düster. Der Forscher Hussain zeigt sich »pessimistisch«, was ihr Überleben angeht: »Angesichts des Wassermangels glaube ich nicht, dass wir die Marschregionen wieder so renaturieren oder erhalten können, wie sie einmal waren. Wir müssen bestimmte Teilgebiete der Marschen – etwa 5.000 Quadratkilometer – auswählen, um sie bewusst zu sichern und ihnen genügend Wasser zuzuführen, damit sie sich erholen und als Beispiel für künftige Generationen erhalten bleiben. Aber mehr scheint mir nicht möglich zu sein.«

Asadi, der bis heute von den Sümpfen träumt, wie er sie als Kind kannte, ist etwas optimistischer. Er schlägt vor, das Ministerium für Wasserressourcen könne Projekte wie den Bau von Beton- oder Erddämmen in Angriff nehmen, um den Wasserfluss zu verbessern und die Marschen zu retten. Dafür müssten die Marschgebiete aber zu einer nationalen Priorität erklärt und die notwendigen Maßnahmen müssten mit finanziellen Mitteln unterfüttert werden, die das Ministerium derzeit schlicht nicht hat.

Überall im Irak trocknen Flüsse und Seen aus; die Wasserreserven des Landes haben sich bereits halbiert. Das Ministerium für Wasserressourcen schätzt, dass in den kommenden zehn Jahren ein Viertel des noch vorhandenen Süßwassers versiegen wird. Angesichts solcher Prognosen ist schwer vorstellbar, dass die irakische Regierung ohne ernsthafte internationale Unterstützung den Marschgebieten im Süden Priorität einräumen wird.

»Ich werde immer Hoffnung für die Sümpfe haben«, sagt Asadi dennoch. Ihre Rettung und Wiederherstellung sollte der ganzen Welt ein Anliegen sein, betont er: »Die Sümpfe sind Teil der irakischen Kultur und von historischer Bedeutung für die gesamte globale Zivilisation.« Er erläutert: »Hier sind noch immer Aspekte der sumerischen Kultur lebendig. Der Mudhif ist eine sumerische Bautechnik. So vieles der frühesten Zivilisationen wurde hier in den Sümpfen geboren.«

Zum Abschied warnt Asadi: »Wenn wir die Marschgebiete verlieren, verlieren wir auch die Menschen. Sie werden in die Städte abwandern. Und im Laufe der Jahre werden sie ihre Kultur und Geschichte, ihre Sagen und Legenden und ihre Lieder vergessen. Wenn das passiert, stirbt eine ganze Kultur, die seit Jahrtausenden existiert hat.«

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Puffin Foundation.

Jaclynn Ashly

Jaclynn Ashly ist freie Journalistin.

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