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Die bessere Volkshochschule

Relativitätstheorie bei Albert Einstein, Zeitung lesen mit Bertolt Brecht – die Marxistische Arbeiterschule schaffte das Besondere.

Die bessere Volkshochschule
»Angekündigt ist ein Vortrag von Prof. Dr. Albert Einstein – eingeladen hat die Marxistische Arbeiterschule.«Illustration: Zane Zlemeša
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Vor einer Gemeindeschule im Berliner Norden warten Hunderte darauf, eingelassen zu werden. Obwohl es erst Ende Oktober ist, tragen die meisten schon dicke Wollmäntel, in deren Taschen sie ihre Tickets aufbewahren: 20 Pfennig für Erwerbslose, 50 Pfennig für politisch Aktive, 1 Mark für nicht politisch Aktive. Beim Einlass staut es sich. Angekündigt ist ein Vortrag von Prof. Dr. Albert Einstein. In der Aula der Schule wird er heute einmal nicht zu Physik-Studenten sprechen – eingeladen hat die Marxistische Arbeiterschule. Das Thema: »Was der Arbeiter von der Relativitätstheorie wissen muss«. Die MASCH war die bessere Volkshochschule.

Acht Jahre zuvor, im Frühjahr 1924, finden die ersten Vorträge des Vereins noch in deutlich kleinerem Rahmen statt. Es gibt weder prominente Lehrpersonen noch verfügbare Schulräume und in der Folge auch keine Arbeiterscharen, die einem die Türen einrennen, um etwas über moderne Physik zu hören. Stattdessen gibt es zwei Veranstaltungen pro Woche im Dachgeschoss des Karl-Liebknecht-Hauses, der Parteizentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands.

Bei diesen Vorträgen, die aktuelle politische Fragen erhellen sollen, finden sich regelmäßig um die 25 Arbeiterinnen und Arbeiter ein. Von Hyperinflation und Währungsreform bis zur Ruhrbesetzung wollen sie verstehen, wer darüber entscheidet, ob sie sich mit ihrer Arbeit über Wasser halten können oder vom strauchelnden Staat und seinen schwindenden Sozialsystemen abhängig werden.

Das Interesse an den Vorträgen wird in der Agitprop-Abteilung der Partei schnell registriert. Auf ihren Vorschlag hin beschließt die Bezirksleitung der KPD Berlin Ende 1925, die Marxistische Arbeiterschule zu gründen und Zweigstellen in anderen Berliner Stadtteilen zu eröffnen. Das einzigartige Konzept der Schule wird sie in den nächsten Jahren enorm beliebt machen. Am Ende hat sie Ableger in mehr als dreißig Städten. Das liegt nicht nur daran, dass sie mehr anbietet als trockene Marx-Lesekreise, sondern auch daran, dass sie sich von Anfang an gegen die angeblich neutralen Volkshochschulen stellt.

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Das Erfolgsrezept der MASCH

In der SPD herrscht damals die Vorstellung, dass sich die Menschen über die staatlich geförderten Volkshochschulen zunächst ein politisch neutrales Grundwissen aneignen sollen, bevor sie anschließend in der SPD-eigenen Kaderschmiede zusätzlich das politische Kampfwissen erlernen. Die SPD sieht darin eine pragmatische Lösung. Aus Sicht der KPD hingegen streckt die Sozialdemokratie damit die Waffen im ideologischen Kampf um die Bildung.

Denn die Volkshochschule ist ein Projekt von oben: Rechte und konservative Politiker fördern sie genauso wie Unternehmer. Teilweise gründen Unternehmen gleich ihre eigenen Volkshochschulen, wie 1919 im Fall der Volkshochschule Thüringen, die direkt auf die Firma Carl Zeiss zurückgeht. Was der Arbeiter zu wissen hat, entscheidet in der Volkshochschule nicht der Arbeiter.

»Was können Lebensweisheiten schon ausrichten gegen Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit?«

Zwar können die Menschen sich dort ohne hohe Gebühren oder Vorkenntnisse in Kunst, Geschichte oder Philosophie weiterbilden. Jedoch will sie, so drückt es der Geschäftsführer der neuen Volkshochschule von Groß-Berlin damals aus, »nur die nötigen geistigen Grundlagen vermitteln« und »zeigen, wie der Schüler die gewonnenen Erkenntnisse philosophisch, d.h. im Sinne der Lebensweisheit auswerten kann«.

Doch was können Lebensweisheiten schon ausrichten gegen Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit? Die Volkshochschulen empfehlen individuelle Lösungen für kollektive Miseren. Wer arbeitslos ist, macht einen Stenografiekurs. Und wer sich mit seiner achtköpfigen Familie in eine kleine Wohnung im Dachgeschoss drängt, lernt im Anatomiekurs wenigstens, warum sein Körper nach und nach aufgibt.

Bei Brecht zu Hause Zeitung lesen

Die marxistische Grundbildung spielt in der MASCH zwar eine zentrale Rolle. Aber, so erzählt es der Werkzeugmacher Eugen Eberle später: »Ohne andere Dinge, Kunst und Film und Literatur, ist ja auch die Theorie letzten Ende mehr oder weniger eine einseitige Ausbildung, und gerade das wollten wir nicht bei der MASCH.«

Die Arbeiterinnen und Arbeiter lernen in den Abendkursen also einerseits, Kunst oder Geschichte zu verstehen. Andererseits können sie aber auch aktuelle politische Fragen diskutieren, die sie betreffen und interessieren. Denn dazu reicht es nicht, die Tageszeitung aufzuschlagen. Journalistinnen und Journalisten geben auch damals ihr Bestes, ökonomische und politische Entwicklungen durch abstrakte Sprache als einen Bereich zu markieren, zu dem nur ein paar Auserkorene Zugang haben. Die MASCH arbeitet mit ihren Kursen dagegen an. Arbeiterinnen wie Angestellte lernen dort, was »Die internationale Agrarkrise« und was »Der Young-Plan« ist. Sie verstehen, was es mit »Kartellen, Trusts und Konzernen« auf sich hat und erarbeiten sich durch gemeinsames Lesen der Zeitungen, was ihnen Nachrichten, Statistiken und Konjunkturberichte verraten können.

»Man kann zum Beispiel die Geschichte der Pariser Kommune gemeinsam mit den Teilnehmenden erarbeiten – selbst wenn sie noch nie davon gehört haben.«

Natürlich trägt die KPD auf diese Weise auch ihre sozialistische Weltanschauung in die breite Masse – wer jetzt noch einen Schreibmaschinenkurs und einen der vielen Sprach- und Rednerkurse besucht, wird potenziell zur perfekten Agitatorin für die Partei. Die MASCH verbindet ganz pragmatisch politisches Verständnis und praktische Fähigkeiten: Zu lebenspraktischen Kursen zugelassen wird nur, wer auch die politischen Kurse besucht. So erreicht die KPD auch Kreise, die kein Interesse gehabt hätten, durch eine dezidierte Parteischule zu gehen.

Auch wenn die MASCH der KPD ideologisch eng verbunden ist, bleibt sie organisatorisch unabhängig. Da die Schule keine Finanzierung durch die Partei erhält, arbeiten alle Dozentinnen und Dozenten unentgeltlich – von Bertolt Brecht über den »rasenden Reporter« Egon Erwin Kisch bis hin zu Albert Einstein. Abgehalten werden die Kurse meist in den Hinterzimmern von Gaststätten, die möglichst nah an Arbeiterquartieren oder größeren Betrieben liegen. Da sie nicht nur durch Geldmangel, sondern zunehmend auch durch die faschistischen Schlägertrupps bedroht werden, finden die Kurse immer öfter in Privatwohnungen von Genossen statt. Auch Brecht, Hanns Eisler und Kurt Weill stellen ihre Wohnungen zur Verfügung. Das ist auch deshalb von Vorteil, weil die »systematische ungestörte Arbeit« erfahrungsgemäß durch die Verfügbarkeit alkoholischer Getränke gestört wird – entsprechend bevorzugt die Bezirksleitung »Lokale ohne Schankwirtschaft«, wie sie in einer Sonderanweisung schreibt.

Es gibt keine dummen Fragen

Die Arbeiterschule unterscheidet sich nicht nur in ihrem politischen Anspruch von den Volkshochschulen. Es ist ihr didaktischer Stil, der sie zu einer Schule von unten macht. Während die Besucher der Volkshochschule vor allem Vorträgen folgen können, bietet die MASCH hauptsächlich Seminare an. In eigenen pädagogischen Schulungen wird den Lehrerinnen und Lehrern die Methode der Arbeiterschule nahegebracht: Vorab sollen sie sich mittels Fragebogen über die Teilnehmenden informieren. Dann erst beginnt der dialogische Unterricht.

Heinz Günther, der in der MASCH Kurse für politische Redner abhielt, veröffentlicht 1932 in der Zeitschrift Der Marxist auch einige »Ratschläge für Kursuslehrer«. Er hält die bloße Abwechslung von Vortrag und Diskussion für völlig ungeeignet – sie biete lediglich ein Schauspiel von Interaktion. Stattdessen könne man zum Beispiel die Geschichte der Pariser Kommune gemeinsam mit den Teilnehmenden erarbeiten – selbst wenn sie noch nie davon gehört haben sollten.

»Man hatte nie das Gefühl, man sei überflüssig oder dumm.«

Günther ist besonders wichtig, dass die Lehrperson »ausnahmslos jede Frage beantwortet«. Die heute banale Phrase »Es gibt keine dummen Fragen« steht damals für die radikale Akzeptanz aller Wissensniveaus. Die Schülerin Amalie Pinkus erzählt der Historikerin Gabriele Gerhard-Sonnenberg später, dass die MASCH-Kurse nie zu schwierig gewesen seien: »Sonst hätte ich mich gar nicht gemeldet, weil ich das Gefühl gehabt hätte, das ist nicht für mich, das ist für Studenten oder für Intellektuelle, aber das war’s gar nicht. Man hat nie das Gefühl gehabt, man sei überflüssig oder dumm, auch wenn man oft falsche Fragen gestellt hat. Sie wurden beantwortet.«

Diese Form der Pädagogik spiegelt den Anspruch der MASCH wider: keine politischen Spitzenkader auszubilden, sondern das allgemeine Bildungsniveau der Arbeiterinnen und Arbeiter zu heben – ob sie bereits politisch aktiv sind oder nicht. Mit diesem Konzept ist die Schule einmalig erfolgreich. Von Flensburg bis nach München und in allen Industriestädten dazwischen sprießen ihre Ableger.

Taufe am Abgrund

Als marxistische Organisation ist die MASCH jedoch regelmäßigen Angriffen der Justiz ausgesetzt. So gibt 1932 ein ehemaliger sächsischer Landtagsabgeordneter der KPD einen mehrtägigen Kurs. Als er währenddessen abgeführt wird, kassiert die Polizei auch die Notizblöcke aller Schülerinnen und Schüler ein. Zum Verhängnis wird ihm schließlich, dass sich in diesen Aufzeichnungen der Satz findet, dass »die proletarische Machtergreifung das Ziel des revolutionären Klassenkampfes« sei. Er wird zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Um solchen Repressalien zu entgehen, erfinden die Schulen nicht nur für die Raumbuchung verschiedenste Namen. Auch einzelne Lehrpersonen wollen nicht mehr unter ihrem Klarnamen für die Schulen tätig sein. Als etwa der Lehrer Martin Hengst nach einer Verhaftung und Hausdurchsuchung den Schulleiter Johann-Lorenz Schmidt in seinem Büro bittet, unter Pseudonym lehren zu dürfen, hat dieser Verständnis für die Situation. Er zückt schnell das Telefonbuch, um einen neuen Namen für Hengst zu finden. Da klopft es an der Tür und ein anderer Lehrer kommt ins Büro. Schmidt schaut kurz auf und sagt: »Augenblick, wir sind hier gerade bei der Taufe.«

Der Versuch, halb-untergründig und halb-öffentlich zu arbeiten, funktioniert noch eine Weile recht gut. Als die Nazis an die Macht kommen, kann sich die Schule jedoch nicht länger behaupten. Bei der Zerschlagung der MASCH werden alle vorhandenen Materialien beschlagnahmt und vernichtet; was heute noch über sie zu erfahren ist, stammt aus rückblickenden Artikeln in DDR-Zeitungen und den Interviews, die Gabriele Gerhard-Sonnenberg in den 1970er Jahren geführt und in dem Band Marxistische Arbeiterbildung in der Weimarer Zeit zusammengestellt hat.

Umso wichtiger ist es, an das Erbe der MASCH zu erinnern und darauf zu beharren, dass die Arbeiterin selbst am besten weiß, was die Arbeiterin wissen muss. Gegenüber den festgefahrenen Kapital-Lesekreisen im studentischen Millieu zeigt sie, dass es sich lohnt, marxistische Bildung von den pragmatischen Bedürfnissen der Menschen her zu denken. Und im Gegensatz zu der sich unpolitisch gebenden Volkshochschule macht sie deutlich, dass es nicht wirklich neutral ist, die Interessen der arbeitenden Bevölkerung aus der Bildung herauszuhalten.

Till Brückner

Till Brückner ist Game Designer und Historiker.

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Tags: Politik

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