Im Januar 1976 verfassten die Beschäftigten der Lucas Aerospace Corporation eines der radikalsten Dokumente in der Wirtschaftsgeschichte Großbritanniens. Der »Alternative Plan for Lucas Aerospace« – bekannt als Lucas-Plan – war eine ambitionierte Strategie zur Neuausrichtung des Unternehmens. Es sollte weggehen von der Waffenproduktion und hin zur Herstellung gesellschaftlich nützlicher Güter.
Das Unternehmen war in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und hatte Probleme, mit den aufstrebenden Luft- und Raumfahrtkonzernen aus den USA, Japan und Kontinentaleuropa mitzuhalten. Das Management von Lucas hatte das vorangegangene Jahrzehnt damit verbracht, das Unternehmen zu »rationalisieren«, indem es diverse Umstrukturierungspläne einführte, die allesamt Massenentlassungen beinhalteten. Doch nichts davon zeigte die erwünschte Wirkung.
Einige im Betrieb hofften auf eine Verstaatlichung in letzter Minute. Doch der gesamten britischen Wirtschaft ging es nicht gerade blendend, und die Arbeiterinnen und Arbeiter bei Lucas erkannten schnell, dass diese Option nicht wirklich auf dem Tisch war. Die Botschaft schien klar: Das Schicksal von Lucas Aerospace würde »der Markt« entscheiden. Gewerkschafter aus der Firma wandten sich an Tony Benn, einen der führenden demokratischen Sozialisten der britischen Linken, der damals Industrieminister der Labour-Regierung war. Benn bekräftigte, dass eine Verstaatlichung nicht infrage komme, machte den Beschäftigten aber einen anderen Vorschlag: Warum nicht einen eigenen Plan zur Rettung des Unternehmens vorlegen?
Innovation vom Fließband
Zunächst baten die Gewerkschafter Akademiker, politische Entscheidungsträger und lokale Regierungsbeamte um Rat, aber nur drei machten sich überhaupt die Mühe, zu antworten. Also wandten sie sich stattdessen an die Belegschaft, um Ideen zu sammeln. Und die Resonanz war überwältigend.
Die Lucas-Beschäftigten brachten hunderte von Ideen ein, wie das Rüstungsunternehmen in eine lebensfähige und gesellschaftlich nützliche Firma umgewandelt werden könnte. Mehr als 150 Vorschläge für neue Produkte wurden in das Abschlussdokument aufgenommen, das auch detaillierte Informationen über die personellen und technischen Ressourcen, auf die das Unternehmen zurückgreifen konnte, eine Marktanalyse und einen detaillierten Schritt-für-Schritt-Plan für den Übergang zur neuen Arbeitsweise enthielt.
Die von den Arbeiterinnen und Arbeitern vorgeschlagenen Ideen wurden in fünf Kategorien eingeteilt: »Medizinische Geräte, Transportfahrzeuge, verbesserte Bremssysteme, Energieeinsparung, Seefahrt«. Beispielsweise wurden Pläne zur breitflächigen Produktion von Dialysegeräten, zum Bau von Windturbinen, zur weiteren Forschung an Solarzellentechnologie und zur Entwicklung eines Hybridantriebs für Autos vorgelegt.
»Die Beschäftigten hatten ein völlig neues Modell für ihr Unternehmen entwickelt: ein Modell, das auf der demokratischen Produktion gesellschaftlich sinnvoller Güter basiert.«
Dies waren außerordentlich radikale und weitsichtige Ideen zu einer Zeit, als der vom Menschen verursachte Klimawandel bestenfalls in sehr begrenzten Kreisen erstmalig diskutiert wurde. Auffallend ist, dass keine der Ideen Militärtechnologie vorsah, die bis dahin einen wesentlichen Teil des Geschäfts von Lucas Aerospace ausgemacht hatte. Die Arbeiterinnen und Arbeiter waren offensichtlich nicht mehr gewillt, Tötungsmaterial zu produzieren.
PAYWALL
Die Geschäftsführung war genauso verblüfft wie viele Regierungsmitglieder. Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem gesamten Unternehmen hatten sich zusammengetan und die geografischen, technischen und kulturellen Barrieren überwunden, die sie bislang trennten, um einen Plan zu entwickeln, der gleichzeitig ihre Arbeitsplätze retten, Lucas Aerospace transformieren und die Fantasie der arbeitenden Bevölkerung auf der ganzen Welt beflügeln würde.
In dieser Hinsicht ist es wenig verwunderlich, dass der Plan von der Führungsetage des Unternehmens abgelehnt wurde. Die Bosse konnten sich offensichtlich nicht vorstellen, dass die Arbeiterschaft, die sie normalerweise mit harter Hand führten, so viel Einfallsreichtum an den Tag legen könnte. Die Unternehmensleitung von Lucas Aerospace zog es letztlich vor, das Unternehmen sterben zu lassen, statt es den Beschäftigten anzuvertrauen.
Ein britischer Parlamentsabgeordneter fasste es so zusammen: »Die Betriebsräte brauchten drei Jahre, um überhaupt mit der Geschäftsführung über den Plan für das Unternehmen sprechen zu können – weil sie damit die hierarchische Natur unserer Gesellschaft infrage stellten. Diese besagt, dass die Chefs die Entscheidungen treffen und die Arbeiter sie hinzunehmen haben. Wehe den Arbeitern, die diese Entscheidungen infrage stellen und vielleicht sogar bessere Lösungen finden.«
Architekten oder Arbeiterbienen
Der Lucas-Plan war ein außerordentlich ambitioniertes Dokument, das die Grundlagen des Kapitalismus infrage stellte. Anstelle einer Institution, die darauf aus ist, mittels der Beherrschung der Arbeit durch das Kapital Profite zu generieren, hatten die Beschäftigten ein völlig neues Modell für ihr Unternehmen entwickelt: ein Modell, das auf der demokratischen Produktion gesellschaftlich sinnvoller Güter basiert. Es machte beinahe den Eindruck, als hätte die Belegschaft nie eine Geschäftsführung gebraucht – als wären sie in Wahrheit kreative Architekten und keine fügsamen Arbeiterbienen.
Tatsächlich schrieb Mike Cooley, ein Gewerkschaftsführer bei Lucas Aerospace, später ein Buch mit dem Titel Architect or Bee: The Human Price of Technology. Cooley war ein irischer Ingenieur und einer der Schöpfer des Lucas-Plans. Er war ein derart erfolgreicher Gewerkschaftsführer, dass Lucas Aerospace ihn 1981 entließ. Er habe »zu viel Zeit mit Gewerkschaftsangelegenheiten verbracht«.
Danach setzte Cooley seine Arbeit für gesellschaftlich sinnvolle Produktion bei der Greater London Corporation fort. Er gilt als Pionier des Human-Centered Design. Im Vorwort zu Cooleys Buch Delinquent Genius: The Strange Affair of Man and His Technology bezeichnete ihn der irische Präsident Michael D. Higgins 2018 als »den intelligentesten Iren, den moralisch engagiertesten Wissenschaftler und Technologen, den Irland je ins Ausland entsandt hat«.
»Die Friedensbewegung sah im Lucas-Plan ein Beispiel dafür, wie man den militärisch-industriellen Komplex zerstören kann, ohne die Arbeiterschaft zu verprellen.«
Cooley betrachtete »gewöhnliche Menschen« aus einer Perspektive, die der von Denkern wie Friedrich August Hayek oder auch John Maynard Keynes diametral entgegenstand. Er war sogar der Meinung, in seinem Leben noch nie einem »gewöhnlichen« Menschen begegnet zu sein. Alle Menschen, die er kannte oder mit denen er zusammenarbeitete, hätten vielmehr »außergewöhnliche […] Fähigkeiten, Fertigkeiten und Talente«. Der Lucas-Plan ist das beste Beispiel: Cooley sah es als das große Verbrechen des Kapitalismus, dass »diese Talente nicht ausreichend genutzt, entwickelt oder gefördert« wurden.
Cooleys demokratischer Sozialismus entsprach dem Zeitgeist der 1970er Jahre. Die neuen sozialen Bewegungen, die aus den Protesten der späten 1960er Jahre hervorgegangen waren, stellten die traditionellen Hierarchien in der Labour Party, der Arbeiterbewegung und der Gesellschaft im Allgemeinen infrage. Die einfachen Arbeiterinnen und Arbeiter waren enttäuscht von den geringen Verbesserungen bei Löhnen, Arbeitsbedingungen und den politischen Forderungen der Gewerkschaften, selbst nach einem Jahrzehnt mit aufeinanderfolgenden Labour-Regierungen. Sie waren zunehmend desillusioniert von dem bürokratischen Top-Down-Ansatz bei der Verstaatlichung, der in der Nachkriegszeit weitgehend Konsens gewesen war.
Viele aus dieser »Neuen Linken« sahen in der Demokratisierung der Arbeitswelt einen Weg, um die Kluft zwischen den Protestbewegungen der 1960er Jahre und der stark institutionalisierten Arbeiterbewegung zu überbrücken. Viele aus der »Alten Linken« sahen darin eine Möglichkeit, den kraftlosen Nachkriegskonsens wiederzubeleben.
Die Friedensbewegung sah im Lucas-Plan ein Beispiel dafür, wie man den militärisch-industriellen Komplex zerstören kann, ohne die Arbeiterschaft zu verprellen. Umweltschützer mit Weitblick sahen in ihm ein Modell für den Übergang zu einer grünen Wirtschaft ohne Arbeitsplatzverluste. Und alle Linken, von Marxistinnen bis zu Anarchisten, sahen in ihm ein fantastisches Beispiel dafür, wie man die Macht der Arbeiter stärken und die Produktion vergesellschaften kann, ohne dafür auf die Unterstützung des kapitalistischen Staates angewiesen zu sein. Selbst liberale Kolumnisten räumten ein, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter bei Lucas Aerospace etwas ganz Außergewöhnliches geschaffen hatten.
In dieser turbulenten Zeit wirkten die Aktionen der Beschäftigten von Lucas Aerospace wie ein Lichtblick für alle Radikalen. Während die politische Klasse eine Bedrohung für Ordnung und Stabilität durch kiffende Hippies und streikende Arbeiter mit Sowjet-Sympathien heraufbeschwor, einte sich die britische Linke um den Lucas-Plan als ein sehr reales und praktisches Beispiel dafür, was erreicht werden kann, wenn arbeitende Menschen ihre kollektive Fähigkeit, Solidarität und Kreativität einsetzen.
Der Absturz von Lucas Aerospace
Doch dann kam das Jahr 1979. In ihrer ersten Amtszeit strukturierte die Premierministerin Margaret Thatcher die britische Wirtschaft radikal um. Sie führte einen regelrechten Krieg gegen die Gewerkschaften, privatisierte große Teile des öffentlich-rechtlichen Sektors und befreite das Finanzkapital von seinen in den Nachkriegsjahren angelegten Ketten. Der Regierungswechsel schadete der Arbeiterbewegung im Allgemeinen und dem Lucas-Plan im Besonderen. Cooley wurde 1981 wegen seiner Aktivitäten »faktisch entlassen« und der Plan der Arbeiterinnen und Arbeiter scheiterte endgültig.
Während die Menschen hinter dem Lucas-Plan versucht hatten, die Grundlage für eine zukünftige Wirtschaft zu legen, die die Würde, die Kreativität und die Autonomie der Arbeiterinnen und Arbeiter respektiert, nutzte Thatcher stattdessen ihre Regierungsgewalt rücksichtslos aus, um die Macht des Kapitals über die Arbeiterschaft wiederherzustellen. Unter dem Deckmantel von vermeintlicher Freiheit und Selbstbestimmung zerstörte sie eines der innovativsten und ausgeklügeltsten Modelle für eine genuin demokratische Produktion, das die Welt je gesehen hatte. Der Erfolg der neoliberalen Bewegung sorgte dafür, dass »anstelle von kollektiver Versorgung und Demokratisierung von Staat und Wirtschaft nur individualisierter Konsum als das hauptsächliche Erbe der Arbeitskämpfe des 20. Jahrhunderts übrig blieb«.
Nach mehreren Umstrukturierungen fusionierte Lucas Aerospace 1996 mit einem US-amerikanischen Unternehmen zur LucasVarity PLC, die umgehend Kostensenkungsmaßnahmen ankündigte, die zum Abbau von 3.000 Arbeitsplätzen führten. Drei Jahre später wurde der Zusammenschluss rückgängig gemacht und LucasVarity vom US-Unternehmen TRW gekauft, das die Gruppe in der Shareholder-Value-Ära der 1980er Jahre zerlegte und ausschlachtete. Die Überreste – inzwischen unter dem Namen TRW Aeronautical Systems – wurden zwei Jahre später an die US-amerikanische Goodrich Corporation verkauft. Im Jahr 2012 wurde Goodrich selbst von United Technologies für 16,5 Milliarden Dollar übernommen und mit einer bereits bestehenden Tochtergesellschaft zu United Aerospace fusioniert.
»Die Wahl, vor der die Menschen in den 1970er Jahren standen, war eine zwischen demokratischer, gesellschaftlich nützlicher Produktion auf der einen Seite und der Gewinnmaximierung um jeden Preis auf der anderen.«
Einige Jahre später erlebte United Aerospace einen schweren Schlag, als ein Flugzeug, für das das Unternehmen zahlreiche Komponenten geliefert hatte, vom Himmel fiel. United Aerospace belieferte Boeing damals mit Bordelektronik, Kabinenkomponenten und mechanischen Systemen für den Flugzeugtyp 737 MAX, und eine ihrer Tochtergesellschaften, Rosemount, hatte Boeing defekte Anstellwinkelsensoren zugeliefert, die bei zwei Abstürzen eine Rolle spielten. Einen Monat nach dem Absturz eines Ethiopian-Airlines-Flugzeugs gab United Aerospace bekannt, dem Unternehmen drohten Umsatzeinbrüche in Höhe von 80 Millionen Dollar, da Boeing entschieden hatte, die Produktion der 737 MAX zurückzufahren.
Im Jahr 2018 übernahm United Aerospace Rockwell Collins und fusionierte mit UTC Aerospace Systems – also dem Teil des Unternehmens, der noch auf das Ursprungsunternehmen Lucas Aerospace zurückging – zu Collins Aerospace. Collins unterhielt weiterhin enge Geschäftsbeziehungen zu Boeing und lieferte Komponenten für den Boeing Business Jet 737 MAX. 2020 wurde UTC dann mit Raytheon Technologies, einem der größten multinationalen Luftfahrt- und Rüstungskonzerne der Welt, fusioniert.
Kurzum: Was einst das Unternehmen Lucas Aerospace war, dessen Beschäftigte an der Spitze einer Bewegung zur Schaffung einer neuen, auf Demokratie, Nachhaltigkeit und sozialem Nutzen basierenden Produktionsweise standen, war zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer Tochtergesellschaft eines riesigen US-Mischkonzerns geworden, der fest mit dem militärisch-industriellen Komplex verbandelt ist und Teile für Flugzeuge an ein Unternehmen lieferte, dessen ungezügelte Gier dazu führte, dass seine Maschinen buchstäblich vom Himmel fielen.
Zwei Wege
Es dürfte kaum eine bessere Veranschaulichung für die beiden Wege geben, vor denen man in den 1970er Jahren stand: die totale Beherrschung durch das Kapital oder eine nachhaltige, sozialisierte, demokratische Produktionsweise.
Die Wirtschaftsweise, die die 737-MAX-Katastrophen produziert hat, ist übrigens nicht weniger zentral geplant als die hinter dem Lucas-Plan. Der Hauptunterschied bestand lediglich darin, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter vor rund fünfzig Jahren einen Einfluss auf den Planungsprozess gehabt hätten, der heute von Unternehmenschefs, Bürokratinnen, Politikern und Finanziers dominiert wird.
Die Wahl, vor der die Menschen in den 1970er Jahren standen, war eine zwischen demokratischer, gesellschaftlich nützlicher Produktion auf der einen Seite und der Gewinnmaximierung um jeden Preis auf der anderen. Es war die Wahl zwischen einer Gesellschaft, in der sich die Arbeiterschaft organisiert, um Nierendialysegeräte für ein öffentliches Gesundheitssystem herzustellen, oder einer Gesellschaft, in der die Bosse ihre Beschäftigten anweisen, Firmenjets für ein Unternehmen zu produzieren, das in einer gerechten Gesellschaft für Totschlag verurteilt werden müsste.
Dieser Text basiert auf einem Kapitel in Grace Blakeleys neuestem Buch Die Geburt der Freiheit aus dem Geist des Sozialismus, das kürzlich im Tropen Verlag erschienen ist.