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»Ich möchte alles sein – aber kein Opfer«

Kurdwin Ayub macht Filme über Migration und Feminismus, die Klischees aufbrechen. Im Interview spricht sie darüber, warum man mit Mitleid niemanden ermächtigen kann.

 »Ich möchte alles sein – aber kein Opfer«
»Manche Leute glauben, man muss mehr Filme über Migranten machen und die müssen alle total empowernd sein. Da sind dann alle migrantischen Charaktere Ärzte oder so.«Foto: Christopher Glanzl

Kaum eine österreichische Regisseurin hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie Kurdwin Ayub. Mit ihren Filmen Mond (2024) und Sonne (2022) gewann sie zahlreiche Auszeichnungen, ihr Theaterstück Weiße Witwe war zuletzt an der Berliner Volksbühne zu sehen. 

Wer vom politischen Kino gelangweilt ist – zu brav, zu erwartbar, zu pädagogisch –, kennt die Filme von Ayub noch nicht. Anstatt ihr Publikum zu belehren, fordert sie es heraus: Sonne erzählt von drei Wiener Teenagerinnen, die viral gehen, nachdem sie sich beim Singen eines Popsongs im Hijab filmen. In Mond reist eine Wiener MMA-Kämpferin, gespielt von der Performancekünstlerin Florentina Holzinger, nach Jordanien, um dort die Töchter einer wohlhabenden Familie zu trainieren. Mit Weiße Witwe liefert Ayub eine Neuinterpretation von Tausendundeine Nacht – mit einer sexbesessenen Diktatorin im Islamischen Staat Europa des Jahres 2666 im Zentrum der Geschichte. Anstatt Erwartungen zu bedienen, bricht Ayub mit vorherrschenden Vorstellungen über Feminismus und Migration. 

Wir treffen uns im Café Bräunerhof, dem Lieblingskaffeehaus von Thomas Bernhard, und sprechen bei einem Eiskaffee über ihre Arbeit, falsche Vorstellungen von Diversität und darüber, was eigentlich gute politische Kunst ausmacht. 

Du bist in Wien Simmering aufgewachsen, einem klassischen Arbeiterbezirk in Wien, der auch viele FPÖ-Wähler hat. Wie war das, dort als Tochter kurdischer Geflüchteter groß zu werden?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht das Gefühl hatte, ich wachse als Tochter von kurdischen Flüchtlingen auf. Für mich war das einfach normal. Ich hatte das Gefühl, meine österreichischen Freundinnen und ich haben eh alle dieselben Probleme: Wir hassen unsere Eltern.

Also, es gab schon Unterschiede, meine Eltern haben zu Hause kurdisch gesprochen und ich durfte als Jugendliche nichts machen, weil mein Vater voll streng war. Und ich habe auch das Kriegstrauma meiner Eltern mitbekommen. Aber bevor ich von zu Hause weg war, habe ich nie so richtig verstanden, warum ich bin, wie ich bin.  

Als Kind hat das nicht so eine große Rolle gespielt. Wenn du mit anderen Kindern aufwächst, ist es egal, ob die jetzt blond- oder braunhaarig sind. Als ich dann aus diesem Umfeld weg war, war ich plötzlich nicht mehr einfach Kurdwin, sondern Kurdwin mit Migrationshintergrund.

Mit achtzehn bist Du von zu Hause weggelaufen und hast »rebelliert«, indem Du an die Kunst-Uni gegangen bist. War das ein harter Clash?

Ich hab’ mich so fremd und leer gefühlt. Die Leute dort hatten schon Ausstellungen und irgendwelche Erfahrungen gesammelt. Und ich dachte nur so: Oh Gott, ich komme nicht aus dieser Welt. Das hat ein paar Monate gedauert, bis ich aus diesem Gefühl wieder rausgekommen bin. Aber irgendwann habe ich gecheckt, die Leute dort sind halt auch so Verlorene wie ich.

In Deinen Filmen geht es vor allem um Flucht und Migration. Gleichzeitig sind sie in der Erzählung und Form ur-österreichisch: morbide und oft irgendwie beengend.

Das kommt automatisch – also diese österreichische Erzählform. Aber gleichzeitig hat das Kurdische auch so etwas Morbides. Da gibt es so viel Leid und so viel Drama und so viel schwarzen Humor. Das ist einfach mit dem Österreichischen gemischt. So wie ich ja auch. 

In Interviews lässt Du durchklingen, dass Du viel Kunst, die unter dem Label der Diversität produziert wird, eindimensional findest und Du explizit keine, wie Du es nennst, »brave Ausländerkunst« machen möchtest. 

Ja, das ist so ein Missverständnis von Political Correctness und Popkultur. Also, manche Leute glauben, man muss mehr Filme über Migranten machen und die müssen alle total empowernd sein. Da sind dann alle migrantischen Charaktere Ärzte oder so. Dabei gibt es auch eine Lebensrealität, die nicht super ist und die wird immer so kaschiert und sehr sensibel behandelt. Da denke ich mir: »Okay, Leute, wir können damit umgehen. Man muss nicht mit Wattepads auf uns zukommen.«

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Das ist paternalisierend und das mag ich einfach nicht. Ich habe schon immer so ein Problem mit Mitleid und Paternalismus gehabt. Ich denke mir: »Ich muss nicht brav sein, ich kann bad sein, ich kann gut sein, ich kann alles sein, was du bist.« 

Diese Einordnung kommt ja von außen. Fällt es Dir leicht, Dich diesen Zwängen zu entziehen?

Nein, überhaupt nicht – auch deshalb, weil ich mich so viel damit auseinandersetze, was mir als Geschichtenerzählerin über andere Kulturen als die europäische überhaupt erlaubt wird. Aber am Ende des Tages ist es eh egal, wie korrekt man etwas machen will; es gibt immer Leute, die es scheiße finden und dich Nazi nennen. 

Bevor Weiße Witwe in Wien gespielt wurde, meintest Du, da »werden sich alle aufregen«? Hast Du Angst, vereinnahmt zu werden? Die Welt hat ja zum Beispiel aus Deinem Joke, dass Houellebecq nicht weit genug geht, eine Headline gemacht.

Eigentlich nicht. Ich sage ja nicht, wir wollen keine Migranten mehr. Ich bin keine Politikerin, ich bin Künstlerin. Also, man muss schon echt blöd sein, das nicht zu verstehen.

Viele von diesen Diskussionen finde ich auch einfach nur witzig. Ich hab’ halt Krieg erlebt und wenn mir Leute sagen, ich darf manche Dinge nicht zeigen, denke ich mir: »Okay, chill dein Leben und geh zurück in deine Eigentumswohnung, trink ein selbst gemachtes Craftbeer« oder so. Dann kannst du dich wieder beruhigen. Ich weiß einfach, wer ich bin. Ich kenne meine Ideale und die von den Leuten, die mit mir arbeiten. Darum habe ich keine Angst – und wenn sich die Leute aufregen, dann ist das eh gut, weil das Aufmerksamkeit gibt.

Ich hatte eine Erfahrung, die ich richtig arg fand: Ein Kurator meinte einmal zu mir, er sei sich nicht sicher, ob er Sonne vor einem weißen Publikum zeigen könne. Er wollte den Film canceln, weil die migrantische Familie in dem Film auch Probleme hatte und weiße Leute darüber nicht urteilen sollten. Das hat mich extrem erschreckt.

Die weißen Leute in Deinen Filmen kommen ja auch nicht gut weg. Sarah in Mond möchte in klassischer White-Savior-Manier die unterdrückten jordanischen Mädchen befreien. In Weiße Witwe basiert die sexbesessene Diktatorin auf einer Nordirin, die konvertiert ist und als Terroristin gesucht wird. Warum sind gerade weiße Frauen, die orientalistische Fantasien über die arabische und kurdische Welt haben, so spannend für Dich?  

Ich glaube, das liegt daran, dass ich so viele Freundinnen hatte, die diese Welt romantisiert und exotisiert haben. Das war eigenartig für mich, dass die so in diese Welt abtauchen wollten. 

Eine Freundin aus meiner Schule hat sich mal in einen muslimischen Jungen verliebt, ist für ihn konvertiert und hat angefangen, Kopftuch zu tragen. Sie wollte mit mir auch unbedingt in die kurdische Sprachschule gehen, damit sie auch Kurdisch lernen kann. Sie fand einfach alle und alles aus der Kultur im arabischen Raum, inklusiver aller Minderheiten, urcool. Und ich fand das sehr seltsam. Ich hatte Probleme mit der Kultur, aus der ich gekommen bin, und sie wollte da ganz rein. Sie war auch voll die Streberin in der Kurdisch-Schule und ich musste da hin, weil mein Vater mich dahin geschickt hat. Manchmal dachte ich, sie wollte die bessere Ausländerin sein, obwohl sie keine ist. 

Ist es eigentlich Absicht, dass so wenige Männer in Deinen Filmen vorkommen?

Ich konnte mich in Männer einfach nie so gut hineinversetzen. Ich fühle mich Frauen einfach viel näher. Aber in meinem nächsten Film Sterne kommen auch Männer vor, also wechsle ich das Gender mal. Ich muss jetzt herausfinden, was Männer untereinander reden, was sie fühlen und was sie sich wünschen. Es gibt viele Klischees darüber, was Männer beschäftigt, und ich glaube, dass vieles davon stimmt. Und ja, die Welt und wie sie jahrhundertelang funktioniert hat, hat Männer so gemacht. 

Aber ich stoße dadurch auch auf Widersprüche in mir selbst: Da ich eine heterosexuelle Frau bin, erwische ich mich immer wieder dabei, die männliche Seele zu verachten und gleichzeitig lieb zu finden. Vielleicht habe ich auch deswegen nie so richtig Männercharaktere geschrieben. Ich hatte einfach keine Lust darauf, Männern meine Zeit und Kraft zu widmen, ihnen komplexe Seelen in meinen Filmen zu geben, zu denen ich Gefühle aufbaue.  

Die Frauen, die Du in Deinen Werken erschaffst, müssen die unterschiedlichsten Zwänge navigieren, aber sind gleichzeitig rebellisch. 

Mir ist wichtig, dass meine Frauenfiguren Kämpferinnen oder Rebellinnen sind, aber auch zum Beispiel Bösewichte sein können. Ich glaube, das hat viel mit mir selbst zu tun. Ich möchte alles sein – aber kein Opfer. Ich hasse es, Mitleid zu bekommen, außer es kommt von Menschen, die mir sehr nahestehen und mich unterstützen, wenn ich leide. Doch Mitleid von Menschen, die man nicht kennt, war für mich immer auch eine Form der Überhöhung. Deswegen möchte ich nicht, dass mein Publikum im Saal sitzt und Mitleid mit meinen Figuren hat. Weil meine Figuren ja irgendwie auch alle ein bisschen Kurdwins sind. 

Glaubst Du, dass Leute lieber klare Statements von Dir wollen als Kunst, die auch Ambivalenzen aufzeigt?

Ich weiß es nicht. Meine Kunst ist ja sehr spezifisch, es kommt nur so ein Arthouse-Publikum, um sich das anzusehen. Und ich überlege schon immer, wie ich dieses Publikum dann bespiele. Also Weiße Witwe wurde gerade bei der Volksbühne gezeigt, das ist ein linkes Bobo-Publikum und alle sind 100 Prozent Hipster. Wenn ich für den ORF etwas mache, dann überlege ich mir etwas anderes. Ich mache nie einen Film oder ein Stück, damit das Publikum dann dasitzt und sagt: »Sehr gut, super, da bin ich genau Deiner Meinung.« Ich mache das Gegenteil davon, damit das Publikum beginnt, über sich selbst zu reflektieren. 

Du sagst, dass Du keine Politikerin bist. Gleichzeitig gibt es aber in der Kulturwelt in den letzten Jahren schon so einen Trend zu Statement-Aktivismus. 

Das ist wirklich furchtbar, überhaupt bei Preisverleihungen. Ich war letztens auf einer Preisverleihung, da gab es keine Kameras und gar kein öffentliches Publikum. Dann hat eine Person gewonnen und betritt die Bühne und beginnt darüber zu reden, dass wir etwas gegen die »Verstümmelung von Kindern« tun müssen, denen nach der Geburt das Geschlecht gewechselt wird. Und ich frage mich: Wem erzählst du das? Mir? Für den Fall, dass ich nicht auf die Idee komme, dass mein hypothetisches Kind sein Geschlecht wechselt?

Ich finde solche Reden von Künstlern immer sehr schwierig, die sind meistens nur dafür da, dass sie selbst geil rüberkommen. Es gibt schon Fälle, wo die Leute das aus den richtigen Gründen tun, aber oft ist das einfach nur superelitär. Ich finde die Performance von sowas ironisch und zynisch. Unsere Kunst ist schon politisch. Unsere Politik äußert sich durch das, was wir schaffen. 

Aber ich verstehe in manchen Fällen auch, woher das kommt. Als es kurz davor stand, dass die FPÖ in die Regierung kommt, habe ich natürlich auch gesagt, dass das nicht gut ist. Wenn es hart auf hart kommt, glaube ich aber, dass die Kunst auch richtig rebellieren kann. 

Magdalena Berger

Magdalena Berger ist Assistant Editor bei JACOBIN.

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