»Herrenstiefel 16 ½ Mill., Herrenhosen 6,5 Mill., Mützen 3,6 Mill.« Beinahe lakonisch hält Viktor Klemperer, der zu dieser Zeit an der TU Dresden lehrt, die astronomischen Preise des Hyperinflationsjahres 1923 in seinem Tagebuch fest. Waren die Preise seit Kriegsbeginn 1914 immer weiter angestiegen, erreichten sie neun Jahre später schier unvorstellbare Höhen.
In Sachsen, insbesondere im Erzgebirge und im Vogtland, waren die Folgen der Inflation besonders verheerend. Die stark von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit betroffene Textilindustrie war in der Region überlebenswichtig: Spitze aus Plauen war bereits eine Marke von Weltrang, die auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 mit einem Grand Prix ausgezeichnet wurde. Das dichte Netz industrieller Webereien hatte gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem raschen Ausbau des Schienennetzes geführt. Noch heute zeugen Bauwerke wie die weltberühmte Göltzschtalbrücke und die zahlreichen ehemaligen Fabrikantenvillen von einer lebendigen Industriegeschichte.
Der Einbruch der Textilindustrie traf die Region wie ein Hammerschlag, wie die Historikerin Petra Weber eindrücklich beschreibt: Allein in Plauen gab es 12.000 Arbeitslose, darunter viele Frauen, die einen erheblichen Teil der Belegschaften ausmachten. Mehr als die Hälfte der städtischen Schulkinder war unterernährt und wie überall in Deutschland kam es zu regelrechten Kaufpaniken. Die »Flucht in die Sachwerte« – also das verdiente Geld so zügig wie möglich auszugeben, bevor es weiter an Wert verliert – wurde zum geflügelten Wort. Wo dies nicht mehr ausreichte, um dem Hunger Einhalt zu gebieten, kam es zu Demonstrationen, (wilden) Streiks und Plünderungen. Von der um sich greifenden Wut und Verzweiflung profitierte vor allem die KPD, die im Bezirk Erzgebirge-Vogtland auf über 30.000 Mitglieder anwuchs. Vor dem Krieg hatten SPD und Gewerkschaften hier einen schweren Stand gehabt. Nun strömte das hungernde Proletariat in die kommunistischen Parteilokale.
Umverteilung mit den eigenen Händen
An Arbeitskämpfe klassisch gewerkschaftlicher Prägung war zu dieser Zeit kaum noch zu denken. Was an Konzessionen von den Arbeitgebern zu holen war, wurde von der rasanten Geldentwertung meist unmittelbar wieder aufgefressen. Im Vogtland spielten die Gewerkschaften deshalb schon im Juli 1923 keine Rolle mehr. Der sozialdemokratische Innenminister Herrmann Liebmann beschrieb diese Zustände gegenüber seinem Amtskollegen der Reichsregierung als »Tarif-Anarchie« und »Verwilderung der gewerkschaftlichen Kämpfe.« Die hungernden Arbeiterinnen und Arbeiter setzten auf kurzfristig wirkende Aktionen und unkonventionelle Methoden der sozialen Umverteilung. Neben direkten Plünderungen von Feldern und Geschäften kam es in den sächsischen Städten immer wieder zu Demonstrationen, insbesondere wenn Gerüchte über Betriebsschließungen die Runde machten oder Lohnerhöhungen verweigert wurden.
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»Häufig drangen aufgebrachte Arbeiterinnen und Arbeiter in die Anwesen der Industriellen ein und nötigten sie dazu, den Protesten beizuwohnen. Sie zwangen ihre Klassenfeinde, die rote Fahne zu schwingen, oder wickelten sie direkt darin ein.«
An diesen Protesten nahmen auch Fabrikbesitzer teil, jedoch keineswegs freiwillig: Häufig drangen aufgebrachte Arbeiterinnen und Arbeiter in die Anwesen der Industriellen ein und nötigten sie dazu, den Protesten beizuwohnen. Sie zwangen ihre Klassenfeinde, die rote Fahne zu schwingen, oder wickelten sie direkt darin ein. Anderernorts mussten Unternehmer Schilder mit Aufschriften wie »Ich bin ein Menschenschinder«, »Ich bin ein Lump« oder »Ich bin ein Blutsauger« tragen. Üblich war es auch, Unternehmer gewaltsam aus ihren Betten oder den Betrieben zu holen und an öffentlichen Verhandlungsorten dazu zu zwingen, auf Lohnforderungen einzugehen. Über den Verband der ausgeschlossenen Bauarbeiterwird berichtet, dass er Arbeitgebern regelmäßig physische Gewalt androhte, sollten diese einer Lohnerhöhung nicht zustimmen – eine Taktik, die so gut funktionierte, dass sie wenig später auch von Textil- und Metallarbeitern angewandt wurde.
Solche Szenen spielten sich vor allem im Erzgebirge und im Vogtland ab. In den dortigen Kleinstädten waren die Wege zwischen Arbeiterquartieren und Fabrikantenvillen kurz. Zu echten Gewaltausbrüchen kam es offenbar nur selten, dennoch fühlte sich die sächsische Bourgeoisie zunehmend bedroht und von der sozialdemokratischen Landesregierung als Bürgertum zweiter Klasse behandelt. In einem Brief an den Stadtrat im erzgebirgischen Aue schrieb der Inhaber einer Baufirma, er sei nun bereits zum dritten Mal entführt worden und habe keinen Schutz von der Polizei erhalten. Er wolle daher fortan keine Steuern mehr zahlen, bis ihm ausreichender Schutz gewährleistet würde. Rufe nach der Reichswehr wurden immer lauter und gerade im Vogtland waren einige Industrielle derart reaktionär, dass sie sich an Übungen rechtsradikaler Wehrverbände in Bayern beteiligten.
Klasse außer Kontrolle
Der Radikalismus der Massen brachte die KPD in eine missliche Lage: Enttäuscht von der Wirkungslosigkeit ihrer Gewerkschaften und Parteien, setzten viele Arbeiterinnen und Arbeiter auf wilde Aktionen zur unmittelbaren Linderung ihrer akuten Nöte. Aus Sicht der KPD untergrub das jedoch die für ihr revolutionäres Endziel notwendige politische Disziplin. Wenig überzeugend machte sie Faschisten und bürgerliche Provokateure für Lebensmittelunruhen verantwortlich. Vielerorts nahm sie sogar selbst die Rolle einer polizeilichen Ordnungsmacht ein. Proletarische Hundertschaften, das heißt Milizen aus sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitern, schützten Geschäfte vor Plünderungen, während neugeschaffene kommunistische Polizeiexekutiven Schnapsbuden schlossen und Betrunkene in »Schutzhaft« nahmen.
Folgerichtig wandte sich die Wut der sächsischen Lohnabhängigen und Erwerbslosen dann auch nicht selten gegen Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre. Im Zwickauer Steinkohlenrevier verprügelten streikende Kumpel Gewerkschaftssekretäre, in Leipzig wurden Funktionäre der KPD am 6. Juni bei einer Erwerbslosendemonstration mit Steinen beworfen. Schon hier zeigte sich, dass der KPD die Lage zu entgleiten drohte. Sie war offensichtlich nicht imstande, die von ihr angestrebte Führungsrolle gegenüber den Arbeiterinnen und Arbeitern einzunehmen, gleichwohl diese häufig mit ihr sympathisierten.
Trotzdem drängten Kräfte in der Partei und der Kommunistischen Internationale darauf, das Aufbegehren der Massen als Vorabend einer revolutionären Situation zu interpretieren. Nachdem Teilnehmer einer Erwerbslosendemonstration in Leipzig von der Polizei erschossen worden waren und der Aufruhr dadurch nur befeuert wurde, schien die Zeit reif. In Berlin empfahl das Politbüro der KPD einer für den 11. August einberufenen Vollversammlung der Revolutionären Betriebsräte, den Generalstreik auszurufen, obwohl tags zuvor eine Konferenz der Berliner Gewerkschaftskommission und der drei Arbeiterparteien dagegen votiert hatte. Zwei Tage später ordnete das Politbüro niedergeschlagen den Rückzug an. Heinrich Brandler, Vorsitzender der KPD, musste resigniert feststellen: »Die Bewegung war lediglich eine kraftlose, spontane Rebellion, ausgelöst durch die allgemeine Teuerung, verschärft durch die Zahlungsmittelknappheit.«
»Im Zwickauer Steinkohlenrevier verprügelten streikende Kumpel Gewerkschaftssekretäre, in Leipzig wurden Funktionäre der KPD am 6. Juni bei einer Erwerbslosendemonstration mit Steinen beworfen.«
Die Streiks gegen die Regierung des verhassten Reichskanzlers Wilhelm Cuno kamen über lokale Revolten nicht hinaus. Eine gemeinsame Bewegung zum Generalstreik oder gar zum revolutionären Sturz der Regierung konnte sich nicht entwickeln. Selbst in Chemnitz, einer kommunistischen Hochburg am Fuß des Erzgebirges, stimmten die Betriebsräte gegen den Generalstreik. »Wir müssen offiziell sagen, daß der Sturz Cunos eine Folge dieser Berliner Bewegung war, obwohl es nicht stimmt«, monierte Brandler weiter. »Daß die Berliner Arbeiter nicht zu halten waren, [...] ist nicht ein Zeichen der Kraft, sondern der Schwäche.«
Nachdem am 22. Oktober Truppen der Reichswehr die sächsische Grenze überquerten und das linkssozialdemokratische Regierungsprojekt beendeten, kam es in mehreren Städten zu Zusammenstößen mit der Bevölkerung. Im erzgebirgischen Freiberg wurden 23 Menschen getötet, als die Truppen das Feuer auf eine Demonstration eröffneten. Weitere 21 wurden verletzt.
Die Rechnung
Die Ereignisse von 1923 hatten katastrophale Folgen für die Arbeiterbewegung. Die KPD musste schmerzhaft feststellen, dass die aus schierer Not und Verzweiflung radikalisierten Massen sich nicht für den Aufbau eines disziplinierten Revolutionsheeres eigneten. Nun wandten sich die Arbeiterinnen und Arbeiter aus Enttäuschung von ihren eigenen Parteien und Gewerkschaften ab. Bei der Reichstagswahl 1924 konnten die Arbeiterparteien weniger Stimmen auf sich versammeln, als die SPD vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Alleingang geholt hatte. Zwischen September 1923 und April 1924 verlor die KPD außerdem ein Drittel ihrer Mitglieder. Das kam allerdings nicht ganz überraschend: In einem Brief an Clara Zetkin räumte Wilhelm Pieck ein, dass die Partei ihre Sympathien durch Versprechen errungen hatte, die sie in Abwesenheit einer »wirklich revolutionären Bewegung« nicht einlösen konnte.
Noch härter traf es die von den langen Arbeitskämpfen finanziell zerrütteten Gewerkschaften. In Chemnitz und Zwickau verlor der Deutsche Metallarbeiter-Verband 60 bis 70 Prozent seiner Mitglieder. Insgesamt bewegten sich die Mitgliederzahlen der Freien Gewerkschaften nun unter dem Niveau der Vorkriegszeit. Den neuen Entlassungswellen konnte man nun ebenso wenig entgegensetzen wie der Tatsache, dass die Unternehmer ihre Betriebe von unliebsamen Personen säuberten und Betriebsräte drangsalierten. Vielerorts fand man niemanden mehr, der überhaupt noch bereit war, sich zum Betriebsrat wählen zu lassen. Wurden die Arbeitskämpfe so größtenteils »befriedet«, kam es im Erzgebirge und im Vogtland 1924 noch zu mehreren Sprengstoffanschlägen auf die Villen der örtlichen Fabrikanten.
Es bleibt zu konstatieren: Selbst hier, wo die Not erdrückend und das Radikalisierungspotential am größten war, reichten die Bedingungen nicht hin für einen revolutionären Aufstand. Die militanten Aktionen der Hungernden waren vor allem spontane Maßnahmen direkter Umverteilung. Zum Leidwesen kommunistischer Revolutionshoffnungen waren sie jedoch mehrheitlich nicht bereit, Leib und Leben für eine bewaffnete Revolte mit fraglichen Erfolgsaussichten aufs Spiel zu setzen. Die KPD hatte die Lage falsch beurteilt: Der Kapitalismus war nicht in seine endgültige Krise eingetreten und die kommunistischen Sympathien vieler Arbeiterinnen und Arbeiter waren kein Ersatz für eine wirkliche Verankerung der Partei in der Breite der Klasse. Die völkische und reaktionäre Tendenz innerhalb des vogtländischen Bürgertums blieb indes bestehen. Anfang der 1930er Jahre fuhren die Nazis hier spektakuläre Wahlergebnisse ein.