1923 gilt vielen als Schlüsselmoment in der Geschichte der deutschen sozialistischen Bewegung. Selten schien die Gelegenheit für den Aufbau einer anderen Gesellschaft so günstig wie im Sommer des Jahres der Hyperinflation. Die Oktoberrevolution in Russland hatte gezeigt, dass ein derartiger Umbruch möglich war, und die spontane Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten hatten bewiesen, dass die Idee des Sozialismus nicht im Schützengraben gestorben war. Das Ende des Ersten Weltkrieges markierte das Wiederaufleben einer linken Massenbewegung.
Besonders Sachsen avanciert im frühen 20. Jahrhundert zur Hochburg der organisierten Arbeiterbewegung. Im südwestlich gelegenen Vogtland, Herz der sächsischen Textilindustrie, erzielte die SPD Wahlergebnisse, von denen man im Rest der Republik nur träumen konnte: Schon 1867 zogen mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht gleich zwei prominente Vertreter der Sozialdemokratie aus dieser Region in den Reichstag des Norddeutschen Bundes ein.
Bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1919 erzielten die beiden sozialdemokratischen Parteien MSPD und USPD in Sachsen zwischen 60 und 70 Prozent. Im gesamten Reichsgebiet kamen die Parteien zusammen lediglich auf 45,5 Prozent und schrammten knapp an einer Mehrheit im Parlament vorbei. Die Kommunistinnen und Sozialdemokraten erzielten die meisten Stimmen nicht etwa in Großstädten, sondern in industriellen Landgemeinden und Mittelstädten, die die Textilindustrie in der Region zwischen Plauen, Flöha und Chemnitz hervorgebracht hatte.
»Als die KPD 1923 auf den deutschen Oktober hinarbeitete und eine andere Welt zum Greifen nah schien, waren zwei Drittel aller Beschäftigten in der Textilindustrie Frauen.«
Das Rückgrat der sächsischen Industrie und Arbeiterbewegung war die Textilindustrie. Wollgarn- und Tuchfabriken, Flachs-, Woll- und Spitzenstickereien schossen Ende des 19. Jahrhunderts wie Pilze aus dem Boden und prägten sowohl die Infrastruktur als auch die politische Landschaft. Ratternde mechanische Webstühle wurden zum Sinnbild der Industrialisierung und gaben den Takt des Lebens von 284.000 Arbeiterinnen und Arbeitern in Sachsen vor – 191.000 von ihnen waren Frauen.
Als die KPD 1923 auf den deutschen Oktober hinarbeitete und eine andere Welt zum Greifen nah schien, waren zwei Drittel aller Beschäftigten in der Textilindustrie Frauen. Wer nun glaubt, die Überzahl an weiblichen Beschäftigten in der wichtigsten Industrie des Landes hätte dazu geführt, dass man der Frage nach der Rolle der Frauen im deutschen Oktober eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hätte, irrt leider. Die deutsche Arbeitsgeschichte hat sich lange um die Geschlechterfrage gedrückt. Dieser blinde Fleck führt bis heute zu einem verzerrten Bild und einseitigen Analysen.
PAYWALL
Angesichts ihrer Zweidrittelmehrheit im größten Industriezweigs Sachsens scheint es geradezu kühn, die Geschichte des deutschen Oktobers ohne Frauen zu schreiben. Bei einem Treffen im Frühjahr 1924 werteten die verbliebenen Spitzenfunktionäre der KPD den gescheiterten Revolutionsversuch aus. Der ehemalige sächsische Wirtschaftsminister Fritz Heckert hielt dort bei dem Treffen selbstkritisch fest: »Die Jugend ist in der Partei vernachlässigt worden. Man versteht nicht, was für ein Faktor das für die Revolution ist. Ebenso steht es ja mit den Frauen, wie man überall die Klagen der Frauen darüber hört. Diese Mängel müssen ausgemerzt werden. Sie bedeuten, den Willen, die Kraft.«
»Anders als ihre männlichen Kollegen hatten viele Frauen während der Krise kaum mehr etwas zu verlieren, befanden sich aber, besonders wenn sie Kinder ernähren mussten, in größter Not.«
Hier drängen sich einige Fragen auf: Welche Rolle spielten Frauen im Allgemeinen und Textilarbeiterinnen im Besonderen im Sommer 1923? Welche Versuche zur Einbindung von Frauen hatte es gegeben und von wem? Und wieso waren sie gescheitert?
Aus der Arbeitslosigkeit in den Arbeitskampf
In bisherigen Analysen zum Deutschen Oktober 1923 wurde betont, dass die Inflation dazu führte, dass sich Arbeiter, vor allem Familienväter, aus der Politik zurückzogen – aus Angst, ihre Arbeit zu verlieren und ihre Familie nicht mehr ernähren zu können. Aus diesem Grund sei das Krisenjahr nicht zu einem politisierenden, sondern stellenweise zu einem entpolitisierenden Moment geworden.
Frauen waren häufig in einer gänzlich anderen Situation: Viele hatten ihre Arbeit als sogenannte »Zweitverdienerinnen« bereits verloren oder waren in Kurzarbeit. Hinzu kommt, dass gerade in der Textilindustrie viele Frauen als Heimarbeiterinnen beschäftigt waren, was eine Sanktionierung ihrer politischen Aktivitäten erschwerte. Anders als ihre männlichen Kollegen hatten viele Frauen während der Krise kaum mehr etwas zu verlieren, befanden sich aber, besonders wenn sie Kinder ernähren mussten, in größter Not und organisierten sich gerade während der Krise politisch.
Das Narrativ der Entpolitisierung kann also allenfalls für den männlichen Teil der arbeitenden Klasse geltend gemacht werden. Den Umstand, dass es gerade Frauen waren, die wenig zu verlieren hatten, nutzte die KPD für ihre Agitation. Aus dem Reichsfrauensekretariat der Partei hieß es im August 1923: »Man kann ruhig sagen, dass die revolutionäre Stimmung der Frauen, die Tatsache, dass sie die Männer vorwärts trieben, sie manchmal direkt aus den Betrieben jagten, wie in Magdeburg oder die Straßenbahn zum Stillstand brachten, wie in Halle, das Machbewusstsein [sic!] des Proletariats gewaltig gestärkt und ihre Geschlossenheit und Tatkraft erhöht hat.«
Die verstärkte politische Aktivität der Arbeiterinnen ging auch an den Gewerkschaften nicht spurlos vorüber: »Die Zahl der weiblichen Mitglieder [ist] jetzt so groß, daß es der Verbandsleitung einfachste Pflichterfüllung ist, den besonderen Frauenfragen erhöhtes Augenmerk zuzuwenden«, erklärte etwa der deutsche Textilarbeiter-Verband, der versuchte, die Frauen einzubinden, indem er sich vermehrt reproduktionspolitischen Fragen zuwandte. Man kann sagen: Die Arbeiterinnen rannten Partei und Gewerkschaft die Bude ein. Bis zum Sommer 1923 stieg die Zahl weiblicher Mitglieder in beiden Organisationen immer weiter an. Von den 738.108 Gewerkschaftsmitgliedern des Deutschen Textilarbeiter-Verbandes waren 1923 knapp 500.000 Frauen.
Diese Entwicklung verlief allerdings keineswegs konfliktfrei. Der deutsche Textilarbeiter-Verband, eine traditionell konservative und SPD-nahe Gewerkschaft, beobachtete mit großem Argwohn, dass sich immer mehr Arbeiterinnen für kommunistische Ideen begeisterten. Als mehr und mehr KPD-Mitglieder auf Funktionärsposten in der Gewerkschaft gewählt wurden, fragte der Vorstand der Textilgewerkschaft: »Hat nicht der Ausgang der Wahlen gezeigt, daß neue Wege eingeschlagen werden müssen, daß Frauen in der Entwicklung zur Persönlichkeit hinter den Männern zurückgeblieben sind?«
Die Fähigkeit zur politischen Willensbildung der Arbeiterinnen wurde mit Verweis auf ihr Geschlecht infrage gestellt. Dass Kommunistinnen ausgerechnet in der Textilindustrie plötzlich so viele Stimmen für sich gewinnen konnten, führt die Historikerin Petra Weber auf die besonders missliche Lage der Frauen zurück. Denn sofern sie eine Familie zu versorgen hatten, trafen sie die Kaufkraftverluste und die Lebensmittelknappheit besonders hart.
Obwohl der wachsende Einfluss der KPD in den Gewerkschaften für die Partei ohne Frage ein Erfolg war, befürchtete sie gleichzeitig, die Arbeiterinnen seien bloß »scharf auf den rücksichtslosen Lohnkampf im Betrieb«. Der revolutionäre Umsturz würde, so die Sorge, von den Arbeiterinnen vernachlässigt. Auch in Sachsen hatte man Schwierigkeiten, die Frauen auf Parteilinie zu bringen, wenn es um die Wahl und den Zeitpunkt der Aktionsformen ging.
Wie aus den Briefen der sächsischen Handelskammer an den Reichskanzler Gustav Stresemann hervorgeht, spielten Frauen insbesondere bei den spontanen Ausschreitungen gegenüber Arbeitgebern, die im Sommer 1923 an der Tagesordnung standen, eine nicht zu unterschätzende Rolle: »In zahlreichen, sich täglich wiederholenden Fällen werden ferner die Arbeitgeber gezwungen, die roten Fahnen zu tragen, wobei sie blutig geschlagen und mit Fusstritten bedacht werden. Eine klägliche Rolle bei diesen Misshandlungen spielen die mitziehenden Frauen, die ihre Männer an Rohheit noch zu übertreffen suchen.«
Zweifelsohne kann es sich hier um eine Übertreibung handeln oder aber auch um unterschiedliche Bewertungen weiblicher und männlicher Gewalt. Dennoch bieten Darstellungen wie diese einen Einblick in weibliche Protestformen, die auch in den Lageberichten der sächsischen Landespolizei immer wieder Erwähnung finden: Mal stahlen Frauen Kartoffeln vom Feld, mal versammelten sie sich als Erwerbslose. Sie forderten Lohnerhöhung, auch für Heimarbeit, und waren Motiv von »Flugblätter[n] mit aufreizendem Inhalt«, die sogleich von der Polizei in Bautzen konfisziert wurden: »Das eine der Flugblätter ist weiß mit schwarzem Druck und enthält ein Bild mit einer Anzahl an Frauen, die von uniformierter Polizei aufgehalten werden.«
Die KPD stritt ihre Beteiligung an der Erstellung und Verteilung der Flugblätter ab. Es ist denkbar, dass sie aus der Protestbewegung heraus entstanden, möglicherweise sogar von den Frauen selbst angefertigt worden waren. Die Darstellung ist insofern bemerkenswert, als sie uns einen Hinweis auf die Alltäglichkeit weiblichen Protests und auch auf die Militanz von Frauen geben kann.
Sperrige Subjekte
Obwohl Frauen angesichts der Krise zunehmend kämpferisch für ihre Interessen eintraten, gelang es Partei und Gewerkschaft nicht, sie sinnvoll in ihre Strukturen einzubinden. In den proletarischen Hundertschaften, die zur Bekämpfung der Reichswehr von KPD- und SPD-Mitgliedern errichtet worden waren, konnten Arbeiterinnen nicht Fuß fassen. »Wenn die proletarischen Männer bedenklich sind, ohne Weiteres Frauen in die eigenen Hundertschaften einzureihen – mit langem Redeführen diese Bedenklichkeiten zu besiegen ist nun keine Zeit mehr! Bildet sie allein, ihr proletarischen Frauen!«, hieß es in der KPD-Zeitschrift Die Kommunistin, nachdem sich im thüringischen Zella-Mehlis die erste rein weibliche Hundertschaft gegründet hatte.
Sie sollte allerdings ein Ausnahmefall bleiben – und das lag wohl auch an den Vorbehalten der männlichen Genossen. Frauen griffen schlussendlich, wie wir aus Polizeiberichten schließen können, eher zu vermeintlich undisziplinierten und spontanen Protestformen und standen damit den Hundertschaften nicht selten entgegen, die ihrerseits versuchten, Ordnung ins Chaos zu bringen.
»Die Arbeiterklasse konnte nicht geschlossen agieren, weil die Hälfte ihrer Angehörigen selten als Genossinnen ernst genommen wurden.«
Nach dem gescheiterten deutschen Oktober und der gewaltsamen Absetzung der Einheitsfrontregierung in Sachsen verzeichneten die Gewerkschaften einen massiven Rückgang ihrer Mitgliederzahlen. In Dresden etwa hatte sich die Zahl weiblicher Mitglieder im deutschen Textilarbeiterverband beinahe halbiert. Im Jahresbericht 1923/24 beklagte die Gewerkschaft, der Frauenagitation stünden vor allem »Gleichgültigkeit, Teilnahmslosigkeit und Stumpfsinn«, Doppelbelastung und die Sticheleien der KPD gegen den deutschen Textilarbeiter-Verband entgegen. Die Gewerkschaft versperrte sich dem politischen Willen ihrer Mitglieder. Die KPD auf der anderen Seite nahm sowohl die Frauen als auch die Probleme, die ihren Alltag prägten, nicht ernst.
Als etwa die Gewerkschaft auf dem Höhepunkt der Krise entschied, eine Konferenz für schwangere Textilarbeiterinnen einzuberufen, um die Bedingungen in der Industriearbeit für Schwangere zu verbessern, hatte die KPD für die daraus entstandene Resolution nichts als Spott übrig. So forderte die Resolution etwa »humane Behandlung, rücksichtsvolles, ernstes und würdiges Verhalten der Vorgesetzten und sowie der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gegenüber der schwangeren Kollegin«, woran die Partei Anstoß nahm.
Den Appell an die eigenen Klassengenossen und -genossinnen, die nach Ansicht der KPD »ebenfalls in tiefster Not befindlich« waren, bezeichneten sie in der Kommunistin als »geistige Phrasen«, die leichter zu verzapfen seien als der »nächstliegende Kampf um die wirtschaftliche Gleichstellung«. Auch für die konkreten Konflikte am Arbeitsplatz, denen schwangere Frauen ausgesetzt waren, hatte die Partei wenig Verständnis. Wie zentral solche Auseinandersetzungen für die Textilarbeiterinnen aber waren, belegen einige Briefe, die an den Vorsitzenden Hermann Jäckel adressiert wurden. Eine von ihnen beschrieb ihre Lage folgendermaßen:
»Fabrikarbeit (Zwangsarbeit) ist an und für sich schon für jede schwangere Frau etwas Schweres, in körperlicher Hinsicht. Viel schwerer aber sind die seelischen Leiden. Man muß charakterlos sein oder werden, um 1. ausgesetzten Schikanen, Lohndifferenzen, Stellenwechsel, Arbeitslosigkeit usw., 2. den verächtlichen, mißbilligenden Blicken von seiten der sogenannten klugen Frauen standzuhalten.«
Die Geschlechterdifferenz barg ein Konfliktpotenzial, das von politischen Institutionen nicht ausreichend aufgegriffen wurde. Die KPD jedenfalls wollte sich nicht mit dem Klein-Klein in den Betrieben beschäftigen, sondern lieber an den ganz großen Stellschrauben drehen.
»Die KPD vertröstete Frauen auf die Zeit nach der Revolution und die Gewerkschaft keilte bei jeder Gelegenheit gegen ihre kommunistischen Aktivitäten und dachte gar nicht darüber nach, Platz für Frauen im Vorstand zu schaffen.«
Die Textilarbeiterinnen waren sperrige politische Subjekte. Ihre Interessen waren vielfältig und ihre Stellung in der Arbeiterklasse war umstritten. Ihren männlichen Kollegen galten sie nicht selten als Lohndrückerinnen, als Arbeiterinnen und Mütter verlangten sie Brot für ihre Kinder, wenn sie hungrig waren und nicht, wenn es der Revolution dienlich war. Und anstatt auf Funktionärsposten in den Institutionen der Arbeiterbewegung zu drängen, um ihre Interessen durchzusetzen, verließen sie die organisierte Bewegung, nachdem sie keine Heimat in ihr gefunden hatten.
Ein wesentlicher Grund für das Scheitern des Deutschen Oktobers in Sachsen und den Zusammenbruch sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Strukturen nach 1923, der damals wie heute viel zu wenig Beachtung fand, war die unzureichende Integration von Frauen in die Bewegung. Die Arbeiterklasse konnte nicht geschlossen agieren, weil die Hälfte ihrer Angehörigen selten als Genossinnen ernst genommen wurden.
Sowohl Parteien als auch die Gewerkschaft griffen ihre politischen Belange, insbesondere im Bereich Reproduktionspolitik, zwar auf, konnten sich aber nicht dazu durchringen, den Frauen auch praktischen Handlungsspielraum einzuräumen. Stattdessen traten sie Frauen vor allem erzieherisch gegenüber: Die KPD vertröstete Frauen auf die Zeit nach der Revolution und die Gewerkschaft keilte bei jeder Gelegenheit gegen ihre kommunistischen Aktivitäten und dachte gar nicht darüber nach, Platz für Frauen im Vorstand zu schaffen. Die linke Bewegung in Sachsen wurde so nachhaltig geschwächt.
Auch heute gilt: Die politischen Belange, die arbeitende Frauen betreffen – Fragen der reproduktiven Gesundheit, der Kinder- und Altenpflege, des Lohngefälles, der Gewalt – sind keine politischen Nebenschauplätze. Im Gegenteil: Ob es uns gelingt, sie in unsere politische Praxis einzubinden, entscheidet am Ende darüber, wie stark wir als Linke agieren können. Nur eine Politik, die die Unterschiede innerhalb der Arbeiterklasse berücksichtigt, anstatt sie kleinzureden, kann die Geschlossenheit schaffen, die wir brauchen.