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Zukunftstechnologie aus der indischen Antike

Hindu-Nationalisten behaupten, in Indien habe es schon vor Jahrhunderten Genforschung und Atomtechnologie gegeben. Mit diesem Mythos behindert die indische Regierung echte Forschung.

Zukunftstechnologie aus der indischen Antike
Im alten Indien wurden Sandsteinskulpturen wie diese angefertigt – und Raketen gebaut?
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Der jährliche Indian Science Congress mit tausenden teilnehmenden Wissenschaftlerinnen und Lehrern ist normalerweise eine eher langweilige Veranstaltung. Die Teilnehmenden genießen den von der Regierung finanzierten Ausflug, hören Vorträge über die Errungenschaften der staatlich geführten Forschungsinstitute und nutzen so viel Zeit wie möglich zum Socializing.

Seit einigen Jahren passieren jedoch immer mehr »interessante« Dinge auf dem Kongress. Bei der jüngsten Versammlung behauptete der pensionierte Luftfahrtexperte Kapitän Anand J. Bodas beispielsweise, der altindische Weise Bharadwaj habe bereit eine Abhandlung über die Luftfahrt geschrieben. Dieses Dokument beweise, dass Hyperschalltransport im antiken Indien bereits Wirklichkeit war. Die Abhandlung sei verschollen gewesen, wurde in den 1920er-Jahren jedoch von einem Wissenschaftler per »Channeling« ins eigene Gehirn heruntergeladen.

Auch einige Mitglieder der indischen Regierung leisteten sich in den vergangenen Jahren bizarre Aussagen. Rekha Arya, die damalige Viehwirtschaftsministerin des Bundesstaates Uttarakhand, behauptete 2018, dass Kühe – die bekanntermaßen eine Hauptquelle des Treibhausgases Methan sind – in Wirklichkeit die einzige Spezies seien, die Sauerstoff ausatmet. Außerdem erklärte Dr. Harsh Vardhan, Minister für Wissenschaft und Technologie, der legendäre Physiker Stephen Hawking sei ein großer Fan der alten indischen religiösen Texte der Veden gewesen – natürlich nicht wegen ihres spirituellen Gehalts, sondern wegen der enthaltenen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Selbst Premierminister Narendra Modi soll der Auffassung sein, dass Genforschung, Stammzellentherapie und sogar plastische Chirurgie zu Zeiten des altindischen Epos Mahabharata im Land weit verbreitet waren.

Wissenschaft plus Hokuspokus

Solche Aussagen könnten als irrlichternd und harmlos abgetan werden, wenn es sich nur um die privaten Ansichten von Einzelpersonen handelte. Es ist bekannt, dass in Indien nahezu das gesamte politische Personal und sogar einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest an Astrologie und ähnlichen Hokuspokus glauben. Wichtige Ereignisse des politischen Kalenders wie die Vereidigungszeremonien von Präsidenten werden auf passende Konstellationen am Sternenhimmel abgestimmt. Selbst dem Start von Raketen in den Weltraum gehen in der Regel Rituale und Tempelbesuche der am Projekt Beteiligten voraus. Wenn aber Menschen, die für die Politik des gesamten Landes verantwortlich sind, öffentlich solche Aussagen machen, gibt das Anlass zur Besorgnis.

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Wer sich auch nur gelegentlich mit internationaler und indischer Politik auseinandersetzt, weiß vermutlich, dass es in Indien seit einigen Jahren eine intensive staatliche Kampagne gibt, die einen chauvinistischen Nationalismus auf Basis einer hinduistischen Identität propagiert. Dabei werden tatsächliche indische Errungenschaften (darunter beeindruckende Durchbrüche in Mathematik, Astronomie und Chemie) mit imaginären Leistungen verwoben. Laut diesem Narrativ verfügten unsere Ahnen bereits über modernste Wissenschaft und Technologie. Nur hätten Jahrhunderte von Invasionen und Kolonialismus dieses immense Wissen untergraben.

Solche Theorien werden der indischen Bevölkerung in einem ebenso simplen wie erfolgreichen Prozess vermittelt: Zunächst veröffentlichen engagierte Thinktanks und Personen aus der Wissenschaft authentisch klingende »Forschungsergebnisse« über besagte antike Errungenschaften. Diese werden dann mit Hilfe einer Armee von (teilweise bezahlten) Trollen in den sozialen Medien verbreitet. Da viele Inderinnen und Inder die sprichwörtliche »Whatsapp-Universität« als die vertrauenswürdigste Informationsquelle ansehen, können auch die absurdesten Theorien schnell als »Fakten« durchgehen.

»Teilweise meint man sich im Bereich der Comedy wiederzufinden, wenn sich in einem ansonsten soliden Forschungsvorschlag zur Nanotechnologie ein wirrer Verweis auf einen antiken Text findet.«

Als nächstes kommt die Regierungspolitik. Die hinduistisch-nationalistische Regierung in Neu-Delhi finanziert vor allem Forschung, die nach internationalen Standards kaum als Wissenschaft bezeichnet werden kann. Im Jahr 2017 initiierten mehrere Regierungsstellen, darunter das Ministerium für Wissenschaft und Technologie sowie der Rat für wissenschaftliche und industrielle Forschung und das ehrwürdige Indian Institute of Technology in Delhi ein Projekt zur wissenschaftlichen Validierung und Erforschung von Panchagavya. Panchagavya ist ein vermeintlich medizinisches Gebräu aus fünf Kuhprodukten: Urin, Milch, saure Milch oder Joghurt, Ghee und Kuhmist.

2022 veröffentlichte das Centre for Excellence for Indian Knowledge Systems an den Indian Institutes of Technology einen Kalender, in dem unter anderem behauptet wurde, dass es vor der sogenannten vedischen Periode zwischen 1.500 und 600 vor unserer Zeitrechnung keinerlei Migration von Menschen aus der eurasischen Steppe nach Indien gegeben habe. In Wirklichkeit hatten sich diese Menschen, die im Volksmund als »Arier« bezeichnet werden, sehr wohl in den Ebenen Nordindiens niedergelassen. Sie sind jedoch ein Ärgernis für die Hindu-Nationalisten, die gerne an die rein indigenen Wurzeln der großen indischen Kultur und Zivilisation glauben wollen.

Wer mit der Wissenschaft auf dem Gebiet der Paläogenetik und DNA-Sequenzierung von Populationen vertraut ist, muss darüber lachen. Es ist bewiesen, dass es Migration von Norden und Nordwesten nach Indien gegeben hat. Dies geschah vor rund 4.000 Jahren, als nach archäologischen Erkenntnissen der Untergang der Harappa- oder Indus-Kultur einsetzte. Statt aufrichtige, echte Wissenschaft zu fördern, will die Regierung aber Institute und Einrichtungen dazu bringen, ihre ideologischen Schlachten zu schlagen und die ethnonationalistische Agenda zu untermauern.

Kulturkampf auf dem Rücken der Forschung

Die staatliche Förderung einer bestimmten Art von Forschung, die das ideologische Narrativ stützt, hat auch direkte Folgen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Forschungsanträge, die Verweise auf die wissenschaftliche Tradition Indiens enthalten (egal wie zweifelhaft diese auch sein mögen), mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit finanziert werden. Das schlägt sich auch in den Arbeiten nieder: Teilweise meint man sich im Bereich der Comedy wiederzufinden, wenn sich in einem ansonsten soliden Forschungsvorschlag zur Nanotechnologie ein wirrer Verweis auf einen antiken Text findet.

Wenig überraschend haben die Nationalisten auch die Lehrpläne der Schulen ins Visier genommen. Man will die Kinder des Landes schließlich mit der traditionellen (sprich: hinduistischen) Wissenschaft vertraut machen. So legt die kürzlich erlassene neue Bildungspolitik nahe, man müsse »indische Wissenssysteme« (Indian Knowledge Systems, IKS) in allen Bildungsstufen und -arten integrieren. Unter anderem sollen die Schulklassen Exkursionen zu Tempeln unternehmen, »um die verschiedenen Erscheinungsformen der IKS kennenzulernen«.

Vor ein paar Jahren hatte ein Kollege von mir, ein Teilchenphysiker, ein Vorstellungsgespräch an einer angesehenen indischen Universität. Er war hochqualifiziert, hatte sich mit der Wechselwirkung von Higgs-Teilchen beschäftigt. Mitten im Vorstellungsgespräch, als er einen Aspekt seiner wissenschaftlichen Arbeit erläuterte, fragte ihn eines der Mitglieder der Auswahlkommission unvermittelt, was seine Forschung mit »unserer alten indischen Wissenschaft« zu tun habe und welche Bedeutung sie für die indische Kultur habe. Er war verblüfft und wusste nicht, wie er darauf antworten sollte. Die Stelle hat er natürlich nicht bekommen.

Das moderne Indien, ein Land, das in den kommenden Jahrzehnten eine führende Wissenschafts- und Technologiemacht werden will, wünscht sich also gleichzeitig, dass seine Bürgerinnen und Bürger glauben, in der indischen Antike seien bereits Atombomben eingesetzt worden.

Shobhit Mahajan

Shobhit Mahajan ist Professor am Institut für Physik und Astrophysik der Universität Delhi.

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Tags: Politik

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