Als der sozialistische Publizist Étienne Cabet im Jahr 1840 das Buch Reise nach Ikarien veröffentlichte, war dies sein Versuch, seine Vision des Kommunismus in Romanform darzustellen. Es war die Blütezeit der sozialistischen Utopien – als die Wörter »Sozialismus« und »Kommunismus« erstmals auftauchten; und bevor Karl Marx und Friedrich Engels sie in Texten wie dem Kommunistischen Manifest sehr viel nüchterner angingen.
Zu dieser Zeit veranlasste utopische Literatur mitunter auch Experimente in der realen Welt. Cabet hat nicht nur ein Buch über sein imaginäres Ikarien geschrieben – das Land, wohin in der griechischen Mythologie Ikarus auf den »Flügeln der Sehnsucht« flog. Er versuchte auch, tatsächliche »ikarische« Kolonien in den USA aufzubauen, in denen kommunistische Ideale in die Praxis umgesetzt werden sollten. Damit blieb er jedoch erfolglos: In den Siedlungen kam es zu Streitigkeiten; Cabet selbst wurde als zu autoritär empfunden. Eine Handvoll ikarischer Kommunen schaffte es, sich einige Jahrzehnte lang zu halten, bevor die letzte von ihnen zum Ende des 19. Jahrhunderts aufgelöst wurde.
Wie sieht es aber mit dem echten Ikaria aus – der sehr realen griechischen Insel in der östlichen Ägäis, zehn Seemeilen südwestlich von Samos? Sie ist knapp 255 Quadratkilometer groß, überwiegend gebirgig und hat eine Bevölkerung von rund 8.300 Menschen. Im Gegensatz zu den Kykladen, Rhodos, Korfu und Kreta ist Ikaria keine sonderlich beliebte Tourismus-Destination, auch wenn hin und wieder Gäste kommen. Doch für Sozialwissenschaftlerinnen ist dieses Ikaria eine Art reale Utopie. Die Insel ist eine der fünf »blauen Zonen« – jener Orte, an denen es nicht ungewöhnlich ist, dass Menschen länger als hundert Jahre leben. Die anderen sind Loma Linda in Kalifornien, Nicoya in Costa Rica, die italienische Insel Sardinien und das japanische Okinawa.
Stamatis Moraitis, ein Veteran des Zweiten Weltkriegs aus Ikaria, verließ die Insel 1943 in Richtung der USA. Als 1976 bei ihm Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert wurde, entschied er sich, auf seine Heimatinsel zurückzukehren, um dort zu sterben. Da eine Beerdigung auf Ikaria viel billiger ist, könne er seiner Familie so Kosten ersparen, dachte er. Doch nachdem er auf die Insel zurückgekehrt war, begann sich sein Gesundheitszustand zu bessern – und er lebte noch fast vier Jahrzehnte, bis er 2013 im Alter von 98 Jahren (oder 102, es existierte keine Geburtsurkunde und er selbst konnte sich nicht an sein Geburtsjahr erinnern) starb. Seine etwa gleichaltrige Frau war nur ein Jahr zuvor verstorben.
PAYWALL
»Während des griechischen Bürgerkriegs wurden etwa 14.000 Kommunistinnen und Kommunisten nach Ikaria verbannt – die örtliche Bevölkerung mit ihren rund 11.000 Personen nahm sie mit offenen Armen auf.«
Die hohe Lebenserwartung auf Ikaria ist Gegenstand der Ikaria Study, einem gemeinschaftlichen Forschungsprojekt unter der Leitung von Professor Christodoulos Stefanadis an der medizinischen Fakultät der Universität Athen. Die Ergebnisse scheinen einzelne Theorien über die besondere Langlebigkeit auf der Insel zu bestätigen. Zunächst ist die mediterrane Ernährung mit ihrem hohen Konsum von Olivenöl, Obst und Gemüse und deutlich reduziertem Fleischverzehr, mäßigem Fisch- und Weingenuss sowie moderatem Kaffeekonsum zu nennen. Hinzu kommt die körperliche Betätigung im Freien als Teil des alltäglichen Lebens: Die meisten Menschen auf der Insel gehen überallhin zu Fuß; viele verbringen ihre Tage damit, ihre Gärten zu pflegen. Ganz allgemein ist der Lebensrhythmus entspannt – ein Mittagsschläfchen hat noch niemandem geschadet. Und last but not least besteht ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit und Gemeinschaft auf der Insel.
Doch vielleicht gibt es noch einen weiteren Grund: Ikaria hat eine sehr starke kommunistische Tradition. Bei der Parlamentswahl im Juni 2023 erhielt die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) 36 Prozent der Stimmen. Das ist kein neues Phänomen: Ein kurzer Blick auf die Wahlergebnisse im Laufe der Jahre zeigt, dass die KKE vielfach die führende politische Kraft auf der Insel war. (Einer der landesweit ältesten Wähler bei der jüngsten Wahl war übrigens der 104-jährige Zaharias Pyroudis, ein kommunistischer Veteran, der sein Leben lang auf Ikaria gelebt hat.)
Im Zweiten Weltkrieg, während der deutschen und vor allem der italienischen Besatzung, litten die Menschen auf Ikaria unter Hunger. Die Bevölkerung wandte sich Hilfe suchend an die Nationale Befreiungsfront und leitete eine Phase der lokalen Selbstorganisation und Selbstversorgung ein. In den Jahren 1947/48, während des griechischen Bürgerkriegs, wurden etwa 14.000 Kommunistinnen und Kommunisten nach Ikaria verbannt – die örtliche Bevölkerung mit ihren rund 11.000 Personen nahm sie mit offenen Armen auf. Das starke Gefühl der Solidarität hielt während dieser von Gewalt geprägten Zeit an. Einer Gruppe von acht gesuchten Kommunisten gelang es, trotz mehrfacher Fahndungen und Razzien durch die Gendarmerie und die Armee auf der Insel zu überleben, bis sie Ikaria 1955 verließen. Einer von ihnen, Antonis Kalampogias, kehrte 1968 während der Militärdiktatur der Obristen illegal zurück, um beim Wiederaufbau der kommunistischen Organisationen in Griechenland mitzuwirken.
Was ist das Geheimnis eines langen Lebens? Klar, es mag etwas mit der gesunden Ernährung zu tun haben – aber vielleicht auch ein wenig mit der Gewissheit, dass es sich lohnt, für den Kommunismus zu leben und zu kämpfen.