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Das ist unser Haus

Die Nonnen des Klosters Goldenstein widersetzen sich ihrem Rauswurf und sorgen weltweit für Aufsehen. 10 Kilometer entfernt kämpfen die Bewohner der Eisenbahner-Siedlung denselben Kampf, nur ohne Medienrummel und gegen einen Konzern statt die Kirche.

Das ist unser Haus
»Die Bild, die New York Times, die BBC – alle möglichen Medien sind im Herbst 2025 in Goldenstein zu Gast.«Foto: Helena Kalleitner
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Wenn man vom zweiten Stock des Klosters Goldenstein in den Garten will, dann steht man Mitte Oktober noch vor einigen verschlossenen Türen. »Ich bin noch nicht lange genug wieder da, dass ich überall hingekommen bin«, erklärt Schwester Rita, während sie an einem kleinen Tor im grünen Zaun direkt neben dem Eingang des Schlosses Goldenstein rüttelt. Ein kleines Taschenschloss versperrt eine Abkürzung zur Klosterkapelle um die Ecke, man müsste dafür nur ein paar Stufen hinuntergehen. »Das ist sicher, weil sie denken, dass das zu ›gefährlich‹ für uns ist. Dabei kann man sich ja sogar am Geländer festhalten. Das sind solche Angsthasen.« Wenn es nach Schwester Rita geht, werden solche Türen bald alle wieder geöffnet sein: »Jetzt sind wir ja wieder da.« 

Die 81-jährige Nonne ist gemeinsam mit ihren Ordensgenossinnen Schwester Bernadette und Schwester Regina in den letzten Monaten ein internationaler Star geworden. »Die rebellischen Nonnen nennen sie uns«, lacht Schwester Rita. Während die lokale Politik zögerlich auf die Nonnen blickt – nur der Salzburger Vizebürgermeister Kay Michael Dankl von der KPÖ stattet den Nonnen einen Solidaritätsbesuch ab –, berichtet die halbe Welt über ihre Besetzung des Klosters Goldenstein. Es gibt Diskussionen über sie in chinesischen Sozialen Medien, ins neu angelegte Gästebuch hat sich vor ein paar Tagen das tschechische Radio eingetragen. Die Bild, die New York Times, die BBC – alle möglichen Medien sind im Herbst 2025 in Goldenstein zu Gast. 

Eine 81-Jährige, eine 86-Jährige und eine 88-Jährige, die zusammen in ein Kloster einbrechen, gibt es schließlich nicht alle Tage. Die Geschichte der Goldensteiner Nonnen in ihrer kürzesten Version geht so: Da wurden drei Damen, die seit Jahrzehnten gemeinsam im Kloster gelebt und in der zugehörigen Schule Kinder unterrichtet und betreut haben, gegen ihren Willen von ihrem Propst Markus Grasl in ein Altersheim verfrachtet. Zwei Jahre lebten sie dort unglücklich, bis sie mit der Unterstützung ehemaliger Schülerinnen und einem Schlüsseldienst wieder ins Kloster zurückkehrten. Mit dieser Gotteshausbesetzung nimmt die Geschichte ihren Anfang.

Dass Klöster besetzt werden, kommt im ohnehin eher Hausbesetzer-unerprobten Österreich selten vor. Und Konflikte innerhalb der Kirche verlassen normalerweise nicht die dicken Klostermauern. Aber es ist zu einfach, die Geschichte der Nonnen als eine kuriose Randerscheinung innerhalb der katholischen Kirche abzutun. Dass Menschen ihre Häuser und Wohnungen verlassen sollen, ist eine fast alltägliche Erfahrung. Im Fall von Herbert und Silvia Winter und ihrer Nachbarin Senada Omeradzić wünscht das aber keine hohe Geistlichkeit, sondern ein ganz weltlicher Immobilienkonzern.  

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Als sie Mitte Oktober im Innenhof der Salzburger Eisenbahner-Siedlung sitzen, gehören sie zu den letzten Mietern in ihrem Gebäude. »Abends sperre ich immer die Haustür unten zu«, sagt Senada Omeradzić. »Ich bin die Letzte, die hier wohnt, gemeinsam mit meiner Nachbarin. Ich habe Angst, dass jemand einbricht. Gegen die Türen brauchst du nur einmal ein bisschen heftiger treten, dann bist du schon drin.«

72 Wohnungen gibt es hier direkt am Salzburger Hauptbahnhof, in bester Lage und zu günstigen Preisen. Was es nicht gibt, ist ein Medienrummel –  stattdessen ein fast ausgestorbener Innenhof mit ein paar Autos, einer Holzschaukel und einer roten Rutsche, die nicht so aussieht, als wäre sie in den letzten Jahren intensiv benutzt worden. Dabei war das nicht immer so. Früher sind durch den ganzen Hof Kinder mit dem Roller gerast, im Sommer hat es Gartenfeste gegeben. »Die Kinder haben hier viel Freiheit gehabt«, sagt Senada Omeradzić. »Wir haben einander hier alle gekannt, wir waren richtige Nachbarn. Es war nie so, dass man hier wochenlang niemanden gesehen hat.« Es sei normal gewesen, dass sie oder ihr heute erwachsener Sohn den Müll ihrer älteren Nachbarin hinuntertrugen. 

»Die Eisenbahner-Sieldung soll abgerissen werden. Stattdessen möchte die EBS hier Wohnungen bauen, die die günstigen Mieten der alten Bewohner um ein Vielfaches überragen würden.«

Dass hier heute niemand mehr durch den Hof tobt, dass die einzige Geräuschkulisse die vorbeirauschenden Züge sind, dass Senada Omeradzićs Wohnung im Winter wegen der kalten Wände fast nicht mehr zu heizen ist, liegt daran, dass die Eisenbahner-Siedlung abgerissen werden soll. Stattdessen möchte die Immobilienfirma EBS Linz hier Wohnungen bauen, die die günstigen Mieten der alten Bewohner um ein Vielfaches überragen würden. »Typisch für Salzburg«, fasst Helmut Winter das Projekt zusammen. 

Knappe 10 Kilometer trennen die Eisenbahner-Siedlung am Hauptbahnhof vom Schloss Goldenstein im beschaulichen Salzburger Vorort Elsbethen. Keine halbe Stunde dauert es mit der S-Bahn vom sakralen Kloster ins ehemalige Eisenbahner-Milieu. Aber an beiden Orten weiß man, wie es sich anfühlt, wenn man gegen seinen Willen aus seinem Zuhause entfernt werden soll – und wie man sich, wenn es darauf ankommt, dagegen wehren kann.

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Lebenslang heißt lebenslang

Das Schloss Goldenstein, wo Regina, Rita und Bernadette jahrzehntelang gelebt und gearbeitet haben, ist der zentrale Orientierungspunkt für alle, die sich Elsbethen nähern. Das riesige gelbe Gebäude sticht aus der behaglichen kleinen Ortschaft heraus. Seit 1877 wohnen hier die Nonnen der Augustiner Chorfrauen, die im Gebäude auch eine Schule gründeten. Erst seit 2017 werden hier auch Buben unterrichtet. Heute wuseln dutzende Kinder mit einem freundlichen »Grüß Gott« durchs Schulgebäude. Zwischen 1949 und 1953 könnte einem dort auch eine der berühmtesten österreichischen Schauspielerinnen entgegengewuselt sein: Romy Schneider. Schwester Bernadette, damals noch selbst Schülerin, hat sogar ein Jahr mit ihr im Internat verbracht

Früher lebten hier im Kloster weit mehr als drei Nonnen. Ihren Alltag bestritten Rita, Bernadette und Regina zeit ihres Lebens mit rund dreißig anderen Frauen. Aber so wie überall sonst in den kirchlichen Institutionen des einst so katholischen Österreichs gibt es auch in Goldenstein Probleme mit dem klösterlichen Nachwuchs. Seit Jahren nimmt die Zahl der Ordensfrauen in Österreich stetig ab. Gab es 1970 noch rund 14.000 Nonnen, sind es heute unter 3.000. Die meisten von ihnen sind älter als 75

2022 geht das Kloster Goldenstein rechtlich in den Besitz der Erzdiözese Salzburg und des Stifts Reichersberg über. Reichersberg ist ein Orden der Augustiner-Chormänner, Propst Markus Grasl wird zum Ordensoberen von Goldenstein. Und genau hier beginnt auch die Problematik. Den Nonnen wird ein lebenslanges Wohnrecht garantiert, »solange gesundheitlich sowie geistlich vertretbar«, heißt es im Übergabevertrag. Man werde sich »um die Sicherung des klösterlichen Lebensabends der verbleibenden Mitglieder« bemühen. Rund ein Jahr später sollen sie in ein Pflegeheim übersiedeln, weil sie nicht mehr fit genug seien – gegen ihren Willen, sagen die Nonnen. »In Absprache«, sagt Grasl. In einer Stellungnahme erklärt er, dass es »aufgrund der prekären gesundheitlichen Situation der Schwestern« für sie nicht mehr möglich gewesen wäre, selbstständig im Kloster zu leben. 

»Im Altenheim sterbe ich garantiert nicht. Da lege ich mich lieber in die Wiese. In die Schöpfung der Natur, die Gott erschaffen hat.«

Über zwei Jahre ist es jetzt her, seit die Nonnen in die Seniorenresidenz Schloss Karlsberg in Oberalm gebracht wurden. Gerne denken sie an die Zeit nicht. »Sie haben mich im Nachthemd dorthin gebracht. Ich bin vorher noch nie so in meinem Leben behandelt worden«, sagt Schwester Bernadette. »Ich habe dem Propst gesagt, wir sind ein Frauenkloster und kein Männerkloster. Es ist seine Sache, wie er seine Mitbrüder behandelt – aber mit uns geht das nicht.« Seit sie achtzehn ist, also seit siebzig Jahren, lebt sie im Schloss Goldenstein. Und so wie viele ihrer ehemaligen Mitschwestern möchte sie dort bis zum Ende bleiben. »Im Altenheim sterbe ich garantiert nicht. Da lege ich mich lieber in die Wiese. In die Schöpfung der Natur, die Gott erschaffen hat.«

Als die drei im September dieses Jahres wieder in ihr Kloster zurückkehren, finden sie in erster Linie eins: Chaos. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, die Schlösser wurden ausgetauscht, sie haben keinen Zugriff auf ihr Konto mehr. Auch einige Wochen nach ihrer Rückkehr ist vieles noch provisorisch. Nicht alle Schränke sind wieder dort, wo sie sein sollen, und noch nicht einmal alle Klos sind noch funktionsfähig. Die unterschiedlichsten Leute hasten durch ihr Gebäude: Helferinnern, Besucher, später kommt eine Journalistin und zwischendurch auch der Installateur, der die drei abgerissenen Toiletten wieder einbauen soll.  

Zwischen den drei Nonnen gibt es eine Art Arbeitsteilung im Klosteralltag: Rita ist für den Garten, Bernadette für die Küche und Regina für die Buchhaltung zuständig. Wenn Schwester Rita durch den großen Klostergarten führt, merkt man, wie viel ihr an jeder einzelnen Pflanze dort liegt. Es ist ihr Lieblingsplatz im Kloster, nach der hauseigenen Kapelle natürlich. »Eigentlich müsste man das alles entfernen«, sagt Schwester Rita mit Blick auf den Efeu, der die riesigen, alten Linden im Garten bedeckt. »Aber ich hatte noch nicht die Zeit dazu.« Der Klostergarten ist nach fast zwei Jahren Stillstand im Grunde ein großes Do-it-yourself-Projekt geworden. 

Da ist zum Beispiel das Unkraut am Hauseingang, ein paar Disteln reißt Schwester Rita direkt im Vorbeigehen aus. Die Gewächshäuser, um die sie sich ihr Leben lang gekümmert hat, sind verwildert. Einige Kartoffeln sind noch nicht geerntet. Eine kleine Statue des Heiligen Josef, der unter den Linden im Garten steht, ist mit Spinnweben bedeckt. Um alles in Ordnung zu bringen, hatten sie in den vergangenen Wochen viele Helferinnen, einige von ihnen selbst ehemalige Schülerinnen. 

»Wir wurden richtig von oben herab behandelt. Wir hatten eine Unterschriftenliste von über achtzig Leuten, aber das hat niemanden interessiert.«

Die Welle der Hilfsbereitschaft, die sie erfahren haben, hat die Nonnen überwältigt. »Jemand hat die ganze Kapelle geputzt. Es war ja alles voller Spinnweben«, erzählt Rita. Wie sie ihr Kloster mit Leben füllen, zeigen sie auch auf ihrem Instagram-Account. Über 80.000 Follower haben sie da und man kann ihnen bei ihrem Alltag folgen: Wenn Schülerinnen aus der Mittelschule sie besuchen, wenn Schwester Rita ihr regelmäßiges Boxtraining wahrnimmt oder wenn sie den sonntäglichen Gottesdienst livestreamen. Manchmal gibt es Countdowns bis zum nächsten gemeinsamen Gebet. 

Vermutlich hatte die katholische Kirche seit Jahrzehnten keine sympathischeren Testimonials als die Goldensteiner Nonnen. Der Rummel, den das mit sich bringt, ist zwar manchmal anstrengend, aber für Schwester Rita aushaltbar. Wer sein Leben lang mit Kindern gearbeitet habe, sei es gewohnt, dass der Lärm von allen Seiten kommt. Und sowieso ist sie einfach froh, wieder hier in ihrem Zuhause zu sein. »Ich hatte immer Heimweh nach Goldenstein.«

Unbefristet heißt unbefristet

Das Gefühl, übergangen zu werden, verbindet die Nonnen von Goldenstein mit den Mietern aus der Eisenbahner-Siedlung am Salzburger Hauptbahnhof. Etwa 2014 hören Silvia und Helmut Winter zum ersten Mal davon, dass ihr Gebäude abgerissen werden soll. In dieser Zeit findet man auch die ersten Medienberichte über neu geplante Wohnprojekte am Hauptbahnhof. Bis 2016 sollen die Bewohnerinnen in der Fanny-von-Lehnert-Straße ausziehen, sagt man ihnen damals. Die Straße, in der die Winters und Senada Omeradzić wohnen, soll fünf Jahre später weichen. In der Fanny-von-Lehnart-Straße wurde das Projekt umgesetzt und neue Wohnungen gebaut, 22 bis 23 Euro pro Quadratmeter zahlen Mieterinnen und Mieter dort heute. 

Aber Silvia Winter hat sich nicht vertreiben lassen. »Sie haben uns immer wieder unterschiedliche Daten gesagt«, sagt sie mit Blick auf ihre Wohnhausanlage. Mal wurde von Renovierung gesprochen, ein anderes Mal wurden sogar neue Fenster eingebaut. »Und auf einmal haben sie gesagt, das kann man nicht mehr sanieren, das wird weggerissen – fertig, aus«, erzählt Helmut Winter. »Wir wurden richtig von oben herab behandelt. Wir hatten eine Unterschriftenliste von über achtzig Leuten, aber das hat niemanden interessiert.« Die EBS erklärt indes, dass man von Beginn an mit den Mietenden in Kontakt gewesen sei, »um in Ruhe einvernehmliche Lösungen zu finden«. Winter ist heute Pensionist, früher war er als Verschieber für die ÖBB tätig. Er hat Züge zusammengestellt, gesichert und gekuppelt. Über diese Arbeit ist er auch an die Wohnung gekommen. 

Dass sie ausziehen sollen, war für alle Bewohnerinnen der kleinen Siedlung ein Schock. Nicht nur wegen der Hausgemeinschaft und dem Zusammenleben mit den Nachbarn, sondern auch aus finanziellen Gründen. Das Bundesland Salzburg hat die höchsten Mietpreise in ganz Österreich. In der Stadt selbst ist es fast unmöglich, bezahlbaren Wohnraum zu finden, im Schnitt kosten die Angebotswohnungen am freien Markt 20,50 Euro pro Quadratmeter

In der Eisenbahner-Siedlung zahlt Senada Omeradzić 446,66 Euro Miete für ihre 59-Quadratmeter-Wohnung. Sie kann den Preis so genau nennen, weil sie erst vor ein paar Monaten eine Mieterhöhung bekommen hat – trotz der Mängel im Haus. »›Mama, das schaut hier aus wie in einem Kriegsgebiet‹, hat mein Sohn zu mir gesagt«, lacht Omeradzić. »Er wollte, dass ich sofort mein Zeug zusammenpacke.«

»Solange die Gebäude – wie eben aktuell in der Eisenbahner-Siedlung – noch stehen, behalten sie ihre Gemeinnützigkeit, aber wenn sie abgerissen oder völlig entkernt werden, geht die Gemeinnützigkeit der Wohnhausanlage verloren.«

Wenn man im Stiegenhaus ein Stockwerk nach oben geht, wird klar, was er damit meint: In der Wand klafft seit einem Wasserschaden ein Loch, der Boden ist mit abgebröckeltem Putz bedeckt. Die Etage sieht eher nach Urban Exploring als nach einem noch bewohnten Gebäude aus. Aber Chancen auf eine Reparatur rechnet sich Omeradzić nicht aus. Sie würde das Stiegenhaus über ihrer Wohnung schließlich nicht benutzen, habe man ihr gesagt. Frei nach dem Motto: Was man nicht jeden Tag sieht, kann auch kein großes Problem sein. Von der Immobilienfirma heißt es, man würde »selbstverständlich« dafür sorgen, »dass bewohnte Bereiche in einem ordnungsgemäßen Zustand bleiben und notwendige Reparaturen durchgeführt werden«. 

Die Winters zahlen 550 Euro für eine etwas größere Wohnung im Nebengebäude. 56 Stufen steigt man zu ihnen in den dritten Stock. Es ist ein Zuhause, in das sie viel selbst investiert haben. »Wir haben fast alles selber renoviert, als wir 1998 eingezogen sind«, erzählt Silvia Winter. Böden verlegen, tapezieren – vieles ist auf eigene Kosten passiert. 

»Solange die EBS gemeinnützig war, hat hier alles gepasst«, sagt KPÖ-Vizebürgermeister Kay-Michael Dankl, der sich schon öfter mit den Bewohnerinnen und Bewohnern in der Siedlung getroffen hat. »Aber durch Schwarz-Blau 1 hat die EBS ihre Gemeinnützigkeit verloren.« Unter dem damaligen ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel und FPÖ-Finanzminister Karl-Heinz Grasser wurden 2004 zahlreiche gemeinnützige Bauvereinigungen privatisiert. Dazu zählen die ehemaligen Wohnungsgesellschaften des Bundes BUWOG, WAG Linz, ESG Villach und eben die EBS Linz. Eine Studie der Arbeiterkammer hat jüngst die Konsequenzen dieser Privatisierung erhoben: steigende Mieten und die Zunahme von befristeten Mietverhältnissen.

»Die Eisenbahner-Siedlung steht nur deshalb noch, weil es nicht möglich ist, Menschen mit unbefristeten Mietverträgen aus ihren Wohnungen zu werfen. Aber die Vermieter können ihnen das Leben schwer machen.«

Solange die Gebäude – wie eben aktuell in der Eisenbahner-Siedlung – noch stehen, behalten sie ihre Gemeinnützigkeit, aber wenn sie abgerissen oder völlig entkernt werden, geht die Gemeinnützigkeit der Wohnhausanlage verloren. »Das ist ein Geschäftsmodell«, erklärt Dankl. In Salzburg gehen Immobilienfirmen immer wieder nach diesem Playbook vor. Erst im Sommer 2025 wurde mit dem Abriss der Südtiroler Siedlung in Salzburg Liefering begonnen. 

Dort ist es gelungen, dass einige der ehemaligen Bewohnerinnen Sonderkonditionen für die künftigen Mieten aushandeln konnten. Langjährige Mieterinnen des Baus werden kurzfristig in Ersatzwohnungen untergebracht und dürfen dann zu günstigen Konditionen in die neu gebauten Wohnungen zurückkehren. Allerdings werden nur die Hälfte der neu gebauten Wohnungen gefördert sein

Die Eisenbahner-Siedlung steht deshalb noch, weil es nicht möglich ist, Menschen mit unbefristeten Mietverträgen einfach so aus ihren Wohnungen zu werfen. Im Grunde können Senada Omeradzić und die Winters so lange in ihrem Zuhause bleiben, wie sie möchten. Aber die Vermieter können ihnen das Leben schwer machen: etwa, indem sie die Mieterinnen einschüchtern oder notwendige Sanierungsarbeiten nicht durchführen – so wie in Senada Omeradzićs Stiegenhaus.

Immer wieder werden ihnen auch Ersatzwohnungen angeboten. Viele ihrer ehemaligen Nachbarinnen hätten schon Angebote angenommen. Aber für die Winters ist noch keine in Frage gekommen. Sie sind zu teuer oder zu weit vom Arbeitsplatz und dem Stadtzentrum entfernt. »Da kann man sich die Kugel geben, wenn man in die Stadt hineinfahren muss«, sagt Helmut Winter. »Da brauche ich 30 bis 40 Minuten, bis ich hier bin.« Silvia Winter arbeitet am Bahnhof. »Wie komme ich dann um halb 6 in die Arbeit? Um die Uhrzeit fährt ja noch nicht einmal ein Bus.«

Ob und vor allem welche Angebote die Bewohner annehmen, wie sie auf Einschüchterungsversuche reagieren, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Gerade Leute, die »im Alltag vielleicht tausend andere Sorgen haben« würden ihre Wohnung oft schneller aufgeben und schlechte Angebote annehmen, sagt Dankl. Darum sei es zu wichtig, dass Leute sich zusammentun und gemeinsam für ihr Recht auf Wohnen eintreten. 

Die Winters und Senada Omeradzić kennen ihre Rechte. Und so wie die Nonnen in Goldenstein wollen sie sich nicht so einfach vertreiben lassen. Im Gegenteil: Helmut Winter muss nach dem Gespräch wieder zurück in seine Wohnung, die 56 Stufen rauf in den dritten Stock. Dort renoviert er gerade noch die Küche. Und auf Schwester Rita wartet nach dem Rundgang durch ihren Garten noch ein Frühstück. 

Magdalena Berger

Magdalena Berger ist Assistant Editor bei JACOBIN.

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