Zum Inhalt springen

Organisieren, ohne zu verdinglichen

Georg Lukács fragt in seinem Klassiker »Geschichte und Klassenbewusstsein« nach der richtigen politischen Organisationsform – und zeichnet einen Weg zwischen individualistischer Unverbindlichkeit und starrer Parteidisziplin.

Organisieren, ohne zu verdinglichen
»Georg Lukács hat sich nach seiner Selbstbeschreibung immer als ein Partisan gefühlt, der in der Partei gegen deren Deformation kämpft.«Collage: Andy King
Veröffentlicht:

Im Dezember 1918 tritt der Großbürgersohn Georg Lukács im Alter von 33 Jahren in die frisch gegründete Kommunistische Partei Ungarns ein – und »wechselt« damit »von einer Klasse in die andere hinüber«, wie er später lapidar bemerkt. In den Jahren zuvor war der junge Lukács als Kulturtheoretiker und Essayist hervorgetreten, sein noch lebensphilosophisch geprägter Großessay Die Theorie des Romans von 1916 zählt zu den Klassikern der Kulturkritik des 20. Jahrhunderts.

Nun in der Partei, empfängt Lukács die Feuertaufe der Revolution: In Ungarn wird im März 1919 eine Räterepublik ausgerufen, Lukács avanciert zum Volkskommissar für Unterrichtswesen, im anschließenden Bürgerkrieg befehligt er als politischer Kommissar eine Einheit der ungarischen Roten Armee.

So radikal der Bruch mit der bisherigen Lebensform auch gewesen sein mag, über seinen intellektuellen Schatten kann Lukács dann doch nicht ganz springen: Er begleitet sein Engagement für Partei und Revolution von Anfang an schreibend und legt von seiner Entwicklung theoretisch Rechenschaft ab. Im Jahr 1923 veröffentlicht er dann das Buch, dessen hundertster Geburtstag in diesem Jahr weltweit mit Konferenzen und Sammelbänden gefeiert wird: Geschichte und Klassenbewusstsein. Studien über marxistische Dialektik.

Ein Revolutionsbuch (if there ever was one)

Das Buch erscheint im Berliner Malik-Verlag, der von dem kommunistischen Künstler und Impresario Wieland Herzfelde betrieben wird, dem Bruder des bekannten Dadaisten und Montagekünstlers Helmut Herzfelde, der sich seit 1915 in internationalistischem Geist John Heartfield nennt. Veröffentlicht werden im Malik-Verlag ansonsten avantgardistische Kunstbücher von George Grosz, aber auch kommunistische Traktate über Lenin und die junge Sowjetunion.

Lukács ist mit seinem Werk also gut eingebettet in die künstlerische und theoretische Avantgarde der Zeit. Dass sein überaus kompliziertes und sperriges Buch eine so außergewöhnliche Karriere machen würde, ist allerdings nicht absehbar: Bald wird es in der ganzen kommunistischen Weltbewegung diskutiert, schnell erscheinen Auszüge in russischer Übersetzung, die Kommunistische Internationale verurteilt das Buch schon 1925 als »Rechtsabweichung«, während Lenin höchstpersönlich Lukács kurz zuvor noch als »Linksabweichler« abgekanzelt hatte.

PAYWALL

Der Autor, ganz braver Parteisoldat, widerruft und zieht sein Buch zurück. Dies tut dem Ruhm und der Wirkung von Geschichte und Klassenbewusstsein jedochkeinen Abbruch, im Gegenteil: Undogmatische Marxistinnen und Marxisten beziehen sich nun umso stärker auf das Werk – nicht zuletzt auch die erste Generation der Kritischen Theorie. Lukács selbst wird zeitlebens ein distanziertes Verhältnis zu seinem Buch wahren.

»Dass sein überaus kompliziertes und sperriges Buch eine so außergewöhnliche Karriere machen würde, ist allerdings nicht absehbar: Bald wird es in der ganzen kommunistischen Weltbewegung diskutiert.«

Geschichte und Klassenbewusstsein ist ein Logbuch der Revolution: Die meisten der in dem Werk versammelten Aufsätze hat Lukács »mitten in der Parteiarbeit« geschrieben, wie er im Vorwort betont. Diese Aufsätze waren zuvor schon in verschiedenen Zeitschriften der kommunistischen Bewegung publiziert worden, in Geschichte und Klassenbewusstsein erscheinen sie nun präzise datiert, aber nicht in der Reihenfolge ihres Entstehens: »März 1919«, »Januar 1921», »März 1920« und so weiter. Das Vorwort zu Geschichte und Klassenbewusstsein ist mit »Wien, Weihnachten 1922« gezeichnet. Hierher war Lukács nach dem Sieg der Konterrevolution geflüchtet, und hier verfasste er dann auch die beiden längsten Aufsätze, »in der Zeit einer unfreiwilligen Muße«. Dabei handelt sich um »Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats« sowie »Methodisches zur Organisationsfrage«.

Lukács unterscheidet die Aufsätze in jene, die unmittelbar in der Revolution 1919 bis 1921 entstanden sind, und die beiden reflektierenden Aufsätze von 1922. Das deutet darauf hin, dass er sich der Janusköpfigkeit des Zeitpunkts bewusst ist, zu dem er sein Buch veröffentlicht: Die Revolution ist gescheitert, aber sie muss zugleich weitergeführt werden. Diese Zweiseitigkeit spiegelt sich auch in den beiden reflektierenden Aufsätzen wider: Der Verdinglichungsaufsatz rekonstruiert, warum die Revolution gescheitert ist, der Organisationsaufsatz konstruiert einen Rahmen für die weitere revolutionäre Arbeit nach dem Scheitern.

Verdinglichung oder »Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?«

Der Begriff der Verdinglichung stellt zweifellos die größte und folgenreichste theoretische Errungenschaft von Lukács’ Buch dar. Er verzeichnet, dass die »Struktur des Warenverhältnisses« im Kapitalismus keine rein ökonomische Angelegenheit ist, sondern die gesamte Gesellschaft bis in ihre feinsten Verstrebungen hinein prägt, bis schließlich alle sozialen Beziehungen den »Charakter einer Dinghaftigkeit« annehmen. Die Warenform, schreibt Lukács, wird so zum »Urbild aller Gegenständlichkeitsformen und aller ihnen entsprechenden Formen der Subjektivität in der bürgerlichen Gesellschaft«.

Unser gesamtes Handeln und all unser Wahrnehmen ist von diesem Urbild abgezogen, egal, ob es sich um die großen politischen und ökonomischen Verhältnisse, unsere persönlichen Beziehungen oder auch um unsere allerintimste Selbstwahrnehmung handelt. Auch das, was uns »vorpolitisch«, als unmittelbare Gegebenheit und womöglich sogar »natürlich« erscheint, ist nach dem Muster der Ware »konstituiert«, das heißt: wahrgenommen, hervorgebracht und behandelt.

Soziale Interaktionsprozesse werden zergliedert und segmentiert; sie werden in ihrem Ergebnis (im »Produkt«) stillgestellt und somit als Prozesse unsichtbar gemacht; die »Produkte« selbst werden vereinheitlicht und einem Kalkül der Berechenbarkeit unterworfen. Lukács merkt an einer Stelle an, dass die Verdinglichung »bis in die ›Seele‹ des Arbeiters hineinrage«, und die distanzierenden Anführungszeichen mildern das existentielle Pathos der Anklage kaum.

Über den Begriff der Verdinglichung ist in den letzten hundert Jahren viel nachgedacht und geschrieben worden. Er bildet den Ausgangspunkt aller marxistischen Ideologiekritik im 20. Jahrhundert, und auch Nicht-Marxistinnen konnten sich der Suggestivkraft dieses Begriffs kaum entziehen. Eine seiner zentralen Pointen ist aber vielfach übersehen worden – vielleicht auch, weil der Verdinglichungsaufsatz zumeist herausgelöst aus der Gesamtkomposition von Geschichte und Klassenbewusstsein gelesen wurde. Denn der Aufsatz steht zwar im Zentrum des Werks, aber keineswegs an dessen Ende.

»Die Verdinglichung des proletarischen Bewusstseins zeigt sich nicht zuletzt an der mörderischen Spaltung der Arbeiterklasse in der deutschen Revolution: Hier tritt die Sozialdemokratie als gute Vertreterin eines ›kapitalistischen Realismus‹ auf.«

Mit dem Begriff der Verdinglichung liefert Lukács einen wichtigen Baustein, um zu erklären, warum die proletarische Revolution in den Jahren zuvor nicht siegreich zu Ende geführt werden konnte: Demnach wäre es zu einfach, das Scheitern der Revolution ausschließlich mit äußerlichen Gründen zu erklären. Die Revolution wurde nicht von außen, von den Kräften der Konterrevolution geschlagen, sondern vor allem von innen, von der mangelnden Bewusstheit des Proletariats selbst. Die Revolution wurde besiegt, weil die Klasse über ihr Ziel im Unklaren war und in der Wahl ihrer Mittel zauderte.

Die Verdinglichung des proletarischen Bewusstseins zeigt sich nicht zuletzt an der mörderischen Spaltung der Arbeiterklasse in der deutschen Revolution: Hier tritt die Sozialdemokratie als gute Vertreterin eines »kapitalistischen Realismus« auf. Sie will nicht zulassen, dass die grundsätzlichen Gegebenheiten der bürgerlichen Gesellschaft infrage gestellt werden (Arbeitsteilung, Privateigentum, Leistungsprinzip) und hält politisch allein das »spontane« – und das heißt für Lukács: das verdinglichte – Bewusstsein der Wählerschaft für maßgeblich. Die Kommunistinnen und Kommunisten betonen demgegenüber die Notwendigkeit, diese Formen selbst notfalls mit Zwang zu brechen. Und die Linksradikalen, die Rätekommunistinnen, Syndikalisten und Anarchistinnen (deren Positionen Lenin als unrealistische »Kinderei« verspottet hatte) werfen wiederum den kommunistischen Parteien vor, selbst noch nicht weitgehend genug mit den Zwängen des bürgerlichen Bewusstseins gebrochen zu haben. Wenn Lukács in Geschichte und Klassenbewusstsein deklariert, dass »das Schicksal der Revolution von der ideologischen Reife des Proletariats, von seinem Klassenbewusstsein« abhängt – von der Fähigkeit also, die Verdinglichung seines eigenen Bewusstseins zu durchbrechen –, dann konnte ihm dafür der Verlauf der deutschen Revolution als blutiger Beweis dienen.

Verdinglichung kann sicher nicht das gesamte Scheitern der Revolution erklären – das wäre absurd. Zentral aber bleibt, und darauf beharrt Lukács, die Blickrichtung umzukehren: Der Kampf darf nicht nur gegen äußere Feinde geführt werden, sondern muss auch gegen die eigene Konstitution gehen, gegen die eigene Verstrickung in das, was man abschaffen will. Oder zugespitzt: Der proletarische Klassenkampf wird nicht nur gegen Bourgeoisie und Konterrevolution geführt, sondern auch gegen die eigene Identität als Proletariat, die man von der Gesellschaft eingetrichtert bekommen hat.

Das führt dann auch zur zweiten, oft übersehenen Stoßrichtung des Begriffs. Denn der Verdinglichungsaufsatz stellt nicht nur die Frage danach, wie – in den späteren Worten des großen kommunistischen Dichters Ronald M. Schernikau – die Scheiße in die Köpfe hineinkommt; er deutet auch an, wie wir sie dort wieder hinausbekommen können. Der letzte Teil des Aufsatzes zeigt in einer im besten Sinn spekulativen Volte, dass das Bewusstsein des Proletariats nicht nur der Ort ist, wo sich die Verdinglichung »am prägnantesten und penetrantesten, die tiefste Entmenschlichung hervorbringend« niederschlägt, sondern auch der, wo sie wieder überwunden werden kann.

Gerade weil die Arbeiterinnen und Arbeiter ganz in ihrer Funktion aufgehen müssen, die eigene Arbeitskraft als Ware zu Markte zu tragen, kann in ihnen – und nur in ihnen – auch das Bewusstsein über die Verwarenförmigung des gesamten Lebens erwachen. Lukács betont diesen privilegierten Erkenntnis-»Standpunkt des Proletariats«, meint damit allerdings keine soziale Exklusivität: In der Gegenwart habe sich die sozio-ökonomische Proletarisierung vielmehr universalisiert und umfasse mithin auch die Position der von Max Weber so benannten »proletaroiden« Intellektuellen – kurz: »das Schicksal des Arbeiters wird zum allgemeinen Schicksal der ganzen Gesellschaft«. In dem Moment aber, in dem das »Selbstbewusstsein der Ware Arbeitskraft« zum Klassenbewusstsein erwacht, schlägt auch die Revolution gegen das Klassen- und Warensystem überhaupt die Augen auf.

Damit dieses Erwachen nicht selbst nur ein schöner Traum bleibt, muss dem Klassenbewusstsein eine stabile und zugleich flexible soziale Form verliehen werden, eine ganz neue Form kollektiver Subjektivität. Wie aber eine solche Form gefunden werden kann, daran arbeitet sich der letzte Aufsatz, »Methodisches zur Organisationsfrage«, ab.

Keine bloß technische Frage

Vor Geschichte und Klassenbewusstsein wurde die Organisationsfrage in marxistischen Kreisen in der Regel als eine »bloß technische Frage« wahrgenommen – dabei sei sie doch eigentlich »als eine der wichtigsten geistigen Fragen der Revolution« anzusehen, so Lukács. In dieser Verwechslung identifiziert er den Kern des Organisationsproblems, das auch zum Scheitern des gerade unternommenen Revolutionsversuchs geführt hatte, und diese Verwechslung aufzulösen, ist das Anliegen von »Methodisches zur Organisationsfrage«.

Dass die Antwort in Lenins Parteikonzeption liegt, steht für Lukács fest, und so stellt er dem Aufsatz auch ein Lenin-Motto voran: »Man kann nicht mechanisch das Politische vom Organisatorischen trennen.« Wie aber muss eine Partei beschaffen sein, die nicht bloß eine technische Einrichtung, sondern ein Mittel zur »geistigen Klärung« und Bewusstseinsbildung sein soll? Oder, historisch spezifiziert: Wie hätte Lenins »Partei neuen Typs« 1923 auszusehen, nach dem einstweiligen Scheitern der Revolution?

Um diese Frage zu beantworten, inszeniert der gewiefte Dialektiker Lukács einen theoretischen Zweifrontenkampf: Auf der einen Seite steht die Form der bürgerlichen Parteien, wie sie den fortgeschrittenen kapitalistischen Parlamentarismus prägen. Diese Parteien gliedern sich in eine aktive »Führung« und eine passive »Gefolgschaft«, und das trifft, so stellt Lukács fest, auch exakt auf die sozialdemokratischen Parteien zu. In diesen werden die proletarischen Massen allererst zu einer passiven Gefolgschaft gemacht. Genau darin lag, wie sozialdemokratische Führer immer wieder stolz bekundeten, das jahrzehntelange »Erziehungswerk« der Sozialdemokratie.

Diese passivierende Rolle der Sozialdemokratie unnachgiebig kritisiert zu haben, ist für Lukács das unsterbliche Verdienst Rosa Luxemburgs. Luxemburg und ihre linksradikalen, rätekommunistischen Nachfolger wie Anton Pannekoek oder Otto Rühle hätten aber, so Lukács, die Kritik an den sozialdemokratisch-bürgerlichen Parteien bald überzogen und zu einer Fundamentalopposition »gegen die Parteiform überhaupt« getrieben. An der zweiten theoretischen Front setzt Lukács sich nun also von einer Auffassung ab, die jede parteiförmige Organisierung ablehnt und stattdessen ganz auf die »Spontaneität« und die Selbsttätigkeit der proletarischen Massen vertraut.

Die Auseinandersetzung mit Luxemburg gehört zu den interessantesten Passagen des ganzen Buches, weil Lukács es hier mit einer Gegnerin zu tun hat, die ihm auch theoretisch gewachsen ist. Lukács präsentiert sich als entschiedener Vertreter der bolschewistischen Parteikonzeption des »demokratischen Zentralismus«, wobei er beide Elemente gleich stark betont: Die Partei soll ihre Mitglieder nicht stillstellen und zu passiven Erfüllungsgehilfen der Parteilinie machen, sondern sie umfassend mobilisieren. In der Partei sollen unentwegt alle relevanten Aspekte des politischen, kulturellen und ökonomischen Lebens debattiert werden.

»Wie aber muss eine Partei beschaffen sein, die nicht bloß eine technische Einrichtung, sondern ein Mittel zur ›geistigen Klärung‹ und Bewusstseinsbildung sein soll?«

Allein diese Debatten aber können die Verdinglichung des Bewusstseins noch nicht durchbrechen – jedenfalls nicht, solange wir unter Debatte den bloßen Austausch von Meinung verstehen. Das Denken in der Form der Meinung ist sogar die vorherrschende Form der Verdinglichung des Denkens im entwickelten Kapitalismus: Diese Erkenntnis trifft nicht erst auf den heutigen Informationskapitalismus mit seinen Meinungsmärkten zu, sie war schon für Lukács zentral, wie eine erbitterte Volte gegen den Journalismus als besonders verdinglichte Form des Broterwerbs zeigt. Um die unverbindliche Form der Meinung zu durchbrechen, dürfen die verschiedenen Meinungen nicht einfach »akzeptiert« und »wertgeschätzt« werden (wie man heute wohl sagen würde), sondern müssen auf ihre zugrunde liegenden theoretischen Positionen hin befragt werden. Im Anschluss sind, wie es bei Lukács mit Nachdruck und in Kursivschrift heißt, »aus theoretischen Differenzen organisatorische Folgerungen zu ziehen«.

Die Partei ist ein Ort wirklich freier Debatte, weil sich hier niemand an die Denkverbote der herrschenden Ordnung halten muss. Aber die Debatte ist auch rigide, weil sie nicht bereit ist, die Auseinandersetzung in der Beliebigkeit »freier Meinungsäußerung« zerfließen zu lassen. Die Debattierenden selbst behalten immer im Auge, welche der geäußerten Gedanken im Rahmen der Partei verbleiben, und welche nicht. Diese Überwachung wird nicht von oben durchgesetzt, sondern von den wachsamen Genossinnen und Genossen selbst. Kritik und Selbstkritik sind hier ein und derselbe, stets in sich widersprüchlich bleibende Prozess, für den es keine vorherbestimmten Regeln und Rezepte gibt.

Sicher, in der Auseinandersetzung mit Luxemburg zeigt sich Lukács als entschiedener Verteidiger der Lenin’schen Parteikonzeption. Aber indem er Luxemburgs Kritik der Bolschewiki und der russischen Revolution als Gegenposition ernst nimmt und ausführlich referiert, verteidigt er vor allem auch die Konzeption der bolschewistischen Partei gegen deren schlechte Realität. Denn diese war, und das wusste Lukács selbst nur zu gut, schon zu Beginn der 1920er Jahre überall von bürokratischer und autoritärer Verhärtung geprägt. Indem Lukács betont, dass auch in avancierten revolutionären Parteien »Rückfälle in den Organisationstypus des bürgerlichen Parteiwesens« stets möglich sind, greift er implizit einen solchen Rückfall auch bei den Bolschewiki an, wo eine brutale zentralistische Führung jede demokratische Diskussion unter den Parteimitgliedern längst unmöglich gemacht hat.

Was machen Revolutionäre in nichtrevolutionären Zeiten?

Die innere Gegenstrebigkeit von Lukács’ Haltung zur Partei spiegelt sich auch in einer späteren autobiographischen Selbstbeschreibung wider: Er habe sich immer als ein Partisan gefühlt, der in der Partei gegen deren Deformation kämpft. Diese Haltung teilt sich auch der heutigen Lektüre noch mit und macht es schwierig, an Lukács’ Organisationstheorie (als den politischen Kern von Geschichte und Klassenbewusstsein) einfach anzuschließen. Denn wie soll man glaubhaft eine Deformation der Partei bekämpfen, wenn es diePartei – die eine kommunistische Partei, auf die sich alle oppositionellen Kräfte so oder so beziehen müssen, – gar nicht mehr gibt?

Das bleibend Interessante an Lukács’ Organisationstheorie sind denn auch nicht seine Antworten, sondern dass er das Organisatorische überhaupt erst als theoretisch ernstzunehmende Frage formuliert hat. Man könnte zuspitzen: Es sind überhaupt nie die Antworten zentral, es geht vielmehr immer darum, das Organisatorische als Frage offen zu halten. Das meint nicht, Antworten überhaupt auszuweichen oder sich vor schmerzlichen Entscheidungen wegzuducken. Vielmehr geht es darum, den Zwei-Fronten-Kampf scharfzustellen, der auch heute noch zu führen bleibt.

Einerseits geht es gegen diejenigen, die jede festere Organisationsform ablehnen, weil sie die Organisation an sich schon mit Freiheitsverlust und Repression verbinden. Diese Haltung verneint einfach, dass mit dem Organisatorischen überhaupt eine Frage verbunden ist. Das gilt aber, auf der anderen Seite, auch für diejenigen, die die wahre Organisationsform immer schon gefunden zu haben meinen. Auch diese Haltung hat sich vom Organisatorischen als Frage verabschiedet.

»Heute steht auf dieser Seite zuvorderst eine völlig durchakademisierte Linke, die die Gedanken-Form der Meinung als höchsten Ausdruck von Freiheit – und Freiheit immer nur als individuelle – versteht.«

Auf der einen, der organisationsfeindlichen Seite, haben wir es in der Gegenwart wohl weniger mit dem klassischen Anarchismus zu tun, der sich zumeist tatsächlich noch in ziemlich gut organisierten Gruppen zusammenfand. Heute steht auf dieser Seite zuvorderst eine völlig durchakademisierte Linke, die die Gedanken-Form der Meinung als höchsten Ausdruck von Freiheit – und Freiheit immer nur als individuelle – versteht. Als Lukács in die Partei eintrat, war er nicht zuletzt durch eine tiefe Abscheu vor der Unverbindlichkeit der bildungsbürgerlich-akademischen Meinungsfreiheit motiviert, die sein Leben zuvor geprägt hatte; eine Lebensform, die in der Krise des Weltkriegs für ihn unerträglich wurde. In Ermangelung der Partei können wir diesen Schritt heute nicht einfach nachahmen, sollten uns aber doch an dieser bewusst eingegangen Selbstverpflichtung eines zuvor vogelfreien Denkens orientieren.

Auf der anderen Seite aber finden sich heute immer noch Alt- und Neoleninisten, die Lukács zu ihrem Gewährsmann machen wollen. Sie können nicht einsehen, dass die historische Niederlage, die »ihre« Organisationsform erlebt hat, nicht nur von außen, durch die bürgerliche Konterrevolution herbeigeführt wurde, sondern vielleicht vor allem von innen, aus den Fehlern und Problemen der Partei-Form selbst verstanden werden muss – so wie Lukács die welthistorische Niederlage von 1923 von innen, aus der Schwäche des Proletariats und seines Klassenbewusstseins erklärt wissen wollte.

Die Orientierung an 1923 bleibt die Orientierung an einer Niederlage, die aber von Revolutionären wie Lukács nie als endgültig akzeptiert wurde. Die Erfahrung der Niederlage bleibt theoretisch und politisch genauso ernst zu nehmen, wie Lenins Devise vom zweiten Weltkongress der Komintern 1920: »Absolut ausweglose Lagen gibt es nicht.« Beides zusammen umreißt die Aufgabe, die Lukács den Revolutionären in nichtrevolutionären Zeiten ins Stammbuch geschrieben hat: Theorie treiben – ja bitte! Aber dabei immer im Auge behalten, dass aus der Theorie eine Praxis folgen muss, und dass jeder Schritt aus der Theorie in die Praxis über die Frage der Organisation vermittelt ist. Wer der Frage der Organisation eine Absage erteilt, beraubt sich selbst aller praktischen Antworten.

Patrick Eiden-Offe

Patrick Eiden-Offe ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er hat Bücher über poetische Klassenbildung im Vormärz und über Hegels

Alle Artikel
Tags: Politik

Weitere in Politik

Alle anzeigen
Article layout test

Article layout test

/

Weitere von Patrick Eiden-Offe

Alle anzeigen

Von unseren Partnern

Neues Buch

Neues Buch

Creative Construction: Demokratische Planung im 21. Jahrhundert. Herausgegeben von Jan Groos und Christoph Sorg, mit einem Vorwort von Kohei Saito und Beiträgen von: Audrey Laurin-Lamothe, Frédéric Legaul, Simon Tremblay-Pepin, Jakob

Von Ole Rauch
/