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Gegen Buchstaben

Als Sprachreform noch ein linkes Gewinnerthema war.

Gegen Buchstaben
»Im Deutschen müsste sich unter anderem das Y vor solchem Kulturbolschewismus fürchten.«Illustration: Zane Zlemeša
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1918 in Russland, das erste Jubiläum der Oktoberrevolution stand ins Haus, die Aristokratie war entmachtet, die Kirchengüter enteignet – nun schafften die Bolschewiki per Dekret auch noch die Lieblingsbuchstaben der ehemals Herrschenden ab.

Drei verschiedene i-lautende Zeichen wurden zu einem zusammenrationalisiert. Von zwei F-Formen musste eine dran glauben. Und ein Buchstabe, der optisch ein bisschen wie ein Reichsapfel anmutete – die handliche Kugel mit aufgesetztem Kreuz, die man des öfteren auf historischen Gemälden weltlicher Herrscher christlichen Glaubens findet –, wurde gestrichen, weil es ein einfaches E auch tat.

In welchem Fall welches Zeichen gesetzt wurde, wusste man nur, wenn man es auswendig gelernt hatte. Im ausgehenden Zarenreich, in dem der Alphabetisierungsgrad bei nur 25–30 Prozent lag, traf das in erster Linie auf den Adel, den Klerus und andere gehobene und gebildete Schichten zu. In der Sowjetunion hingegen sollte jeder Mensch, der Russisch sprechen konnte und das Alphabet kannte, auch korrekt schreiben können.

Die Bolschewiki kamen nicht als erste auf diese Idee. Eine Expertenkommission der russischen Akademie der Wissenschaften diskutierte eine solche Reform bereits 1904, aber konservative Kräfte stiegen auf die Bremse. Unter Lenin und Co. ging es nun auch deshalb schneller voran, weil sie es sich mit den Konservativen ohnehin schon verscherzt hatten. Exilierte Fans des Zarismus und der orthodoxen Kirche verwendeten die alte Rechtschreibung noch Jahrzehnte später aus Trotz, doch auch sie mussten sich schließlich der Vernunft geschlagen geben.

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Die Sprachreform machte es den Menschen nicht nur leichter, schreiben zu lernen, sondern schaltete auch neue Gimmicks frei. Die Worte für »Welt« und »Frieden« wurden nun exakt gleich geschrieben: »Мир« (Mir). Die Sowjets nutzten das maximal aus mit ihrem Slogan »Миру – мир!« (Miru – mir!), das heißt »Der Welt – Frieden!«. Der futuristische Dichter Wladimir Majakowski setzte noch eins drauf mit der Wendung »Миру – мир, война – войне« (Miru – mir, wojna – wojne). Auf das mit dem Gleichlaut spielende »Frieden für die Welt« folgt hier ein ernstes und unzweideutiges »Krieg dem Krieg«.

»Soll man nun ›Yacht‹ oder ›Jacht‹ schreiben?«

Im Deutschen müsste sich unter anderem das Y vor solchem Kulturbolschewismus fürchten. Es wird mal wie ein Ü, mal wie ein I und mal wie ein J ausgesprochen, leistet also nichts, was nicht genauso gut ein anderer Buchstabe könnte. Schlimmer noch, es führt unnötig zu Verwirrung: Soll man nun »Yacht« oder »Jacht« schreiben? Der Duden empfiehlt ersteres, aber dafür gibt es eigentlich keinen guten Grund, außer dass es irgendwie exklusiver aussieht.

Mit genau diesem Anspruch verordnete im Jahr 1825 Leopold I., die Schreibweise seines Königreichs zu ändern: Aus Baiern wurde Bayern – einfach weil es auf diese Art edler, genauer gesagt altgriechischer aussah. Heute haben sich alle daran gewöhnt, aber noch vor hundert Jahren wusste man von der aristokratischen Willkür, die dem Landesnamen angetan worden war. Daher wurde am 7. April 1919 in München nicht etwa die Bayerische, sondern die »Bairische Räterepublik« ausgerufen: »Es lebe das freie Baiern! Es lebe die Räterepublik! Es lebe die Weltrevolution!« Doch während die sowjetische Sprachreform bis heute hält, konnte sich das I in Baiern nichtmal einen Monat gegen das Y behaupten.

Immer diese Linken mit ihrem Neusprech, nicht wahr? Aber es besteht ein markanter Unterschied zwischen der neuen bolschewistischen Rechtschreibung und den heutigen Vorstößen zu einer genderneutralen Sprache. Die erstere machte das gesprochene Wort auf der Straße zum Maßstab und vereinfachte dementsprechend den Schriftsatz. Lösungen wie das Gender-Sternchen hingegen sind merklich von der Schrift aus gedacht – also von Menschen, die viel lesen und schreiben – und geben dem Sprechen neue Aufgaben auf, die vielen Leuten ein Krampf sind. Geschlechtsneutraler zu formulieren, ist ein berechtigtes Ziel, aber der sozialistische Weg dorthin bestünde darin, lieber kleine Schritte zu machen, die die Mehrheit gern mitgeht, anstatt große Schritte ohne sie.

Im revolutionären Russland ging es darum, die Bevölkerung zu alphabetisieren – und wenn ein paar Prinzessinnen und Priester darüber heiße Tränen weinten, halb so wild. Heute hingegen ist der Umbau der Sprache für Linke kein eindeutiges Gewinnerthema mehr. Denn in Ländern, in denen die Alphabetisierung weitestgehend erfolgreich war, wird man damit nicht mehr nur einer kleinen Elite, sondern einem großen Teil der Bevölkerung auf den Geist gehen. Darum: Friede den Bayern, Krieg den Yachten.

Thomas Zimmermann

Thomas Zimmermann ist Print Editor bei JACOBIN.

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