Die Sorge vor einer weiteren militärischen Eskalation des Ukrainekriegs wächst. Forderungen nach einer bedingungslosen Unterstützung der Ukraine – inklusive der Lieferung schwerer Waffen bis zum eindeutigen Sieg – werden aus verschiedenen politischen Parteien immer wieder laut und in den Medien stark repräsentiert. Von links wird vielerorts die Forderung nach einer diplomatischen Lösung des Konflikts erhoben – doch wie könnte diese herbeigeführt werden?
Wolfgang Sporrer leitete die Abteilung für die humanitäre Dimension der OSZE-Mission in Kiew und war als politischer Berater in der EU-Delegation in Moskau und in verschiedenen Funktionen für die OSZE in Kroatien, Bosnien und Herzegowina und im Kosovo tätig. Zur Zeit lehrt Sporrer Konfliktmanagement an der Hertie School in Berlin. Im JACOBIN-Interview spricht er darüber, warum Diplomatie im Ukrainekrieg eine weitere Chance verdient hat und warum Erfolge auf sich warten lassen könnten.
Auf höchster Ebene gibt es aktuell keinen offiziellen Dialog zwischen den Konfliktparteien. Wolodymyr Selenskyj und Wladimir Putin lehnen es ab, das direkte Gespräch zu suchen. Trotzdem gibt es offensichtlich Verhandlungen. Welche diplomatischen Kanäle stehen derzeit überhaupt offen? Und bewegen sich die Konfliktparteien auf einen Dialog zu oder eher nicht?
Es gibt ja durchaus offizielle Gespräche zwischen den Konfliktparteien. Ich darf daran erinnern, dass es in Istanbul zum Thema Getreideexporte sehr wohl einen funktionierenden, international mediierten Dialog gibt, der von der UNO geleitet und von humanitären NGOs begleitet wird. Hierbei handelt es sich um einen offiziellen Gesprächskanal. Beide Seiten sitzen sich dort persönlich gegenüber. Leider sind diese Gespräche thematisch auf Getreidelieferungen beschränkt. Um die humanitäre Situation in der Ukraine zu verbessern und eventuell zu einer Friedenslösung zu kommen, braucht es natürlich wesentlich mehr als das.
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Natürlich gibt es darüber hinaus auch inoffizielle Gespräche. Es findet ja ein Gefangenenaustausch statt, über den sicherlich auch irgendwo verhandelt wird. Und sicher gibt es auch inoffizielle Gespräche von Militär zu Militär, aber auch zwischen den USA und Russland. Aber zwischen der Ukraine und Russland ist die Istanbuler Getreideinitiative zur Zeit die einzige offizielle Form des Dialogs.
Aus Ihrer Sicht war der Krieg in der Ukraine nicht unabwendbar. Und Sie waren auch im Vorlauf skeptisch, dass es tatsächlich zum Kriegsausbruch kommen würde.
War dieser Krieg unabwendbar? Das glaube ich überhaupt nicht. Man darf ja nicht vergessen, dass es zwischen Russland und der Ukraine keine fundamentalen Konflikte territorialer oder ethnischer Art gibt, die so bedeutsam wären, dass sie zwangsläufig einen Krieg hätten herbeiführen müssen. Es wird auch nicht um Ressourcen gekämpft. Deswegen habe ich diesen Krieg auch immer für vermeidbar und eine Verhandlungslösung für erreichbar gehalten.
Vereinfachend kann man sagen, dass dieser Krieg verhinderbar war, bis zum Moment der unilateralen Entscheidung des Kremls, also Putins und seines innersten Kreises, diesen Krieg tatsächlich zu führen.
Welche Entwicklungen haben uns an diesen Punkt gebracht? Sie waren ja beim Minsker Prozess direkt involviert. Woran ist er Ihrer Ansicht nach gescheitert?
Für das Scheitern der Minsker Abkommen gab es drei hauptsächliche Gründe. Erstens wurde die tatsächliche Konfliktlage im Minsker Abkommen gar nicht thematisiert. Es wurde sozusagen fingiert, dass es in der Ukraine zwischen Russen und Ukrainern eine Art ethnischen Konflikt gäbe oder gegeben habe, und dass es darum zum Ausbruch von Gewalt gekommen sei. Und durch Beilegung dieses angeblich ethnischen Konfliktes könnte die Gewalt beendet werden.
Das ist reine Fiktion. Die ethnischen Konflikte, die es in der Ukraine gab, waren nicht schwerwiegender, als ethnische Spannungen in vielen anderen Ländern.
Außerdem sind die Trennlinien in diesem Konflikt, wenn man sie unbedingt ethnisch auffassen möchte, unglaublich verwaschen. Es geht hier nicht um die russische versus ukrainische Sprache oder um ukrainische versus russische nationale Identität. Es geht auch keinesfalls um Religion. Man könnte höchstens konstatieren, dass es so etwas wie eine ostukrainische Donbass-Identität geben könnte. Aber diese regionale Identität des Donbass ist auch nicht viel stärker ausgeprägt als starke regionale Identitäten in anderen Staaten.
Stattdessen ging es darum, dass Russland über die innen- und außenpolitische Orientierung der Regierung in Kiew Einfluss ausüben wollte. Im Minsker Vertrag hat man aber stattdessen diese Fiktion eines ethnischen Konflikts konstruiert, obwohl Russland eigentlich nichts daran lag, irgendwelche Autonomierechte für die Ostukraine, für russischsprachige oder ethnisch russische ukrainische Bürgerinnen und Bürger zu bekommen.
Russland war daran nicht wirklich interessiert, aber auch die Ukraine war überhaupt nicht erpicht darauf, solche Rechte zu gewähren, aus Angst vor einer »fünften Kolonne« Moskaus. Doch Moskau ging es nicht nur darum, was im Donbass passiert, sondern vor allem darum, was in Kiew passiert. Im Ukraine-Konflikt geht es schlicht und einfach um die Ausrichtung der Ukraine. Aber im Minsker Vertrag werden ganz andere Fragen adressiert. Deswegen hat der Prozess nicht funktioniert.
Der zweite Grund für das Scheitern war die technisch niedrige Qualität der Minsker Vereinbarungen. Es gab viel zu wenig Raum für ihre Verifizierung, und auch die Sequenzierung von verschiedenen Maßnahmen blieb bis zuletzt umstritten, da sich das Abkommen selbst dazu ausschweigt.
Der dritte Grund für das Scheitern – und das klingt jetzt vielleicht banal, ist aber wahr – besteht darin, dass man sich seit Ende 2019 wegen der Corona-Pandemie nicht mehr persönlich treffen konnte. So wenig die Minsker Vereinbarungen in der Praxis tatsächlich umgesetzt wurden, so hatten sie doch einen vertrauensbildenden Charakter.
Allein schon die Tatsache, dass die Parteien um einen Tisch gesessen haben, hatte eine deeskalierende Wirkung. Das funktioniert online nicht. Dafür braucht es Kaffeepausen, gemeinsame Essen, inoffizielle Kontakte und dergleichen. Wenn diese Aspekte wegfallen, ist ein solcher Prozess zum Scheitern verurteilt. Mit dem Minsker Prozess ging daher auch ein Frühwarninstrument für eine Eskalation des Konflikts verloren.
Das klingt danach, als wären die tatsächlichen Anliegen beider Seiten im Vorfeld ausgeklammert worden. Worüber hätte dann tatsächlich verhandelt werden müssen, wenn nicht über Sprachgesetze oder regionale Autonomierechte?
Ich möchte mich nicht dazu äußern, was zu verhandeln gewesen wäre, weil ich weder Russland noch der Ukraine irgendetwas vorzuschreiben habe. Aber worum es, wie gesagt, aus meiner Sicht im Kern ging, war die außenpolitische Ausrichtung der Ukraine. Das wird in der Regel sehr binär aufgefasst. Beitritt zur NATO: ja oder nein? EU-Beitritt: ja oder nein? Gastransit: ja oder nein? Und so weiter. Da geht es um das gesamte Paket der außenpolitischen, geopolitischen Orientierung der Ukraine unter der neuen Maidan-Regierung ab 2014.
Russland war der Meinung, dass es über eine Art von Einflusssphäre verfügen sollte, wie das Großmächte oft für sich in Anspruch genommen haben, und war deshalb der Ansicht, zumindest ein Vetorecht über die außenpolitische und geopolitische Ausrichtung der Ukraine zu haben, ohne diesen Anspruch aber jemals wirklich offen zu artikulieren. Die Maidan-Regierung ab 2014 war ganz klar der Meinung, dass Russland diesen Einfluss nicht haben dürfe. Das stellte natürlich einen Bruch mit der Linie der vorherigen Regierung unter Janukowitsch dar, die die Ukraine in sicherheitspolitischen Fragen absichtlich neutral gehalten hatte.
Das wären Themen gewesen, die man offen hätte ansprechen können. Aber ich glaube, zum damaligen Zeitpunkt war es allen Beteiligten lieber, bei dieser Fiktion, es ginge um Minderheitenrechte, zu bleiben. Niemand wollte zum damaligen Zeitpunkt aussprechen, dass Russland einfach kein Recht auf eine Einflusssphäre hat. Und die russische Seite wollte auch nicht aussprechen, dass sie sehr wohl an ein solches Recht in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft glaubt.
Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass es hier eine geopolitische Komponente gibt, die bei den Verhandlungen ebenfalls nie angesprochen wurde. Es gibt ein Zitat von Zbigniew Brzeziński, dem ehemaliger Sicherheitsberater im Weißen Haus, einem der wirklich großen Theoretiker und auch Praktiker der internationalen Beziehungen: »Man kann nicht überbetonen, dass Russland ohne die Ukraine aufhört, ein Imperium zu sein, doch durch die Beeinflussung und Unterjochung der Ukraine wird Russland automatisch zum Imperium.« Diese geopolitische Realität wurde nie thematisiert, obwohl es da auch nicht um echte Tabus geht. Jedem ist klar, dass Russland ein Imperium sein will und jedem ist klar, dass die USA dies verhindern wollen.
Sie haben gerade erwähnt, dass beide Seiten diese Frage ziemlich binär betrachten: Entweder die Ukraine entschließt sich zur Westorientierung, oder für eine Orientierung Richtung Russland. Gab es damals und gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch eine realistische Perspektive für einen Kompromiss oder Zwischenweg in dieser Frage?
Ich glaube, diesen Weg gab es sehr lange. Die Ukraine hätte einen eigenen Pfad einschlagen können, etwa mit einem EU-Beitritt, aber ohne Mitgliedschaft in der NATO, oder einem Assoziierungsabkommen. Es standen da viele Türen offen. Ich glaube nur, dass diese Türen seit dem 24. Februar 2022 verschlossen sind.
Eine Neutralität der Ukraine zwischen Russland und dem Westen ist keine realistische Option mehr, einfach weil dies in der Ukraine von einer großen Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr akzeptiert würde. Russland hat sich hier in eine Position manövriert, in der jedes für die russische Seite positive Ergebnis durch diesen grauenvollen Angriffskrieg unmöglich gemacht worden ist.
Viele diplomatische Lösungswege wären bis zum 24. Februar gangbar gewesen. Und ich weiß, man hat auf Zeit gespielt, der Westen hat auf Zeit gespielt, Russland hat auf Zeit gespielt. Aber mit diesem Angriffskrieg sind sehr viele Möglichkeiten für eine diplomatische Lösung verschwunden, zumindest für eine endgültige Lösung diplomatischer Art.
Man darf aber auch nicht vergessen, dass Diplomatie oft nur ein Mittel ist, um sozusagen ein Heftpflaster auf eine Wunde zu kleben und eine konkrete Situation etwas zu verbessern. Diplomatie ist nicht unbedingt nur die Kunst, Konflikte ein für alle Mal zu lösen. Denn die Möglichkeit, diesen Konflikt endgültig beizulegen, sodass am Ende alle zufrieden sind, sehe ich praktisch nicht mehr. Die Möglichkeit, durch diplomatische Verhandlungen die Eskalationsgefahr zu verringern und zu einer Verbesserung der humanitären Situation zu kommen, die sehe ich nach wie vor.
Hat sich aus Ihrer Sicht die russische Interessenlage seit Kriegsbeginn verschoben?
Darüber kann man natürlich nur spekulieren. Aber ich kann Spekulationen aufgrund von Erfahrungen in der Region und mit den Konfliktparteien anstellen. Das russische Kriegsziel war von Beginn an die Wiederherstellung des totalen Einflusses von Moskau über Kiew. Dies implizierte auch einen Austausch der Regierung Selenskyj gegen eine moskautreuere Administration, die man dann leicht hätte beeinflussen können. Das war, nehme ich an, das Kriegsziel.
Mittlerweile hat sich herausgestellt, und das ist wahrscheinlich auch dem Kreml klar, dass dieses Kriegsziel unerreichbar geworden ist. Absolut unerreichbar. Nach diesem Krieg können sie keine prorussische Regierung mehr in Kiew installieren, ohne dass sich die Ukrainerinnen und Ukrainer in Millionen und in jeder Stadt auf der Straße gegen sie erheben werden.
Das russische Kriegsziel hat sich also wohl verschoben. Jetzt geht es für Putin darum, aus diesem Krieg irgendwie noch so herauszukommen, dass er sagen kann: »Wir haben gewonnen!« Er könnte Landgewinne als Sieg definieren. Er könnte politische Zugeständnisse für sich reklamieren. Man könnte eine Anerkennung der Besetzung der Krim als Erfolg verkaufen. Aber es ging am Anfang des Krieges, da bin ich mir beinahe sicher, nicht um die Einnahme von zusätzlichen Gebieten in der Ukraine, weil Russland an einer Einnahme des Donbass und an einer Einnahme von Saporischschja, von Charkiw oder dergleichen kein hinreichendes Interesse hatte, um eine derart gravierende außenpolitische Entscheidung zu treffen.
Das einzige Territorium, das für Russland wichtig ist, ist natürlich die Krim. Aber die hatten sie ja vor dem Krieg schon. Deswegen wird die Eroberung von Territorium nicht das ursprüngliche Kriegsziel gewesen sein.
Gibt es im Westen eigentlich einen Konsens über das strategische Ziel in diesem Konflikt, innerhalb der NATO, aber auch zwischen der NATO und der Ukraine?
Es gibt im Westen überhaupt keinen Konsens über das Kriegsziel. Es gibt zwar einen breiten Konsens darüber, dass die Ukraine nicht einfach verlieren darf. Der Westen ist sich über fast das gesamte politische Spektrum eigentlich einig, dass die Ukraine ausreichend Waffen bekommen sollte, um nicht überrannt und erniedrigt zu werden. Zu großen Teilen ist man sich auch einig, dass die Ukraine so lange unterstützt wird, bis die Gebiete, die ab dem 24. Februar 2022 besetzt wurden, mit militärischen Mitteln befreit werden konnten oder bis es zu einem anderen Kompromiss kommt, dem die Ukraine zustimmt.
Die große Uneinigkeit beginnt bei der Frage, ob die Ukraine militärisch und politisch in die Lage versetzt werden soll, auch die Krim, inklusive des russischem Flottenstützpunkts Sewastopol, zu erobern. Ich glaube, es gibt im Westen grundsätzlich einen Konsens, dass die Ukraine Unterstützung verdient und braucht. Ich glaube, es gibt aber überhaupt keine Einigkeit darüber, wie lange diese Unterstützung anhalten und welches Endziel mit dieser Unterstützung erreicht werden soll.
Auch die Position der USA ist recht unklar. Die offiziellen Äußerungen von US-Regierungsvertretern, etwa von General Milley über Verteidigungsminister Austin bis hin zu Präsident Biden, gehen weit auseinander. Man oszilliert zwischen den Polen, die ich genannt habe. Ich glaube aber, dass die gegenwärtige Uneinigkeit des Westens vernachlässigbar sein wird im Vergleich zu dem Dissens, den es darüber geben wird, wie die Europäische Union und der Westen mit einem Nachkriegs-Russland verfahren sollten. In dieser Frage gibt es ein sehr breites Meinungsspektrum.
Einige sind der Ansicht, die Beziehungen sollten so rasch wie möglich normalisiert werden. Doch es gibt auch Stimmen, die argumentieren: Russland wird unser ewiger Feind bleiben, oder jedenfalls für Generationen, und sollte am besten aufgespalten werden, beziehungsweise muss vom Planeten verschwinden.
In dieser Frage sehe ich auf Europa eine riesige Spaltung zukommen, über die man jetzt schon sprechen müsste, um sich nicht wieder etwas vorzulügen. Denn wenn man solche Probleme nicht wirklich klar definiert und offen thematisiert, fallen sie einem später auf die Füße.
Viele Linke fordern, eine militärische Lösung des Konflikts zu depriorisieren und auf Diplomatie und Verhandlungen zu setzen. Wie könnte ein möglicher Pfad zur Deeskalation aussehen? Welche Schritte müssten jetzt unternommen werden, um einen Prozess in Gang zu setzen, der letztlich in Verhandlungen über einen Waffenstillstand enden könnte?
Erstens: Warum ist eine politische, nicht-militärische Konfliktlösung zurzeit sehr unwahrscheinlich? Zum einen, weil beide Parteien die Option, miteinander über eine Konfliktbeilegung zu verhandeln, mehr oder weniger ausgeschlossen haben – die Ukraine per Gesetz, die Russen per Vorbedingungen.
Zweitens sind wir durch die Waffenlieferungen in einer sehr besonderen Situation. In diesem Abnutzungskrieg sind beide Seiten der Meinung, dass die Zeit auf ihrer Seite sei. Russland glaubt, über eine Produktionssteigerung eigener Waffen, plus eventuell einer weiteren Mobilisierung, die Armee stärken zu können. Die Ukraine glaubt hingegen, je mehr Waffen aus dem Westen kämen, desto stärker werde die eigene Position.
Beide Seiten glauben also, dass sich Abwarten derzeit lohne. Das sind natürlich die denkbar schlechtesten Voraussetzungen, um zu einer politischen Konfliktlösung oder hin zu einer Mediation zu kommen. Wenn beide Seiten glauben, dass sie gewinnen, wird es keine Verhandlung bezüglich einer politischen Konfliktlösung geben.
Was kann man trotzdem tun? Man kann versuchen, die bereits bestehenden Gesprächskanäle, also den Dialog in Istanbul, auf andere Themen auszuweiten, zum Beispiel auf Entflechtungszonen rund um Atomkraftwerke. Daran haben beide Seiten Interesse. Man könnte Waffenstillstände an verschiedenen Orten rund um Krankenhäuser und Schulen vereinbaren. Man könnte kurze, temporäre Waffenstillstände zur Ernte, zur Aussaat, zum Schulbeginn oder zu Ostern beschließen. Ostern wäre ein toller Beginn für so etwas. Es geht darum, kleine Schritte zu gehen und die Kunst des Möglichen zu praktizieren.
Welche Vorteile hätte ein solches Vorgehen? Erstens würde man humanitäre Fortschritte erzielen. Wenn eine Entflechtungszone rund um ein Krankenhaus verhängt wird, sind einfach weniger Zivilisten vom Konflikt betroffen. Jedes Menschenleben, das gerettet werden kann, jeder Patient, der im Krankenhaus liegt und keine Bombe auf den Kopf bekommt, ist ein humanitärer Gewinn.
Zweitens könnte man durch diese sehr langsame Arbeit zu einer gewissen Wiederherstellung von Vertrauen zwischen den Seiten beitragen, das ja vor allem gegenüber der Russischen Föderation – zu Recht – praktisch vollständig verloren gegangen ist. Wenn man am Ende des Krieges, und es wird dieses Ende geben, irgendeine Art von Abkommen haben will, braucht es eine minimale Gesprächsbasis. Und auch wenn man über das Endresultat vielleicht zum jetzigen Zeitpunkt nicht sprechen kann oder nicht sprechen will, so muss diese Basis doch bereits heute etabliert werden.
Drittens hätten solche Verhandlungen über kleine Deeskalationsschritte eine sehr wichtige Frühwarnfunktion. Wenn beide Seiten, die USA und der Westen und vielleicht noch etliche andere Vermittler wie China regelmäßig in einem Raum sitzen, um sich jede Woche auszutauschen, sich anzuschreien, um Sitzplätze zu streiten, aber dann auch Kaffee miteinander zu trinken, bekommt man ein besseres Gespür für die Lage. So könnte das Eskalationspotenzial verringert werden.
Durch ein solches Vorgehen würden sich Vorteile ergeben, zu Kosten, die für alle eigentlich bei null liegen. Keine Seite müsste Zugeständnisse machen, aber alle Parteien müssten ohne Vorbedingungen in diese Verhandlungen gehen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben jedoch, wie gesagt, beide Seiten kein Interesse, das zu tun. In beiden Ländern würde eine solche Initiative gerade nicht sehr positiv aufgenommen werden.
Ich glaube aber, wenn der Westen, vor allem die USA und die Europäische Union, die Ukraine nachdrücklich darüber informieren würden, dass eine Teilnahme bei solchen Verhandlungen ohne Zugeständnisse willkommen wäre, und wenn China und Indien gemeinsam Russland nachdrücklich zu einer Teilnahme auffordern würden, dann ließen sich die beiden Konfliktparteien dazu bewegen. So könnte man eine Art Forum schaffen, wo sicher am Anfang nichts Weltbewegendes geschehen würde. Aber es wäre ein wichtiger Schritt mit greifbaren Vorteilen.
Ist es hinderlich, wenn westliche Politikerinnen und Politiker im öffentlichen Diskurs rote Linien definieren oder festlegen, wie eine akzeptable Lösung auszusehen hat? Oder spielt das für die diplomatischen Kanäle keine Rolle?
Ich glaube, das kommt sehr darauf an, in welcher Funktion man diese Aussagen macht. Wenn man als Mediator agieren will, ist es extrem kontraproduktiv, irgendein Ergebnis vorgeben zu wollen. Aber der Westen, auch Staaten wie Deutschland oder Österreich, können in diesem Konflikt nicht die Rolle eines Mediators innehaben. De facto wird der Westen von Russland als Konfliktpartei gesehen. Das heißt jetzt nicht, dass diese Sichtweise richtig ist, aber so ist die Wahrnehmung der russischen Seite. Deshalb kann der Westen kein Mediator sein. Auch China kann nicht als Mediator fungieren.
Ich glaube, Mediatoren könnten hier nur sehr anerkannte internationale Persönlichkeiten sein, die von einer neutralen Organisation wie zum Beispiel der UNO oder der OSZE benannt werden, oder einer Koalition von Staaten. Nur müsste diese Koalition von beiden Seiten als wirklich neutral betrachtet werden. Ich kann mir aber eigentlich eine solche Koalition nur sehr schwer vorstellen. Die UNO oder die OSZE bieten eine plausiblere Option.
Beim Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz in Brasilien hat Präsident Lula da Silva angekündigt, dass er gerne auf Indien und China zugehen würde, um zwischen diesen drei Ländern eine Koalition zu bilden und eine Verhandlungslösung anzustreben. Ist das aus Ihrer Sicht hilfreich? Und was könnte daraus erwachsen?
Ich glaube, das ist ein gut gemeinter Vorstoß. Doch wie man ja bereits an den Reaktionen darauf sehen kann, hat die Ukraine daran absolut kein Interesse. Das liegt schlicht und einfach daran, dass er von Lula da Silva kommt, der gesagt hat, dass Putin für den Krieg genauso verantwortlich sei wie Selenskyj. Wenn der Vorstoß auf die Akzeptanz aller Seiten stößt, wunderbar. Ich glaube nur, dass eine Seite dieses Vermittlungsangebot ablehnen wird, und die bisherigen Reaktionen lassen wenig Optimismus zu.
Welche Perspektive auf den Krieg wird aus Ihrer Sicht zu wenig eingenommen?
Bei diesem Konflikt geht es sehr stark darum, ob man ihn von oben betrachtet oder von unten, aus der Perspektive der direkt betroffenen Menschen, den Menschen im Kampfgebiet, aber auch aus der Perspektive von Menschen im Globalen Süden, die in vielfacher Weise vom Krieg tangiert werden. Von oben betrachtet, heißt: militärisch, rechtlich und moralisch. Und wenn man den Konflikt von oben betrachtet, also in militärischen, moralischen und rechtlichen Kategorien, ist ganz klar, was zu tun ist, nämlich sich mit allem, was man hat, auf die Seite der Ukraine zu stellen, bis zu dem Ende, das die Ukraine wünscht. Wenn man ihn aber eher pragmatisch, von unten, aus der Perspektive der direkt Leidenden, und aus dem Globalen Süden betrachtet, kann die moralische Abwägung eine andere sein. Dieses Dilemma ist derzeit für keinen politischen Entscheidungsträger einfach aufzulösen.