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Filmriss Deutscher Oktober

Nachdem die Revolution in Deutschland fehlschlug, hätte es ehrliche Aufarbeitung gebraucht. Stattdessen begab sich die kommunistische Führung auf die Suche nach Sündenböcken.

Filmriss Deutscher Oktober
»Deutschlandweit entstanden informelle Kontrollausschüsse, in denen viele Frauen aktiv waren, die Preiswucher offenlegten und Mieterhöhungen bekämpften.«Collage: Zane Zlemeša
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Vor hundert Jahren versandete der »Deutsche Oktober«. Fast ein Jahr lang rebellierte die Arbeiterklasse gegen Hyperinflation und Ruhrbesetzung und trotzte dabei Polizeirepression und Angriffen faschistischer Freikorps. Kommunistische Beschäftigte und Aktive waren dabei meist der treibende Faktor. Die Zentrale der Kommunistischen Partei (KPD) entwarf nach dem Vorbild der russischen Oktoberrevolution einen Aufstandsplan – und kassierte ihn dann recht sang- und klanglos doch wieder ein. Am Ende stand, aus einer komplexen Gemengelage heraus, eine kampflose Niederlage.

Das wiederum hätte einer ehrlichen Auseinandersetzung bedurft. Doch in der KPD und der Kommunistischen Internationale (Komintern) wurden die Ereignisse von 1923 unmittelbar instrumentalisiert. Dass die Weltrevolution ausblieb, isolierte die Sowjetunion. Demoralisierung erfasste die kommunistische Bewegung. UdSSR und Komintern drifteten in den Stalinismus ab. In einem zunehmend repressiven System galt es, die jeweiligen Gegenüber in den brutaler werdenden Auseinandersetzungen in Komintern und KPD – recht ruppig im Umgang mit den Fakten – für die Niederlage in Deutschland verantwortlich zu machen.

Eine Geschichtsschreibung von unten, von einem Jahr der Rebellion, ist – auch auf der Linken und gerade in Deutschland – daher kaum präsent.

Weimars Arbeiter in Aufruhr

Aber was ist 1923 überhaupt passiert? Das Jahr begann damit, dass französische und belgische Truppen am 11. Januar das Ruhrgebiet besetzten. Frankreichs Ministerpräsident Raymond Poincaré begründete den Schritt damit, im Versailler Vertrag vereinbarte Reparationen durchsetzen zu wollen. Daraufhin rief Reichskanzler Wilhelm Cuno am 13. Januar zum »passiven Widerstand« in den besetzten Gebieten auf. Revolutionäre und nationalistische Stimmungen brandeten auf. Für kurze Zeit leisteten Arbeiterschaft und deutsches Kapital klassenübergreifenden Widerstand gegen die Besatzer.

Unter dem Einfluss von Wirtschaftskrise und galoppierender Inflation besann sich die Arbeiterbewegung allerdings recht schnell wieder auf Klassenkampf – unter dem Slogan »Schlagt Cuno und Poincaré an der Ruhr und an der Spree!«. Wellen von Streiks und Protesten schwappten über das Land, es folgten Zusammenstöße mit Polizei und Faschisten. Bei Betriebsratswahlen im Frühjahr gewannen revolutionäre Kräfte, unterstützt von der KPD, Mehrheiten in zahlreichen Betriebsräten von Großbetrieben. Deutschlandweit entstanden informelle Kontrollausschüsse, in denen viele Frauen aktiv waren, die Preiswucher offenlegten und Mieterhöhungen bekämpften. Gegen die staatliche Repression und zunehmende faschistische Umtriebe bildeten sich bewaffnete Proletarische Hundertschaften. 

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»Unter dem Einfluss von Wirtschaftskrise und galoppierender Inflation besann sich die Arbeiterbewegung schnell wieder auf Klassenkampf.«

Im Mai traten die Bergleute im Ruhrgebiet in den Streik. Am 22. Mai rief daraufhin eine Konferenz kommunistischer, sozialdemokratischer und christlicher Betriebsräte in Dortmund zum Streik für eine 50-prozentige Lohnerhöhung auf. Hunderttausende schlesische Landarbeiterinnen und -arbeiter gingen kurz darauf in einen Ausstand, gefolgt von über 100.000 Beschäftigten der Bergwerke und Schmelzhütten in Ober- und Niederschlesien. Anfang Juli legten 130.000 Streikende die Berliner Metallindustrie lahm, dann folgten Beschäftigte im Ruhrgebiet und im Zwickau-Oelsnitzer Steinkohlenrevier. Diese Streiks brachten sozialdemokratische, kommunistische und parteilose Lohnabhängige zusammen.

Die Proteste kulminierten im August 1923, als ausgehend von den Druckereien in Berlin eine neue Streikwelle losbrach. Auf Initiative der KPD kam am 11. August eine Betriebsräteversammlung von Großberlin zusammen. Diese vertrat nach eigenen Angaben direkt und indirekt 20.000 Betriebe. Die Versammlung rief zum Generalstreik auf – das Ziel lautete: sofortiger Rücktritt der Cuno-Regierung und Einsetzung einer Arbeiterregierung aus SPD und KPD. Gegen den Willen der Führungen von SPD und Allgemeinem Deutschem Gewerkschaftsbund (ADGB) weitete sich der Streik aus. Drei Millionen Beschäftigte beteiligten sich bereits am Ausstand, als am 12. August Cuno zurücktrat. 

Der Aufstand, der ausblieb

Vor diesem Hintergrund drängte am 15. August Grigori Sinowjew, Vorsitzender der Komintern – unterstützt von Leo Trotzki, aber skeptisch beäugt von Josef Stalin – auf einen Plan zum Aufstand in Deutschland. Angesichts der Betriebsräte-Bewegung und der »Cuno-Streiks« im August hielten sie schnelles Handeln für geboten. Erst strikt dagegen, dann skeptisch wollte Heinrich Brandler, zu dieser Zeit Vorsitzender der KPD, »mit solider Arbeit in einem Zeitraum von fünf Monaten« einen Aufstandsplan erstellen. Am Ende lenkte die KPD-Führung ein und akzeptierte einen Termin für den Aufstand im November.

Die Parteilinke um Ruth Fischer, Arkadi Maslow und Ernst Thälmann lehnte dieses Vorgehen ab: Sie wollte keine taktischen Schritte wie den Eintritt der KPD in die von SPD-Linken geführten Landesregierungen in Sachsen und Thüringen akzeptieren, sondern sofort losschlagen. Dabei setzte sie gewissermaßen darauf, die März-Aktion von 1921 zu wiederholen, als die KPD versucht hatte, künstlich eine Aufstandssituation zu schaffen und damit krachend gescheitert war.

Die nächsten Arbeitsniederlegungen rollten Mitte September durch Deutschland. Dieses Mal beteiligten sich unter anderem Arbeitende des Textilgewerbes in Sachsen und Industriebeschäftigte im Rheinland und im Ruhrgebiet. In Baden kam es zu einem Generalstreik. Ende September erklärte die neue bürgerlich-sozialdemokratische Regierungskoalition unter Gustav Stresemann den »passiven Widerstand« gegen die Ruhrbesetzung für beendet. Gleichzeitig verhängte sie einen militärischen Ausnahmezustand über Deutschland, um sich der Opposition im Innern zu widmen.

Am 10. Oktober trat die KPD in die SPD-geführte Landesregierung in Sachsen ein. Die unter dem Eindruck der Ereignisse anwachsende Linke in der SPD befürwortete in dieser Regierung, die Arbeiterklasse zu bewaffnen, um so ein Bollwerk gegen die faschistischen Freikorps in Bayern zu schaffen. Doch am 13. Oktober verbot der für Sachsen zuständige Reichswehr-Generalleutnant Alfred Müller die Proletarischen Hundertschaften. Drei Tage später, am 16. Oktober, trat die KPD auch in Thüringen in die linke SPD-Landesregierung ein. Am selben Tag wurde die sächsische Polizei der Reichsregierung unterstellt. Sachsens linke Regierung verlor damit die formale Machtbasis des bürgerlichen Staates. Sie hatte nun die Wahl, ihr Mandat entweder mit Hilfe einer außerparlamentarischen Bewegung und gestützt auf die Arbeiterbewaffnung zu verteidigen – oder ihre faktische Absetzung zu akzeptieren.

»In der DDR sollte der von den Nazis ermordete spätere KPD-Führer Thälmann heroisiert und auch die Ereignisse von 1923 in diesem Lichte betrachtet werden.«

Für den 21. Oktober rief die KPD zusammen mit Gewerkschaften und der SPD zu einer Arbeiterkonferenz in Chemnitz auf. Zur Verteidigung der Arbeiterregierung in Sachsen sollte ein Generalstreik ausgerufen und dessen Dynamik genutzt werden, um mit einer reichsweiten Betriebsrätekonferenz am 9. November Kurs auf eine Räterepublik zu nehmen. Doch dazu kam es nicht. Als sozialdemokratische Delegierte drohten, den Kongress zu verlassen, sollte ein allgemeiner Ausstand auch nur diskutiert werden, trat die KPD den Rückzug an. 

Allein in Hamburg wurde dennoch zwischen dem 23. und 25. Oktober der Aufstand geprobt – und schnell niedergeschlagen. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, ob die Hamburger Delegierten ihre Heimatstadt nicht rechtzeitig erreichten, um den Aufstand abzusagen, oder ob die lokale KPD-Führung um den Parteilinken Thälmann selbst Fakten schaffen wollte. 

Sachsen und Thüringen wurden nach dem abgesagten Aufstand von der Reichswehr besetzt und die KPD reichsweit verboten. Am 8. und 9. November folgte der Putschversuch von Hitler und Ludendorff in München. Unter dem Eindruck der Ereignisse änderten zunächst die USA ihre Politik und halfen mit dem Dawes-Plan, Deutschland zu stabilisieren. Im August 1925 beendete eine neu gewählte französische Regierung die Ruhrbesetzung. 

Der Held Thälmann

Wie wurde diese Geschichte später erzählt – und warum? Die DDR-Geschichtsschreibung – stellvertretend für die stalinisierte kommunistische Bewegung – musste Geschichte oft rückwärts schreiben: Der von den Nazis ermordete spätere KPD-Führer Thälmann sollte heroisiert und auch die Ereignisse von 1923 in diesem Lichte betrachtet werden. Die inzwischen in Ungnade gefallenen Kritikerinnen und Kritiker des stalinistischen Regimes dagegen hatten, so die Message, schon immer alles falsch gemacht.

»Die Partei wurde durch die opportunistische Politik Heinrich Brandlers und seiner Anhänger an der Lösung der ihr gestellten Aufgaben gehindert. Gleichzeitig fügte die Politik der Ultralinken um Ruth Fischer und Arkadi Maslow der Partei schweren Schaden zu«, heißt es etwa in der offiziellen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung des Instituts für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED aus dem Jahr 1966. Doch diese Kämpfe halfen »im Verlauf einer historisch kurzen Frist, eine leninistische Parteiführung unter Leitung Ernst Thälmanns zu schaffen«, so das Institut. Dass Thälmann selbst Teil der Ultralinken gewesen war? Egal. Entscheidend für den Thälmann-Kult war, dass er sich später bedingungslos Stalin unterstellt hatte, während Fischer und Maslow spätestens 1926 als antistalinistisch galten. Die Parteiführer von 1923 – Brandler und der damalige KPD-Cheftheoretiker August Thalheimer – wiederum waren später Teil der Stalin-kritischen »rechten Opposition« um Nikolai Bucharin, die sich in Deutschland in der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) organisierte.

»Nachdem Brandler und Thalheimer für schuldig befunden wurden, die Revolution verpfuscht zu haben, lautete ihre Verteidigungslinie, es habe 1923 gar keine revolutionäre Situation gegeben.«

Das Institut für Marxismus-Leninismus schaffte es, einerseits dem 1923 ultralinken Thälmann zu huldigen und andererseits inhaltlich dem als Opportunisten gebrandmarkten Thalheimer zuzustimmen, die KPD habe damals keine Möglichkeit gehabt, die Arbeiterklasse anzuführen, da die Einheitsfrontmethode noch nicht lange und gut genug ausgeübt worden sei. Letzteres entsprach 1966 den Notwendigkeiten der Realpolitik der SED nach dem Zweiten Weltkrieg – es galt etwa, die angebliche Einheitsfront, in Wirklichkeit Zwangsvereinigung von KPD und SPD zu rechtfertigen – und weniger einer echten Auseinandersetzung mit den Ereignissen von 1923. Diese war durch die simple, kitschige Ikonisierung Thälmanns und die Bewunderung des Mutes einzelner Führungsfiguren ersetzt worden. 

Thalheimer in Erklärungsnot

Doch auch auf der anderen Seite musste der Deutsche Oktober schnell eingeordnet werden. Nachdem Brandler und Thalheimer für schuldig befunden wurden, die Revolution verpfuscht zu haben, lautete ihre Verteidigungslinie, es habe 1923 gar keine revolutionäre Situation gegeben. Thalheimer fasste dies 1931 in seiner Broschüre 1923: Eine verpasste Revolution? zusammen. 

Darin erinnert er die Chemnitzer Arbeiterkonferenz wie folgt: »Der linke SPD-Minister Graupe trat auf und erklärte, falls die Kommunisten nicht darauf verzichteten, die Frage des Generalstreiks in dieser Versammlung zu stellen, dann würde er mit seinen sieben Leuten die Versammlung verlassen.« Thalheimer erklärt: »Das bedeutete, daß unter den sächsischen Arbeitern alle die Maßnahmen, die die Bourgeoisie durchgeführt hatte, ihre Wirkung getan hatten, daß die Arbeiterschaft gespalten war, daß gar keine Rede davon sein konnte, daß etwa die Mehrheit der sächsischen Arbeiterschaft in diesem Moment bereit war, um die Macht zu kämpfen. [...] Auf Grund der Einsicht in die wirkliche Lage kam der einstimmige Beschluß der Zentrale zustande, daß der Rückzug angetreten werden müsse.« Es sei, so Thalheimer, »nicht gelungen, im Laufe des Jahres 1923 durch die Taktik der Einheitsfront die Mehrheit der deutschen Arbeiter für den Kampf um die Macht zu erobern.« 

Diese Version der Geschichte rückt alle, die den Kurs der Brandler-Thalheimer-Führung in KPD und Komintern kritisierten, in die Nähe von Putschisten, die aus der März-Aktion 1921 nichts gelernt hatten. (Für die Parteilinken in der KPD von 1923 – von Fischer bis Thälmann – lässt sich das auch durchaus argumentieren.) Das ist wiederum sehr kompatibel mit der bürgerlichen Darstellung, die Weimarer Republik sei 1923 von radikalen Rändern rechts und links bedroht gewesen.

Deutscher Oktober auf Französisch und Englisch

Eine andere Version des Deutschen Oktobers bietet die in trotzkistischer Tradition stehende Geschichtsschreibung an. In Deutschland wurde sie allerdings bisher kaum gehört. Die detaillierteste Beschreibung der Ereignisse von 1923 aus der Feder des französischen Trotzkisten Pierre Broué, Révolution en Allemagne 1917–1923, wird erst dieses Jahr – hundert Jahre nach den Ereignissen, mehr als fünfzig Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe und zwanzig Jahre nach Erscheinen der englischen Übersetzung – im kleinen Manifest-Verlag vollständig auf Deutsch präsentiert. Das unterstreicht, wie randständig hierzulande der Versuch ist, die deutsche Revolution und ihr Scheitern zu verstehen. 

Nach Broué (und Trotzki) zeigten die Misserfolge der Revolution in Deutschland von 1918 bis 1921, dass einerseits die KPD und ihre Vorläuferorganisationen nur eine Minderheit der deutschen Arbeiterklasse anführten und der Einfluss der SPD erst noch überwunden werden musste. Andererseits unterstrichen diese Rückschläge die Erfahrung aus Russland im Jahr 1917: Eine erfolgreiche sozialistische Revolution bedarf einer landesweit organisierten Partei, die die Lage realistisch einschätzt, verfrühte lokale Aktionen vermeidet, geduldig um eine Mehrheit der Arbeiterklasse kämpft und doch im entscheidenden Moment revolutionär handelt. Die Einheitsfrontpolitik – beschlossen auf dem dritten Weltkongress der Komintern 1921 – sollte diesen beiden Zielen dienen: Arbeiterinnen und Arbeiter, die den sozialdemokratischen Parteien folgten, sollten durch gemeinsamen Kampf mit den Kommunistinnen und Kommunisten – auch in Teilkämpfen um Reformen und zusammen mit diesen Organisationen und ihren Führungen – von der Überlegenheit der revolutionären Methoden und Ziele überzeugt werden. 

In diesem Sinne unterstützte Trotzki die Einheitsfrontpolitik der KPD-Führung nach der gescheiterten März-Aktion 1921 gegen die Parteilinke. Doch für ihn blieb die Einheitsfront eine Taktik, um eine Mehrheit der aktiven Schichten der Arbeiterklasse zu gewinnen. Sie war kein Selbstzweck, sondern sollte zu einem Punkt führen, an dem stattdessen ein revolutionärer Aufstand der Arbeiterklasse anvisiert werden könnte. Trotzki glaubte, dass dieser Punkt 1923 in Deutschland erreicht war. Er lehnte also die These der Parteilinken ab, dass ein Aufstand in Deutschland quasi jederzeit hätte glücken können, sah jedoch zu diesem Zeitpunkt den richtigen Moment für ihre zeitlos vorgebrachten Vorschläge gekommen.

Broué folgt in seiner historischen Bewertung der Einschätzung Trotzkis, dass der Einfluss der KPD 1923 groß genug war, um die Führung der Arbeiterklasse für sich zu beanspruchen. Damit ist er keineswegs allein: Der Augenzeuge und spätere Historiker Arthur Rosenberg schrieb in den 1930er Jahren, zu diesem Zeitpunkt schon profilierter »Kommunismuskritiker« und wohl nicht besonders daran interessiert, die KPD im Rückblick einflussreicher erscheinen zu lassen, als sie war: »Ohne Zweifel hatte im Sommer 1923 die KPD die Majorität des deutschen Proletariats hinter sich.« Er verweist dabei auf die einzige Landtagswahl, die 1923 stattgefunden hatte: In Mecklenburg-Strelitz erhielt die KPD 11.000 Stimmen (1920 hatte die USPD nur 2.000 verbuchen können) und lag damit nur knapp hinter der SPD mit 12.000 Stimmen (1920 waren es noch 25.000 gewesen). Auch erwähnt Rosenberg eine Abstimmung unter Mitgliedern des Metallarbeiter-Verbands in Berlin, bei der im Juli 1923 die Kommunisten 54.000 und die Sozialdemokraten nur noch 22.000 Stimmen erhielten.

»Nach einem Ausspruch, der oft Lenin zugeschrieben wird, kaufen Deutsche erst eine Bahnsteigkarte, bevor sie den Bahnhof stürmen. 1923 war dies nicht der Fall.«

Der sozialdemokratisch gesinnte Historiker Hermann Weber teilte später Rosenbergs Einschätzung, wenn auch etwas vorsichtiger formuliert: »Das Jahr 1923 brachte […] einen stetig wachsenden Einfluss der KPD, der es vermutlich zeitweise gelang, die Mehrheit der sozialistisch orientierten Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen.« Auch Ossip K. Flechtheim hielt zu einem Zeitpunkt, an dem er selbst bereits ein Gegner des Kommunismus war, Rosenbergs These für plausibel. In seinem Buch Die KPD in der Weimarer Republik verweist er auf Zahlen, die den 1923 stark wachsenden Einfluss der KPD in den Gewerkschaften belegen, besonders in den industriellen Hochburgen. 

Doch wenn dem so war: Warum ging dann die von Thalheimer zitierte Konferenz am 21. Oktober in Chemnitz so fürchterlich schief? 

Unmittelbar nach 1923 zog eine »Mittelgruppe« von erfahreneren KPDlern, die zwischen der Brandler-Thalheimer-Führung und der Parteilinken stand, Bilanz. Hermann Remmele, Wilhelm Koenen, Hugo Eberlein und andere schrieben, die KPD habe 1923 »die Rolle und den Charakter der linken SPD-Führer verkannt und in den Reihen der Partei die Illusion aufkommen lassen, als ob diese Führer gemeinsam mit der proletarischen Vorhut kämpfen würden«. Das scheint auf Thalheimers Herangehensweise zuzutreffen, der ja selbst offenlegte, dass die Drohung des in Chemnitz anwesenden SPD-Ministers, »mit seinen sieben Leuten« die Versammlung von 450 Arbeiterdelegierten zu verlassen, ihm noch 1931 als plausibles Argument dafür diente, die Aufstandspläne verworfen zu haben. Nach Thalheimer sollten offenbar nicht die sozialdemokratischen Arbeiterinnen und Arbeiter für die KPD gewonnen werden, sondern die offiziellen SPD-Delegierten als Ergebnis der Einheitsfrontmethode der Revolution zustimmen.

Das Herz der Bewegung

Nach einem Ausspruch, der oft Lenin zugeschrieben wird, kaufen Deutsche erst eine Bahnsteigkarte, bevor sie den Bahnhof stürmen. 1923 war dies nicht der Fall. Millionen von Arbeiterinnen und Arbeitern beteiligten sich – oft gegen die offizielle Gewerkschafts- und SPD-Führung – an Streiks und Protesten, traten in bewaffneten Selbstverteidigungsorganisationen Faschisten und der Polizei entgegen, gründeten Kontrollkommissionen und Aktionsausschüsse. Revolutionär gesinnte Beschäftigte eroberten Schlüsselpositionen in Betriebsräten und Betriebsrätekonferenzen verlangten eine Arbeiterregierung.

Der italienische Kommunist Antonio Gramsci hatte die starke Hegemonie der westeuropäischen herrschenden Klassen in der Zwischenkriegszeit betont. Doch der Einbruch der Industrieproduktion auf ein Fünftel der Vorkriegsproduktion, Millionen Arbeitslose im Herbst 1923, das Bürgertum gespalten zwischen Unterstützung für die Faschisten einerseits und einer großen Koalition anderseits, die kleinbürgerlichen Schichten polarisiert und zerrieben von Inflation und Wirtschaftskrise – all das hatte die bürgerliche Hegemonie 1923 zutiefst erschüttert. Die Arbeiterklasse ging das ganze Jahr über durch Wellen intensiver Mobilisierungen. Aktive Kommunistinnen und Kommunisten waren das Herz dieser Bewegung. Doch die KPD vermochte es nicht, diese Kämpfe zusammenzufassen. Die Drohung von sieben SPD-Delegierten, eine Versammlung zu verlassen, reichte am Ende aus, um alle Hoffnung der KPD-Zentrale auf eine sozialistische Revolution in Deutschland auf unbestimmte Zeit zu vertagen. 

Den Umständen geschuldet, unter denen die Historisierung der Ereignisse von 1923 nach dem Scheitern des Deutschen Oktober stattfand, verschwand vor allem die Geschichte dieser umfangreichen Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse – hinter Thälmann-Heldenkult oder aber der Behauptung, 1923 sei außer Putschgelüsten einiger Ultralinker eigentlich nichts gewesen. 

Rückblickend lässt sich nicht entscheiden, ob die Dynamik eines Kampfes um die Verteidigung der Arbeiterregierung in Sachsen ausgereicht hätte, um die Reichsregierung aus den Angeln zu heben, oder ob Reichswehr und faschistische Freikorps den Revolutionsversuch niedergeschlagen hätten. Klar ist aber: Die Kombination aus einer bürgerlichen Geschichtsschreibung, die Weimarer Republik sei einer totalitären Bedrohung von den rechten wie linken Rändern ausgesetzt gewesen, und der Schuld-Diskussion einer unter dem Druck der Stalinisierung stehenden kommunistischen Bewegung haben ein Jahrhundert lang den Zugang zu diesem herausragenden Moment in der Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland blockiert. Höchste Zeit, das zu ändern.

Nelli Tügel

Nelli Tügel lebt in Berlin und arbeitet als Journalistin für verschiedene deutschsprachige Medien. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung und der Komintern.

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Tags: Politik

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