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Wir brauchen eine andere Schule

Das heutige Schulsystem versagt nicht nur am eigenen Anspruch, alle fit für die Wirtschaft zu machen. Es verstärkt auch noch die Klassenspaltung.

Wir brauchen eine andere Schule
»Die Schule bleibt für Kinder ein Gefängnis, solange sie nicht gerne hingehen.«Illustration: Marie Schwab
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Ist Herrin Eboshi aus Prinzessin Mononoke ein Bösewicht? Einerseits hat sie ehemalige Zwangsprostituierte und Leprakranke befreit und in die Gesellschaft ihrer kleinen Minenstadt integriert. Andererseits will sie den Gott des Waldes umbringen. In dieser Debatte in meinem Ethik-Unterricht in einer Reihe über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier sind Oskar und Maria vollen Herzens dabei. (Namen und Details sind selbstverständlich zwecks Datenschutz geändert.) Oskar will um jeden Preis den Wald beschützen, schließlich wäre der Tod des Waldgottes ziemlich apokalyptisch – wie der Klimawandel. Maria findet die Inklusion der Ausgegrenzten wichtiger; eigentlich will der Kaiser den Waldgott tot sehen, Herrin Eboshi versucht einfach, ihre Leute zu schützen. Endlich debattiert meine neunte Klasse über ernsthafte ethische Fragen – dann klingelt es. »Wir müssen nächste Woche weitermachen, jetzt ist Zeit für Mathe.«

»Können wir nicht bitte weiterdiskutieren? Dann nächste Woche zwei Stunden Mathe, versprochen!« will mich Oskar überzeugen. »So ist Schule halt«, muss ich verneinen. »Schule ist ein Gefängnis für Kinder!«, seufzt Oskar frustriert und wirft sein Mathe-Buch hin. Er hat den Förderstatus »emotional-soziale Entwicklung«, was einst »verhaltensauffällig« hieß. »Du hast recht, Oskar, und ich bin Dein Wärter. Setz Dich hin!« Meine gute Laune ist wieder verpufft. Die nächste Mathe-Stunde ist für Oskar eventuell versaut, dabei braucht er da am meisten Hilfe. Seine Mitarbeit in Ethik hilft ihm nicht bei der zentralen Prüfung in wenigen Monaten, die darüber entscheidet, ob er einen Schulabschluss bekommt oder nicht. Durchaus aber Algebra und Geometrie, die Hayao Miyazaki noch nicht in einem episch-historischen Anime fassbar gemacht hat.

Als ich später die Hofpause beaufsichtige, tagträume ich von einer anderen Fantasy-Welt – dem anarchistischen Planeten Anarres aus dem Roman Freie Geister von Ursula K. Le Guin. Dort sind die »Lernzentren« gänzlich nach den Wünschen der Lernenden organisiert. Sie gestalten die Kurse gemeinsam mit den Lehrenden oder entwickeln eigene Projekte, an denen sich die Erwachsenen manchmal, aber nicht immer, beteiligen. Die Rückmeldung der Lehrenden ist konstruktiv, am Lernziel orientiert und dient nicht zur Notenbildung. Wie lange und wann alles stattfindet, entscheiden die Beteiligten miteinander. In jedem Lernzentrum gibt es alle nötigen Räume und Einrichtungen, um alles lernen zu können, was man für das ganze Leben lernen möchte: Bibliotheken, Aulen und Labore, aber auch Holz-, Stoff- und Metallwerkstätten sowie Küchen. Im Mittelpunkt stehen nicht die Abschlüsse, sondern das Lernen.

Ich gönne mir für den Moment die Vorstellung von Lerngruppen, die alle freiwillig und zu selbstbestimmten Zeiten miteinander arbeiten. Meine Aufgaben müssten nicht den Formaten des Zentralabiturs entsprechen. Ich müsste niemanden zwingen, an Juni-Nachmittagen noch Grammatik zu pauken. Dann klingelt es wieder in der Lernfabrik und ich und die Kids schleppen uns zurück in die Klassenräume, um nach Plan und Schicht zu malochen.

Alle außer Henry, der einen Rollstuhl benutzt und mich zu sich hinüberwinkt. Der erst wenige Jahre alte Fahrstuhl ist schon wieder defekt. Henry wird heute wohl nicht in den Informatik-Raum kommen. Ich sprinte selber die Treppe hoch, um dem Kollegen Bescheid zu geben, dass er seinen Unterricht spontan umplanen muss, damit Henry zumindest am Laptop mitarbeiten kann – vorausgesetzt, es gibt irgendwo einen freien Raum und einen freien Laptop. Zugleich muss ich mich mit dem Problem auseinandersetzen, dass wir schon wieder kein Kopierpapier mehr haben. Um den verschiedenen Niveaus der nächsten Gruppe gerecht zu werden, habe ich einen Text über das Pflichtthema Demografischer Wandelmehrfach selber umgeschrieben. Ohne Papier werde ich wohl einen anderen Zugang zu diesem staublangweiligen Thema finden müssen.

»Die Politik des ›schlanken Staates‹ verschwendet das Lernpotenzial der Kinder und Jugendlichen.«

Ob man nun die Metapher Gefängnis (wie Oskar und Michel Foucault) oder Fabrik (wie ich und einige Schulreformer seit den 1970ern) bedienen will – Fakt ist: Die neoliberale Schule ist dafür da, möglichst »kosteneffizient« die Klassengesellschaft zu reproduzieren. Der Mythos der Meritokratie verschleiert, dass unser heutiges Schulsystem immer noch von Disziplinierung und Ausgrenzung geprägt ist. Und die Begünstigten dieser Scheinmeritokratie befürworten das System und blockieren Versuche, es zu reformieren, obwohl es gesamtgesellschaftlich ineffizient ist.

Die Politik des »schlanken Staates« verschwendet das Lernpotenzial der Kinder und Jugendlichen. Damit enthält sie der Demokratie effektiv mündige Bürgerinnen und Bürger und der Wirtschaft gut ausgebildete und produktive Arbeitskräfte vor, was im Generationentakt immer mehr politische und ökonomische Probleme verursacht. Dieselben politischen Kräfte, die das staatliche Spardiktat vertreten, geben vor, aus Deutschland eine »Wissensökonomie« machen zu wollen. Hier haben Mittel und Zweck nicht das Geringste miteinander zu tun. Und zu einer Gesellschaft der Freien und Gleichen führt uns diese Bildungspolitik schon gar nicht. Denn diese Gesellschaft beginnt in einer Schule, die zuvorderst dem Lernbedürfnis dient.

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Die Schule als Sparmaßnahme

Die Behindertenrechtskonvention und die Kinderrechtskonvention der UN erkennen an: Menschen dürfen nicht aufgrund einer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Seit 2009 ist das Recht auf inklusive Bildung in Deutschland gesetzlich verankert. Daher müsste jedes Kind eine Schule in seiner Nähe besuchen können, egal ob es eine Lese-Rechtsschreib-Schwäche, Autismus, Fluchtgeschichte oder arme Eltern hat. Stattdessen gibt es in jedem Bundesland eine Variante der Sonderschule.

Die Sonderschule ist eine Sparmaßnahme, getarnt als sonderpädagogische Förderung. Es ist einfach billiger, die passenden Räume, das Personal und die Ausstattung an einem Ort zu konzentrieren. Überall Fahrstühle zu installieren wäre viel teurer, man müsste auch die Computerräume, Chemielabore und Toiletten anpassen. Außerdem kann man diese Kinder so von der »Regelschule« fernhalten, ohne sich schwierigen Fragen stellen zu müssen. Und Kinder mit viel Bildungskapital müssen sich erst recht nicht ihre Räume mit Benachteiligten teilen.

Diese Sparlogik rechtfertigt auch das Gymnasium. Die Hauptvoraussetzung für das Gymnasium – abgesehen von Akademikereltern – ist, für die gesamte Stunde still sitzen zu können und keine besonderen Lernbedürfnisse zu haben. Wer mehr Förderung braucht, wird aussortiert und muss eine der anderen Schulformen besuchen, die aber auch nur eventuell über die nötigen Ressourcen verfügen: kleinere Klassen, Sonderpädagogik, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie. So kann auch das Gymnasium eine Schule zum Spartarif sein.

»Die kleine Grundschule ohne Informatik-Lehrkraft bleibt daher in der Kreidezeit stehen, während das große Gymnasium Smartboards und Laptopklassen bekommt.«

Die neoliberale Logik steht konträr zur Pädagogik. Nach der Grundschule festzulegen, auf welchem formellen Niveau ein Kind in sämtlichen Fächern dauerhaft lernen soll, ist Unfug – das wusste man in der DDR von Anfang an und in der BRD seit Einführung der Gesamtschule in den 1970ern. Dass »begabte« Kinder in homogenen gymnasialen Klassen besser lernen, ist keineswegs gesichert. Und selbst wenn, dann tun sie es auf Kosten all jener Kinder, die anderswo hinsortiert wurden.

Die »Durchlässigkeit« des Systems erweist sich ebenfalls als illusorisch, da Jugendliche, die »verspätet« beweisen, dass sie doch auf einem höheren Niveau arbeiten können, alle ihre Freundinnen und Freunde verlassen müssen, wenn sie von der einen Schule auf die nächstbessere wechseln wollen. Und auch wer das Gymnasium nur dank Nachhilfe in bestimmten Fächern oder durch elterlichen Druck bestanden hat, weiß, dass es falsch ist, Leistung durch Erwartung anstatt durch Förderung erreichen zu wollen.

In den »Restschulen« müssen die Lehrkräfte dann alle problematischen Fälle – aufgrund von Schuldistanz, Gewalt, Lernschwierigkeiten und so weiter – möglichst kostengünstig bewältigen. Dabei reicht die Ausstattung keineswegs aus, um mit allen diesen Problemen zurechtzukommen. So übersetzen sich soziale Probleme in Bildungsprobleme, und viele Jugendliche verlassen die Schule ohne die relevanten Fähigkeiten und formellen Qualifikationen. So wird die Unterschicht, deren harte Lebensumstände dazu dienen, die arbeitenden Klassen abzuschrecken und zu disziplinieren, immer wieder neu geschaffen.

Die ethische Frage lautet: Sollen vermeintlich begabtere (in der Regel bloß mit mehr Bildungskapital ausgestattete) Kinder besser lernen, dafür aber Kinder mit Benachteiligung aufgrund von Klasse, Sprache, Elternhintergrund oder Behinderung schlechter? Seit dem Hamburger Volksentscheid von 2010, als bürgerliche Eltern einen Aufstand machten, um längeres gemeinsames Lernen in der Grundschule zu verhindern, ist klar, dass die Wünsche der Privilegierten obsiegen, auch wenn es zum Nachteil der eigenen Kinder ist. Denn in gemischten Klassen lernen zwar vor allem schwächere Kinder besser, jedoch profitieren alle Schülerinnen und Schüler im Sinne des sozialen Miteinanders und der demokratischen Kultur.

Es hilft nur ein funktionierender Staat

Der Schulbildung in Deutschland mangelt es an allem: Personal, Räume, Sauberkeit, Digitalisierung. »Mehr Geld für Bildung« – dieser Forderung können so ziemlich alle zustimmen. Doch der Staat ist mittlerweile so kaputtgespart, dass er kaum noch in der Lage ist, vorausschauend zu planen, und mehr Gelder allein das Problem gar nicht lösen können.

Ein Beispiel: Der sogenannte Digitalpakt Schule von Bund und Ländern sollte mit viel Geld die Digitalisierung der Bildung vorantreiben. Dabei setzt er aber auf die »eigenverantwortliche Schule«: Die Schulen müssen selber schriftlich darlegen, wie das Geld eingesetzt wird. Das setzt wiederum fachkundige Lehrkräfte und Schulleitungen voraus, die es nicht überall gibt. Die kleine Grundschule ohne Informatik-Lehrkraft bleibt daher in der Kreidezeit stehen, während das große Gymnasium Smartboards und Laptopklassen bekommt.

Ein weiteres Beispiel: Das Deutsche Institut für Urbanistik schätzte den Investitionsbedarf in die Schulinfrastruktur 2018 auf rund 47,7 Milliarden Euro. Doch selbst wenn der Bund den Kommunen plötzlich so viel Geld zur Verfügung stellen würde, könnte die Investitionsoffensive daran scheitern, dass wie die Schulen, so auch die Bauämter massiv unterbesetzt sind. Ohne Personal auf beiden Seiten, das diese Prozesse anschiebt, nützt auch Geld nichts. Im nächsten Schritt müsste der Staat dann in der Privatwirtschaft um die ihrerseits knappen Fachkräfte konkurrieren – und eine Wohnung luxuszusanieren, rentiert sich nun mal deutlich mehr als ein Sporthallendach zu reparieren. Um im ganzen Land die Schulen zu renovieren, braucht es also auch eine Ausbildungsoffensive im Handwerk.

»Als Lösung wird jetzt vorgeschlagen, die Lehrkräfte aus der Teilzeit zu zwingen und mit Yoga-Kursen zu beschwichtigen.«

Ein letztes Beispiel: In allen Bundesländern fehlt es an Lehrkräften. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnte schon vor Jahrzehnten, dass es zu einem Generationswechsel kommen würde, doch die Länder hofften darauf, dass die Bevölkerung schrumpfen würde, und bildeten zu wenige Lehrkräfte aus. Als Lösung wird jetzt vorgeschlagen, die Lehrkräfte aus der Teilzeit zu zwingen und mit Yoga-Kursen zu beschwichtigen. Zum Mitschreiben: Viele Lehrkräfte arbeiten in Teilzeit, weil der Job extrem familienunfreundlich ist. Die erste Stunde beginnt um 8 Uhr, egal ob die Kita rechtzeitig aufmacht oder die Pflegekraft pünktlich ist. Zu Korrekturhochzeiten sind Sieben-Tage-Wochen die Regel. Die »vielen Ferien« sind im Grunde Überstundenausgleich, ohne das der Schulträger sich die Mühe macht, die Arbeitszeit aufzuzeichnen. Wer Zwangsvollzeit für Lehrkräfte fordert, agiert bestenfalls ignorant und schlimmstenfalls frauenfeindlich.

Die GEW fordert seit Jahr und Tag, dass der Staat die nötige Finanzierung bereitstellt, um die Schulen personell, räumlich und digital auszustatten. Allerdings ist und bleibt Bildung ein »Loser-Thema«. Berufspolitikerinnen wissen, dass sich Bildungsexpertise wegen des Föderalismus höchstens auf Länderebene auszahlt. Das Zuständigkeitswirrwarr hilft der Sache nicht: Die Kommunen haben weder das Personal noch das Geld, die Gebäude instandzuhalten. Die Länder wollen aufgrund von Sparzwängen keine einzige Lehrkraft mehr als notwendig ausbilden. Und der Bund hat sich aus der Bildung jahrzehntelang rausgehalten, weil diese Ländersache sei, und packt nun mit dem Digitalpakt viel zu zaghaft und zu bürokratisch an.

Prüfungen prüfen nur die Prüfung

Die Ressourcenfrage ist das eine – doch wenn es an das Thema Selektion geht, stehen der Schule der Zukunft nicht mehr nur die Sparwut der Neoliberalen, sondern auch Vorbehalte in der Bevölkerung entgegen. Das eigene Kind muss doch auf das Gymnasium. Dass die Schule den Kindern die Lust aufs Lernen austreibt, ist halt so: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Man verwechselt dabei Bildung mit Prüfungserfolg.

Um auf das Gymnasium zu kommen, muss man bei Klassenarbeiten gut abschneiden (oder klagewütige Eltern haben). Um in die Oberstufe zu kommen, sind oft auch zentrale Prüfungen die Voraussetzung. Diese Arbeiten und Prüfungen messen aber keineswegs objektiv Schläue, Begabung, Neugier oder Fachkompetenz. Sie messen nur das, was geprüft wird: Die Fähigkeit, die gestellten Aufgaben korrekt zu beantworten.

»Eventuell beherrscht man den Rechenweg, um die Treffzeit der berühmten, zu unterschiedlichen Uhrzeiten losgefahrenen Zügen zu berechnen, aber versteht nicht die Systematik der Fragestellung.«

Lehramtststudierende lernen in Vorlesungen auswendig, dass Prüfungen und Notenbildung immer subjektiv und zum Teil willkürlich sind. Noten sind keine Rückmeldung. Noten dienen der Selektion. Wer jemals an den formellen Voraussetzungen einer Gedichtsanalyse im Fach Deutsch oder einer Quellenanalyse im Fach Geschichte verzweifelte, kennt die Absurditäten der Notenbildung.

Sogar in Mathematik kommt diese Künstlichkeit vor: Textaufgaben haben eine ganz besondere Sprache, die erlernt werden muss. Eventuell beherrscht man den Rechenweg, um die Treffzeit der berühmten, zu unterschiedlichen Uhrzeiten losgefahrenen Zügen zu berechnen, aber versteht nicht die Systematik der Fragestellung. Das Unterrichten dieser Systematik wird in vielen Fächern als böses »teaching to the test« abgetan, weil sogar die Lehrkräfte an die Meritokratie glauben und um jeden Preis ausblenden wollen, dass sie an sozialer Selektion teilhaben.

Selektion wird es im Kapitalismus aber immer geben, denn sie sorgt unter dem Vorwand der Meritokratie für Klassenbildung. Jede Medizinstudentin mit Fluchtgeschichte beweist die Fairness des Systems; all jene geflüchteten Kinder, die keinen Schulabschluss bekommen, waren dann einfach zu faul oder zu blöd. Genau das ist es, was die herrschende Klasse will: einen »objektiven Beweis« dafür, dass die Armen einfach nur blöd und faul sind. Sie hätten sich ja nur mehr in der Schule anstrengen brauchen.

Das Lernen im Mittelpunkt

Neoliberale Schulpolitik will möglichst kostengünstig messbare Leistungen erbringen. Die meisten PISA-Punkte pro ausgegebenen Euro, sozusagen. Was man dabei misst, ist aber nicht unbedingt Bildung. Ob man in heterogenen Gesellschaften demokratisch zu agieren versteht, lässt sich in keiner schriftlichen Prüfung unter Beweis stellen. Sogar das zu Recht hoch geschätzte kritische Denken ist schlecht überprüfbar. Hintergrundwissen und Fachtermini werden immer vorausgesetzt, auch wenn diese nicht unbedingt vom Unterricht abgedeckt werden. Wir müssen uns dringend von der Idee verabschieden, dass Prüfungsprofis zugleich kluge Köpfe sind.

»Obwohl gut ausgestattete Schulen in Einklang mit den Menschenrechten ein absoluter No-Brainer sind, werden große Anstrengungen nötig sein, um dieses Ziel zu erreichen.«

Anstelle von Prüfungen sollte das Lernen im Mittelpunkt stehen. Kinder, die gerne lernen, sind besser für die Demokratie und besser für die Wirtschaft. Die Schule bleibt für Kinder ein Gefängnis, solange sie nicht gerne hingehen. Die Lösung: Ein Maximum an Lernorientierung, ein Minimum an Selektion und Ehrlichkeit unter allen in der Bildung Tätigen, was das Maß an realexistierender Selektion angeht, das sich gegenwärtig nicht vermeiden lässt.

Die Kampagne »Schule muss anders« in Berlin hat gezeigt, dass es möglich ist, organisierte Pädagoginnen, Eltern und Kinder gemeinsam politisch zu mobilisieren. Die Gewerkschaft ist nicht nur für Tarifverträge da; Eltern und Kinder sind nicht alle abgestumpfte Lehrerhasser. Dennoch gelang es bei den vergangenen Berliner Abgeordnetenhauswahlen nicht, Bildung zu einem entscheidenden Thema zu machen. Obwohl gut ausgestattete Schulen in Einklang mit den Menschenrechten ein absoluter No-Brainer sind, werden große Anstrengungen nötig sein, um dieses Ziel zu erreichen. Alle an der Bildung Beteiligten – Eltern, Schülerinnen und Schüler, das Bildungspersonal und die GEW – werden an einem Strang ziehen müssen. Auch braucht es dazu Parteipolitiker, die eine Bildung im Sinne der Interessen der Kinder durchsetzen wollen, und nicht nur zwecks kurzweiligen Kulturkampfes mit dem Thema spielen.

Die erste Voraussetzung ist aber Solidarität mit Kindern und Jugendlichen. Anstatt griesgrämig die eigene schlechte Erfahrung auch künftigen Generationen zu wünschen, sollte man ihnen die Befreiung aus dem Kindergefängnis gönnen.

Ryan Plocher

Ryan Plocher ist Lehrer an einer Gemeinschaftsschule in Berlin-Neukölln und aktives Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

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