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In Westpapua ist der Kolonialismus nicht vorbei

Während der Westen wegschaut, leiden die Menschen des von Indonesien besetzten Landes unter brutaler Repression.

Von Ben Wray
In Westpapua ist der Kolonialismus nicht vorbei
»Seit Beginn der Besatzung wurden in Westpapua insgesamt fast 450.000 Menschen getötet.«Infografik: Markus Stumpf
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Westpapua hat den drittgrößten Regenwald der Welt, ist eine der artenreichsten Regionen und beheimatet eine Vielzahl indigener Stämme und Sprachen. Es ist auch der Schauplatz eines langen, aber kaum bekannten Kampfes um Unabhängigkeit. In den 1960er Jahren wurde Westpapua von einem kolonialen Besatzer, den Niederlanden, an einen anderen übergeben, Indonesien. Seitdem kämpft die westpapuanische Bevölkerung gegen die indonesische Herrschaft.

Laut einer Schätzung von Amnesty International hat das indonesische Militär in dieser Zeit mindestens 100.000 Westpapuanerinnen und Westpapuaner getötet; andere Schätzungen gehen von einer noch höheren Opferzahl aus. Die Bevölkerung Westpapuas hat systematische rassistische Diskriminierung und Landraub erlitten. Die globalen Bergbau-, Palmöl- und Holzkonzerne, die in ihrem Land Geschäfte machen, vernichten unersetzliche natürliche Lebensräume. Doch durch den Ausschluss der internationalen Medien sind diese Vorkommnisse weitgehend vor der Außenwelt verborgen geblieben.

Benny Wenda wuchs in einem abgelegenen Dorf des Stammes der Lani auf, das sich in den 1970er Jahren gegen die indonesische Besatzung auflehnte. Die brutale Repression, die darauf folgte, einschließlich der sexuellen Gewalt, die seinen weiblichen Verwandten angetan wurde, bezeugte er mit eigenen Augen. Während seines Studiums begann Wenda, sich mit der verdrängten Geschichte seines Landes und seiner Kultur auseinanderzusetzen und organisierte Arbeitskreise zu diesen Themen. Schließlich wurde er eine der Führungsfiguren der Unabhängigkeitsbewegung Westpapuas.

Im Jahr 2002 wurde er unter fadenscheinigen Vorwürfen inhaftiert, gefoltert und in Isolationshaft gehalten. Es gelang ihm, seiner 25-jährigen Haftstrafe zu entfliehen und politisches Asyl in Großbritannien zu erhalten. Derzeit ist Wenda der Vorsitzende des Verbands United Liberation Movement for West Papua (ULMWP), der 2014 gegründet wurde, um die drei zentralen politischen Organisationen, die für die Unabhängigkeit Westpapuas kämpfen, zusammenzuführen.

Die ULMWP reichte 2019 eine Petition mit 1,8 Millionen westpapuanischen Unterschriften – das sind 70 Prozent der Bevölkerung – bei den Vereinten Nationen ein und forderte Selbstbestimmung. Im Jahr 2020 verkündete die Bewegung, dass sie eine provisorische Regierung für Westpapua bilden werde, mit Wenda als Interimspräsident.

Auf dem Klimagipfel in Glasgow 2021 stellte die ULMWP ihre »Grüne Staatsvision« vor. Deren Ziel ist es, Westpapua zum »ersten grünen Staat der Welt« zu machen. Dazu sollen Ökozide unter Strafe gestellt werden und alle in Westpapua tätigen Bergbauunternehmen eine »Mahnung« erhalten. Im Interview mit JACOBIN spricht Wenda über Geschichte, Gegenwart und Zukunft seines Landes.

Warum endete die niederländische Kolonialherrschaft in Westpapua nicht zur gleichen Zeit wie in Indonesien, im Jahr 1949? Und wie kam es dazu, dass Westpapua heute unter indonesischer Besatzung steht?

Sowohl Indonesien als auch Westpapua waren niederländische Kolonien. Nachdem Indonesien seine Unabhängigkeit erlangt hatte, argumentierten die Niederlande, dass Westpapua gesondert zu behandeln sei. Seine Bevölkerung unterscheide sich kulturell, sprachlich und geografisch von der Indonesiens. Nach der indonesischen Unabhängigkeit hielten die Niederlande noch über ein Jahrzehnt lang an Westpapua fest. Dann, 1960, bereiteten sie sich darauf vor, uns unabhängig werden zu lassen. Der Niederländisch-Neuguinea-Rat wurde gegründet und die Flagge Westpapuas offiziell anerkannt.

Indonesien widersprach: »Der Rest der niederländischen Kolonie, einschließlich Westpapua, gehört uns.« Aber die Niederlande bestanden darauf, dass Westpapua eigenständig sei. Dann schlug die indonesische Führung einen anderen Kurs ein. Es war die Zeit des Kalten Krieges – darin sah sie eine Gelegenheit, die USA, Großbritannien und andere europäische Länder zum Umdenken zu bewegen.

Sie drohte: »Wenn ihr uns Westpapua nicht gebt, werden wir uns im Kalten Krieg euren Gegnern anschließen.« Die Kommunisten waren damals zu einer wichtigen politischen Kraft in Indonesien geworden, was die westlichen Großmächte als eine Bedrohung ansahen. Indonesien hatte mit dieser Strategie Erfolg und erhielt Washingtons Unterstützung für seinen Anspruch auf Westpapua.

PAYWALL

Am 15. August 1962 schlossen die USA, die Niederlande, Indonesien und die Vereinten Nationen in geheimen Verhandlungen einen Vertrag ab, der heute als das New Yorker Abkommen bekannt ist. Darin wurde über unsere Zukunft entschieden, ohne dass die Bevölkerung Westpapuas daran beteiligt war. Sie vereinbarten, dass die Souveränität zunächst an Indonesien übertragen werden und 1969 dann ein Referendum über den zukünftigen Status von Westpapua abgehalten werden sollte. Dabei sollte allgemeines Wahlrecht gelten.

In Wirklichkeit zwang Indonesien 1969 eine Gruppe von 1.022 handverlesenen Personen dazu, abzustimmen. Indonesien bezeichnete das als den »Act of Free Choice«, aber wir nennen ihn den »Act of No Choice«. Selbst ein Vertreter der Vereinten Nationen sagte, es habe sich um nichts als Schönfärberei der Besatzung gehandelt. Die UN haben das Ergebnis bis heute nie anerkannt – die Organisation hat sogar öffentlich erklärt, dass sie es bedauert, an dem Prozess beteiligt gewesen zu sein.

Rechtlich gesehen haben wir also sehr starke Argumente dafür, unser Land zurückzufordern. Im Grunde genommen wurden wir gekreuzigt, um die Interessen der Weltmächte zu wahren.

In den 1970er Jahren und danach gab es in Westpapua entschlossenen Widerstand gegen das indonesische Regime. Wie waren diese Jahre des Widerstands und der Unterdrückung durch die Diktatur Suhartos?

Es war wie in einem Albtraum. Man durfte das Wort »Westpapua« und selbst »Papua« nicht aussprechen, sondern musste den von den indonesischen Behörden bevorzugten Begriff verwenden, »Irian Jaya«. In der Ära Suharto waren wir vom Rest der Welt vollkommen isoliert. Die Medien wurden völlig aus Westpapua verbannt.

Das Erbe der Suharto-Ära wirkt bis heute fort. Es war schrecklich unter Suharto, aber ehrlich gesagt ist es auch heute noch schrecklich, denn Indonesien betrachtet uns als seine Kolonie. Und genauso werden wir auch behandelt.

Die Diktatur Suhartos endete 1998. Osttimor erlangte 1999 die Unabhängigkeit. Was hinderte Westpapua daran, dem Beispiel Osttimors zu folgen?

Nachdem Suharto zurücktrat und Osttimor unabhängig wurde, kämpften im Jahr 2000 auch wir für unsere Unabhängigkeit. Diese Zeit ist als der Papuanische Frühling bekannt. Unsere Flagge, der Morgenstern, wurde fast überall gehisst, und wir ernannten unseren eigenen Anführer, Theys Eluay: Wir hatten einen Kongress, der ihn wählte. Er war gewissermaßen unser Präsident.

Jeder unserer Anführer wurde getötet. Die indonesische Regierung machte uns 2001 ein Angebot, die »besondere Autonomie«, die wir unter vorgehaltener Waffe akzeptieren mussten. Aber die Bevölkerung Westpapuas fordert nach wie vor Unabhängigkeit von Indonesien.

Wie ist aktuell die Situation vor Ort? Hat sich das Regime in irgendeiner Weise gewandelt, seit Du 2002 inhaftiert und gefoltert wurdest?

60.000 bis 100.000 Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Seit Beginn der Besatzung wurden in Westpapua insgesamt fast 450.000 Menschen getötet, hauptsächlich Frauen und Kinder. Vor kurzem wurden drei westpapuanische Studierende verhaftet, weil sie die Morgenstern-Flagge hochhielten. Zahlreiche Menschen aus Westpapua werden in indonesischen Gefängnissen weggesperrt. Meiner Meinung nach ist es seither immer schlimmer geworden.

Die Regierung von Joko Widodo, die in Indonesien seit 2014 im Amt ist, geriet vor Kurzem in die Schlagzeilen, als sie Sex außerhalb der Ehe per Gesetz verbot. Hat sich die Besetzung Westpapuas unter Widodos Regierung verändert?

Ein neuer indonesischer Präsident hat für uns noch nie etwas verändert. Das gilt auch für Widodo. Er hat Westpapua fünfzehn oder zwanzig Mal besucht, alles ist beim Alten geblieben. Tatsächlich hat er sogar 25.000 zusätzliche Soldaten in die militarisierte Zone Westpapuas entsendet.

»Wir sind nicht gegen Investitionen, aber die Unternehmen müssen unsere Gesetze und die Bedeutung der Grünen Staatsvision respektieren.«

Die indonesische Regierung weiß, dass die Besetzung Westpapuas illegal ist, aber sie will sie nicht beenden, weil Indonesien wirtschaftlich von den Ressourcen Westpapuas abhängig ist. Das ist einer der Hauptgründe, warum sie Westpapua weiterhin mittels militärischer Gewalt besetzt hält.

Unabhängig davon, wer in Indonesien an der Macht war, haben die USA seit 1949 enge Beziehungen zu dem Land unterhalten. Ist der US-Imperialismus ein Hindernis für den Kampf um Westpapuas Unabhängigkeit?

Ja, denn aufgrund des Kalten Krieges wollten die USA Indonesien auf ihrer Seite behalten. Aktuell hat sich China zum Konkurrenten der USA entwickelt und das beeinflusst die Politik Washingtons in Bezug auf Indonesien und Westpapua in gleicher Weise. Hinzu kommt, dass die USA gute Beziehungen zur indonesischen Regierung aufrechterhalten wollen, um für ihre eigene Wirtschaft Ressourcen abbauen zu können.

Und letztendlich weiß niemand wirklich, was in Westpapua passiert. Wenn das allerdings an die Öffentlichkeit gelangt, werden die Großmächte ihre Position ändern. Das hat man am Beispiel des Vietnamkriegs oder des Kampfs gegen die Apartheid in Südafrika gesehen. Wenn ganz normale Menschen Druck auf ihre Regierungen ausüben, können sich die Dinge wenden.

In den letzten Jahren ist der Widerstand gegen das indonesische Regime in Westpapua gewachsen.

Die Westpapuanerinnen und Westpapuaner, innerhalb und außerhalb des Landes, haben in den letzten fünf Jahren große Stärke bewiesen. Sie haben friedlich protestiert und Widerstand geleistet. Aber die indonesischen Behörden sind mit militärischer Gewalt gegen sie vorgegangen. Wenn Menschen auf den Straßen protestieren, werden sie mit Tränengas beschossen oder getötet.

Doch weil die Medien aus Westpapua ausgeschlossen sind, berichtet niemand über die Geschehnisse. Das macht es schwer, die Weltöffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen. Jeden Tag gibt es Proteste. Pastoren werden getötet, Kirchen niedergebrannt. Das indonesische Militär erschießt sogar Kinder, aber wegen des Medienverbots hat es keinerlei Konsequenzen zu befürchten. Das ist das größte Problem, dem wir entgegenstehen.

Westpapua ist wegen seines Regenwaldes für die ganze Welt von großer Bedeutung, um den Klimakollaps zu verhindern. Auf dem jüngsten Weltklimagipfel verkündeten die Regierungen von Indonesien, der Demokratischen Republik Kongo und Brasilien, eine »OPEC für Regenwälder« gründen zu wollen. Was ist Deiner Meinung nach von dieser Ankündigung zu halten?

Das ist ein Ablenkungsmanöver. Indonesien ist an der Vernichtung der Regenwälder direkt beteiligt. Der Vorschlag einer »OPEC für Regenwälder« ist gute PR für das Land, um in die Riege der Global Player aufzusteigen. Selbst wenn diese Organisation beginnt, internationale Abkommen zu unterzeichnen, ist uns klar, dass es nur darum geht, den Anschein zu erwecken, man würde etwas tun. Denn wir wissen ganz genau, was mit der Umwelt in Westpapua wirklich geschieht. Ich denke, das ist nur Propaganda, die bezweckt, unserer »Grünen Staatsvision« für Westpapua etwas entgegenzusetzen.

Was für eine Wirtschaft und Gesellschaft wollt Ihr mit der »Grünen Staatsvision« in Westpapua schaffen?

Wir wollen, wie jedes andere Land auch, eine demokratische Gesellschaft. Aber wir glauben an eine Form der demokratischen Regierungsführung, die in den Kontext unsere Überzeugungen, unserer Bräuche und unserer Normen eingebettet ist. Es geht uns darum, ein Gleichgewicht zwischen einer Demokratie nach westlichem Vorbild und unseren eigenen Ansichten und Traditionen herzustellen. Im Zentrum steht dabei der Glaube an Frieden und Harmonie mit der Natur.

Für uns richtet sich alles nach dem Bedarf. Wenn jemand etwa ein Haus mit Garten bauen will, kommen alle zusammen und tauschen sich über die Frage aus, wem dieses Land gehört. Wir diskutieren das entlang unserer Wertvorstellungen und einigen uns dann zum Beispiel darauf, einen Garten anzulegen, der gemeinschaftlich genutzt werden kann. Dieses Vorgehen gab es schon, bevor die Demokratie westlicher Prägung zu uns kam.

Die Natur – unsere Flüsse, unsere Wälder, unsere Berge – ist mit uns verbunden und wir wollen sie respektieren. Die Menschen und Unternehmen, die in unsere Welt kommen, müssen unsere Gepflogenheiten und Gesetze respektieren. Wenn ein Unternehmen hier investieren will, dann muss sein Geschäft mit unserer Vision kompatibel sein. Wir sind nicht gegen Investitionen, aber die Unternehmen müssen unsere Gesetze und die Bedeutung der Grünen Staatsvision respektieren. 

Sechs Jahrzehnte unter indonesischer Besatzung haben Westpapua offensichtlich verändert. Beinahe die Hälfte seiner Bevölkerung ist inzwischen indonesisch. Befürchtest Du, dass diese Entwicklung mit der Zeit die Grundlage für die Unabhängigkeit Westpapuas untergraben könnte?

Das ist eine reale Gefahr. Die indonesische Regierung hat durch Umsiedlungsprogramme Indonesierinnen und Indonesier nach Westpapua gebracht, um sich Land anzueignen. Sie wollen, dass die Westpapuaner zu einer Minderheit werden, die sie leicht kontrollieren können. Deshalb kämpfen wir jetzt so entschlossen, mit Protesten, Kampagnen und Lobbyarbeit. Und wir versuchen, die Unterstützung der normalen indonesischen Bevölkerung zu gewinnen, damit sie uns zuhört und unseren Kampf unterstützt.

Tags: Politik

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