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»Die CEOs können von Glück reden, dass wir für sie arbeiten«

Fünfzig Jahre lang haben Unternehmen in den USA ihren Beschäftigten eingeredet, sie hätten Glück, überhaupt einen Job zu haben. Jetzt dreht eine neu erstarkende Streikbewegung den Spieß um.

»Die CEOs können von Glück reden, dass wir für sie arbeiten«
Sara Nelson spricht vor den United Mine Workers of America im Tannehill State Park, 6. April 2022. IMAGO / USA TODAY Network
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Sechs Jahre nachdem ich begonnen hatte, als Flugbegleiterin zu arbeiten, meldete United Airlines nach dem 11. September 2001 Konkurs an. Während ich noch um meine Freunde und Kolleginnen trauerte, die an diesem Tag getötet worden waren, begann mein Unternehmen damit, unsere Verträge zu kündigen und unsere Karrieren zu beenden.

Die Chefetage sagte uns immer wieder: »Ihr habt Glück, dass ihr noch einen Job habt.« Und viele von uns fühlten sich tatsächlich so. Wir mussten mit ansehen, wie unsere Freundinnen und Kollegen in der gesamten Branche von Kündigungswellen erfasst wurden. Diese Drohkulisse wurde von oben genutzt, um Zugeständnisse der Arbeiterschaft zu erzwingen – sei es bei der Gesundheitsversorgung, den Renten, den Löhnen und sogar bei einigen Arbeitsschutzmaßnahmen, die im ersten Flugbegleiter-Tarifvertrag Jahrzehnte zuvor ausgehandelt worden waren.

In den vergangenen fünfzig Jahren haben die Konzernbosse uns Beschäftigten gegenüber immer wieder betont, wir sollten uns glücklich schätzen, einen Job zu haben. Es ist einer der wohl genialsten Tricks, den die Unternehmerklasse je angewandt hat.

PAYWALL

Der lange Krieg gegen die Arbeiterklasse

Blicken wir fünfzig Jahre zurück: Im Jahr 1970 legten mehr als drei Millionen Menschen in den USA die Arbeit nieder. Das waren fast 3 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. 2023 streikten in den USA mehr Beschäftigte als jemals seit 1985 – von Detroit bis Los Angeles, von Las Vegas bis Anchorage. Autoarbeiter, Baristas, Studierende, Schulbusfahrer, Drehbuchautorinnen und Schauspieler, Pflegepersonal, Röntgentechnikerinnen, Lehrer und sogar die Darstellerinnen auf Mittelaltermärkten. Es schien, als habe in den vergangenen Monaten an jeder Ecke eine neue Berufsgruppe ihre kollektive Macht entdeckt und den Bossen entgegenschleudert: »Jetzt reicht’s!«

Rund 500.000 Beschäftigte haben im vergangenen Jahr die Arbeit niedergelegt. Das sind allerdings nur rund 0,25 Prozent der heutigen Erwerbsbevölkerung in den USA. Man stelle sich vor, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn derselbe Prozentsatz streiken würde wie 1970. Heute wären dann sechs Millionen Menschen im Ausstand.

In den 1970er Jahren beschleunigte sich der Rückgang der gewerkschaftlichen Organisation in den USA, der schon mit der Umsetzung des Taft-Hartley-Gesetzes in den 1950er Jahren begonnen hatte. Austerität (und die ersten Formen des globalen »Freihandels«) zerstörten ganze Branchen, die zuvor das Rückgrat der UA-amerikanischen Arbeiterklasse gebildet hatten – vor allem die verarbeitende Industrie, der Automobilsektor, die Stahlbranche und andere. Die Deregulierung des LKW-, Bahn- und Luftverkehrs unter Präsident Jimmy Carter ermöglichte es den Unternehmen in diesen Sparten, sowohl ihre Belegschaft als auch ihre Kundschaft auszunehmen.

Die Niederlagen der Gewerkschaften in den 1970er Jahren nahmen während der Präsidentschaft von Ronald Reagan weiter zu. Reagan brach den Streik der Fluglotsengewerkschaft PATCO und gab den US-Unternehmen grünes Licht für die Zerschlagung der Gewerkschaften. 1982 öffnete Reagan der Gier der Wall Street noch mehr Tür und Tor – Aktienrückkäufe sollten künftig nicht mehr unter die Definition von »illegaler Aktienmanipulation« der Securities and Exchange Commission fallen.

»Die CEOs sprachen von ›gemeinsamen Opfern‹, obwohl doch die Arbeiterschaft allein die Kosten trug.«

Die Arbeitslosigkeit lag bald bei über 10 Prozent. So war es für die Unternehmensleitung ein Leichtes, zu sagen: »Ihr könnt von Glück reden, dass ihr einen Job habt – und ihr müsst uns entgegenkommen, um ihn zu behalten.« Als Reagan 1984 wiedergewählt wurde, streikten nur noch weniger als eine Million Menschen pro Jahr; und die Zahlen gingen immer weiter zurück. In den folgenden Jahren gaben die US-Gewerkschaften den Streik als Waffe praktisch komplett auf.

Bald wurde jeder Abschwung in der Industrie und jede Konjunkturschwäche zu einem Vorwand, um die Arbeiterklasse um die Früchte ihrer Arbeit zu bringen. Selbst wenn die Produktivität in die Höhe schoss, griff die Arbeitgeberseite die Gewerkschaften immer wieder mit der altbekannten Weisheit an: »Eine gute Krise darf man nicht ungenutzt verstreichen lassen.« Als die Krise von 2008 die Autoindustrie in Detroit traf, überzeugten die Bosse die Beschäftigten davon, dass massive Zugeständnisse der einzige Weg seien, ihre Arbeitsplätze und die Unternehmen zu retten. Das wiederholte sich in anderen Branchen, sowohl davor als auch danach.

Doch immer, wenn die Nachfrage wieder anstieg und die Gewinne zunahmen, ging der Lohn der Arbeiterklasse stattdessen an die Wall Street. Die Forderung des neoliberalen Ökonomen Milton Friedman, den Shareholder Value in den Vordergrund zu stellen, wurde zum Hauptziel jeder Vorstandsetage. Die Aufsichtsräte drängten die Unternehmen dazu, ihre Systeme so auszurichten, dass die größten Aktionäre reich beschenkt und auch die Manager auf Kosten aller anderen belohnt würden. Auf Investorenseite erwartete man – oder forderte gar – diese Gewinne und machte sie zur klaren Priorität. Ein existenzsichernder Lohn für die Belegschaften war bestenfalls zweitrangig.

Die Wiederentdeckung des Streiks

Doch die Arbeiterklasse hat genug. Millionen Beschäftigte haben während der Krise noch Einschnitte hingenommen – denn das Argument, dass wir uns glücklich schätzen sollten, noch einen Arbeitsplatz zu haben, setzte sich durch. Es schien, dass ein Zurückstecken bei Gehalt oder Sozialleistungen die einzige Möglichkeit war, den eigenen Job zu retten. Die CEOs sprachen von »gemeinsamen Opfern«, obwohl doch die Arbeiterschaft allein die Kosten trug. Die Führungskräfte und Investoren hingegen teilten sich die Zugewinne.

Schon vor der Pandemie hatten die Beschäftigten die Nase zunehmend voll und meldeten sich lautstark zu Wort – beispielsweise die hunderttausenden Lehrerinnen und Lehrer von West Virginia bis Los Angeles, die zwischen 2017 und 2019 die Arbeit niederlegten, oder die Beschäftigten im Lebensmittelhandel und viele andere, die von ihrem Beispiel motiviert wurden.

»Millionen von jungen Beschäftigten kennen nichts anderes als eine kaputte Wirtschaft.«

Während der Pandemie kam ein neuer Begriff auf, der den Mythos zu überwinden half, dass Arbeitskräfte entbehrlich seien: essential workers, also »essenziell wichtige Arbeitskräfte«. Jahrzehntelang hatte man uns gesagt, wir seien alle ersetzbar. Plötzlich wurden wir als das gesehen, was wir tatsächlich sind: unentbehrlich, unverzichtbar. Die Arbeiterklasse ist entscheidend für das reibungslose Funktionieren der gesamten Gesellschaft und der Wirtschaft.

Die Beschäftigten nahmen sich das zu Herzen; viele zum ersten Mal in ihrem Leben. Die Bosse hofften, dass wir bald wieder vergessen würden, wie unverzichtbar wir sind, und strichen schnell die Gefahrenzulagen und andere Anreize, die uns während der Pandemie am Arbeitsplatz hielten. Aber, wie der Gewerkschafter César Chávez uns lehrte: »Wenn der soziale Wandel einmal begonnen hat, kann er nicht mehr rückgängig gemacht werden. Man kann den Menschen, der lesen gelernt hat, nicht mehr ungebildet machen.« Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die während der Pandemie gelernt haben, wie wichtig und unverzichtbar sie sind, haben diese Lektion nicht vergessen. Plötzlich wurden wir uns bewusst: Wir sind essenziell. Wir sind unentbehrlich.

In den vergangenen vier Jahren hat die Aktivität der Gewerkschaften Jahr für Jahr zugenommen – nicht nur in Form von Streiks, sondern auch durch neue Organisationsformen, neue Solidarität und ein neues Bewusstsein. Die öffentliche Zustimmung für Gewerkschaftsaktionen hat in den USA die 70-Prozent-Marke überschritten und nähert sich damit einem Allzeithoch.

Der zerfledderte Gesellschaftsvertrag, der noch galt, als ich ins Berufsleben eintrat, besagte: »Strenge dich an, verlange nicht zu viel, vielleicht verlierst du dann nicht alles.« Als die Wirtschaft gut lief, war das ein Angebot, mit dem man fast schon leben konnte. Jetzt aber merken Millionen von uns, dass das Gegenteil der Fall ist: Wenn wir nicht aktiv fordern und verlangen, was uns zusteht, werden wir nie vorankommen.

Millionen von jungen Beschäftigten kennen nichts anderes als eine kaputte Wirtschaft. Das gilt ebenso für die Millennials, die ihre Schul-, Berufsausbildungs- und Uni-Abschlüsse während der Finanz- und Wirtschaftskrise gemacht haben, wie auch für die Zoomer, die gerade rechtzeitig zur Corona-Pandemie ins Berufsleben einstiegen. Sie erkennen den alten Gesellschaftsvertrag als das, was er schon immer war: eine Lüge, um sie in Arbeit zu halten, und ein System, das sie davon abhält, sich frei zu entfalten. Sie wenden sich nun der Gewerkschaftsarbeit zu und kämpfen für bessere Verträge, die den Beschäftigten eine echte Aussicht auf ökonomische Sicherheit bieten.

»Wir haben es geschafft, dass Aktienrückkäufe verboten und die Vergütung der Geschäftsführer bei den Fluggesellschaften gedeckelt wurde.«

Als die Writers Guild of America in den Streik trat, sprachen die Studiobosse das vermeintlich ewig Geltende laut aus: »Wir warten einfach, bis die Drehbuchautoren ihre Wohnungen verlieren und hungern müssen; dann können wir einen schlechten Deal erzwingen.« Den Autorinnen und Autoren war aber inzwischen klar, dass es in dieser Verhandlungsrunde um eine ganz existenzielle Frage ging – nicht darum, ob sie heute noch ihre Miete bezahlen können, sondern darum, ob sie in Zukunft überhaupt noch einen Beruf haben werden. Sie blieben hartnäckig und erreichten historische Veränderungen für ihre Arbeit, einschließlich klarer Regelungen für die KI-Nutzung durch die Studios.

Gemeinsam mit Millionen anderer Beschäftigter – denen, die gestreikt haben, denen, die mit Streiks gedroht haben, und denen, die gerade erst damit beginnen, sich an ihren Arbeitsplätzen zu organisieren – stellen wir uns den Bossen entgegen. Die Teamsters beim Paketzusteller UPS haben uns mit einer Rekord-Vereinbarung gezeigt, welche Macht eine glaubwürdige Streikdrohung hat. Die United Auto Workers haben es zum ersten Mal in der Geschichte gleichzeitig mit den drei großen Autoherstellern des Landes aufgenommen und mit ihrer kreativen Streikstrategie ebenfalls eine Rekordeinigung erzielt. Viele andere Streikende entdecken gerade ihre Macht am Streikposten. Sie erzielen Ergebnisse, die seit Jahrzehnten niemand für möglich gehalten hat.

Die kommenden Kämpfe

Wir beginnen nicht nur zu erkennen, dass das System kaputt ist, sondern auch, dass Solidarität der einzige Weg ist, die Probleme zu lösen. In den USA laufen in diesem Jahr die Tarifverträge von mehr als 1,1 Millionen Beschäftigten aus: 200.000 Postangestellte, 115.000 Eisenbahnerinnen, 30.000 Maschinisten bei Boeing sowie 55.000 Lehrkräfte und Schulangestellte in Los Angeles und New York. 29.000 Lehrkräfte und Angestellte der California State University haben bereits am 22. Januar zu streiken begonnen.

Auch in meiner Branche, bei den Flugbegleiterinnen und Flugbegleitern, müssen die größten Tarifverträge neu ausgehandelt werden. Bei United, Alaska, American und Southwest haben sich die Verhandlungen schon viel zu lange hingezogen. Die Beschäftigten bei den Fluggesellschaften haben die Branche im wahrsten Sinne des Wortes gerettet, als der Flugverkehr während der Pandemie um 97 Prozent einbrach. Wir haben im US-Kongress für die Finanzierung des sogenannten Payroll Support Program geworben und damit durchgesetzt, dass die Airline-Beschäftigten weiter bezahlt wurden und ihren Arbeitsplatz sowie ihre Krankenversicherung behalten konnten. Wir haben es geschafft, dass Aktienrückkäufe verboten und die Vergütung der Geschäftsführer bei den Fluggesellschaften gedeckelt wurde. Wir haben sowohl die Branche als auch die Flugverkehrsanbindung für die Allgemeinheit gerettet und gleichzeitig die Kapitalisten daran gehindert, die Krise zu nutzen, um der Arbeiterklasse noch mehr zu nehmen.

Jetzt geht es an unsere ersten Tarifverträge seit der Pandemie. Für viele von uns ist es die erste wirkliche Gelegenheit seit der furchtbaren Ära nach dem 9. September 2001, Verbesserungen auszuhandeln. Gemeinsam haben unsere Gewerkschaften einen großen Aktionstag durchgeführt, um den Druck für branchenweite Verträge zu verstärken. Fast 100.000 von uns fordern längst überfällige Verbesserungen. Und wir haben eine Botschaft an die Bosse: Das ist erst der Anfang.

Fünfzig Jahre lang hat das Management uns eingeredet, dass wir immer mehr aufgeben müssen, dass wir einfach nur »das Glück haben, unsere Jobs zu behalten«. In den kommenden fünfzig Jahren werden wir dafür sorgen, dass die Firmenchefs etwas Anderes endlich verstehen und verinnerlichen: Dass sie sich überaus glücklich schätzen sollten, auf unsere Arbeit zählen zu können.

Es gibt kaum weibliche Manager; wenn man das gendert, verklärt man die Situation für Frauen. Hab ich neulich wieder u.a. beim Ungleichheitsforscher Michael Hartmann gehört und von einer Dokumentarfilmerin, die „Oeconomia“ gedreht hat.

Sara Nelson

Sara Nelson ist die Vorsitzende der Gewerkschaft Flight Attendants–Communications Workers of America.

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Tags: Politik

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