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Wie das grüne Herz Deutschlands braun wurde

Vor hundert Jahren wurde in Thüringen schon einmal eine linke Regierung von Rechten gestürzt.

Wie das grüne Herz Deutschlands braun wurde
»Zu beten sei ›auf deutsche Art‹, zum Beispiel mit den Worten ›Deutschland erwache! Herr mach’ uns frei!‹.«Illustration: Andy King
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Wer die »Klassikerstraße« durch Thüringen bereist, stößt auf viele Spuren bedeutender Kultur und Geschichte. An zahlreichen Gebäuden verkünden Tafeln: Hier lebten und wirkten Goethe oder Schiller, aber auch Bach, Cranach, Fichte, Hegel und viele andere Meister ihres Faches. Ebenso liest man: Hier tagte 1919 die Deutsche Nationalversammlung im Weimarer Theater. 

Indessen: Thüringen war auch das Land, in dem erstmals ein Faschist mitregierte. Wilhelm Frick, ein führender Politiker der NSDAP, der 1923 in München zusammen mit Hitler erfolglos gegen die Weimarer Republik geputscht hatte, wurde hier bereits im Januar 1930 zum Staatsminister für Inneres und Volksbildung ernannt. Das Land diente den Nazis als ein breites Rekrutierungsfeld von Antidemokraten aller Art. Hier konnten sie ihre rassistischen und menschenfeindlichen Diktaturmethoden erproben, hier begann ihre Herrschaft nicht erst am 30. Januar 1933, sondern bereits im August 1932.

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Damals trat an die Spitze der Landesregierung Fritz Sauckel, der als Prototyp eines faschistischen Emporkömmlings und rüden Machthabers gelten darf und 1946 im Nürnberger Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher wegen seiner Untaten als »Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz« zum Tode verurteilt wurde.

Ein Land der Gegensätze

Dass sich der Niedergang der Weimarer Republik in Thüringen schneller abspielte als im Rest Deutschlands, hängt zusammen mit der ungleichmäßigen Entwicklung des Landes. In seiner langen Geschichte hatte Thüringen nur selten als politische Einheit existiert, sondern war zumeist auf mehrere Kleinstaaten verteilt gewesen. Daher gab es große Unterschiede in den Lebensbedingungen seiner Bevölkerung, was das Land für soziale Verwerfungen und politische Polarisierung besonders anfällig machte. 

Mehrere kleine Residenzstädtchen mit ihren reichhaltigen kulturhistorischen Traditionen prägten das Erscheinungsbild. Nur ein Viertel der Bevölkerung lebte in Städten mit mehr als 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die heutige Landeshauptstadt Erfurt, Teile Süd- und Ostthüringens sowie das Eichsfeld gehörten in der Weimarer Republik noch nicht zu Thüringen, sondern zu Preußen. Nirgendwo existierte ein Industrierevier vergleichbar mit dem Ruhrgebiet, den Wirtschaftszentren Berlin und Hamburg oder dem während des Ersten Weltkriegs entstandenen mitteldeutschen Chemie-Komplex um Leuna und Bitterfeld. Thüringens Großbetriebe von nationalem Rang konnte man an einer Hand abzählen: die Jenaer Zeiss- und Schottbetriebe, die Eisenacher Autowerke und die Suhler Simson-Werke. 

In den Städten dominierten das Handwerk sowie kleinere und mittlere Betriebe. Dennoch hoben sie sich damit weit von den ländlichen Regionen ab. Insbesondere im Thüringer Wald, im Eichsfeld und in der Rhön litten Landwirtschaft und Heimindustrie extrem unter den Folgen des Ersten Weltkriegs und der Hyperinflation von 1922/23. Die seit 1927 anhaltende Agrarkrise und die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise wirkten sich hier besonders verheerend aus. 

Dem Wirtschaftsgefälle entsprachen auch sozialstrukturelle und politische Unterschiede, ablesbar nicht zuletzt an den Wahlergebnissen. In den größeren Städten machte nicht allein das Bildungsbürgertum von sich reden, hier gab es auch traditionelle Hochburgen der Sozialdemokratie und der Kommunisten, während in den ländlichen Gegenden eher konservative und nationalliberale Kräfte dominierten, repräsentiert vom Thüringer Landbund, einem agrarischen Berufsverband, der zugleich als politische Partei auftrat. Das Bildungsbürgertum geriet mehr und mehr unter den Einfluss nationalistischer sowie völkisch-rassistischer Literaten und Publizisten, die in Thüringen teilweise bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine ihnen sehr wohlgesonnene Heimstätte gefunden hatten. Es bildete sich ein breites völkisches Netzwerk, das auch die thüringische NSDAP förderte. Diese durfte das Land bald – neben Bayern, wo sie entstanden war – als eine ihrer Hochburgen betrachten und in den beabsichtigten »Marsch auf Berlin« einbeziehen. 

Die Eliten des Landes lehnten überwiegend die demokratische Verfassung der Weimarer Republik ab. Darauf konnten immer mehr Rechte und Rechtsextreme ihre politischen Karrieren aufbauen. Ihre Parolen stießen auf Resonanz bei vielen Thüringerinnen und Thüringern, die nach Auswegen aus ihrer Lage suchten und eine unzureichende Unterstützung durch den Staat beklagten. Diese fürchteten sich vor neuen Krisen und verglichen ihre Situation oft mit der in anderen Ländern, wo es den Menschen besser zu gehen schien. Zudem färbte sich im Blick auf die Vergangenheit diese zu einer angeblich guten alten Zeit. 

Helfer der Faschisten

Verhängnisvoll wirkte sich für alle Antifaschistinnen und Antifaschisten die von der Reichsregierung gegen Thüringen verhängte militärische Exekutive aus: Am 8. November 1923 marschierten Truppen der Reichswehr vor dem Landtag in Weimar auf und erzwangen den Rücktritt der Kommunisten aus einer erst einen Monat zuvor demokratisch zustande gekommenen, verfassungsgemäß legitimierten Koalition von SPD und KPD, die als Arbeiterregierung bezeichnet wurde. Sie betrieb linkssozialdemokratische Sozial- und Bildungspolitik und stemmte sich gegen das Erstarken völkischer Kräfte.

»Dem ›roten Thüringen‹ der frühen 1920er Jahre wurde unterstellt, nichts als allgemeine Rechtsunsicherheit und eine gestörte öffentliche Ordnung bewirkt zu haben.«

Die Landtagswahlen vom 10. Februar 1924 gewann mit dem Thüringer Ordnungsbund eine Allianz mehrerer konservativer Parteien und Landverbände. Vieles von dem, was die sozialdemokratisch geführten Regierungen seit 1921 hatten realisieren können, wurde abgeschwächt oder völlig zurückgenommen. Dem »roten Thüringen« der frühen 1920er Jahre wurde unterstellt, nichts als allgemeine Rechtsunsicherheit und eine gestörte öffentliche Ordnung bewirkt zu haben. Zerrüttet seien die Finanzen, das Wirtschaftsleben, das Beamtentum und die Schule. Die Deutschnationale Volkspartei behauptete, dass der »Marxismus« nur fähig sei zu zerstören und »unfähig zu staatserhaltender Arbeit«. 

Ihre Politik richtete sich keineswegs allein gegen KPD und SPD. Wie generell und wie weitläufig damals der Begriff »Marxismus« gefasst worden ist, geht auch aus den kulturpolitischen Aktivitäten konservativer Politiker hervor. Sie vertrieben das der Moderne verpflichtete Bauhaus aus Weimar. Und sie entließen den Präsidenten der Thüringischen Staatsbank, weil sie keinen Juden an der Spitze eines deutschen Bankinstituts dulden wollten. Dabei ließ ihr Vorgehen bereits alle rechtsextremen Argumentations- und Handlungsmuster erkennen: unhaltbare Korruptionsvorwürfe, erpresserische Demagogie, gezielte Indiskretionen, Drohungen.

In Thüringen standen zwei Lager einander gegenüber: Auf der einen Seite das der beiden Arbeiterparteien, die jedoch kaum noch zusammen agierten. Auf der anderen Seite das der bürgerlich-agrarischen Parteien und Bünde, deren fremdenfeindliches, autoritäres und elitäres Handeln durchaus als Extremismus der Mitte bezeichnet werden kann. Sie schreckten auch nicht davor zurück, die völkisch-rassistischen und nationalsozialistischen Kräfte für ihre Interessen zu nutzen. Was die Deutschnationale Volkspartei auf Reichsebene erst 1931 im Rahmen der »Harzburger Front« praktizierte, wurde in Thüringen bereits Jahre zuvor erprobt: 1924 stützte sich die neue Landesregierung auf das Bündnis mit dem im Land für die Zwecke der verbotenen NSDAP wirkenden Völkisch-Sozialen Block. Es gab für die damaligen Rechten keine »Mauer« gegen die noch weiter rechts stehenden Faschisten. 

Man kam der NSDAP weit entgegen. So wurde Anfang März 1924 deren Verbot aufgehoben, ebenso das Redeverbot für Hitler. Auch gestattete man, dass hier der erste Parteitag der NSDAP nach ihrer Wiedergründung stattfinden konnte – das wäre zu diesem Zeitpunkt in keinem anderen Teil Deutschlands möglich gewesen. Die Landtagsfraktion der NSDAP legte 1926 Gesetzentwürfe vor, die den Ausschluss von Jüdinnen und Juden aus öffentlichen Ämtern, ihre Nichtzulassung als Ärztinnen, Notare, Vieh- und Getreidehändler, Studentinnen und Schüler sowie die »Ausweisung von Ostjuden aus dem Freistaat Thüringen und die Beschlagnahme ihres Vermögens« zum Gegenstand hatten. Zwar fanden die Anträge nicht die Zustimmung des Parlaments, doch es gab auch so gut wie keine politische oder geistige Auseinandersetzung mit den rassistisch-antisemitischen Vorstößen der NSDAP. Daher klingen die nach dem Zweiten Weltkrieg vorgebrachten Erklärungen konservativer Politiker, man hätte ja nicht wissen können, was Hitler im Sinne gehabt habe, wenig glaubhaft. 

Ein Vorgeschmack auf Hitler

Bei den Landtagswahlen vom 8. Dezember 1929 konnte die NSDAP ihren Stimmenanteil von 3,5 auf 11,3 Prozent erhöhen. In den Ortschaften mit mehr als tausend Einwohnern erreichte sie dabei kaum 9 Prozent. Die bürgerlichen Parteien hatten Verluste von bis zu 16 Prozent hinzunehmen. Sie verfügten im neuen Landesparlament über 23 Mandate, die beiden Arbeiterparteien zusammen über 24. In dieser Pattsituation erhoben die Nazis, sich ihrer »Unentbehrlichkeit« bewusst, einen Führungsanspruch. Und ihre Forderungen wurden erfüllt: Mit Frick trat erstmals in Deutschland ein Nazi an die Spitze einer Landesregierung. Den bürgerlichen Parteien lagen die Ideen und Konzepte der Rechtsextremen eben näher als der Gedanke, die Weimarer Demokratie zu verteidigen. 

Ein »Modell der Machtergreifung« war geschaffen. Frick verfolgte das Ziel, möglichst viele Stellen der thüringischen Polizei mit Mitgliedern seiner Partei zu besetzen. Ebenso nahm er Einfluss auf den Bildungsbereich, wo er unter anderem neue »Schulgebete« einführte, weil – wie es hieß – »art- und volksfremde Kräfte am Werk« seien, das »deutsche Volkstum zu zersetzen und zu zerstören«. Zu beten sei »auf deutsche Art!«, zum Beispiel mit den Worten »Deutschland erwache! Herr mach' uns frei!«. Frick ließ auch das Buch Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque sowie seine Verfilmung zensieren, als »dekadent« bezeichnete Gemälde aus den Weimarer Museen entfernen und einen Lehrstuhl für Sozialanthropologie für den Rasseforscher Hans F. K. Günther an der Jenaer Universität einrichten. Er versuchte zudem, Hitler im Sommer 1930 zum Gendarmeriewachtmeister von Hildburghausen zu ernennen und so aus dem Staatenlosen einen deutschen Staatsbürger zu machen. 

Als am 1. April 1931 der von KPD und SPD gestellte und von der Deutschen Volkspartei unterstützte Misstrauensantrag gegen Frick zum Sturz der Regierung führte, stellte der Minister und Chef des Thüringer Landbundes Erwin Baum fest, man habe leider im Kampf der NSDAP gegen die »jüdische Bankwelt« nur erreicht, dass das Geld ins Ausland abgeflossen sei. »Die Juden haben wir aber hier behalten«, bedauerte er. Von Distanziertheit zum rassistischen Antisemitismus der Faschisten keine Spur.

Dass sich die NSDAP in Thüringen schon vor 1933 mit der Regierungsgewalt vertraut machen konnte, hatte sie konservativen Politikern zu verdanken. Daran ist besonders heute zu erinnern, da bei anstehenden Wahlen wieder Faschisten gewinnen und sich dem bürgerlichen Lager als Mehrheitsbeschaffer anbieten könnten.

Manfred Weißbecker

Manfred Weißbecker war bis 1992 tätig an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er arbeitet zur Geschichte von Faschismus, Antifaschismus und politischen Parteien im 20. Jahrhundert.

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