Am 27. Mai 1525 kniete vor den Toren von Mühlhausen in Thüringen ein Mann vor einem Richtblock. Wenige Augenblicke später war er tot. Sein Kopf wurde auf einen Pfahl gesteckt und auf einem prominenten Platz in der Stadt ausgestellt. Seinen Leichnam spießte man an der Hinrichtungsstätte auf und überließ ihn der Verwesung.
Dieser Mann war der Reformprediger Thomas Müntzer. Als er starb, war er 35 Jahre alt. An diesem Tag wurden auch etwa fünfzig Anhänger Müntzers hingerichtet. Zwei der damals mächtigsten Männer Deutschlands, Herzog Georg von Sachsen, ein stolzer Katholik, und sein Cousin Herzog Johann, ein überzeugter Anhänger der von Martin Luther geführten Kirchenreformbewegung, verfolgten das grausige Spektakel mit einiger Genugtuung.
Bei den Opfern des Henkers handelte es sich hauptsächlich um einfache Bürger und Bauern aus der Umgebung. Doch der Tod dieser fünfzig Männer in Mühlhausen war nur ein Tropfen in einem Meer von Blutvergießen. Zwölf Tage zuvor waren wenige Kilometer nördlich 6.000 Bauern in einem gnadenlosen Massaker niedergemetzelt worden, das heute als Schlacht bei Frankenhausen bekannt ist.
Ihr Verbrechen bestand darin, dass sie sich gegen die feudale Autorität von Männern wie Herzog Georg und Herzog Johann aufgelehnt hatten. Überall in Deutschland trafen 1525 Heere von Bauern und Städtern auf die militärische Macht der großen Fürsten. Dabei starben Zehntausende von Menschen aus dem einfachen Volk.
Leben und sterben für die heilige Gerechtigkeit
Wer war nun dieser Thomas Müntzer? Einzelheiten über sein frühes Leben sind ungewiss. Wir vermuten aber, dass er 1489 in der Stadt Stolberg im Harz geboren wurde. Er studierte an den Universitäten Leipzig und Frankfurt an der Oder und entschied sich dann für eine kirchliche Laufbahn, die Lehre und religiöse Aufgaben miteinander verband. Der Öffentlichkeit wurde er erstmals 1519 in Jüterbog bekannt, als er Mönche und Bischöfe als »Tyrannen« und »Ehebrecher« anprangerte.
Dies geschah mit der vollen Zustimmung Martin Luthers, der zwei Jahre zuvor seinen eigenen Feldzug gegen die römische Kirche begonnen hatte. Später wurde Müntzer zum Prediger in Zwickau ernannt, wo er 1520/21 zusammen mit radikalisierten Webern gegen jene Klöster und Priester vorging, die der römisch-katholischen Kirche treu blieben. Aus Zwickau vertrieben, reiste er nach Prag, wo ein Jahrhundert zuvor die hussitische Reformation stattgefunden hatte.
Nachdem er gezwungen war, auch Böhmen wieder zu verlassen, kehrte er nach Deutschland zurück und fand schließlich eine neue Stelle in der kleinen Stadt Allstedt in Sachsen. Hier setzte er seine eigenen Reformen der Messe durch: Sie wurde nun vollständig in deutscher Sprache abgehalten, wobei Müntzers eigene Bibelübersetzungen verwendet wurden. So kam es vor, dass die Gemeindemitglieder Lieder sangen, die zum Sturz der »gottlosen Tyrannen« aufriefen.
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»In seinem späteren Leben erklärte Luther, seine beiden größten Feinde seien der Papst und Müntzer gewesen.«
Aufgrund solcher Vorkommnisse musste er die Stadt im Herbst 1524 wieder verlassen und sich nach Mühlhausen begeben, wo die radikale Reformation dank eines ehemaligen Mönchs namens Heinrich Pfeiffer bereits im Gange war. Müntzer und Pfeiffer schlossen sich zusammen und stürzten trotz einiger Rückschläge den alten Stadtrat, schlossen Klöster und setzten sich nicht nur für eine Reformation der Kirche, sondern auch der bürgerlichen Verwaltung ein.
Im Mai 1525, auf dem Höhepunkt des Bauernkriegs, der sich von Südwesten her über Süd- und Mitteldeutschland ausbreitete, traten Müntzer und seine Anhänger mit einem Heer von Bauern und Bürgern gegen die Streitkräfte der Fürsten von Sachsen und Hessen an. Die Schlacht endete, wie eingangs beschrieben.
Luther und Müntzer, Freunde und Feinde
Das war, in aller Kürze, das Leben von Thomas Müntzer – einem Mann, der seine letzten sieben Jahre der Reform der Kirche in Deutschland widmete. Ein Zeitgenosse von ihm, der ein ähnliches Ziel verfolgte, war Martin Luther. Ihm wird zugeschrieben, 1517 die Reformation eingeleitet zu haben – auch wenn die Geschichte in Wirklichkeit viel komplizierter ist. Müntzer war jedenfalls dazu inspiriert, sich Luther anzuschließen. Zumindest bis 1521 betrachteten sich die beiden gegenseitig als Genossen.
Doch in diesem Jahr wandelte sich ihre Beziehung. Müntzer beurteilte die Reformbewegung in Wittenberg als zu sehr auf Bücherwissen gestützt und Luther hielt für gefährlich, wie Müntzer auf eine direkte geistliche Kommunikation mit Gott setzte. 1522 kehrte Luther, nachdem er sich auf der Wartburg versteckt hatte, nach Wittenberg zurück und begann unter dem Druck von Kurfürst Friedrich von Sachsen, einige der radikaleren Reformen, die in seiner Abwesenheit eingeleitet worden waren, wieder rückgängig zu machen.
Von diesem Zeitpunkt an betrachtete Müntzer Luther als Verräter an der Reformbewegung, während Luther schnell zu dem Schluss kam, Müntzer sei der Teufel in Person. Luther unternahm in den Jahren 1523/24 mehrere Versuche, diesen »Satan von Allstedt« verhaften oder zumindest aus Sachsen ausweisen zu lassen. Müntzer antwortete darauf in mehreren Flugschriften, indem er Luther als »Doktor Lügner« und »weiches Fleisch von Wittenberg« bezeichnete.
Als im Frühjahr 1525 in Franken und Thüringen der Bauernkrieg ausbrach, wusste Luther sofort, auf welcher Seite er stand, und appellierte an die Fürsten Deutschlands, bei der Niederschlagung des Bauernaufstandes keine Gnade walten zu lassen. Er sah Müntzer als den Hauptverantwortlichen für den Aufstand. In seinem späteren Leben erklärte Luther, seine beiden größten Feinde seien der Papst und Müntzer gewesen.
Klassenkampf mit der Bibel
Aber die herrschende Klasse von Sachsen, einschließlich Luthers Schirmherren, hatte von sich aus genug Grund, Müntzer zu hassen. Bei mehreren Gelegenheiten geriet Müntzer in Konflikt mit gewählten (oder auch nicht gewählten) Beamten in den Städten. In Allstedt zogen seine deutschsprachigen Gottesdienste und leidenschaftlichen Predigten Bauern, Städter und Bergleute aus nah und fern an. Das erzürnte die benachbarten katholischen Adligen so sehr, dass sie ihre Untertanen mit Gewalt daran hinderten, jeden Sonntag nach Allstedt zu pilgern. Das wiederum wurde von Müntzer scharf gerügt.
Warum waren diese reformierten religiösen Praktiken so umstritten? Müntzer vertrat den Grundsatz, dass der wahre Glaube an Gott nicht durch Bücherwissen oder kirchliche Gesetze oder Hierarchien zustande komme. Stattdessen entstehe der Glaube durch individuelles Leiden – entweder geistig oder körperlich – und in direkter Kommunikation mit Gott und sollte nicht durch Priester oder Bischöfe vermittelt werden. Die kirchliche Autorität hatte daher für Müntzer keinen Wert. Er lehrte auch, dass wahre Gläubige nur Gott fürchten und keine »Menschenfurcht« haben sollten – die weltlichen und kirchlichen Gesetze sollten keine Macht über religiöse Überzeugungen haben.
»Die Aufständischen forderten freien Zugang zu Wasser, Holz und Weideflächen; Erlösung von den Lasten der Leibeigenschaft; Befreiung von den Steuern und Zehnten, die sie zu zahlen hatten; die Rückgabe von Land, das sich Einzelpersonen angeeignet hatten, an die Gemeinschaft; und das Recht, ihre Prediger selbst zu wählen.«
Ein solcher Antiautoritarismus war natürlich unerwünscht. Hinzu kam, dass die Kirche zu jener Zeit selbst zu den reichsten und mächtigsten Grundbesitzern und Herrschaftsorganen in Deutschland gehörte. Die kirchliche Autorität zu umgehen, führte geradewegs in die Rebellion. Jeder, der Kirche und Staat herausforderte, galt als Gefahr.
Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass es im frühen 16. Jahrhundert fast unmöglich war, irgendeine Aussage über den Zustand der Menschheit – sei es moralisch, sozial oder politisch – zu treffen, ohne sich auf Gott zu beziehen. Die Bibel war die Sprache, die jeder verstand. Als die deutschen Bauern 1525 gegen ihre Herrscher zu den Waffen griffen, beriefen sie sich daher auf die Autorität Gottes. Die berühmten Zwölf Artikel, ein Programm für soziale Reformen, auf das sich die Bauern und Bürger Süd- und Mitteldeutschlands im Frühjahr 1525 einigten, zeugen davon: Jede der zwölf Forderungen wurde mit Zitaten aus der Bibel untermauert, in der Gewissheit, dass die Sache der Bauern vor Gott gerechtfertigt war.
Die Aufständischen forderten freien Zugang zu Wasser, Holz und Weideflächen; Erlösung von den Lasten der Leibeigenschaft; Befreiung von den Steuern und Zehnten, die sie zu zahlen hatten; die Rückgabe von Land, das sich Einzelpersonen angeeignet hatten, an die Gemeinschaft; und das Recht, ihre Prediger selbst zu wählen. Der zwölfte Artikel enthielt eine Herausforderung: Könnte jemand belegen, dass einer der Artikel im Widerspruch zur Bibel steht, würde man diesen zurückziehen. Dies beeindruckte Luther nicht, der auf dem Höhepunkt der Rebellion die Zwölf Artikel als vom Teufel inspiriert und als eine verlogene Erfindung unter dem Deckmantel des Evangeliums bezeichnete.
Der Glaube war kein Opium
Die Ursachen für den Bauernkrieg waren vielfältig: die Aushöhlung alter Rechte, die Erhöhung der Steuern und Feudalabgaben, die Strafpachtgesetze. Schon seit Jahrzehnten gab es in Deutschland sporadische Aufstände der Bauern und städtischen Armen, die gegen ihre wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse protestierten und die Käuflichkeit der etablierten Kirche scharf verurteilten. Dass diese Proteste 1525 ihren Höhepunkt erreichten, ist zum Teil an der Wirksamkeit der Kirchenreformer gelegen, die den einfachen Leuten ein gewisses Maß an »Freiheit« im Denken zugestanden (Luther weniger als Müntzer). Doch der Einfluss war wechselseitig: Ohne die sozialen Unruhen in Stadt und Land im 15. und frühen 16. Jahrhundert hätte die Reformbewegung vielleicht nie begonnen und wäre auch nicht so schnell in Gang gekommen.
Müntzer machte sich den Bauernkrieg zu eigen. Während seines Exils aus Mühlhausen im Winter 1524/25 reiste er in das Zentrum der Unruhen, nach Südwestdeutschland, um selbst zu erfahren, was die Aufständischen taten und dachten. Es war nicht so, dass Müntzer – wie Luther und spätere Historiker glauben machen wollen – den Bauernkrieg angezettelt oder die Forderungen aufgestellt hätte. Das hatten die Aufständischen bereits selbst getan. Aber er lernte dort, wie das gemeine Volk dachte und wie es sich organisierte, um das zu bekommen, was es wollte.
Als Müntzer im Frühjahr 1525 nach Mühlhausen zurückkehrte, war er bereit, den endgültigen Sturz der »gottlosen Tyrannen« in Kirche und Staat vorzubereiten. Gemeinsam mit Pfeiffer stellte er eine Bürgerwehr aus Mühlhausen und Umgebung zusammen, die im April und Mai 1525 den Taten ihrer Genossen im Süden und Westen nacheiferte, indem sie Klöster und Burgen überfiel und plünderte und Mönche, Nonnen, Priester und Adelsfamilien in die Flucht schlug. Rebellenheere, die mehrere tausend Mann zählten, zogen durch Franken und Thüringen. Als sie sich Mitte Mai in Frankenhausen versammelten, war Müntzer zwar nicht ihr militärischer Befehlshaber, aber ihr religiöser, sozusagen »politischer« Anführer – und der Mann, dem die Fürsten am meisten nach dem Leben trachteten.
Die Sache der unteren Schichten auf dem Land und in der Stadt hatte 1525 keinen Erfolg. Aber das lag nicht etwa daran, dass die Religion ihnen das Bewusstsein vernebelt hätte – ganz im Gegenteil: Die von Luther und Müntzer vorgeschlagenen Reformen befreiten die Aufständischen von den traditionellen Beschränkungen des religiösen und bürgerlichen Gehorsams. In Luthers Worten (die er später bereute) versprach die reformierte Religion die »Freiheit eines Christenmenschen«. Nach Müntzer befreite die radikale Religion das gemeine Volk aus dem Griff von Kirche und Staat.
Im Jahr 1525 war die Religion die Hebamme der Revolution. Ihre weit gefassten Lehren vereinten die verschiedenen Armeen der Aufständischen, aber sie reichten nicht aus, um die Bauern zu einer konzentrierten revolutionären Kraft zu vereinen. Ihre Zeit war noch nicht gekommen. Was die Bauernarmeen letztlich besiegte, war die überlegene Feuerkraft und militärische Strategie der fürstlichen Armeen.
Es gibt sie noch, die gottlosen Tyrannen
Doch die Niederlage konnte die Hoffnungen der unteren Schichten nicht vollkommen ersticken. In den Jahren nach 1525 setzten sich kleine Gruppen von Radikalen für die Sache der arbeitenden Klassen ein. Radikale Überzeugungen hielten sich über die folgenden 300 Jahre im Untergrund und brachen in Zeiten des Aufruhrs – zum Beispiel während des englischen Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert – immer wieder hervor. Und als in Europa die bürgerlichen Aufstände von 1848 begannen, blickten Historiker und Revolutionäre auf die Bauern von 1525 zurück.
Friedrich Engels hielt den Bauernkrieg für so wichtig, dass er 1850 ein Buch darüber schrieb. In Der deutsche Bauernkrieg betrachtete er die Aufständischen als wichtige Vorläufer der proletarischen Revolutionäre der Neuzeit. Auch seine Auffassung Müntzers als Beispiel eines »Führers einer extremen Partei« hat sich weitgehend bewährt: »Was er tun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei; und was er tun soll, ist nicht durchzuführen.« Müntzers Aufgabe war in diesem historischen Moment unlösbar.
»Dran, dran, denn das Feuer ist heiß! Lasst euer Schwert nicht kalt werden, lasst es nicht lose in euren Händen hängen! Schlagt pinckepancke auf den Amboss Nimrods; werft ihre Türme zu Boden!«
Thomas Müntzer war ein Sozialrevolutionär – auch wenn er ganz anders klang, als wir es heute, 500 Jahre später, mit dieser Bezeichnung verbinden. Seine Worte, die in Briefen und Flugschriften überliefert sind, muten oft alttestamentarisch an. Rief er zum Handeln gegen den Adel an, las sich das zum Beispiel so:
»Dran, dran, denn das Feuer ist heiß! Lasst euer Schwert nicht kalt werden, lasst es nicht lose in euren Händen hängen! Schlagt pinckepancke auf den Amboss Nimrods; werft ihre Türme zu Boden! Solange sie leben, ist es nicht möglich, von der Furcht vor den Menschen befreit zu werden. Solange sie über euch herrschen, kann euch nichts über Gott gesagt werden. Dran, dran, solange ihr noch Tageslicht habt. Gott marschiert vor euch her, also folgt, folgt!«
Für Müntzer existierte Gott wirklich und war im Begriff, gemeinsam mit den Gläubigen die Reichen und Mächtigen zu bestrafen. Die Erwartung einer göttlichen Rache ist nicht unbedingt etwas, was wir heute nachvollziehen können. Aber im 16. Jahrhundert erwarteten viele eine endgültige göttliche Apokalypse. Und wenn wir hinter Müntzers feurige Sprache blicken, was sehen wir dann? Einen leidenschaftlichen Aufruf zum Sturz »gottloser Tyrannen«, die die Armen ausbeuteten, die hart erkämpfte Rechte raubten, die sich Gemeindeland aneigneten und es rücksichtslos ausbeuteten, und die verhindern wollten, dass die Menschen selber denken. »Gottlos« ist vielleicht ein Begriff, den wir nicht mehr oft verwenden – aber wir alle wissen doch, wer die gottlosen Tyrannen von heute sind. Müntzer hatte den Mut und die Überzeugung, sich ihnen entgegenzustellen.