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Was passiert, wenn jemand stirbt?

In Teslas Gigafactory in Brandenburg herrscht ein Klima der Angst. Die IG Metall will es brechen.

Was passiert, wenn jemand stirbt?
»Sollte das Tesla-Werk dauerhaft ohne Tarifvertrag bleiben, wird das auch Auswirkungen auf Tarifverhandlungen mit anderen Arbeitgebern haben.«Illustration: Zane Zlemeša
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Teslas Schriftzug prangt weiß abgesetzt auf der eleganten schwarzen Arbeitskleidung von Hassan. Er fühlt sich nicht mehr wohl darin. Den Pullover bekam er am ersten Arbeitstag, und er war die erste Enttäuschung von vielen: »Sie haben mir bei der Bewerbung die Füße geküsst! Sie haben gesagt: Nach Deiner Probezeit wirst Du Stufe 2, Du bekommst 5.000 Euro Bonus, Du darfst während der Schicht rauchen. Weißt Du, was ich bekommen habe? Einen stinkenden Pullover.«

Hassan fährt in seinem Pullover mit der Bahn zurück nach Berlin. Gegen 18 Uhr wird er bei seiner Frau und den Kindern sein, um 4 Uhr muss er wieder aufstehen und zurückfahren zum Bahnhof Fangschleuse, von wo er den Bus zum Werk nimmt. Das hat er sich so ausgesucht, als er wegen Tesla vor einem knappen Jahr nach Berlin gezogen ist. Doch die Euphorie von damals ist inzwischen vollständig aus Hassans Gesicht verschwunden.

»Diese Geschichte habe ich hundertfach gehört, am Anfang waren viele euphorisch«, erinnert sich Jannes Bojert, der tatsächlich schon mit hunderten Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem Tesla-Werk gesprochen hat. »Viele waren bereit, Überstunden zu schrubben, viele hatten Verständnis dafür, dass nicht alles sofort perfekt ist.« Er ist politischer Sekretär der IG Metall und führt das brisanteste Erschließungsprojekt der Gewerkschaft an. »Doch irgendwann, da ist die Stimmung gekippt.«

Tag X geht um

Stimmungstest am Samstagabend in Berlin. Rund zweihundert Mitglieder der IG Metall aus dem Tesla-Werk haben sich vor einem großen Funktionsbau nahe Berlin Ostbahnhof versammelt. Es geht um den Tag X. Seit Monaten planen die Metallerinnen und Metaller, wann und wie sie sich zu erkennen geben. Sie planen den Zeitpunkt, wenn die Kolleginnen und Kollegen, aber auch das Management erfahren, dass sie sich organisieren. Dieser Tag soll Montag sein.

PAYWALL

»Ich liebe Autos«, antwortet Ben auf die Frage, warum er sich bei Tesla beworben hat. »Tesla ist so fortgeschritten in der Technik. Darum bin ich aus Wolfsburg hierhin gezogen. Aber es muss sich grundlegend alles ändern. Es kann nicht sein, dass wir für so einen Milliardenkonzern arbeiten, für einen der reichsten Menschen der Welt, und dem die Taschen noch voller machen, als sie ohnehin schon sind. Und dass wir, die dafür sorgen, dass die Autos überhaupt zustande kommen, darum kämpfen müssen, gesund zu bleiben und am Ende des Monats nicht mit einem Minus rauszugehen – das kann einfach nicht sein!« Ben wird gleich auf der Versammlung eine Rede halten, was mich nicht überrascht.

»Je größer der Schutz der Massen, desto kleiner die Möglichkeit des Managements, zu sanktionieren.«

Die Arbeitsbedingungen bei Tesla stehen nicht erst seit einer großen Stern-Recherche im September in der Kritik, doch seitdem besonders. Berichtet wird von Abgasen, die nicht abgeleitet werden, von Aluminiumstaub, der sich in Nasen, Ohren und Lungen festsetzt und zu Husten, braunem Auswurf, Ausschlag, Kopfschmerzen und Nasenbluten führt. Die Rede ist von Zuständen wie in der Frühphase der Industrialisierung.

Im Kern geht es darum, dass sich Tesla Wettbewerbsvorteile auf Kosten der Arbeitsbedingungen verschafft. Um solchen Wettbewerb zu verhindern, gibt es in Deutschland Behörden, die Mindeststandards kontrollieren, und Gewerkschaften, die Tarifverträge abschließen. Doch der Stern zeichnet das Bild einer industriegeilen Politik, die die Behörden übertönt. Und Tarifverträge müssen erkämpft werden, was bisher in keinem einzigen Tesla-Werk weltweit gelang.

Plötzlich zusammenhalten

Von einem Häuschen am Bahnhof Fangschleuse aus arbeitet eine Gruppe von Gewerkschaftssekretärinnen und -sekretären daran, dies zu ändern. Vor knapp zwei Jahren haben sie ihr Büro eröffnet, das der Leiter Jannes Bojert lieber einen Treffpunkt nennt, und sich einen Organizer.

»Die Ziele werden von den aktiven Kolleginnen und Kollegen im Werk vorgegeben. Aber auch mit denen kommt man immer schnell auf das Thema Tarifvertrag«, erklärt er in seinem Büro, keine fünf Meter von den Gleisen entfernt. Hier kommen die Züge mit den Tesla-Angestellten an. »Wir unterstützen bei der Strategie und bei der systematischen Kampagnenarbeit. Im Prinzip ist unsere Aufgabe als Gewerkschaft aber, die Selbstorganisation der Kolleginnen und Kollegen zu ermöglichen.«

Wie viele sich inzwischen in der IG Metall organisieren, das ist ein gut gehütetes Geheimnis der Gewerkschaft. Einzelne Mitglieder hatten sich gegenüber dem Management schon als solche zu erkennen gegeben, und wurden daraufhin direkt eingeschüchtert, erzählt Jannes Bojert. »Da wurde klar: Es braucht einen Tag des gemeinsamen Bekenntnisses. Je größer der Schutz der Massen, desto kleiner die Möglichkeit des Managements, zu sanktionieren.«

»Vor einigen Jahren scheiterte Tesla krachend daran, eine fast vollständig automatisierte Fabrik zu erfinden. Nun setzt man voll auf Arbeiterinnen und Arbeiter, die monotone Bewegungsabläufe kostengünstiger ausführen als Roboter.«

»Vielleicht bin ich grade kämpferisch drauf«, sagt Lyn. Sie steht an diesem Samstagabend noch rauchend vor dem Funktionsbau, während viele schon reingegangen sind. Sie trat der IG Metall bei, als sie mitbekam, wie einem Kollegen gekündigt wurde. Er wurde vom Tesla-Sicherheitspersonal aus dem Werk geführt. »Das war meiner Meinung nach völlig unnötig und widerwärtig. Die Gewerkschaft hat sich dann für ihn eingesetzt, und er arbeitet heute noch bei Tesla, vom Hörensagen.«

Kontakt zu Gewerkschaften hatte sie vorher keinen. »Ich hab’s vorher nur mal gesehen, wo die Krankenhäuser bestreikt worden sind. Da bin ich damals mit dem Auto viel vorbeigefahren. Die haben zusammen gegrillt, die haben Kaffee angeschleppt. Ich find’s sehr interessant, dass so viele Menschen plötzlich zusammenhalten. Die Leute werden total sozial, auch wenn die sich vorher gar nicht angeguckt haben, weil sie wissen: Es geht hier um was!«

Für Lyn geht es darum, nachts nicht mehr aufzuwachen, weil ihre Hände schmerzen. Im Werk wiederholt sie jede 45 Sekunden die Bewegungsabfolge, mit der sie Maschinenteile in eine Maschine legt. Wenn die Maschine mit den Maschinenteilen fertig ist, dann sehen sie anders aus als vorher. »Mein Kopf ist während der Arbeit komplett leer. Wenn ich einen Fehler mache, dann merke ich das erst, wenn die Maschine stoppt.« Vor einigen Jahren scheiterte Tesla krachend daran, eine fast vollständig automatisierte Fabrik zu erfinden. Nun setzt man voll auf Arbeiterinnen und Arbeiter, die monotone Bewegungsabläufe kostengünstiger ausführen als Roboter.

Solidarity forever

Das gemeinsame Plenum der zweihundert Metallerinnen und Metaller ist eine Premiere. Der Plan für den Tag X wird vorgestellt: Die Nachtschicht soll Montag in der Schichtpause um 2:30 Uhr mit der Aktion beginnen. Dann sollen Sticker verteilt werden, auf denen steht: »Gemeinsam für sichere & gerechte Arbeit bei Tesla«. Die Aufkleber müssen schon zu Schichtbeginn am Vorabend ins Werk gebracht werden. Das Management darf vorab nichts von der Aktion erfahren.

Dann kommt ein Kamerateam. Zwei Männer erklären, dass Fotos immer dann schön aussehen, wenn die Menschen darauf Spaß haben. Tatsächlich ist es wunderschön, als alle ihre linke Faust in die Luft recken. Sie rufen aus voller Brust: »Solidarity forever!« Noch zweimal dröhnt es durch die Vorhalle des Funktionsbaus. Dann sind die Genossinnen und Genossen in den USA gebührend per Videobotschaft gegrüßt.

Als sich vor dem Funktionsbau alle voneinander verabschieden, sehe ich einen jungen Mann, der einen Verband um die Hand trägt. Einige Tage zuvor hatte er einen Arbeitsunfall, erzählt er. Er habe sich mit der Hand gegen einen scharfkantigen Stahlrahmen abgestützt und sich eine tiefe Wunde in der Handfläche zugezogen. Er erzählt: »Der Arzt kommt und fragt mich, ob er es nähen soll. Ich sag: ›Du bist der Arzt, woher soll ich das wissen!‹ Er sagt: ›Willst Du mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus?‹ Ich sag: ›Was würdest Du tun?‹ Der Arzt sagt: ›Nicht ins Krankenhaus.‹« Der junge Mann mit dem Verband um die Hand glaubt, dass der Arzt ihn angelogen hat.

»Dieses Frühjahr ereignete sich der bisher schwerste Unfall, als ein Arbeiter in einen auf 660 Grad Celsius aufgeheizten Aluminiumofen einbrach und sich schwer verbrannte.«

Statistiken zu Unfallzahlen bei Tesla sind ein Politikum. In den USA verschleierte das Unternehmen nachweislich die wahre Zahl der Arbeitsunfälle, indem es Taxis rufen ließ, um Verletzte ins Krankenhaus zu fahren. Eine Untersuchung ergab: Ein Tesla-Werk in Kalifornien verstößt dreimal häufiger gegen Gesundheits- und Sicherheitsauflagen als die anderen der zehn größten Autofabriken des Landes zusammen.

»Manche Arbeiterinnen und Arbeiter berichten davon, mit Angst auf die Arbeit zu gehen, weil sie ständig Krankenwagen, Helikopter und Alarmsirenen hören« berichtet Jannes Bojert. »Wir als IG Metall haben ein Interesse daran, dass es im Werk läuft. Zurzeit sind die Arbeitsbedingungen so schlecht, dass viele gut Qualifizierte wieder kündigen. Das ist für Tesla ein Problem, und auch für uns.«

Unfälle sind verboten

In Grünheide haben sich zwischen Juni und November vergangenen Jahres 190 meldepflichtige Unfälle zugetragen, berichtet der Stern. Meldepflichtige Unfälle sind solche, die eine Krankschreibung von drei Tagen oder mehr zur Folge haben. Die statistische Vorhersage für einen Autohersteller dieser Größe in diesem Zeitraum beträgt bloß 64 Unfälle, teilt die Berufsgenossenschaft Holz und Metall mit.

Beim Herausgehen berichtet ein anderer Arbeiter, in seiner Abteilung besäßen Schwerlastträger keine Angabe zu ihrer Tragfähigkeit, was gegen Gesetze verstieße. Der Nächste arbeitet mit hochgiftigem Kathodenpulver und fühlt sich nicht ausreichend geschützt. Dieses Frühjahr ereignete sich der bisher schwerste Unfall, als ein Arbeiter in einen auf 660 Grad Celsius aufgeheizten Aluminiumofen einbrach und sich schwer verbrannte. Tesla weist die Vorwürfe zu mangelndem Arbeitsschutz zurück und gibt dem Arbeiter die Schuld an dem Unfall: Das Betreten des Ofens sei verboten.

Montagmorgen um halb drei. Die Pause der Nachtschicht beginnt – und mit ihr der Tag X. Haben alle dichtgehalten? Wie viele machen wirklich mit? Die Sticker werden verteilt. Dann kommt die Ansage vom Management: Alle Mitarbeitenden werden aufgefordert, sich in ihrer Pause im Lichttunnel zu versammeln. Dort wurde eine Bühne aufgestellt. Das Management spricht über »die sehr fragwürdigen Methoden und eigentlichen Ziele der IG Metall«. Es gibt kostenloses Essen und Tesla-T-Shirts.

»Der Vorstand hat ’ne Gegenaktion gestartet, bei der sich auch sehr viele angesammelt haben«, raunt Ulli nach seiner Nachtschicht am Bahnhof Fangschleuse. »Er will damit die Belegschaft zur Besinnung bringen, damit sie nicht rübergehen zur IG Metall.« Ulli möchte am Bahnhof nicht mit der Presse gesehen werden. »Hier gibt es Spione«, raunt er. »Die Schicht war beschissen«, erzählt Ben in seinem Auto mit Verbrennermotor. »Der Manager hat zu meinem Supervisor gesagt, als er mich gesehen hat: ›Raus mit sowas.‹« Auch in Bens Abteilung haben nicht so viele mitgemacht, wie erhofft.

Die IG Metall-Sekretärinnen und -Sekretäre, die das Werk heute besuchen dürfen, stehen in größtenteils verlassenen Kantinen, weil es im Lichttunnel kostenloses Essen gibt. Zweimal im Jahr muss Tesla der IG Metall Zutritt zum Werk gewähren, zum Zweck der Mitgliederwerbung, so sagt es das Gesetz. Die Zeiten und Abläufe müssen vorher mit dem Unternehmen abgestimmt werden. Tesla befürchtet »Industriespionage« durch die IG Metall, daher darf heute nur im Pausenraum geworben werden.

Das Betriebsverfassungsgesetz untersagt dem Arbeitgeber nicht, an jenen zwei Tagen im Jahr, an denen die Gewerkschaft ins Werk darf, gleichzeitig eigene Veranstaltungen abzuhalten. Ebenso wenig ist verboten, dass sich auch Führungskräfte an diesen Tagen sehr intensiv für die IG Metall interessieren – manchmal so sehr, dass sie eine Traube um sie bilden. Dann müssen sich Arbeiterinnen und Arbeiter hinten anstellen.

Nicht immer sind Unternehmen gewerkschaftsfeindlich, denn funktionierende Gewerkschaften steigern oftmals die Produktivität einer Fabrik. Doch wenn ein Großteil der konkurrierenden Betriebe tariflich gebunden ist, dann entsteht für den ungebundenen Betrieb ein taktischer Vorteil: Er kann seine Position im Wettbewerb beeinflussen, indem er die Arbeitsbedingungen verschlechtert.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass es die Ansage von ganz oben gibt, die IG Metall aus dem Werk rauszuhalten. Zwischen Elon Musk und der Werkleitung gibt es meines Wissens nur eine Ebene«, sagt IG Metall-Sekretär Jannes Bojert. »Ich möchte noch nicht von Angst sprechen, aber die Aktionen vom Management wirken zunehmend nervös. Sie bekommen es aber nicht hin, die Bewegung zu stoppen, die grade in der Belegschaft entsteht.«

Größer als Tesla

Ich arbeite beim Rundfunk Berlin-Brandenburg und treffe dadurch regelmäßig Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach. Er ist 67 Jahre alt und seit 2018 in der SPD. Wenn er einlädt, ist ihm unsere Aufmerksamkeit gewiss. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit – und es bieten sich viele – geriert er sich als der Landesvater der Wirtschaft. Er spricht von »schweren Geburten« und meint damit Investitionspakete, Ansiedlungen und Förderrichtlinien. Er klopft den Industriekapitänen seines Bundeslands kollegial auf die Schulter.

Steinbach ist der zuständige Wirtschaftsminister, ziemlich genau seit Elon Musk Grünheide zum Standort seiner Gigafactory erkoren hat. Er erzählt gern, dass er seitdem in SMS-Kontakt mit ihm steht. Der Wirtschaftsminister meint auch zu wissen, dass Tesla ein guter Arbeitgeber sei, denn »es gäbe eine Abstimmung mit den Füßen, wenn Tesla nicht vernünftig bezahlen würde«, sagt er im Brandenburgischen Landtag. Er hat ein gutes Bild gewählt, denn eine Kündigung bei Tesla hat durchaus Gemeinsamkeiten mit der Republikflucht, zumindest dann, wenn man keinen EU-Pass besitzt.

»Die Abhängigkeit vom Arbeitgeber ist extrem, wenn der Aufenthaltstitel von ihm abhängt«, sagt Julius Becker, Anwalt für Aufenthaltsrecht. Teslas Belegschaft ist eine der internationalsten und diversesten in der gesamten Automobilbranche. »Es gibt Aufenthaltstitel, die allein für eine Arbeit bei Tesla ausgestellt werden. Das sind meist die qualifizierteren Berufe. Und dann gibt es Aufenthaltstitel, die ganz allgemein zur Bedingung haben, für den eigenen Lebensunterhalt sorgen zu können.« Für eine vierköpfige Familie in Berlin bedeutet das ein Einkommen von ungefähr 2.500 Euro netto. »Wenn man dieses Einkommen nicht mehr vorweisen kann, dann wird die Aufenthaltserlaubnis widerrufen.«

Die Stimmung auf dem Bahnsteig ändert sich beim Schichtwechsel von Früh- auf Spätschicht. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter der Frühschicht tragen nun den Sticker und die Spätschicht hat schon aus den Medien und über Telegramgruppen von der Aktion erfahren. Mehr als eintausend Arbeiterinnen und Arbeiter werden bei der Aktion mitmachen. Sichtbar sind jetzt auch die rund siebzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IG Metall, die aus ganz Deutschland nach Brandenburg gekommen sind. Eine Woche stehen sie vor allen Eingängen des Tesla-Werks, sprechen mit den Beschäftigten, verteilen Informationsmaterial und Kaffee.

»Das, was wir machen, ist zu einem großen Teil Beziehungsarbeit«, sagt Jannes Bojert. »Viele Menschen haben noch nie die Erfahrung gemacht, dass sie gemeinsam etwas durchsetzen können, das ihnen nicht freiwillig gegeben wird. Eine Bewegung wird nur stark, wenn sie auf dem Weg immer wieder kollektive Erfolgserlebnisse sammelt.«

»Es existieren Richtwerte für verlorene Finger, Beine oder Leben.«

Bald wird im Tesla-Werk ein neuer Betriebsrat gewählt. Der derzeitige Betriebsrat entstand, als erst wenige Arbeiterinnen und Arbeiter eingestellt waren und daher die Führungsebene bei den damals gut zweitausend Stimmberechtigten verhältnismäßig stark vertreten war. Seitdem sind rund zehntausend Beschäftigte überwiegend in der Produktion hinzugekommen. Der neue Betriebsrat wird ihre Interessen voraussichtlich besser repräsentieren als der bisherige.

Betriebsräte können großen Einfluss auf die Arbeit im Werk haben. Sie sitzen im Arbeitssicherheitsausschuss, sie können rechtsverbindliche Betriebsvereinbarungen abschließen, alle Angestellten dürfen den Betriebsrat während ihrer Arbeitszeit aufsuchen. »Wenn alle Arbeiter einer Linie gleichzeitig zum Betriebsrat gehen, dann steht auch das Band«, sagt ein langjährig gedienter Betriebsrat für Arbeitssicherheit einer anderen Autofabrik.

Die Betriebsratswahl im Frühjahr ist auch ein Stimmungstest für Jannes Bojert und sein Team. Denn die IG Metall investiert viel in ihr Büro in Grünheide. Wie viel genau, und wie groß das Team ist, soll aus taktischen Gründen geheim bleiben. Denn Tesla ist ein neuer Arbeitgeber in der Kernbranche der IG Metall. Vom Tesla-Werk hängen nicht nur die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten bei Tesla ab. Sollte das Werk dauerhaft ohne Tarifvertrag bleiben, wird das auch Auswirkungen auf Tarifverhandlungen mit anderen Arbeitgebern haben.

Ihm muss es gut gehen

»Die rote Firma kenne ich nicht«, sagt Hassan, kurz bevor wir in die Bahn nach Berlin steigen. Er meint den Mitarbeiter der IG Metall in seiner rot leuchtenden Arbeitskleidung, der ihm auf dem Bahnsteig gern einen Kaffee in die Hand drücken würde. Hassan erzählt mir, dass seine Familie 50.000 bis 150.000 Euro bekommt, wenn er bei einem Arbeitsunfall stirbt. Er erzählt von Elektroschocks, von Maschinen, in die er klettert, während sie laufen. Er hat Angst vor seiner Arbeit, und davor, sie zu verlieren. Vergangenes Jahr starben in Deutschland 423 Menschen bei Arbeitsunfällen. Am meisten waren es im Baugewerbe, dort gab es 88 Tote. Im verarbeitenden Gewerbe, zu dem auch die Autoindustrie gehört, starben 62 Menschen. Allein im Mercedes-Benz-Werk in Untertürkheim gab dieses Jahr schon zwei tödliche Arbeitsunfälle.

Im Zug nach Berlin sitzt uns ein älteres Ehepaar gegenüber. Sie mustern den Pullover. Hassan lehnt sich zu mir herüber, als er ihre neugierigen Blicke bemerkt. Er flüstert: »Sie denken: ›Oh, Tesla! Ihm muss es gut gehen!‹«.

Nichtdeutsche Beschäftigte erleiden circa 5 Prozent aller Arbeitsunfälle. Die tödlichen Unfälle betreffen sie zu rund 15 Prozent, also fast dreimal häufiger. Die Zahlen stammen von der gesetzlichen Unfallversicherung. Diese zahlt bei Arbeitsunfällen Entschädigungen an Betroffene und Hinterbliebene. Es existieren Richtwerte für verlorene Finger, Beine oder Leben, die jedoch stark vom Eigenverschulden der Betroffenen abhängen. Dieser Faktor steigt tendenziell, wenn sich Beschäftigte über Regeln hinwegsetzen, wie zum Beispiel, Öfen nicht zu betreten.

»Kolleginnen und Kollegen selbst für ihre Unfälle verantwortlich zu machen, ist einfach nur zynisch. Niemand begibt sich wider besseres Wissen und ohne Druck von oben in Lebensgefahr«, meint IG-Metall-Sekretär Jannes Bojert. »Die Verantwortung für die Arbeitssicherheit darf auch nicht einfach an die Schichtleiterinnen und -leiter abgeschoben werden. Die bekommen nach unserem Eindruck kaum Ressourcen dafür, und werden am Ende nur an Stückzahlen gemessen.«

»Was denkst Du: Was passiert, wenn jemand stirbt?«, frage ich Hassan. Wird er dann kündigen? Wird er dann der Gewerkschaft beitreten? Wird er dann kämpfen? Er verzieht die Mundwinkel nach unten, lehnt sich zurück, und macht eine wegwerfende Handbewegung: »Mülltonne.«

Nico van Capelle

Nico van Capelle ist freier Journalist und interessiert sich für Arbeitskämpfe.

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Tags: Politik

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