Treffen sich der Papst, ein Rabbi und ein Imam und gehen zum Internationalen Währungsfonds, um für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung zu kämpfen. Was wie ein schlechter Witz klingt, könnte 2025 Realität werden. Denn das Christentum wie auch das Judentum und der Islam sind sich in einer Sache einig: Wenn Schulden nicht beglichen werden können, dann müssen sie erlassen werden.
Die Herleitung wird in allen drei Weltreligionen moralisch begründet: Da hohe Verschuldung oftmals nicht selbst verschuldet, sondern das Ergebnis wirtschaftlicher Abhängigkeit ist, sollten Schulden gestrichen werden, um den Abhängigen und Armen ein Leben in Würde zu ermöglichen. In allen diesen drei Religionen wird also zwischen der finanziellen Schuld in Form des Kredits und der moralischen Schuld differenziert. Diese Trennung ist außerordentlich wichtig. Denn die semantische Nähe zwischen »Schuld« und »Schulden« erschwert es im Deutschen, finanzielle Schulden als Ausdruck ökonomischer Kredit-, Markt- und Machtverhältnisse zu begreifen und nicht als Konsequenz ethisch-moralischen Versagens. Die Streichung von Schulden gilt daher folgerichtig in Christentum, Judentum und Islam als ein Instrument zur Befreiung aus der Knechtschaft.
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Das sogenannte Erlassjahr findet im Judentum und Christentum turnusmäßig alle fünfzig Jahre statt. Diese Tradition geht auf biblische Zeiten zurück, in denen Land, das zum Begleichen von Schulden veräußert wurde, alle fünfzig Jahre zurück an die ursprünglichen Besitzenden übertragen wurde. In der jüdisch-christlichen Tradition gibt es die noch immer geläufige Praxis des Sabbatjahres, dessen Leitsatz lautet: »Am Ende jeden siebten Jahres sollst du die Schulden streichen.« Und auch im Koran rufen zahlreiche Passagen zur Streichung von Schulden auf, wenn diese nicht zurückgezahlt werden können. Der Weggefährte Mohammeds Abu Huraira berichtet etwa von Mohammeds Weisung: »Wenn der Schuldner in Not ist, sollst du ihm die Schulden vergeben.« Auch wenn sich die drei Weltreligionen darüber uneins sind, wie regelmäßig diese Grundsätze ritualisiert werden, so stehen sie doch auf demselben moralischen Fundament.
Neue Akteure, alte Abhängigkeiten
Im Vergleich zu biblischen Zeiten existieren Schulden als Kredit-, Markt- und Machtbeziehung heute nicht mehr nur zwischen Einzelpersonen, Handelstreibenden oder in Stadtgemeinschaften. Sie stehen vielmehr im Zentrum der globalen Wirtschaft und der Staatsfinanzen. Da kapitalistisches Geld auf einer Schuldbeziehung zwischen Kreditgebenden und Kreditnehmenden basiert, und im Moment der Kreditvergabe auf der einen Seite Schulden und auf der anderen Seite Geld geschaffen werden, ließe sich die kapitalistische Wirtschaft ohne Schulden überhaupt nicht organisieren.
»Die Ursprünge der Schulden des Globalen Südens liegen außerdem fast ausnahmslos in übertragenen Schulden der ehemaligen Kolonialverwaltungen.«
Während Schulden zu einem wesentlichen Instrument der Wirtschaft geworden sind, hat sich eines jedoch nicht geändert: Sie beschreiben ein Machtverhältnis – und das wiederum ist in der globalen Wirtschaft zu Ungunsten der Staaten des Globalen Südens und der Peripherien des Kapitalismus ausgerichtet. Denn diese Länder blechen erheblich mehr für die Aufnahme und Tilgung von Schulden als die Staaten des Nordens. Die Ursprünge der Schulden des Globalen Südens liegen außerdem fast ausnahmslos in übertragenen Schulden der ehemaligen Kolonialverwaltungen. Hier liegt erneut eine moralisch unverschuldete, aber ökonomisch reale Schuldbeziehung vor. Auch wenn unsere ökonomische Gegenwart mit den Zeiten der Bibel und des Propheten Mohammeds kaum vergleichbar ist, so ist das zugrundeliegende Prinzip der Überschuldung dasselbe geblieben.
Mit dem Papst gegen den IWF
Doch können sich fromme Wünsche in die materielle Realität des Kapitalismus übersetzen? Jüdische Organisationen beteiligen sich gegenwärtig nicht an den Bestrebungen systematischer Schuldenstreichungen, da das Erlassjahr nach jüdischem Glauben nur dann begangen wird, wenn alle zwölf jüdischen Stämme in Israel leben. Folgt man der Bibel im Wortlaut, so gilt Folgendes: »Von einem Ausländer darfst du es eintreiben; aber dem, der dein Bruder ist, sollst du es erlassen.«
Ist der Globale Süden der »Ausländer« der globalen Ökonomie? Oder überwiegt doch die häufig beschworene universelle Solidarität mit den unverschuldet wirtschaftlich Abhängigen? Führende Vertreter des Christentums und des Islam vom afrikanischen Kontinent haben die G20, die G7, die UN, den IWF und die Weltbank bereits dazu ermahnt, neue Gesetze zu implementieren, um »die Entstehung neuer, unnötiger und untragbarer Schuldenzyklen« zu verhindern und afrikanischen Ländern die Schulden zu erlassen.
Sie knüpfen mit dieser Forderung an den Schuldenschnitt des vorangegangenen Erlassjahres 2000 an: Damals wurden immerhin 100 Milliarden US-Dollar Schulden gestrichen. Zwar wurde dadurch weder der Neokolonialismus beendet noch die Schuldenkrise im Globalen Süden gelöst. Aber die Streichung bedeutete eine umfassende Erleichterung für die Staatskassen zahlreicher wirtschaftlich abhängiger Staaten und ihrer Bevölkerungen. So eingespartes Geld wurde für die Steigerung von Sozialausgaben eingesetzt und könnte heute für die Bekämpfung explodierender Lebenshaltungskosten eingesetzt werden. Denn 54 Staaten befinden sich heute in einer akuten Schuldenkrise.
Die Bestrebungen von religiösen Akteuren wie Papst Franziskus für das Erlassjahr 2025 eröffnen ein Möglichkeitsfenster, um das Thema Staatsschulden zu politisieren, für ökonomische Selbstbestimmung sowie eine umfassende Streichung der Schulden einzustehen und den Globalen Süden aus der Knechtschaft durch das Kapital zu befreien. Vielleicht finden sich auf diesem Pfad ja ungeahnte Verbündete.