Und die Männer sind Männer und die Frauen sind MännerUnd die Kinder sind Männer!– Padraic Fiacc
Wir sterben viele Tode. Wir sterben in flüchtigen Schlagzeilen, zwischen einem Atemzug und dem nächsten. Unser Tod ist so alltäglich, dass Journalisten darüber berichten wie über das Wetter: Bewölkter Himmel, leichte Regenschauer und 3.000 tote Palästinenser in den letzten zehn Tagen. Und genau wie beim Wetter ist nur Gott dafür verantwortlich – nicht bewaffnete Siedler, nicht gezielte Drohnenangriffe.
Wir schenken den Leichen auf unseren Feldern keine Beachtung. Ihre Existenz ist eintönig, vorhersehbar. Das Gemetzel ist so unablässig, dass es von den bald Getöteten fast erwartet – antizipiert – wird. Ihre Handgelenke, groß und klein, sind mit Kabelbindern auf dem Rücksitz von Polizeiautos gefesselt. Der Tod ist überall. Selbst Metaphern sind Opfer des Krieges. Das Bildliche ist erschreckend real geworden: blutige Bärte, in Bäumen hängende Möbel, ein Körperteil, das von einem Deckenventilator baumelt, Frauen, die auf Betonboden gebären. Et cetera. Haben wir uns zu sehr an das Schreckliche gewöhnt? Was einst schrecklich war, was einst ein Vorbote des Untergangs war, verschmilzt nun mit der Umgebung; der Tod ist nun eine langweilige Vogelscheuche. Selbst wenn die Raben lauter werden, stößt ihr Krächzen auf desinteressierte Ohren. Dieser Tod hat nichts Heiliges mehr an sich. Keine Gottheiten kommen zur Rettung. Wir sterben einsam. In der Verlassenheit sterben wir viele Tode.
Unsere Massaker werden nur durch Werbepausen unterbrochen. Richter legalisieren sie. Korrespondenten töten uns mit passiver Sprache. Wenn wir Glück haben, sagen Diplomaten, dass unser Tod sie betroffen macht, aber sie erwähnen niemals den Schuldigen, ganz zu schweigen davon, ihn zu verurteilen. Politiker, träge, unfähig oder mitschuldig, finanzieren unseren Untergang und täuschen dann, wenn überhaupt, Mitgefühl vor. Akademiker stehen untätig daneben. Das heißt, bis sich der Staub gelegt hat, dann werden sie Bücher darüber schreiben, was hätte sein sollen. Begriffe prägen und so weiter. Vorträge in der Vergangenheitsform halten. Und die Aasgeier, selbst diejenigen unter uns, werden Museen besuchen und das verherrlichen und romantisieren, was sie nicht zu verteidigen bereit waren – unseren Widerstand –, sie werden ihn mystifizieren, entpolitisieren, kommerzialisieren. Die Aasgeier werden unsere Leichen in Skulpturen verwandeln.
Und wir sterben. Scharfschützen hier, Kampfflugzeuge dort, Vertreibungen, Exil, Auslöschung, Völkermord, Kindermord, Demütigung, Herzschmerz, Trauer, Inhaftierung, Diebstahl, Durst, Folter, Hungersnot, Armut, Isolation, Resignation, Erpressung, Aufopferung, Heldentum, selbstloser Selbstmord. Was auch immer. Unsere Leute verrotten in den Innenhöfen von Krankenhäusern, wie ihre Großeltern, die am Strand von Tantura verwest sind. Und wir sterben ohne Abschied: Was sagt man den Familien der Märtyrer, die selbst im Tod noch unter Besatzung stehen? Ihre Kinder werden in Friedhöfen der Zahlen als Geiseln gehalten oder in Leichenhallen eingefroren. Ihre Leichen werden zu Faustpfändern. Oder für Organhandel ausgenommen.
Wie vermittelt man Nachrichten, die eigentlich fiktiv sein sollten? Unsere Journalisten sind fast schon Dichter, wenn sie über all dieses Sterben berichten. Und die Dichter schreiben mit Messern. Unsere Schmiede stellen keine Schwerter her, und die Gewehre in unseren Städten dienen nur dazu, die Villa des Präsidenten zu bewachen. Also gehen die Jugendlichen mit Spielzeugwaffen auf die Straße. Sie kämpfen gegen Drachen und Dinosaurier, gegen die Kolonialherren und ihre Subunternehmer. Diejenigen, die in Gewalt geboren und aufgewachsen sind, die ihr Leben lang in die Läufe von amerikanischen M4- und M16-Gewehren starren, wissen, dass sie massakriert werden, egal ob sie die Carlo in die Hand nehmen oder nicht. Wir sterben oft in sturer Verweigerung.
Der Zionismus ist die häufigste Todesursache im besetzten Palästina, sowohl durch direkte, staatlich sanktionierte Gewalt als auch durch indirekte, daraus resultierende Gewalt, die sich in erstickender Bürokratie, unausweichlichen psychologischen Angriffen und heftigen Konflikten zwischen den Gemeinschaften niederschlägt. Dennoch wird dieses menschengemachte Lebensende wie jede andere führende Todesursache behandelt – Herzkrankheiten in den USA, Demenz in England – und gibt kaum Anlass zur Sorge, geschweige denn zur Verurteilung. Im Gegenteil, unser Tod ist Nahrung für die Welt, in der wir leben, notwendig, um das Bestehende aufrechtzuerhalten. Unser Blut ist der Preis für das »Sicherheitsgefühl« der Kolonie. Das Imperium verkürzt das Leben unserer Liebsten, um seine Herrschaft zu verlängern. Und unsere Trauer ist unbedeutend, unsere Wut ungerechtfertigt. Je mehr unserer Lieben durch den zionistischen Kolonialismus getötet werden, desto weniger Raum wird uns gegeben, sie zu betrauern. Dieser kolossale Raub am Leben darf nicht einmal erzählt, geschweige denn gerächt werden.
Damit unsere Märtyrer Bedeutung erlangen, müssen sie entweder ein spektakuläres Leben geführt oder einen spektakulär gewaltsamen Tod erlitten haben. Und wenn ich von einem »spektakulär gewaltsamen Tod« spreche, denke ich an die Ermordung von Mohammed Abu Khdeir, einem sechzehnjährigen Jungen, der von jüdischen Siedlern aus seiner Nachbarschaft im besetzten Jerusalem entführt, brutal zusammengeschlagen, zum Benzintrinken gezwungen, und dann bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Ich denke dabei an die sechsjährige Hind Rajab, die von israelischen Soldaten ermordet und zusammen mit den Sanitätern aufgefunden wurde, die zwölf Tage zuvor zu ihrer Rettung entsandt worden waren, nachdem sie aus einem von Kugeln durchsiebten Auto, umgeben von den Leichen ihrer Familie, den Notruf gewählt hatte und drei Stunden lang am Telefon gefleht hatte: »Kommt und holt mich. Ihr kommt und holt mich, oder?« Ich denke an das Grausame und Perverse. Andernfalls, wie in den meisten Fällen, schließen sich die Angehörigen unserer Märtyrer, nachdem die Nachricht in Stille verbreitet wurde, einer langen Reihe von Familien an, die fernab von Kameras trauern und nur noch Gott um Gerechtigkeit zu bitten wissen. Andernfalls, wie in den meisten Fällen, sind die Getöteten dazu verdammt, zu einer weiteren vergessenen Statistik zu werden oder sogar den Tod zu verdienen.
»Was als natürliche Reaktion eines Menschen auf Unterwerfung verstanden wird, ist ein ungezügeltes und unverständliches, primitives Verhalten, wenn es von uns kommt.«
PAYWALL
Der Tod von Israelis hingegen ist eine andere Geschichte, die Hauptgeschichte. Die Liebe, die ihren Toten entgegengebracht wird, ist temperamentvoll, leidenschaftlich, strahlend – sie erhellt das Weiße Haus und den Eiffelturm. Die Welt betrauert den Verlust von Israelis ohne Vorbehalte und verwandelt diese Trauer in Treibstoff für Völkermord. Hierbei wird Trauer zu einer Währung. Hierbei wird Liebe zu einem Vorwand. »Unter den Liebenden gibt es einen, der allein den Schmerz empfindet, und einen anderen, der nur vorgibt, daran teilzuhaben. Wenn Tränen auf den Wangen ununterscheidbar werden, zeigt sich erst, wer wirklich weint und wer nur das Weinen simuliert.«
Zwei Tage nach der Offensive der Hamas vom 7. Oktober auf die israelischen Kolonien rund um Gaza gab der Botschafter der Palästinensischen Autonomiebehörde in Großbritannien (ein politischer Gegner der Hamas) dem Sender BBC ein Interview, nur wenige Stunden nachdem sechs seiner Familienmitglieder einem israelischen Luftangriff zum Opfer gefallen waren. »Sie wurden einfach bombardiert. Ihr ganzes Gebäude wurde dem Erdboden gleich gemacht«, sagte er der Moderatorin. Seine Familienmitglieder gehören zu den Tausenden (mittlerweile Zehntausenden, wenn nicht Hunderttausenden), die bei dem anhaltenden genozidalen Angriff auf den winzigen, dicht besiedelten Streifen getötet wurden, in dem mehr als zwei Millionen Menschen unter Besatzung leben.
»Meine Cousine Ayah, ihre beiden Kinder, ihr Mann, ihre Schwiegermutter und zwei weitere Verwandte starben sofort, wurden auf der Stelle getötet, und zwei ihrer jüngsten Kinder, Zwillinge im Alter von zwei Jahren, liegen jetzt auf der Intensivstation«, sagte er.
Die Moderatorin antwortete: »Es tut mir leid für Ihren persönlichen Verlust. Ich meine, können wir kurz klarstellen, dass Sie die Tötung von Zivilisten in Israel nicht gutheißen können, oder?«
Solche Reaktionen auf unsere schrecklichen Verluste, sei es auf der internationalen Bühne oder in den Medien, sind nicht nur gefühllos. Sie offenbaren eine weitaus beunruhigendere Wahrheit: In allen Branchen ist es gängige Praxis, uns Palästinenser zu entmenschlichen.
Wenn ich von Entmenschlichungspreche, meine ich damit nicht, oder zumindest nicht ausschließlich, die Filme, in denen Schauspieler ihre Gesichter braun anmalen und »Allahu Akbar« schreien, oder Wutausbrüche im Fernsehen, in denen Politiker sich verplappern und uns als »menschliche Tiere« bezeichnen. Ich meine auch nicht die unmissverständlich rassistische Rhetorik, die uns zu Tieren macht, die behauptet, wir seien hier »eingeschwärmt«, würden dort »befallen« und wir seien »Horden« von Wilden und Bestien. Schließlich bin ich als Dichter auch schuldig, meine Werke mit Fabelwesen zu ästhetisieren.
Entmenschlichung ist nicht nur das Gefühl – Arroganz? Ignoranz? Angst? –, das Kolumnisten und Gesandte, die kein Arabisch können, dazu bringt, selbstgefällige Berichte (eigentlich verleumderische Tiraden) über »die Region« zu schreiben. Wenn ich von Entmenschlichung spreche, meine ich ein Phänomen, das impliziter, aber weitaus schädlicher und institutionalisierter ist, eine Praxis, die von unseren freundlichsten Mördern perfektioniert wurde. Wenn ich von Entmenschlichung spreche, meine ich die Weigerung des Westens, uns in die Augen zu sehen.
Es ist die Scheu oder Unfähigkeit der Welt, unsere Tragödien als Tragödien und unsere Reaktionen als Reaktionen zu sehen, ihr Beharren darauf, unsere Normalität als Abweichung zu kategorisieren. Grundlegende Instinkte – zum Beispiel Überleben oder Selbstverteidigung – und das grundlegende Verhalten, das dem Leben auf der Erde innewohnt, werden zu Luxusgütern, die nur sie sich leisten können. Die Entmenschlicher sind nicht nur die vulgären Rechten und die brutalen Polizisten, sondern auch die politisch korrektesten unter den Mördern, die uns nicht einmal Blickkontakt gewähren, bevor sie den Abzug betätigen und kaltblütig und unpersönlich aus Hunderten von Metern Entfernung schießen. Die Scharfschützen, diese unbeteiligten Gestalten, die die Macht haben, unsere Existenz auszulöschen, ohne je mit ihr in Berührung zu kommen, sind sowohl im wörtlichen Sinne auf unseren Hügeln und Dächern als auch im übertragenen Sinne in Regierungen und Redaktionen präsent. In dieser Realität sind die Hände der Scharfschützen frei von Blut.
Und die Scharfschützen sind überall: die hinterhältigen Journalisten, die rückgratlosen Bürokraten, die unauffälligen Handlanger, die Philanthropen, die aus unseren Tragödien ihr Kapital schlagen, die Fernsehmoderatoren, die diese Tragödien verschleiern, die Missionare, die in unserem Untergang ihre Erlösung finden, die Anwälte des Teufels, die Ablenkungskünstler, diejenigen, die unsere Straßen mit Ablenkungsmanövern übersäen, die skrupellosen politischen Berater, die Aktivisten, die als Strippenzieher agieren, die elitären Vereinnahmer, die Elitisten in unseren Reihen, die verlangen, dass wir nach einer bestimmten Pfeife tanzen, die uns im Panoptikum ihres Blicks gefangen halten, die selbsternannten Intellektuellen, die Geistlichen, die flüstern, wenn sie schreien sollten, die wohlgenährten Waffenhersteller und die Universitätsverwalter, die sie füttern, und die Akademiker, die in Arroganz und vorsätzlicher Fehlinterpretation versinken, die Frantz Fanon und Walter Benjamin entstellen, die menschliche Natur leugnen und sogar die Gesetze der Physik anzweifeln, um unseren Widerstand zu pathologisieren. In dieser Realität sind die Hände der Scharfschützen frei von Blut, aber die Zahl ihrer Opfer ist unüberwindbar.
Die Entmenschlichung hat uns an den Rand der menschlichen Existenz gedrängt, ja sogar hinausgeworfen, so sehr, dass das, was logischerweise als natürliche Reaktion eines Menschen auf Unterwerfung verstanden wird, ein ungezügeltes und unverständliches, primitives Verhalten ist, wenn es von uns kommt. Was manche Menschen zu Helden macht, macht uns zu Verbrechern. Es ist fast schon zu einfach, zu behaupten, dass wir von Geburt aus schuldig sind. Unsere Existenz ist rein mechanistisch; durch Richtlinien und Verfahren wird uns immer wieder vor Augen geführt, dass wir leider geboren wurden, um zu sterben. Und auf unserem deterministischen Marsch zum Grab begegnen wir einander als unglückliche Fremde, unerfahren und ohne Zukunft. Unsere intellektuellen Beiträge und unsere institutionelle Beteiligung sind eingeschränkt. Auf das palästinensische Volk (»die Palästinenser«, wie sie uns nennen) trifft kein Attribut zu, außer das Verurteilende oder das Passive. Wir sind keine Menschen, wir sind Rätsel, ärgerliche, beängstigende Rätsel, deren jede Handlung Anklage hervorruft und deren jedes Gefühl eine Keimzelle der Bedrohung ist.
Wenn Fernsehproduzenten uns dazueinladen, an ihren Sendungen teilzunehmen, wollen sie uns nicht wegen unserer Erfahrungen oder Analysen oder des Kontexts, den wir bieten können, interviewen. Sie sprechen uns nicht ihr Beileid aus, wie sie es bei unseren israelischen Gegenübern tun. Sie laden uns ein, um uns zu verhören. Die ehemalige Generaldirektorin des israelischen Ministeriums für strategische Angelegenheiten nannte das »eine ganzheitliche Kampagne gegen die andere Seite führen. Bring sie aus ihrer Komfortzone heraus. Bring sie in die Defensive.« Argumentum ad hominem. »Man diskreditiert den Boten, um die Botschaft zu diskreditieren«, ist seit Langem ein israelisches Mantra. Denn unsere Notlage kann nicht »diskreditiert« werden, aber unser Charakter schon. Sie machen uns zu Gedankenverbrechern, schuldig wegen unserer Wut und unserem Groll, wegen unserer natürlichen Reaktionen auf Brutalisierung. Sie prüfen unsere Antworten anhand der Voreingenommenheit der Zuschauer. Die Bomben, die auf den belagerten Gazastreifen hageln, werden zweitrangig, wenn nicht sogar völlig irrelevant für unsere Fernsehprozesse. Wir sterben oft als Angeklagte.
»Der Siedler kontrolliert unser Grundwasser, unsere Meere und unseren Regen und stellt sie uns in Rechnung, ja kriminalisiert sogar unseren Durst.«
Wie wir seit Jahrhunderten im Westen und durch den Westen wahrgenommen, behandelt und regiert werden, wird durch unseren Status als »Bestien« bestimmt. Selbst wenn dieser Status nicht mehr ausdrücklich im Gesetz verankert ist, das heißt, wenn man glaubt, dass Menschlichkeit durch Staatsbürgerschaft definiert wird, bleibt er dennoch bestehen. Er versteckt sich im Kleingedruckten. Obwohl die Aborigines und die Bewohner der Torres-Strait-Inseln durch das Staatsangehörigkeitsgesetz von 1920 den Status britischer Untertanen erhielten (allerdings nur diejenigen, die 1921 oder später geboren wurden) und durch das Staatsangehörigkeits- und Staatsbürgerschaftsgesetz von 1948 automatisch die australische Staatsbürgerschaft, durften sie bis 1973 ohne die Zustimmung der australischen Behörden weder heiraten noch ohne die Erlaubnis des Einwanderungsministers das Land verlassen. Sie wurden erst bei der Volkszählung von 1971 in die Bevölkerungszahl einbezogen. Bis heute sind sie kolonialer Gewalt und Auslöschung ausgesetzt. Die Staatsbürgerschaft war für diejenigen, die zur Kategorie der Entmenschlichten verurteilt waren, historisch gesehen eine leere Formalität.
Palästinenser werden – uunabhängig von ihrem rechtlichen Status und oft gerade wegen ihres rechtlichen Status – dazu angehalten, sich selbst zu verachten, sobald sie beginnen, ihre Umgebung wahrzunehmen. Wir sind nirgendwo im Atlas zu finden, brüskieren unsere Feinde, und wir sind kaum in den offiziellen Archiven vertreten. Unsere Welt wurde von den Siedlern für die Siedler aufgebaut. (»Siedler« scheint ein zu milder, zu nachsichtiger Begriff zu sein; »mörderischer Einbrecher« trifft es eher.) Der Siedler hält den Richterhammer, den Schlagstock und rühmt sich eines göttlichen Dekrets. Der Siedler kontrolliert unser Grundwasser, unsere Meere und unseren Regen und stellt sie uns in Rechnung, ja kriminalisiert sogar unseren Durst. Nachdem er die Grenzen gezogen hat, beherrscht er die Grenzen nun auch. Er kontrolliert unsere Straßen und was auf ihnen passiert. Er kann die Arterien unserer Nation verstopfen und tut es auch.
Die erste Begegnung mit der bitteren Realität der Kolonisierung ist unvergesslich und lässt sich nicht rückgängig machen. Ich war fünf oder sechs Jahre alt, als ich sah, wie meine Mutter, für mich damals unverständlich, versuchte, den Siedler zu überlisten, indem sie Fleisch unter ihrem Beifahrersitz versteckte, während mein Vater von Bethlehem nach Jerusalem zurückfuhr. Ich verstand nicht, warum unsere Lebensmittel Schmuggelware waren. Oder warum wir eine militärische Sperre passieren mussten. Oder warum mein Vater mit seinem blauen Ausweis zwischen Zeige- und Mittelfinger fuhr. Ich wusste nicht, warum sein Ausweis blau war, während der meiner Tante grün war. Oder warum die Soldaten uns stundenlang schikanierten und selbst in unseren Absichten nach Gründen suchten, uns Handschellen anzulegen.
Lange bevor ich dieses ungleiche Machtverhältnis zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten verstand oder überhaupt bemerkte, erkannte ich, dass irgendetwas an meiner Anwesenheit unvereinbar war, dass ich nicht einfach existieren konnte, ohne eine maßgeschneiderte Erklärung, die meine Existenz rechtfertigte, eine Art Erzählung. Jeder Nachbar hatte eine Erzählung, jeder Klassenkamerad. Einige von uns wurden innerhalb des eigenen Landes vertrieben, andere waren für immer verarmt. Unsere Erzählungen waren eigentlich Rechtfertigungen für unseren Platz in der Welt oder das Fehlen eines solchen – unseren Platz, im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Folgen der Entmenschlichung, sowohl die schockierenden als auch die subtilen, zeigen sich nicht nur darin, wie wir wahrgenommen werden, sondern auch darin, wie wir uns selbst wahrnehmen. Sie sind intrapersonal und intrakommunal. Intime Grenzüberschreitungen. Die Brutalität der Entmenschlicher verfolgt uns sogar bis in unsere Wohnzimmer und prägt, wie wir uns selbst sehen, wie wir unsere Kinder erziehen und unsere Institutionen aufbauen. Sie hat Redaktionen und Universitäten befallen. Sie ist in unsere Gotteshäuser eingedrungen. Sie hat unsere Krankenhäuser ruiniert. Und sie hat unsere Herzen mit Angst erfüllt, einer wachsamen, einstudierten Angst, die donnernde Stimmen in anonymes Flüstern verwandelt hat.
Während meiner gesamten Kindheit beobachtete ich, wie die Menschen um mich herum – meine Eltern zu Hause, die Keramik- und Souvenirverkäufer in der Altstadt, Reiseführer und Taxifahrer – anscheinend auswendig gelernte Einleitungen zu ihren Aussagen vortrugen, als wollten sie einer zu erwartenden Anschuldigung zuvorkommen. Nichts davon war in unserer Muttersprache. Das war ein mühsames Spiel, das wir außerhalb des Arabischen spielten, wenn el ajanib, »die Ausländer«, uns mit ihrer Anwesenheit beehrten. Ein ajnabi konnte jeder sein: der besuchende Diplomat, der aufdringliche Aktivist, der perverse Tourist, der Betrüger aus Long Island, die »Nomaden in der Wüste«. Alle, die unsere unausgesprochene Sprache aus Nicken und Grinsen nicht beherrschten oder, schlimmer noch, alle, die ihr misstrauisch gegenüberstanden. Stets in der Defensive, definieren wir uns über das, was wir nicht sind und nicht über das, was wir sind. Es ist dieser Zustand aus Leben und Schreien, in den Palästinenser geboren werden und den sie umkehren wollen.
Hier im Westen (was auch immer »der Westen« heutzutage bedeutet), ob im Fernsehen, auf dem Universitätscampus, in öffentlichen Ämtern oder in der öffentlichen Wahrnehmung, existieren Palästinenser in einer falschen – und starren – Dichotomie: Wir sind entweder Opfer oder Terroristen.
Diejenigen, die als Terroristen gelten, bekommen nie die Gelegenheit, für sich selbst zu sprechen, und werden selten, wenn überhaupt, fair behandelt. Sie sind fast schon mythische Wesen, Stoff für Gruselgeschichten: böse Wölfe mit buschigen Augenbrauen, scharfen Reißzähnen und erschreckend fehlgeleiteter Politik. Sie streifen durch die Straßen, nuscheln aggressives Arabisch, lesen manchmal sogar den Koran und lechzen danach, alles in Sichtweite zu plündern und zu erschießen. »Vorsicht – sie sind hinter dir her! Versteckt eure Frauen, versteckt eure Flugzeuge, versteckt eure menschlichen Schutzschilde.« Viele, die diese Sätze lesen, haben bereits ein Bild des Beschriebenen vor Augen, und es ist nicht weit hergeholt zu sagen, dass sie mit solchen Bildern ernsthafte Gefühle und Erinnerungen verbinden. Diejenigen von uns, die als Terroristen gelten, dürfen nicht betrauert werden.
»Palästinensische Opfer müssen verwundet und schwach sein: zu verwundet, um zu kämpfen, und zu schwach, um die Stirn zu runzeln oder die Augenbrauen zusammenzuziehen.«
Andererseits wird den Opfern, oder denen, die den Opferstatus erhalten haben, obwohl sie es nicht einmal geschafft haben zu sterben, manchmal das Mikrofon gereicht und sie werden gebeten, zu sprechen. Aber ihre Äußerungen an diesem Mikrofon haben einen hohen Preis. Es gibt Voraussetzungen, die sie erfüllen müssen. Palästinensische Opfer müssen verwundet und schwach sein: zu verwundet, um zu kämpfen, und zu schwach, um die Stirn zu runzeln oder die Augenbrauen zusammenzuziehen. Und wenn sie Hinterbliebene sind, können sie nur die klagenden Witwen sein, deren Trauer zu unbegreiflich ist, um sie kontextualisieren zu können, oder die Waisen ermordeter Eltern, in deren Todesanzeigen die »Todesursache« nicht angegeben ist. Ihre schmerzerfüllten Schreie existieren abseits von Geschichte und Politik, über ihr Leiden wird ohne Angabe eines Schuldigen berichtet.
Wenn die Einladung, sich zu äußern, auf Palästinenser ausgeweitet wird, die einst die bösen Wölfe waren, sind sie nun zahm und entschärft und heulen nur noch vor Schmerz den Mond an. Sie greifen niemals an, geschweige denn jagen sie in Rudeln. Wenn sie für sich selbst eintreten, dürfen sie nur von ihren persönlichen Tragödien erzählen. Ihr Einsatz darf weder von politischer Ideologie noch, Gott bewahre, nationalistischen Ambitionen inspiriert sein. Er muss individualistisch bleiben, darf niemals einer kollektiven Sache dienen und niemals durch eine organisierte Gemeinschaft erfolgen, sondern muss ausschließlich darauf abzielen, humanitäre Krisen zu beheben, die wie Erdbeben und Sonnenfinsternisse isoliert von der Weltlage auftreten.
Unsere Antwort auf diese Dichotomie – oder vielmehr unsere Antwort darauf, des Terrorismus beschuldigt und aus der menschlichen Existenz ausgeschlossen zu werden – war eine Politik des Appellierens, eine Praxis, die eine Reihe kreativer Advocacy-Taktiken nutzt, um unsere Sache voranzubringen, und unermüdlich versucht, die oben genannten Anforderungen zu erfüllen. Sobald die Kriterien erfüllt sind, können Palästinenser auf magische, wundersame Weise endlich der eng gefassten Kategorie des Terroristen entkommen und Zuflucht in der noch engeren Kategorie des Opfers finden.
Lege deinen Kopf zwischen all die anderen Köpfe und rufe nach dem Henker.– Levantinisches Sprichwort
Der Räuber hat den Richterhammer in der Hand, der Lügner hat einen Journalismus-Abschluss, und die Schlachtmesser werden aus öffentlichen Mitteln finanziert. Menschen, die sich in der Politik des Appellierens engagieren, erkennen – manchmal widerwillig, oft ohne großen Protest –, dass unsere Welt von Hierarchien und Herrschern regiert wird, die uns in keinster Weise wohlgesonnen sind. Dass die Welt auf dem Kopf steht, ist eine simple Wahrheit, die von den meisten akzeptiert wird. Dass gewöhnliche Menschen die Welt verändern können, ist ein unwahrscheinliches Szenario. Macht ist in dieser Analyse eine unveränderliche, unauslöschliche Struktur, die in Stein gemeißelt ist, anstatt eine imposante, jedoch fragile Einheit, deren Fundament aus Sand besteht. Aus gehärtetem, gefestigtem, milliardenschwerem Sand, aber – aber! – dennoch aus Sand.
Anhand dieser axiomatischen Sichtweise auf Macht kann man eine Politik des Appellierens bestenfalls als geschickten Versuch verstehen, das System zu überlisten und es mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Oder im schlimmsten Fall kann sie durch eine streng reformistische Brille betrachtet werden: als ein Versuch, den Status quo zu verändern, ohne ihn jemals vollständig zu zerstören. Im letzteren Fall tun diejenigen, die sich diesem Status quo verschreiben, dies wahrscheinlich, weil sie ernsthaft an die von ihm hochgehaltenen Gegensätze glauben (Gut gegen Böse, zivilisiert gegen unzivilisiert, Terrorist gegen Soldat und so weiter), aber der Meinung sind, dass es gewisse Ausnahmen zu diesen dichromatischen Kategorien gibt. Beispielsweise könnten einige die Gewalt von Männern und Frauen in Militäruniformen als nüchterne, unausweichliche Lebensrealität respektieren, während sie gleichzeitig angesichts der Gewalttaten von »Einzeltätern« in Flip-Flops und Jogginganzügen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
»Uns wurde beigebracht, ein mythisches Wesen nachzuahmen – den unschuldigen Zivilisten –, in der Hoffnung, vom Verbrechen, Palästinenser zu sein, freigesprochen zu werden.«
Indem wir diese Weltanschauung beschwichtigen, haben wir ungewollt die soziale und institutionelle Ordnung gestärkt, die uns dieses Dilemma überhaupt erst beschert hat. Und wir haben ungewollt das reproduziert, was wir zu untergraben versuchen (und abschaffen sollten). Sobald wir diese Dichotomie verinnerlichen, schaffen wir perfekte Opfer – nicht nur für aufrichtige Sympathisanten und zutiefst engagierte Verbündete, sondern für die ganze Gemeinde: die überheblichen Aktivisten, die voyeuristischen Liberalen, die empathischen Soldatenfrauen, die reuigen Afrikaaner und die Enkelkinder der Nazis.
Eine Politik des Appellierens zu betreiben bedeutet, alle von der Institution zur Verfügung gestellten Mittel, »die Werkzeuge des Herrn«, zu nutzen, oft erfolglos, manchmal jedoch mit mäßigem Erfolg. Und immer im Einklang mit der Logik der Institution. Uns wurde nicht nur beigebracht, »unsere Unterschiede zu ignorieren« und uns »der jämmerlichen Behauptung« hinzugeben, dass sie nicht existieren, sondern auch, ein unmöglich kongruentes, mythisches Wesen nachzuahmen – den unschuldigen Zivilisten –, in der Hoffnung, vom Verbrechen, Palästinenser zu sein, freigesprochen zu werden. Ab und zu, hin und wieder, könnte der Richter – der Dieb! der Räuber! – entscheiden, dass diese Hinrichtung ein schlechtes Bild abgeben würde oder jener Raubüberfall den Kopfschmerz nicht rechtfertige. Der Aufwand lohne sich nicht. Auch wenn dies selten vorkommt, ist eine solche Abweichung doch vorprogrammiert. Der Tag, an dem der Richter das Gericht in Brand setzt, ist jedoch der Tag, an dem »der Esel das Minarett hinaufsteigt«.
Wir haben allerdings schon seltsamere Dinge gesehen als einen Esel, der zum Gebet ruft. Wir haben gesehen, wie eine Nation für den Völkermord einer anderen Nation bestraft wurde. Und wir haben gesehen, wie Gott als Immobilienmakler eingestellt wurde, um den Bewohnern von Brooklyn Häuser in Jerusalem zukommen zu lassen. Nichts ist also unmöglich. Vielleicht ist es also wahr: Wenn wir unsere buschigen Augenbrauen zupfen und unsere Eckzähne ziehen, wenn wir das Dornige und Anstößige aus unserem Wortschatz streichen, wenn wir dem Koran und seinem ungestümen Arabisch abschwören und wenn wir nur diese Steine und Flugzeuge in Ruhe lassen, würden wir befreit werden. Frei, in Dokumentarfilmen dargestellt und in Zeitungen abgebildet zu werden. Frei, betrauert zu werden. Frei, über Palästina sprechen zu können, ob aus Palästina, aus Palm Springs oder aus Prichsenstadt. Von Podien und Kanzeln aus (natürlich niemals von Minbars). Frei, endlich unsere Ps (»Peace«) verkünden zu können.
An die Moral der Menschen zu appellieren, die uns unterdrücken, ist nicht der Kern der Politik des Appellierens, sondern nur eine Facette von vielen. Eine Facette, von der manche behaupten würden, dass sie einst historisch notwendig war. Andere Taktiken umfassen das Einschmeicheln bei traditionellen und nicht-traditionellen Machtstrukturen, das Ausnutzen bestimmter sozialer und politischer Phänomene oder den Appell an sozioökonomische Interessen. Et cetera. Eine Taktik, die ich selbst oft anwende, besteht darin, US-amerikanische Steuerzahler daran zu erinnern, dass das zionistische Regime jährlich Milliarden ihrer Dollar in Form von Militärhilfe erhält. Die Betonung des Nebensatzes, dass die Waffen, mit denen Palästinenser unterworfen werden, aus amerikanischer Produktion stammen, ist ein trauriger Versuch, das Thema wieder in den Fokus zu rücken oder meine Argumente zu schmücken: Die meisten Amerikaner mögen nicht viel von Palästinensern halten, aber ihr Geld ist ihnen immer wichtig.
Die Liste der Taktiken lässt sich fortsetzen. Appelle an Behörden, Emotionen, Integrität: »Artikel 49 der Vierten Genfer Konvention besagt…« »Stellen Sie sich vor, dieses palästinensische Kind wäre Ihr Kind…« »Kein wahrer Jude würde Israel unterstützen…« Intersektionalität: Hervorhebung von Polizeiaustauschprogrammen, Cyberkrieg, Klimawandel, Waffenhandel, »an Palästinensern getestet, in Kaschmir eingesetzt«, »es gibt Christen in Gaza« und so weiter. Diplomatische Manöver: Entsendung von Kinderdelegationen, um mit Politikern zu sprechen, Gespräche auf internationalen Plattformen über die »israelischen Freunde«, Anti-Antisemitismus-Disclaimer vor jeder Rede, »Sicherheitskoordination«, Friedensabkommen.
Und man sollte nicht vergessen, wie die Politik des Appellierens die Kultur- und Wissensproduktion geprägt hat: Für jedes radikale literarische Werk gibt es mehrere weitere Bücher mit Bezug zu Palästina, auf deren Cover zerzauste, lächelnde Kinder zu sehen sind, unabhängig vom konkreten Thema des Buches; für jeden unverblümten, ungefilterten Film gibt es mehrere, verzweifelt zu überzeugen versuchende Dokumentarfilme, die an »Trauma-Pornos« grenzen, und Filme, deren Protagonistin ein sanftmütiges, blauäugiges junges Mädchen ist. Einige dieser Taktiken sind beeindruckend wirksam, andere weniger, und alle werden (fast) immer aufrichtig angewendet.
In meinem Buch Perfekte Opfer beurteile ich nicht, ob Poesie oder ein anderes Medium für Palästinenser von Nutzen sein kann. Ich möchte Palästinenser so untersuchen, wie sie in einem bestimmten Gedicht (oder Film, einer Rede vor der UNO oder einem Medieninterview) erscheinen – wie ist ihre Wirkung, was ist ihr Ziel und ihr Motiv, wo liegen die Grenzen ihrer Möglichkeiten? Wie werden sie den Lesern präsentiert? Haben sie einen Gastauftritt in der Handlung eines anderen? Spielen sie eine Rolle? Haben sie etwas zu sagen? Stehen sie aufrecht da? Wenn ja, wird ihre starke Haltung durch gesellschaftliche Verpflichtungen und äußeren Druck bestärkt? Wenn nicht, ist ihre schwache Haltung auch eine Reaktion auf diese Faktoren? Was bleibt von ihrer »Subjektivität«, wie meine lieben Akademiker gerne sagen? Haben sie noch ihre Zähne?
»Palästina ist ein Mikrokosmos der Welt: elend, wütend, angespannt und zersplittert. In Flammen. Widerspenstig. Ausgeschlossen. Würdevoll.«
Die Taktiken und Strategien oder, offen gesagt, die Haltungen, die mich am meisten interessieren und beschäftigen, sind diejenigen, die sich auf »Humanisierung« (oder: Entschärfung) und das, was ich als wundersame Offenbarungen bezeichnen würde, stützen. Letztere zeichnen sich, kurz gesagt, durch eine obsessive Kuratierung »zuverlässiger Erzähler« aus, deren Aussagen unbedrohlich, glaubwürdig oder unparteiisch sind. Zur Veranschaulichung: Die Bevorzugung jüdischer und israelischer Quellen (Bücher, Menschenrechtsorganisationen, Rabbiner, Historiker, Ex-Soldaten, Soldaten, Polizisten, Regierungsbeamte, Politik-Analysten) gegenüber palästinensischen Quellen, nicht aufgrund des Inhalts ihrer Beiträge, sondern auf identitärer Basis, ist eine Entscheidung, die in der absurden, aber tief verwurzelten Vorstellung begründet ist, dass erstere irgendwie glaubwürdiger und zuverlässiger sind. Als wären sie unvoreingenommene Zuschauer, als hätten sie kein Pferd in diesem Rennen. Was die Humanisierung betrifft, die ich in meinem Buch diskutiere, so ist ein Beispiel dafür die hohe, oft obligatorische Kunst, Hagiographien für Lebende und Tote zu verfassen, um ihnen eine feierliche Ehre zu erweisen, ein Heilmittel gegen die Profanität ihrer vermeintlichen Zugehörigkeiten. Einfach ausgedrückt: die verwirrende Forderung, aus Menschen Menschen zu machen.
Obwohl es sich hierbei um wichtige politische Fragen handelt, um Fragen, die die Medienanalyse, die Diplomatie, den Aufbau oder die Organisation von Bewegungen betreffen, beeindruckt mich dieses Dilemma in einem tieferen, fast philosophischen Sinne, in einem »universelleren« Sinne. Universell nicht in dem Sinne, dass es den kapitalistischen, kommerziellen Konnotationen des Wortes verfällt und Macht, Geschichte und Stacheldraht beschönigt, sondern in einer Universalität, die anerkennt, dass die Lage der Palästinenser die Lage der Menschheit ist. Palästina ist ein Mikrokosmos der Welt: elend, wütend, angespannt und zersplittert. In Flammen. Widerspenstig. Ausgeschlossen. Würdevoll. Die Linse, durch die wir Palästinenser betrachten, offenbart, wie wir einander sehen, wie wir alles andere sehen.
Was ist es – Macht? Rasse? Kolonialität? Sprache? Klasse? Medien? Religion? Geografie? Identität? Kultur? Politik? Tribalismus? Verhaltensmuster? Umwelt? Angst? Liebe? Menschliche Natur? Tierische Aggression? – Was ist die treibende Kraft, der Impuls, der unsere Feinde und Freunde gleichermaßen davon abhält, uns in die Augen zu sehen?
Dieser Essay ist ein Auszug aus dem Buch Perfekte Opfer.