Zum Inhalt springen

Politik geht durch den Magen

Ein solidarisches Sozialleben an der Basis ist Voraussetzung für eine Linke, die über kurzfristige Hypes hinaus erfolgreich sein will.

Politik geht durch den Magen
»Ach, linke Zentren können offene Orte sein, an denen man Sandwiches isst und gemeinsam Musik hört?«Illustration: Marie Schwab

Wer kennt nicht das Gefühl – man sitzt bei Linken im Ausland oder einer migrantisch geprägten Organisation und beginnt sich zu wundern: Wieso ist man so freundlich zu mir? Warum fragt man, ob ich einen Tee oder Kaffee möchte? Weshalb sind Tische schön gedeckt? Ist das am Ende gar kein Parteilokal, sondern so etwas wie ein Restaurant? Während Parteibüros und linke Zentren in Deutschland von ungespültem Geschirr, verstaubten Plakaten, trockenen Sansevierien oder gar von Aktenwänden dominiert werden – also einem Ambiente, das zum Weggehen einlädt –, kann man sich das Politische anderswo offenbar auch sozialer vorstellen. 

Besonders frappierend ist die Erfahrung für mich immer im Baskenland, wohin ich regelmäßig Bildungsreisen für Menschen aus Gewerkschaften oder der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiere. Schon der Umstand, dass die politische Linke dort in jeder Ortschaft ein soziales Zentrum mit Kneipenbetrieb unterhält, sorgt bei den Reisenden für großes Hallo. Ach, linke Zentren können offene Orte sein, an denen man Sandwiches isst und gemeinsam Musik hört? 

Noch größer ist die Verwunderung, wenn erklärt wird, dass sich die sogenannten Herrikos (Volkshäuser – die der spanische Staat übrigens mithilfe von Anti-Terror-Gesetzen konfiszierte, aber trotzdem nicht aus der politischen Kultur zu entfernen vermochte) in Genossenschaftsbesitz befinden. Einige Dutzend politisch Aktive machen Einlagen, um ein Lokal anzumieten, und auch der Gastronomiebetrieb wird kooperativ, meist von Mitgliedern der Jugendorganisationen, getragen.

Das Erstaunen kulminiert, wenn die baskischen Gastgeberinnen und Gastgeber am Ende der Bildungswoche zum Abendessen einladen. Weil zwischen Pyrenäen und Atlantik zwar gern gemeinsam, aber eher ungern zu Hause gekocht wird, finden die Veranstaltungen in einer Txoko (»Ecke«) statt. Dabei handelt es sich um so etwas wie einen Gastronomieverein. Auch hier tun sich mehrere Dutzend Nachbarinnen und Nachbarn zusammen, um eine Großküche mit Versammlungsraum für etwa 100 Personen einzurichten. Auf diese Weise ist es möglich, sich in großer Runde zum Essen zu verabreden.

PAYWALL

Noch vor der Mahlzeit, die im Baskenland selten aus weniger als vier Gängen besteht, wird geschunkelt und gesungen – meistens Seemanns- oder Revolutionslieder. Damit die kollektiv genutzten Orte nicht verkommen, wird aus den Mitgliedsbeiträgen auch eine regelmäßige Grundreinigung finanziert.  

Schon nach wenigen Tagen Bildungsaufenthalt stellen die deutschen Reisegruppen fest, dass zu essen, zu singen und zu trinken offenbar die erste und vielleicht sogar die wichtigste politische Organisierungsform der baskischen Linken ist. Das ist nicht nur vorteilhaft – denn mit einem starken Sozialleben geht auch immer eine gewisse Selbstbezüglichkeit einher. Dass Politik, Freizeit und Freundeskreis fließend ineinander übergehen, sorgt aber auch dafür, dass Solidarität erlebbar ist.

Auch in der deutschen Linken wurde das Soziale lange Zeit sehr viel bewusster gepflegt als heute. Die historische Stärke der alten Arbeiterbewegung erklärt sich in diesem Sinne nicht in erster Linie mit der Mitgliederzahl sozialistischer oder kommunistischer Parteien, sondern mit der Verankerung von Chören, Kneipen, Sportvereinen, Miet- und Konsumgenossenschaften im Alltag. Erst dort, wo das social fabric (»soziale Geflecht«) existierte, konnte auch politische Organisierung entstehen. 

Entsprechend hängt der Niedergang linker Parteien eng zusammen mit der Auflösung dieses Milieus. Die so häufig gescholtenen städtischen Alternativkulturen, die seit den 1970er Jahren in vielen Ländern entstanden, waren in gewisser Hinsicht eine Antwort darauf. Sie brachten neue widerständige Milieus hervor. Doch die Betonung der subkulturell-identitären Aspekte sorgte auch sofort wieder für eine Verschließung.  

Eine lebendige Sozialkultur lässt sich nicht erfinden, aber man kann sie pflegen. Und eine politische Strategie, die auf den Wiederaufbau sozialer Orte und Milieus setzt, ist längerfristig erfolgversprechender als die Fokussierung auf Medienpräsenz und schnelle Wahlerfolge. Auch hier ist der Blick nach Südeuropa übrigens lehrreich. Der rasante Aufstieg und Fall der Linksparteien Syriza und Podemos hatte auch damit zu tun, dass eine längerfristige Basisorganisierung, wie sie früher fester Bestandteil der politischen Praxis war, zurückgestellt wurde. Als der mediale Hype abebbte, stellte sich heraus, dass das schnelle Erfolgsversprechen die längerfristige Organisierung nicht ersetzen konnte. 

Für die Linke in Deutschland, die jetzt nach langer Zeit erstmals wieder Rückenwind hat, ist das keine ganz unwichtige Lehre: Eine politische Organisierung, die nicht auf die eine oder andere Weise mit einem attraktiven Sozialleben einhergeht, hat wenig Substanz. Im Baskenland gibt es dafür eine griffige Formel: »Jaiak bai, borroka ere bai« – »Feiern ja, kämpfen auch.«    

Tags: Politik

Weitere in Politik

Alle anzeigen

Von unseren Partnern

Neues Buch

Neues Buch

Creative Construction: Demokratische Planung im 21. Jahrhundert. Herausgegeben von Jan Groos und Christoph Sorg, mit einem Vorwort von Kohei Saito und Beiträgen von: Audrey Laurin-Lamothe, Frédéric Legaul, Simon Tremblay-Pepin, Jakob

Von Ole Rauch
/