»Der Kurde hat nichts als den Wind –Er lebt im Wind und der Wind in ihm.Der Kurde wird süchtig nach dem WindUnd der Wind wird süchtig nach dem Kurden.Um gerettet zu werden von den Adjektiven des LandesUnd der Dinge.Der Wind ist ein TestamentVon einem Kurden zum anderen ins Exil.«— Mahmoud Darwisch
Als der palästinensische Dichter Mahmoud Darwisch dieses Gedicht vor mehr als zwanzig Jahren den Kurdinnen und Kurden schrieb, sprach er nicht aus einer Perspektive politischer Gleichsetzung, sondern aus einer geteilten Erfahrung von Vertreibung, Exil und jahrzehntelanger Nicht-Anerkennung. Kurdinnen und Kurden erscheinen in diesen Versen nicht als ein anderes Palästina, sondern als ein Volk, dessen Geschichte im selben Wind steht: getragen von Hoffnung, zerrieben von regional-imperialistischen und kolonialen Mächten, immer wieder gezwungen, sich selbst neu zu verorten.
Die Nähe, die Darwisch in diesen Versen ausdrückt, ist keine poetische Fügung, sondern benennt einen realen historischen Zusammenhang: Sowohl die kurdische als auch die palästinensische Nationalbewegung sind aus dem Zerfall des Osmanischen Reiches hervorgegangen – aus jener Neuordnung der Region, in der weder Kurden noch Palästinenser Selbstbestimmung erlangten, sondern unter neue Herrschaft fielen; besetzt, vertraglich einverleibt oder zwischen rivalisierenden Mächten aufgeteilt wurden.
Heute wird Darwischs Gedicht oft als Symbol einer selbstverständlichen Solidarität zwischen Palästina und Kurdistan gelesen. Doch diese Solidarität war nie natürlich oder widerspruchsfrei. Sie entstand aus politischen Begegnungen in intellektuellen Zirkeln im Exil, in militanten Ausbildungslagern und internationalen Netzwerken und wurde zugleich auch von Brüchen, Rivalitäten und geopolitischen Abhängigkeiten geprägt. Sie musste, wie der Historiker Abdel Razzaq Takriti schreibt, hergestellt und vermittelt werden – und ist dabei oft genug enttäuscht worden. Immer wieder wurden beide Bewegungen als Projektionsflächen gegensätzlicher geopolitischer Narrative genutzt: Der kurdischen Seite wurde Nähe zu westlichen Mächten unterstellt, der palästinensischen die Verstrickung in regionale Machtkonstellationen von baathistischer Herrschaft bis zur türkischen Hegemonie.
»Der kurdischen Seite wurde Nähe zu westlichen Mächten unterstellt, der palästinensischen die Verstrickung in regionale Machtkonstellationen von baathistischer Herrschaft bis zur türkischen Hegemonie.«
Die verwandten und doch verschiedenen Bedingungen, unter denen die Bewegungen für Befreiung kämpften und kämpfen, haben zudem zu unterschiedlichen Vorstellungen von Freiheit und Selbstbestimmung geführt – eine Debatte, die weit über Palästina und Kurdistan hinausweist. Während die palästinensische Bewegung bis heute stark auf nationale Souveränität und staatliche Selbstbestimmung fokussiert ist, entwickelte sich in Teilen der kurdischen Bewegung ein Verständnis von Befreiung, das stärker auf gesellschaftliche Autonomie, Dezentralisierung und rätedemokratische Selbstorganisation jenseits des Staates zielt.
PAYWALL
Dies ist die Perspektive eines Internationalisten, der in beide Kämpfe und darüber hinaus verstrickt ist.
Solidarität damals
Es ist kein Zufall, dass Darwisch vom Wind schreibt, der exiliertes Leben zusammenbringt. Er widmete dieses Gedicht seinem guten Freund, dem kurdischen Autor und Dichter Selîm Berekat, aus einer geteilten Erfahrung des allgegenwärtigen Exils. Als sich in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren palästinensische und kurdische Aktivistinnen und Aktivisten politisch begegneten, geschah dies nicht in Ramallah, Diyarbakır oder Erbil, sondern außerhalb – vor allem in Beirut und Damaskus.
Der Libanon war in diesen Jahren Knotenpunkt des revolutionären Internationalismus. Nachdem sich die palästinensische Befreiungsbewegung 1967 neu formierte und den bewaffneten Kampf ins Zentrum stellte, bildete sie in ihren Lagern – vor allem in der Bekaa-Ebene – auch Kämpfer anderer Bewegungen aus aller Welt aus. Darunter waren auch frühe Mitglieder der 1978 gegründeten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Ihr Gründer Abdullah Öcalan hatte zusammen mit einigen Kampfgefährten die Türkei vor dem Militärputsch 1980 verlassen und Zuflucht in Syrien und dem Libanon gefunden.
Diese Beziehungen waren getragen vom Geist einer Epoche, in der Vietnam, Algerien und Palästina für einen globalen Aufbruch standen. Kurdistan versuchte, sich in diese Grammatik der Befreiung einzuschreiben. In der Praxis war das von Beginn an widersprüchlich. Für palästinensische Organisationen bedeutete die Unterstützung für die kurdische Sache stets einen Balanceakt gegenüber arabisch-baathistischen Regimen in Syrien oder dem Irak, die den kurdischen Widerstand als separatistische Bedrohung brandmarkten. Zugleich reproduzierte der arabische Nationalismus, der auch palästinensische Diskurse prägte, jene Logik des Nationalstaats, gegen die sich die kurdische Freiheitsbewegung richtete.
Spätestens mit dem Militärputsch in der Türkei und der israelischen Invasion in den Libanon 1982 wurde diese fragile Architektur zerstört. Erste PKK-Kader kamen bei Gefechten gegen die israelische Armee im Süden Libanons Seite an Seite mit ihren palästinensischen Mitkämpfern ums Leben, mehrere wurden inhaftiert und erst Jahre später entlassen. Die PKK hält diese Erinnerung bis heute hoch. Aber mit der Vertreibung der PLO aus Beirut verschwand einer der wichtigsten Orte palästinensisch-kurdischer Begegnung.
In den 1990er Jahren zerfiel der gemeinsame politische Horizont endgültig in getrennte, national gerahmte Projekte. Im Nordirak entstand mit der Autonomen Region Kurdistan eine proto-staatliche Ordnung, die PKK konzentrierte sich auf den bewaffneten Kampf in der Türkei und damit auf ein geopolitisches Feld, das keine direkte Verbindung zu Palästina hatte. Auch die palästinensische Bewegung trat mit dem Oslo-Prozess 1993 in eine neue Phase ein. Aus einer Befreiungsbewegung wurde eine Verwaltung unter Besatzungsbedingungen. Die Grammatik der Revolution wurde durch die Sprache von Staatlichkeit und Sicherheit ersetzt.
»Während die palästinensische Bewegung stark auf nationale Souveränität und staatliche Selbstbestimmung fokussiert ist, entwickelte sich in der kurdischen Bewegung ein Verständnis von Befreiung, das auf Selbstorganisation jenseits des Staates zielt.«
Aber nicht nur geopolitische Verschiebungen sorgten für diese politische Entkopplung, auch ideologisch entfernten sich die palästinensische und kurdische Befreiungsbewegung voneinander: In Palästina verloren säkular-(links-)nationalistische Strömungen an Hegemonie und islamistische Akteure besetzten zunehmend den politischen Raum. Die kurdische Freiheitsbewegung um die PKK vollzog hingegen seit den 2000er Jahren mit dem Konzept des Demokratischen Konföderalismus einen bewussten Bruch mit der Logik des Nationalstaats. Befreiung bedeutet für sie seither nicht mehr primär staatliche Unabhängigkeit, sondern den Aufbau einer basisdemokratischen, multiethnischen und geschlechterbefreiten Gesellschaft jenseits der nationalstaatlichen Ordnung.
Solidarität heute
Heute, da die kolonial-staatliche Gewalt gegen Palästina und Kurdistan wieder einen Höhepunkt erreicht, wird erneut vorsichtig Bezug genommen – nun insbesondere in Europa von internationalistischen Gruppierungen. Wie in Darwischs Gedicht ist es der Wind, der diese Geschichten wieder zusammenführt: ein unstetes, widersprüchliches Element, das es schafft, Verbindungen herzustellen, ohne politische Brüche zu überdecken. Auch von kurdischer Seite wurde Solidarität gezeigt, etwa durch die Beteiligung von kurdischen Aktivistinnen an der Gaza Freedom Flotilla im Sommer 2025. Auf palästinensischer Seite war es besonders die führende PFLP-Politikerin Leila Khaled, die in den vergangenen Jahren ihre Solidarität mit Rojava bekundete. Aber zu den syrisch-türkischen Angriffen auf Rojava Anfang 2026 hat sich aus der palästinensischen Bewegung bisher niemand zu Wort gemeldet.
Mit den Aufständen in Syrien 2011 und dem damit zusammenhängenden Rückzug staatlicher Kontrolle aus dem Norden des Landes kehrte die Frage palästinensisch-kurdischer Solidarität unter neuen Bedingungen zurück. In Rojava entstand ab 2012 ein politisches Projekt, das sich zwar in die Tradition antikolonialer Bewegungen stellt, aber gleichzeitig versucht, aus ihren Fehlern zu lernen.
»Bei der israelischen Invasion in den Libanon 1982 kamen PKK-Kader Seite an Seite mit ihren palästinensischen Mitkämpfern ums Leben.«
Der existenzielle Kampf gegen die genozidale Gewalt des IS machte Rojava weltweit zu einem Bezugspunkt linker Solidarität. Freiwillige aus der ganzen Welt reisten in die Region und Bilder von kurdischen Kämpferinnen zirkulierten als Beispiele eines anderen Nahen Ostens. Insbesondere die vielen Internationalistinnen und Internationalisten, die sich in den letzten vierzehn Jahren am Aufbau und der Verteidigung der Selbstverwaltung beteiligten, knüpften an jene Geschichte an, in der Palästina einst als Referenzpunkt eines revolutionären Internationalismus gegolten hatte.
Doch diese symbolische Nähe stand in Spannung zu den realen politischen Konstellationen: Die kurdische Selbstverwaltung war auf militärisch-taktische Zusammenarbeit mit den USA im Rahmen der Anti-IS-Koalition angewiesen, während die Besatzung Palästinas vom Westen fast bedingungslos unterstützt wird und ohne die Finanzierung der USA nicht möglich wäre. Zugleich war Rojava selbst einer fortgesetzten Besatzung und militärischen Aggressionen vonseiten der Türkei ausgesetzt – einem Staat mit der zweitgrößten NATO-Armee, dessen Politik ebenfalls vom Westen unterstützt wird.
So ist es keine Überraschung, dass in Rojava auch die Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF), – jenes Militärbündnis, das 2015 im Kampf gegen den IS gegründet wurde – Gesprächskanäle mit Israel unterhalten. Sie sind jedoch kein Ausdruck einer festen Allianz, sondern ein Signal an die Türkei innerhalb regionaler Machtkonstellationen, um alternative Bezugspunkte anzudeuten und Verhandlungsspielräume offen zu halten. Diese Beziehung ist ein direktes Abbild der aktuellen Machtverhältnisse im Nahen Osten. Sie bedeutet jedoch nicht, dass Kurdinnen und Kurden den Genozid in Gaza gutheißen würden, wie der Politikwissenschaftler Hamit Bozarslan in einem Fernsehgespräch Anfang des Jahres betonte.
Dass Israel Anfang Januar dem syrischen Angriff auf Rojava zustimmte, zeigt wiederum exemplarisch, dass Staaten nicht nach moralischen Prinzipien handeln, sondern gemäß den Interessen der sie beherrschenden Klasse. Daran ändern die Solidaritätsbekundungen israelischer Staatsvertreter mit den syrischen Kurden genauso wenig wie Erdoğans angebliche Palästina-Solidarität.
Aber auch wenn es in Rojava unter Internationalistinnen und Internationalisten eine starke Bezugnahme auf Palästina gab, ist die heutige kurdisch-palästinensische Solidarität nicht mehr getragen von einem gemeinsamen antiimperialistischen, transnationalen Projekt. Sie besteht vielmehr aus fragmentierten Kämpfen, die sich nur noch bedingt ineinander übersetzen lassen. Rojava und Gaza stehen nebeneinander als Bezugspunkte linker Politik inmitten eines Nahen Ostens im Umbruch.
»Ob es die türkischen und syrischen Angriffe auf Rojava sind oder die israelischen Bombardements des Gazastreifens – es sind verschiedene Gesichter derselben staatlichen Logik der Unterdrückung.«
Dabei gibt es nach wie vor Ähnlichkeiten in der staatlichen Gewalt, die beide Gruppen erfahren. Ob es die türkischen und syrischen Angriffe auf Rojava sind oder die israelischen Bombardements des Gazastreifens – es sind verschiedene Gesichter derselben staatlichen Logik der Unterdrückung. Nicht ohne Grund warnt Abdullah Öcalan in den derzeit stattfindenden Gefängnisgesprächen vor einer »Gazaifizierung«, also der brutalen Zerstörung kurdischer Städte sowie der ganzen Region, gefolgt von einer Pazifizerung durch eine neoliberale Wiederaufbaupolitik. Eine solche entsteht aktuell in Syrien und in Palästina wird die Bezeichnung »Gaza-Riviera« für den zerbombten Gazastreifen in die Geschichtsbücher eingehen.
Sowohl Kurden als auch Palästinenser wissen aus jahrzehntelanger Erfahrung, was es bedeutet, nicht anerkannt zu werden und systematischer Unterdrückung ausgesetzt zu sein. Doch nicht nur die Unterdrückten, auch die Unterdrücker lernen voneinander: Als das neue, von der Türkei unterstützte syrische Regime Anfang des Jahres gewaltsam gegen die Selbstverwaltung vorging, rechtfertigte es die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung Aleppos damit, dass sich unter Krankenhäusern und anderen zivilen Einrichtungen militärische Tunnel befunden hätten.
Über die Belagerung vor Ort berichten durften nur Medien, die diese Erzählung noch verstärkten, wie zum Beispiel Al Jazeera. Dieses Vorgehen ist bereits aus den israelischen Angriffen auf Gaza bekannt und macht deutlich, dass Desinformationskampagnen und andere Instrumente der Unterdrückung unter repressiven Staaten kopiert werden.
Gerade deshalb ist palästinensisch-kurdische Solidarität heute eine politische Notwendigkeit. In Gaza vollzieht sich eine Gewalt, die jede abstrakte Debatte über Befreiung überholt, während in Kurdistan politische Projekte zwischen militärischem Druck, regionalen Machtinteressen und internationaler Gleichgültigkeit massiv unter Beschuss stehen.
Eine Frage der Praxis
Solidarität setzt gemeinsame normative und politische Grundlagen voraus – doch gerade diese erodieren im gegenwärtigen geopolitischen Umbruch. Darum ist nicht die Frage zentral, warum es taktische Kommunikationskanäle zwischen der kurdischen Bewegung und Israel gibt, sondern ob es gelingt, die globalen Machtverhältnisse so zu verändern, dass die kurdische Freiheitsbewegung andere Bezugspunkte entwickeln kann als die bisherigen.
Die Erinnerung an palästinensisch-kurdische Solidarität ist ein umkämpftes Feld. Sie kann als Ressource dienen, um heutige Kämpfe miteinander ins Gespräch zu bringen, oder Widersprüche überdecken. Ob sie politisch produktiv wird, entscheidet sich an der Frage, ob Solidarität als konflikthafte Praxis gedacht wird – auch um eigene Verwobenheiten und Komplizenschaften einzugestehen. Denn eine bloße Gegenüberstellung von Solidaritätsbekundungen greift zu kurz, wenn sie asymmetrische Machtverhältnisse ausblendet, etwa wenn arabischer Nationalismus selbst als Komplize kolonialer und staatlicher Gewalt gegenüber Kurdinnen und Kurden auftritt.
Eine erneute Solidarität zwischen Palästina und Kurdistan müsste anerkennen, dass Rojava und Gaza unterschiedlich sind: hier ein prekärer und kleiner werdender Raum politischer Selbstverwaltung; dort eine Bevölkerung, die unter Blockade und Zerstörung um ihr Überleben kämpft. In der Vergangenheit ist die gegenseitige Solidarität aus intellektuellen, politischen (und militärischen) Praktiken entstanden – dort, wo Akteure konkret miteinander kooperierten und Erfahrungen teilten.
Eine erneuerte Solidarität muss sich daher in konkreten Handlungen materialisieren: etwa in der Verteidigung politischer Gefangener, der gemeinsamen Kritik an Militarisierung und Grenzregimen und der Ablehnung von Ordnungen, die Sicherheit für die einen durch die Vernichtung der anderen herstellen.
Palästina und Kurdistan stehen dabei nicht für identische Kämpfe, sondern für die Frage, ob Befreiung heute noch als Beziehung gedacht werden kann – als politische Praxis, die Differenz nicht überdeckt, sondern produktiv macht. Es gilt, Darwischs Wind erneut in Bewegung zu setzen, damit beide Völker sich wieder begegnen und gegenseitig festhalten können.