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Nanni Balestrini: Chronist eines heißen Jahrzehnts

Nanni Balestrini schrieb wie kein anderer über das chaotische Nachkriegsitalien, die Maschinenwelt von Fiat und die Verheißungen der Subkultur.

Nanni Balestrini: Chronist eines heißen Jahrzehnts
»Ein halbes Jahrhundert später ist die italienische Arbeiterbewegung in der Tat zerfallen.«Illustrationen: Tanya Teibtner
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Mit Sprengsätzen beladen klettert der Verleger Giangiacomo Feltrinelli 1972 auf einen Hochspannungsmast bei Mailand, um die Elektrizitätsversorgung der Stadt lahmzulegen. Der Millionär ist davon überzeugt, mit seiner Aktion einen faschistischen Staatsstreich zu verhindern, der sich gegen die breite Arbeiterbewegung und einen Wahlsieg der Kommunistischen Partei richtet. Doch der Anschlag scheitert. Am nächsten Tag wird Feltrinellis Leiche aufgefunden und sein Porträt prangt auf allen Titelseiten. Die italienische Linke rätselt: Wurde der Verleger selbst zum Opfer?

Nanni Balestrini, Schriftsteller und langjähriger Redakteur im Verlag Feltrinelli, rückt diese Episode in seinem Roman Der Verleger in den Mittelpunkt. Zusammen mit Die Unsichtbaren und Wir wollen alles bildet das Buch eine Trilogie der Aufbrüche und Verschlingungen der italienischen Linken in den 1960er und 70er Jahren.

Zu Unrecht ist Balestrini heute fast vergessen, in Deutschland ist es schwer, überhaupt noch an seine Romane zu kommen. Dabei sind seine Texte nicht nur ästhetisch herausragend, sondern spiegeln auch in besonderer Weise die politische Situation im Italien der Nachkriegsjahre.  

Bücher mit Blutdruck

Für Balestrini markiert der verfehlte Bombenanschlag Feltrinellis das Ende eines Zyklus von Arbeitskämpfen, der in den frühen 1960ern begann und in die Revolte von 68 mündete. In Italien wurde in den folgenden Jahren praktisch ununterbrochen gestreikt: Im Jahr 1968 kam es zu rund 3.800 Arbeitskämpfen, 1969 waren es etwa 4.100 und 1971 sogar fast 5.600. Balestrini gehörte einer Strömung von dissidenten Intellektuellen an, die sich von den damals mächtigen Arbeiterparteien – der kommunistischen PCI und der sozialistischen PSI – abwandten. Zeitschriften wie die Quaderni Rossi oder Gruppen wie die Potere Operaio, die er beide mitgründete, lehnten die Kompromissbereitschaft und Staatsorientierung der traditionellen Linken ab und versuchten stattdessen, durch die wachsenden Klassenkonflikte einen revolutionären Aufbruch herbeizuführen.

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Die militanten Arbeitskämpfe führten damals vor allem im industrialisierten Norden regelmäßig zu spontanen Großdemonstrationen, Fabrik- und Platzbesetzungen und richteten sich zunehmend nicht nur gegen die Manager und Eigentümer, sondern auch gegen die Gewerkschaftsführung und die zögerliche Haltung der Arbeiterparteien. Diese Militanz versuchten die Operaisten theoretisch zu erfassen und in ein politisches Programm zu gießen. Während Philosophen wie Antonio Negri und Mario Tronti in diesen Jahren einen neuen, »autonomen« Marxismus erarbeiteten, übersetzte Balestrini die gleichen Impulse in eine neue Art von Literatur, die sowohl im Inhalt als auch in der Form mit den Gepflogenheiten der Nachkriegszeit brach.

»Ihr Scheißtypen, ihr Arschlöcher, ihr seid doch Sklaven!«

In Wir wollen alles erzählt Balestrini die Geschichte eines jungen Mannes aus dem agrarischen Süden Italiens, der sein Glück im industriellen Norden sucht. Balestrini tut das aber nicht im Modus eines allwissenden Erzählers, sondern in der Stimme seines Protagonisten. Dabei gelingt es ihm, eine Sprache zu erfinden, die proletarisch, direkt und poetisch zugleich klingt: »Ich war noch jung und hatte einen ziemlichen Blutdruck. Einen enormen Schwung hatte ich, will ich sagen. Ich wollte was machen. Irgendeine beliebige Sache wollte ich machen. Andererseits ist ganz klar, dass für mich irgendeine Sache nicht bedeutete, weiter den Arbeiter zu spielen.«

Balestrini vermag es, in dieser Sprache die Modernisierung der Nachkriegsjahre lebendig werden zu lassen. In den flapsigen und unprätentiösen Beschreibungen seines namenlosen Helden wird der Umbruch einer ganzen Welt erfahrbar: »All das neue Zeug, das ich in der Stadt sah, hatte ein Preisschild dran. Von der Zeitung über das Fleisch bis zu den Schuhen, es kostete alles seinen Preis. Nicht wie das Obst, das wir uns im Dorf abends von den Bäumen holten. Oder wie die Fische im Fluss, wo wir zum Fischen hingingen. [...] Damals habe ich die Bedeutung des Geldes entdeckt und fing an, zu Hause am Sonntag mehr Geld zu verlangen. Aber sie konnten es mir natürlich nicht geben, verflucht nochmal.« 

Um Geld zu verdienen und Freiheit zu finden, verlässt Balestrinis Held die noch halbfeudale Dorfwelt und schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, besucht die Cafés und Kinos in Mailand und versucht sich sogar an der Kunsthochschule einzuschreiben. Doch ein Bohème-Leben ist für den einfachen Süditaliener auf Dauer nicht möglich: »Man braucht Piepen, um sich schön anzuziehen, um gut zu essen, um angenehm zu leben.« Der einzige Ausweg ist die Schufterei bei Fiat, deren Fabrik- und Maschinenwelt Balestrini mit großartiger Präzision schildert.

Schwarzfahren statt Massenpartei

In der Fiat entdeckt Balestrinis Held sein politisches Bewusstsein, »Ihr Scheißtypen, ihr Arschlöcher, ihr seid doch Sklaven!«, schreit er seine Kollegen an, als die Gängelei unerträglich wird. An einer anderen Stelle philosophiert er über die Fabrikarbeit: »Der Mensch in der Fabrik entwickelt sich zurück und verhält sich automatisch wie ein Tier. Das ist seine Neurose, obwohl ich nicht weiß, ob man dazu Neurose sagen kann.« Balestrinis Arbeiter entwickeln keinen Berufsstolz, sondern stürzen sich in eine existenzielle Revolte gegen die Arbeit selbst und die Gewerkschaften, die diese zwar verbessern, aber auch verewigen wollen. 

Balestrinis Roman gründet auf der philosophischen Einsicht, dass das Ziel der Emanzipation nicht die restlose Identifikation mit der Arbeit ist, sondern die Schaffung eines »Reichs der Freiheit«. Die operaistische Linke plädierte entsprechend für die »Abschaffung der Arbeit«, um den Kapitalismus zu überwinden. Die PCI und die linken Gewerkschaften, die über eine Millionenmitgliedschaft und das ungeheure Prestige verfügten, den antifaschistischen Widerstand angeführt zu haben, waren in dieser radikalen Linken hingegen als konterrevolutionär verschrien. Denn anders als der Operaismus setzten sie auf einen parlamentarischen Weg zum Sozialismus und eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft.

Die PSI wiederum bildete seit 1962 zusammen mit den Christdemokraten eine Regierungskoalition und reagierte auf die Arbeiterunruhen nach 68 mit einem umfassenden Reformprogramm, dem sogenannten »Arbeiterstatut«, das vom Kündigungsschutz über die Garantie von Arbeiterräten in den Betrieben bis hin zu politischen und beruflichen Fortbildungsmöglichkeiten für Arbeitende einiges zu bieten hatte. Letztendlich schienen die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter davon mehr angetan zu sein als von der »Abschaffung der Arbeit« – die sich in der Praxis spätestens dann als unattraktiv erwies, wenn sie gekündigt wurden und ohne Job dastanden. 

Die Aufstände der 1960er Jahre ebbten allmählich ab, doch der Geist der Revolte suchte Italien in den 1970ern weiterhin heim. Mit der sogenannten Autonomia bildeten sich in vielen Städten Sub- und Gegenkulturen junger Arbeitender und Studierender heraus, deren Praxis vor allem in Hausbesetzungen, Mietstreiks und Schwarzfahren bestand. In Die Unsichtbaren erzählt Balestrini vom Leben dieser Rebellinnen und Rebellen, die nicht zuletzt unter harter polizeilicher Repression litten und oft lange Zeiten im Gefängnis verbrachten. Der Roman schildert die unmenschlichen Bedingungen des Gefängnissystems und die Brutalität der Carabinieri und unterstreicht die Rastlosigkeit der verfolgten Autonomen stilistisch, indem er buchstäblich ohne Punkt und Komma auskommt.

Poesie ist nicht gleich Programm

Balestrinis großes Meisterwerk und zugleich sein experimentellster Roman ist jedoch Der Verleger. Darin beschreibt er die beginnende Radikalisierung der italienischen Linken in den 1970er Jahren, die auch eine Reaktion auf den zunehmenden faschistischen Bombenterror darstellte, der zahlreiche Unschuldige das Leben kostete – etwa bei einem Sprengstoffanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand im Jahr 1969. Der Verleger beginnt mit der detailgenauen Schilderung der Obduktion von Feltrinellis Leichnam, die zur Metapher für Balestrinis Schreibverfahren selbst wird: Er seziert literarisch die politische Situation Italiens.

Ausgehend von Feltrinellis Versuch, die mailändische Stromversorgung mittels Sprengsätzen lahmzulegen, entfaltet der Roman ein vielstimmiges Deutungsgeschehen, das auch den zeithistorischen Kontext umreißt: Zahlreiche in den Text montierte Zeitungsausschnitte setzen die Geschehnisse etwa zu internationalen Entwicklungen in Beziehung, etwa der strauchelnden Allende-Regierung in Chile. 

Offen bleibt bei alledem zunächst, ob der Tod Feltrinellis ein Unfall war, die Geheimdienste oder sogar die Faschisten dahintersteckten. Auch was sich Feltrinelli von der Tat versprach, ist Gegenstand der Debatte. Im Roman treten verschiedene Figuren der Linken auf, die unterschiedliche Ansichten zu Feltrinellis Schicksal vertreten, der als linker Verleger eine Berühmtheit war. Eine aktivistische Journalistin und ein »besserwisserischer Leader« der Studentenbewegung kommen ebenso zu Wort wie antifaschistische Widerstandskämpferinnen oder Vertreter der PCI.

Fast ironisch kommentiert der Erzähler, der uns all das präsentiert, seine eigene Geschichte: »ich denk es müsste eine Situation sein in der vier oder fünf Personen vorkommen und jede dieser Personen repräsentiert eine sehr genaue Position«. Die Figuren könnten sich auf dem Land bei einem »früheren Partisanen« treffen: »er ist Bauer oder irgendwas ähnliches Kommunist aber der Linie Berlinguers dem historischen Kompromiss gegenüber kritisch aber offen und interessiert gegenüber der Bewegung so diskutierte man damals mit den Jugendlichen«.

Indem Balestrini das Geschichte-Schreiben auf diese Weise ausstellt, erzeugt er bei der Leserin Distanz zu dem geschilderten Geschehen, die dem Denken Raum gibt. Die experimentelle Form des Romans und die Vielstimmigkeit der Perspektiven entfalten die historische Komplexität des politischen Nachkriegsitaliens. Teile der italienischen Linken wollten aus Feltrinelli damals einen Märtyrer machen, eine mythische Figur des Klassenkampfs. Balestrinis Romane aber tun genau das Gegenteil: Sie zeigen uns keine widerspruchsfreie, heroische Vergangenheit, die wir verehren müssen, sondern sezieren mit unerbittlicher Genauigkeit die Geschichte der Linken – und das so unterhaltsam und spannend, wie gute Literatur sein soll. Balestrini baut in seinen Romanen selbst keine Denkmäler, er sprengt sie.

Ein Funken in der Asche

Der Verleger macht deutlich, dass Feltrinellis Einschätzung eines kurz bevorstehenden faschistischen Putsches in Italien eher dem exzentrischen Abenteuerwunsch eines Millionärs entsprang als einer validen politischen Analyse. Der wirre Anschlagsversuch wird zum Symbol für den Zerfall des massenhaften Aufbruchs der Arbeiterinnen und Arbeiter in den 1960er Jahren. 

Ein halbes Jahrhundert später ist die italienische Arbeiterbewegung in der Tat zerfallen: Das Italien, das Balestrini in seinen Romanen beschreibt, wirkt wie aus einer anderen Welt. Weder die PSI noch die PCI überlebten bis ins neue Jahrtausend, während die meisten Protagonisten des Operaismus entweder zu Sozialdemokraten wurden oder völlig resignierten. An die Stelle der einst mächtigen, wenn auch nicht-ganz-so-revolutionären Linken ist eine gähnende Apathie getreten.

Der Operaismus mag sich als strategische Sackgasse erwiesen haben – Balestrinis Literatur hingegen ist zukunftsfähig geblieben: Seine Romane sind herausragende Beispiele einer experimentellen proletarisch-poetischen Schreibweise. Man kann nur hoffen, dass sie auch von denjenigen wiederentdeckt werden, die heute eine neue Klassenliteratur schaffen wollen.  

Matthias Ubl

Matthias Ubl ist Contributing Editor bei Jacobin.

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