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Das Wikipedia der Weltrevolution

Als Günter Regneri verstaubte deutsche Manuskripte in einem israelischen Archiv durchsieht, stößt er auf Ungeahntes: ein akribisch ausgearbeitetes, dann aber in Vergessenheit geratenes Lexikon der sozialistischen Bewegung, geschrieben im Auftrag des Frankfurter Instituts für Sozialfors

Das Wikipedia der Weltrevolution
»Als Jude und Marxist ist Beer 1933 gezwungen, Deutschland zu verlassen. Es gelingt ihm, das Manuskript nach England ins Exil mitzunehmen. Aber niemand will es veröffentlichen.«Illustration: Andy King
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Im Jahr 1928 erhält der Historiker und Journalist Max Beer einen Auftrag: Er soll bitte ein Lexikon des Sozialismus schreiben für das Institut für Sozialforschung in Frankfurt — hunderte Seiten von Einträgen über linke Persönlichkeiten, mit einer Bandbreite, die weit über Sozialdemokratie und Kommunismus hinausgeht.

Doch der Aufstieg der Nazis zwingt Beer zur Flucht. Er kann sein weit fortgeschrittenes Manuskript zwar retten, aber nicht mehr veröffentlichen. Nach seinem Tod gelangt das Werk über seine Tochter Hetty Beer nach Israel. Jahrzehntelang liegt es unbeachtet im Yad-Tabenkin-Archiv, dem Forschungs- und Dokumentationszentrum der israelischen Kibbutz-Bewegung. Erst 2013 sichtet der Historiker Günter Regneri das Manuskript, redigiert und überarbeitet es, bis es nun mit 91 Jahren Verspätung erschien.

Man stößt nicht jeden Tag auf ein verschollenes, neunzig Jahre altes Manuskript für das Institut für Sozialforschung. Wie bist Du überhaupt auf den Text aufmerksam geworden?

Ich bin 2013 nach Israel gefahren, um die israelische Schwesterorganisation der Falken zu besuchen. Eine Genossin hat mich dann mitgenommen in das Yad-Tabenkin-Archiv in der Nähe von Tel Aviv. Der Direktor war wirklich erfreut, dass ein Historiker aus Deutschland kam, denn sie haben im Archiv ganz viele deutschsprachige Materialien.

Während der Zeit des Nationalsozialismus sind viele deutschsprachige Jüdinnen und Juden nach Israel eingewandert, die natürlich ihre Sprache mitbrachten und auch ihre Briefe, Tagebücher und Bücher, die dann nach ihrem Tod in diese Archive gelangten. Alle israelischen Archive haben gerade das Problem, dass diese alten deutschen Jüdinnen und Juden sterben und die meisten Menschen in Israel kein Deutsch mehr sprechen. Es gibt also nur noch wenige, die diese Materialien bearbeiten und erforschen können.

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Jedenfalls wollte der Direktor mir das auch zeigen. Und dann brachte sein Assistent ein Wägelchen, und unter anderem waren da Boxen, auf denen stand, »Max Beer: Encyclopedia of Socialism«. Ich war völlig baff, denn in Berlin-Mitte, wo ich damals gewohnt habe, gibt es eine Max-Beer-Straße. Ich dachte, das kann nicht wahr sein, dass das dieser Beer ist. Aber er war es wirklich, und als ich die Boxen öffnete, lag darin ein feinsäuberlich abgetipptes Manuskript – Hunderte von Blättern mit Einträgen über sozialistische Persönlichkeiten, teilweise mit handschriftlichen Korrekturen oder Ergänzungen.

Im Vorwort des Buches merkst Du an, dass in der deutschen Forschung vergleichsweise wenig über Max Beer bekannt ist. Wer war er genau und was war seine Rolle in der sozialistischen Bewegung?

Beer gehört zu der Gruppe jüdischer Intellektueller, die Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurden und sich im Laufe ihres Lebens der sozialistischen Bewegung anschlossen. Dazu gehören auch Rosa Luxemburg, Hugo Haase oder Charles Rappoport, die alle der Meinung waren, dass die Befreiung der Arbeiterklasse und die Befreiung der jüdischen Gemeinschaft Hand in Hand gehen müssten.

Beer selbst kam 1864 in Tarnobrzeg in Galizien zur Welt. Das gehörte damals zu Österreich-Ungarn und lag an der Grenze zum Russischen Zarenreich. Er wurde in eine relativ große jüdische Familie geboren, besuchte die jüdische Elementarschule, danach die öffentliche städtische Schule und war Klassenbester, als er sie abschloss.

»Beer hat zum Beispiel Friedrich Engels und die Tochter von Marx, Eleanor, kennengelernt, auch Wladimir Lenin und Ramsay MacDonald, der später der erste Labour-Ministerpräsident Großbritanniens wurde.«

Mit 25 ist Beer dann ins Deutsche Kaiserreich ausgewandert, um der extremen Armut in Galizien zu entfliehen, und natürlich auch dem immer stärker werdenden Antisemitismus in dieser Gegend. Er kam erst nach Remscheid, eine Industriestadt im Westen, wo er mit der Arbeiterbewegung in Verbindung kam. Er schrieb erste Zeitungsartikel und ging dann nach seiner Schriftsetzerlehre auf Wanderschaft.

1892 landete er in Magdeburg, wo er stellvertretender Redakteur der Magdeburger Volksstimme wurde, damals eine der wichtigen sozialdemokratischen Tageszeitungen. Er war Sitzredakteur – das waren Redakteure, die, wenn die Zensurbehörde anklopfte, in den Knast gingen. Beer sammelte so insgesamt vierzehn Monate Haftstrafen an. Irgendwann war es dem Polizeipräsidenten von Magdeburg zu viel und er sagte: »Sie als Ausländer« – Beer war immer noch Österreicher – »sollten besser das Land verlassen.«

Also ging er nach London, studierte an der neuen London School of Economics und schrieb dort weiter für sozialdemokratische Zeitschriften. Er interviewte alle möglichen wichtigen Persönlichkeiten der internationalen Arbeiterbewegung. Er hat zum Beispiel Friedrich Engels und die Tochter von Marx, Eleanor, kennengelernt, auch Wladimir Lenin und Ramsay MacDonald, der später der erste Labour-Ministerpräsident Großbritanniens wurde.

Beer war zwischendurch ein paar Jahre als Korrespondent in New York und dann wieder in London. Dann kam der Erste Weltkrieg und er wurde als »feindlicher Ausländer« mit seiner sechsköpfigen Familie aus England wieder nach Deutschland ausgewiesen. Danach lebte er im Deutschen Kaiserreich, bis der Krieg zu Ende war, und arbeitete weiterhin als Tagesschriftsteller, wie das so schön heißt, also als Journalist für Tageszeitungen, sowie als Übersetzer und schrieb an interessanten Büchern.

Wie hat er sich während des Krieges und danach zu den Zerwürfnissen innerhalb der Arbeiterbewegung verhalten? Blieb er Sozialdemokrat?

Er ist nach dem Ersten Weltkrieg aus Protest gegen die Politik von Friedrich Ebert aus der SPD ausgetreten und in die KPD eingetreten. Aber es ist nicht nachvollziehbar, inwieweit er Parteifunktionen übernommen hat.

Er ist auch in die Sowjetunion gegangen. David Rjasanow, den er in London kennengelernt gelernt hatte, war inzwischen Leiter des Marx-Engels-Instituts in Moskau. Er wollte, dass Beer den englischsprachigen Teil der Marx-Engels-Bibliothek in Moskau organisiert und zusammenstellt. Das tat er dann auch von 1927 bis 1928, aber seine Familie wollte nicht nach Moskau, also kam er wieder zurück nach Deutschland.

Und zu dem Zeitpunkt begann er seine Arbeit am Lexikon?

Ja, eine Menge Deutsche turnten im Marx-Engels-Institut herum, unter anderem vom Institut für Sozialforschung in Frankfurt. Dessen erstem Direktor Carl Grünberg ging es darum, soziale Bewegungen in ihrer Gesamtheit zunächst einmal darzustellen, zu untersuchen und nicht zu bewerten. Deswegen gab er Beer den Auftrag, ein zweibändiges Lexikon des Sozialismus zu schreiben. Das passte genau in die damalige Institutsprägung. Wenn man sich das Handlexikon anguckt, ist es eine Darstellung und keine Interpretation.

Jedenfalls beginnt Beer 1928 an diesem Lexikon zu arbeiten, und schreibt über Personen, über Organisationen und auch über die gesamtgesellschaftliche Entwicklung in den einzelnen Ländern. Das, was wir jetzt veröffentlicht haben, ist nur dieser erste Teil mit den Personen. Warum? Ende 1932 war der Personenteil schon sehr weit fortgeschritten, beinahe publikationsreif, aber im Organisationenteil änderte Beer immer wieder die Einträge.

Zu dem Zeitpunkt haben sich zwei Sachen fundamental verändert. Erstens war jetzt Max Horkheimer Institutsleiter. Carl Grünberg hatte 1928 einen Schlaganfall, dann übernahm Friedrich Pollock kommissarisch die Leitung des Instituts. Mit Horkheimer ändert sich aber die Ausrichtung des Instituts hin zur Sozialpsychologie. Und zweitens verändern sich dadurch, dass die faschistische Bewegung in Deutschland anwächst, natürlich auch die Arbeitsbedingungen für Marxistinnen und Marxisten.

»Nach 1945 hat sich unser Blick auf Sozialdemokratie einerseits und Kommunismus andererseits verengt. Alles, was es sonst noch gab, ist dabei weggefallen.«

Als Jude und Marxist ist Beer 1933 gezwungen, Deutschland zu verlassen. Es gelingt ihm, das Manuskript nach England ins Exil mitzunehmen – mehrere tausend Seiten Notizen und Einträge. Aber niemand will es veröffentlichen, weil es auf Deutsch ist, denn dafür gibt es keinen Markt mehr. Also arbeitet er nur noch sporadisch weiter an seinem Lexikon.

Du sagst, es gab »keinen Markt mehr« für das Lexikon. Für welche Zielgruppen war es überhaupt vorgesehen?

Geschrieben wurde es als ein aktuelles Nachschlagewerk für Aktivistinnen und Journalisten aus der linken Bewegung, um zu wissen: Wer ist wer und wer steht wofür? Wenn man das Lexikon anguckt, sieht man ein ganz breites Spektrum. Du hast Sozialdemokraten, Kommunisten, aber auch Sozialreformer, Anarchisten, Gewerkschafter oder Sozialrevolutionäre – in der Tat größtenteils Männer: Weniger als 5 Prozent der beschriebenen Personen sind Frauen, was aber für ein Lexikon dieser Zeit echt viele sind.

Damals war ja Recherche nicht so einfach. Es gab noch kein Internet und wer sich über Personen oder Positionen der Arbeiterbewegung informieren wollte, konnte in bürgerlichen Lexika wie dem Brockhaus nichts oder nur verzerrte Darstellungen finden. So gesehen wäre Beers Handlexikon etwas wie ein kleines sozialistisches Wikipedia für die damalige Zeit geworden.

Wenn man die 565 Einträge anschaut, dann lebten ungefähr 40 Prozent der Personen noch zu dieser Zeit, also 1932, und viele von ihnen kannte Beer sogar persönlich. Wir können das Buch als eine Art Zeitkapsel aus dieser Phase der historischen Arbeiterbewegung betrachten.

Gab es jemals Interesse seitens des Instituts für Sozialforschung, irgendwas mit dem Manuskript zu machen?

Am Institut für Sozialforschung scheint es komplett vorbeigegangen zu sein. Das liegt nicht nur daran, dass die Politik des Instituts sich verändert hat, sondern auch daran, dass es quasi keine Archivalien über das Institut aus der Zeit vor Horkheimer gibt – und die, die es gibt, stammen aus dem persönlichen Fundus von Horkheimer oder Adorno. Deswegen wussten sie wahrscheinlich gar nicht, dass es dieses Manuskript gibt, obwohl es, wie ich später herausgefunden habe, an drei Stellen liegt.

Ich habe das Manuskript in Israel entdeckt. Ich hätte aber auch eine Kopie in Amsterdam im Internationalen Institut für Sozialgeschichte finden können, oder bei der Friedrich-Ebert-Stiftung. Aber niemand hat sich damit beschäftigt, weil Max Beer aus der historischen Forschung quasi verschwunden war.

Du hast das Buch als eine Art Zeitkapsel bezeichnet. Was erzählt sie uns über die Zeit ihrer Entstehung?

Ich war geplättet von der Bandbreite, die Beer abbildet. Im Lexikon werden Leute erwähnt, die nach unserem heutigen Verständnis gar nicht zum Sozialismus gehören, denn nach 1945 hat sich unser Blick auf Sozialdemokratie einerseits und Kommunismus andererseits verengt. Alles, was es sonst noch gab, ist dabei weggefallen.

Deswegen ist noch interessanter, als was Beer genau zu den einzelnen Personen schreibt, dass er sie überhaupt aufnimmt. Für ihn ist klar, dass sie auf unserer Seite der Barrikade stehen, und so würdigt er sie mit einem Eintrag. Ich denke, diese Offenheit gegenüber anderen linken Strömungen ist etwas, wovon wir heute noch lernen können.

Loren Balhorn

Loren Balhorn ist Editor-in-Chief von JACOBIN.

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